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Historische AnalyseSezierung des Jahres 1946

Nirgendwo kam impair 1946 wirklich Optimismus auf, sagt der in London lebende Journalist Victor Sebestyen. Denn es herrschten Hunger und Elend. Vertreibungen, Racheakte und Rassismus waren nicht nur in Europa gang und gäbe. In seinem Buch "1946. Das Jahr in dem die Welt neu entstand" beschreibt er dennoch, wie hier wichtige Weichenstellungen vorgenommen wurden.

Von Martin Hubert

Sogenannte Displaced Persons auf dem US-Transporter "Marine Flasher" winken beim Auslaufen des Schiffs am 10. Mai 1946 in Bremerhaven zum Abschied. Sie konnten im Rahmen des US-Einwanderungsprogramms in die Vereinigten Staaten auswandern. (picture alliance / dpa / UPI)
Displaces Persons / Auswanderung in die USA: Das Jahr 1946 hat nach Ansicht von Victor Sebestyen große Bedeutung. (picture alliance / dpa / UPI)

Ein Buch mit einer großen These über einen kleinen Zeitraum. Victor Sebestyen macht den Leser gleich auf der ersten Seite mit seiner zentralen Idee bekannt:

"1946. Das erste Nachkriegsjahr schuf die Grundlagen der modernen Welt. Der Kalte Krieg begann, und Europa zerfiel in zwei Hälften zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. In diesem Jahr kämpfte Indien um seine Unabhängigkeit; es ist heute die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt. Die imperiale Macht des alten Britanniens begann, zu bröseln. Alle europäischen Kolonialreiche befanden sich im Zerfall, auch, wenn der Imperialismus in verschiedenen Formen weiterlebte. Es war das Jahr, in dem die chinesischen Kommunisten endgültig ihren Sieg in einem Bürgerkrieg besiegelten, der den erneuten Aufstieg Chinas zur Großmacht einleitete."

Sebestyens These ist spannend, aber auch etwas verwegen. Denn natürlich determinierte das Jahr 1946 noch nicht, dass und wie Indien sich zu einer Demokratie entwickelte. Und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht beruht ja gerade auch darauf, dass sich das Land später von Maos kommunistischen Ideen löste. Genau genommen will der gelernte Historiker und Journalist Sebestyen auch keine Theorie vom notwendigen Gang der modernen Geschichte vorlegen. Er ist ein Dokumentarist, der sein journalistisches Handwerk versteht und spannende Geschichten aus dem Jahr 1946 und dessen Umkreis präsentiert, die seiner Meinung nach historisch bedeutsam sind.

Viele Details über historische Persönlichkeiten

Man erfährt einiges über den Charakter historischer Persönlichkeiten wie Truman, Mao, Churchill, Roosevelt, Stalin, Ben Gurion sowie weniger prominenter Zeitgenossen. Vor allem aber schildert Sebestyen immer wieder Ereignisse, die einen historischer Trend oder Konflikt veranschaulichen. Zum Beispiel, wenn er das Dilemma der Entnazifizierung in Deutschland behandelt.

"In den frühen Nachmittagsstunden des 20. Februar fegte eine massive Gas- und Kohlenstaubexplosion durch die Zeche Monopol Schacht Grimberg in Bergkamen bei Dortmund. Fast 500 Menschen wurden unter Tage eingeschlossen. Nur wenige Wochen zuvor waren die meisten Ingenieure und Direktoren der Zeche wegen ihrer NS-Vergangenheit entlassen worden. Sie waren vorübergehend durch längst pensionierte Ingenieure ersetzt worden, die der Aufgabe nicht mehr gewachsen waren. In den frühen Morgenstunden wurde der ehemalige Chef der Zeche - bekannter Nationalsozialist, Parteimitglied der ersten Stunde und verhasst in der Nachbarschaft - aus der Haft entlassen, um die Rettungsmaßnahmen zu leiten. Durch rasche und wirksame Maßnahmen konnte er 57 der eingeschlossenen Bergleute retten."

