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Historische Dimension

Neuauflage des dramatischen WM-Duells Nordkorea gegen Portugal

Von Grit Hartmann

Einblicke in ein fremdes Land: Demonstration in Pjöngjang am 25. Juni 2009. Die Nationalmannschaft tritt zum zweiten Mal bei einem WM-Turnier an.
Einblicke in ein fremdes Land: Demonstration in Pjöngjang am 25. Juni 2009. Die Nationalmannschaft tritt zum zweiten Mal bei einem WM-Turnier an. (AP)

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika kommt es zu einer bemerkenswerte Begegnung: Das Zusammentreffen von Nordkorea und Portugal hat eine historische Komponente. Bei der WM 1966 in England, als Nordkorea zum ersten Mal teilnahm, standen sich beide Länder schon einmal gegenüber. Das wechselvolle, dramatische Duell ist in die Fußball-Geschichte eingegangen.

3:0 führte Nordkorea nach 24 Minuten im Viertelfinale der Weltmeisterschaft von 1966 gegen Portugal. Eine weitere Sensation bahnte sich an. Es war schon eine sportliche, dass der geheimnisvolle Underdog überhaupt so weit gekommen war. Und eine politische war es, dass das Team damals, mitten im Kalten Krieg, vom kommunistischen Alien zum Darling der englischen Fans wurde. Die Nordkoreaner spielten schnell und offensiv; Chollima nannten sie sich - ebenso wie die Elf, die in Südafrika dabei ist. Den Beinamen verdanken sie freilich nicht allein Chollima, dem geflügelten Pferd aus der Mythologie, sondern eher Kim Il Sung, dem "Großen Führer". Der hatte prophezeit, beim kommunistischen Aufbau werde Nordkorea den Himmel erstürmen - die Chollima-Bewegung entstand. Als deren sportliche Repräsentanten sahen sich die 66er-Spieler:

"Wir tragen auf unseren Schultern die Ehre der Nation. Wir sind das ruhmreiche Chollima-Fußball-Team. Wir können jeden schlagen, sogar den stärksten Gegner. Wir werden den Anderen zeigen, wer wir sind. Kämpfen und gewinnen. Wir ziehen die Flagge unserer Nation auf. Unser Jubel wird mit ihr in den Himmel steigen."

Der BBC-Filmemacher Daniel Gordon hat die Spieler von einst ihre WM-Hymne noch einmal singen lassen. Nach jahrelangen Bemühungen durfte er 2002 in Nordkorea drehen. Seine Dokumentation, "Das Spiel ihres Lebens" heißt sie, liefert eine Innenansicht aus dem bitterarmen surrealen Kim-Reich, das derzeit mit militärischer Stärke auftrumpft. Vor allem aber lässt Gordon die Spieler von 1966 sprechen:

"Hinter mir stand das Tor. Es war klein. Hinter dem Tor stand unser Volk. Das war viel größer. Wenn ich einen Schuss durchlassen würde, wäre der Ruf Nordkoreas zerstört. Wir würden die Aufgabe verfehlen, die uns der Große Führer gestellt hatte. Deshalb hütete ich das Tor mit meinem Leben."

Ri Chan Myong, der Torwart. Im entscheidenden Vorrundenspiel führte die Mannschaft seit der 58. Minute mit 1:0. Sie musste gewinnen, um weiterzukommen. Ri hielt den Sieg fest - gegen den zweifachen Weltmeister Italien.

Gordon traf noch sieben Spieler; sie sind heute bei Fußball-Vereinen beschäftigt. Hartnäckig hielten sich nach der WM Gerüchte, die Mannschaft habe im Arbeitslager büßen müssen. Für eine ausgiebige Feier nach dem Sensationssieg gegen Italien und für das Aus gegen Portugal. Denn den Drei-Tore-Vorsprung der Chollimas machte ein Weltstar im Alleingang wett: Eusébio. Er schoss vier Tore und legte das fünfte auf.
Sie seien wie Helden empfangen worden, sagen die Spieler vor der Kamera des britischen Journalisten. Sie führen ihn in Pjöngjang zum bronzenen Kim-Il-Sung-Koloss. Rim Jung Son, die Nummer fünf:

"Bevor wir unsere Heimat verließen, bat uns der Große Führer am 10. Juni 1966 zu sich. An diesem Tag umarmte er uns liebevoll und sagte: Europa und Südamerika dominieren den internationalen Fußball. Ich dränge euch, als die einzigen Repräsentanten des Asiatischen und des Afrikanischen Fußballs: Gewinnt ein oder zwei Spiele. Jetzt hier vor ihm zu stehen, das versetzt uns zurück in diesen Tag. Ich wünschte, der Große Führer wäre noch am Leben. Ich wünschte, er wäre heute bei uns. Ich wünschte, er wäre noch am Leben."

Von den Nachfolgern der 66er-Elf war dieser Tage zweierlei zu hören: dass sie für den "Geliebten Führer" Kim Jong Il spielen und dass sie morgen Revanche wollen - für die Niederlage gegen Portugal vor 44 Jahren.

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