Es ist längst bekannt, dass es keine stringente Entnazifizierung in Deutschland gab. Auch Sebestyen lässt kein gutes Haar an den Prozeduren, die es damals vielen Nazis ermöglichten, sich freizukaufen oder unerkannt eine neue Karriere aufzubauen. Seiner Meinung nach zeigen Ereignisse wie die in Bergkamen aber auch, in welcher Zwangslage sich die Alliierten befanden. Wenn man wie die Briten und die Amerikaner wollte, dass Deutschland nicht völlig zusammenbricht, war man auf die Qualifikationen ehemaliger Nazis angewiesen. Sebestyens Buch stellt immer wieder solche Konflikte zwischen politischer Moral, Sachzwängen und sozialen oder nationalen Interessen dar. Seine Geschichten aus vier Kontinenten lesen sich wie die Veranschaulichung einer alten These von Karl Marx:

"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen."

Beschreibung weiterer Pogrome an den Juden

Welch paradoxe, ja zynisch anmutende Folgen dies haben kann, zeigt Sebestyen zum Beispiel, wenn es um die Rassenpolitik vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ging. Hitler und der Nationalsozialismus waren besiegt. Aber auch nach 1945 gab es antisemitische Pogrome. In Polen, Ungarn und der Slowakei wurden in den zwölf Monaten nach dem Kriegsende mehr Juden getötet als in den zwölf Jahren vor 1939. Deutsche wurden aus den osteuropäischen Gebieten vertrieben, viele Juden flüchteten nach Palästina. Als Folge davon waren die europäischen Nationen nach dem Krieg ethnisch homogener als vor dem Krieg. Hitler hat gesiegt, bilanziert Sebestyen in einem seiner zugespitzten Urteile, die sein Buch kennzeichnen. Meist sind seine pointierten Geschichten allerdings lehrreich. Zum Beispiel, wenn er beschreibt, mit welch kleinen, aber perfiden Schritten die USA ihre neue Machtposition gegenüber dem alten Imperator England zementierten. Dessen berühmter Ökonom John Maynard Keynes war in die USA gereist, um für sein bankrottes Land Kredite zu erbitten:

"Anstelle eines Geschenks von 1,5 Milliarden Pfund und eines zinslosen Darlehens über weitere 3,5 Milliarden Pfund, worauf Keynes gehofft hatte, bot man ihm 3,5 Milliarden zu einem Zinssatz von zwei Prozent an. Großbritannien musste auf sein System der imperial preferences verzichten, also auf die bevorrechtigten Handelsbeziehungen zu seinen ehemaligen Kolonien. Und noch schwerwiegender: Die Amerikaner bestanden darauf, dass das Pfund Sterling innerhalb eines Jahres nach Kreditgewährung zu einer frei konvertierbaren Währung werden müsse, was notwendigerweise zu einer Abwertung führen musste, worauf sich der eigentliche Kredit noch mals verteuerte."

Kein Politiker völlig unschuldig

Völlig unschuldig bleibt bei Sebestyen kaum ein Politiker, kaum eine Nation und kaum ein ideologisches System. Trotzdem macht er nicht alles gleich. Gegenüber der stalinistischen Sowjetunion etwa lässt er wenig Milde walten, zeigt aber auch hier, dass der Gang der Geschichte verschlungener war, als manche wahrhaben wollen.

"Die Sowjets hatten, anders als viele Kalte Krieger später behaupteten, kein Gesamtkonzept, nachdem sie in Osteuropa ein Großreich errichten wollten. Das Ganze war schlicht eine sich bietende Gelegenheit. Und die Ausdehnung von Russlands neuen Domänen richtete sich schlicht und einfach danach, wo die Rote Armee am Tag der deutschen Kapitulation stand. Es war keine andere Logik im Spiel. So trug letztlich Hitler mehr als jeder andere zur Schaffung des sogenannten Sowjetblocks bei. Wären die Deutschen nicht 1941 in der UDSSR einmarschiert, so hätte es kein Sowjetreich in Europa gegeben. Und wenn die Westalliierten ihren D-Day früher anberaumt hätten, wären die russischen Eroberungen wahrscheinlich kleiner ausgefallen.

Wer in Sebestyens Rückblick Antworten auf gegenwärtige politische Fragen sucht, wird nicht bedient. Aber sein packendes Panorama des Jahres 1946 fördert historische Nachdenklichkeit. Denn es erlaubt, die inneren Spannungen und Widersprüche unserer unmittelbaren Vorgeschichte unterhalb etablierter Deutungsmuster zu besichtigen.

Buchinfos:
Victor Sebestyen: "1946 - Das Jahr, in dem die Welt neu entstand", Aus dem Englischen von Hainer Kober und Henning Thies, Rowohlt Berlin, 2015, 539 Seiten, Preis: 26,95 Euro

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