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StartseiteHintergrundWarum Deutschland den Klimawandel verschläft06.10.2015

Hitze, Starkregen und Stürme Warum Deutschland den Klimawandel verschläft

Ende November wird in Paris der UNO-Klimaschutz-Gipfel stattfinden. Doch auch wenn sich dort auf ein internationales Abkommen zum Klimaschutz geeinigt wird, rechnen Experten mit einem Anstieg der Durchschnittstemperatur - damit können extreme Wetterlagen, lange Hitzeperioden, Stürme und heftiger Regen einhergehen. Auf diese Auswirkungen ist Deutschland bislang nicht vorbereitet.

Von Matthias Becker

Blitze schlagen neben Windrädern ein (picture alliance / dpa  / Sven Koopmann / Photoka)
Gewitter über Windrädern in Oldenburg (picture alliance / dpa / Sven Koopmann / Photoka)
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"Schönen guten Abend, herzlich willkommen, ich begrüße Sie hier zu Ihrem Wetter am 7. August 2050! Und der Sommer präsentierte sich bisher schon so, dass immer wieder Unwetter unterwegs waren, und das ist auch heute der Fall gewesen."

So könnte es klingen, das Wetter von morgen in 35 Jahren. In diesem kurzen Film über den Klimawandel, den die Vereinten Nationen kürzlich veröffentlichten, verkündet der bekannte ARD-Moderator Sven Plöger im Jahr 2050 seinen Zuschauern die Aussichten für die nächsten Tage.

"Der starke Regen, teilweise sind 100 und mehr Liter auf den Quadratmeter innerhalb weniger Stunden gefallen, knietiefes Wasser, die Autos kommen kaum durch. Und natürlich ist dann auch die Kanalisation vollkommen überfordert."

Diese Wettervorhersage ist ausgedacht, aber nicht unwahrscheinlich. Schließlich führen die Menschen der Atmosphäre immer mehr Treibhausgase zu - und dadurch wird sich auch hierzulande das Wetter verändern.

"Und wenn wir dann aber auf die Aussichten schauen, dann wird es wieder richtig heiß. Am Mittwoch Werte über 40 Grad in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und auch Bayern. 42 Grad, das werden die höchsten Werte sein. Trotzdem wünsche ich Ihnen jetzt mit diesem Ausblick noch einen angenehmen Abend!"

Solche exakten Aussagen sind für die Zukunft natürlich unmöglich. Aber fest steht: Die Temperaturen werden steigen, Hitzewellen und Dürre-Perioden werden häufiger. Weil Polareis schmilzt, steigt der Meeresspiegel an, und weil die Verdunstung zunimmt, gibt es mehr Stürme. Wir müssen uns darauf einstellen und vorbereiten, aber - worauf genau? Welche Regionen werden auf welche Art betroffen sein?

Umgang mit Klimakatastrophen

"Es ist sicher das Umgehen mit Unsicherheiten. Also man kann nicht sagen, wir wissen genau, was in 15 Jahren passiert und darauf passen wir uns jetzt an."

Jörn Birkmann ist Professor für Raumplanung an der Universität Stuttgart und ein Experte für die Klimaanpassung. Für den Weltklimarat hat er einen Bericht über den Umgang mit Naturkatastrophen verfasst.

"Wir müssen auch mit einem hohen Maß an Unsicherheit rechnen und Variabilität. Es kann schlimmer kommen, und dann müssen wir eben Anpassungsspielräume haben und nicht so tun, als wüssten wir genau, das Hochwasser wird nur zehn Zentimeter höher und genau diese Struktur bauen wir jetzt."

Ende November wird in Paris der nächste Internationale Klimaschutz-Gipfel stattfinden. Aber selbst, wenn diesmal ein Durchbruch gelänge, müssen wir in den kommenden Jahrzehnten mit einem Anstieg der Durchschnittstemperatur von zwei Grad Celsius weltweit rechnen. Zwei Grad, das klingt nicht nach sehr viel. Aber in diesem Durchschnittswert verstecken sich große Schwankungen. Das bedeutet, die Temperaturunterschiede werden größer. Es kommt vermehrt zu schnellen Wechseln und extremen Wetterlagen, zu langen Hitzeperioden und Dürren, Stürmen und heftigem Regen.

Die Sommer in Deutschland werden heißer und trockener. Wenn es aber regnet, gehen in kurzer Zeit große Wassermengen nieder. Dieser Starkregen ist nicht nur ein Problem für die Landwirtschaft. Er macht den Großstädten zu schaffen. Zum Beispiel Berlin.

Wie in vielen Städten verläuft unter Berlin eine Mischwasserkanalisation. Abwasser und Regen fließen hier zusammen - früher in Flüsse, heute in Klärwerke. Der Nachteil: Wenn innerhalb kurzer Zeit viel Regen fällt, können die Kanäle die Sturzfluten nicht mehr bewältigen - und schmutziges Wasser gelangt in die Spree.

Einige Meter unter der Erdoberfläche führt Stephan Natz, der Pressesprecher der Wasserbetriebe, durch eine rechteckige Betonhalle mit grauen Wänden. Er klettert auf eine etwa zwei Meter hohe Mauer. Dahinter ist einer der alten Kanäle zu sehen.

"Hier fließt die Kanalisation zu, Sie sehen die Dimensionen. Und wenn's dann also extrem stark regnet, dann ist natürlich in der Mischwasserkanalisation viel, viel mehr Wasser als bei Trockenwetter. Und dieses Wasser kann dann hier bis zur Höhe dieser Staumauer angestaut werden. Und erst wenn's noch mehr regnet, dann würde der überschüssige Teil dann hier über diese Schwelle fließen, zur Spree. Aber das wird sehr, sehr selten bis gar nicht vorkommen."

An dieser Stelle nicht, dank der Mauer, an anderen Stellen schon. Obwohl die Verantwortlichen bei den unterirdischen Bauten immer weiter nachrüsten, fließt regelmäßig Abwasser aus der Mischwasserkanalisation ungeklärt in den Fluss, zuletzt im Juni. Die faulenden Bestandteile – biochemisch gesehen Nährstoffe – rauben den Fischen den Sauerstoff und lassen Algen gedeihen.

Die Klimatologen erwarten, dass sommerliche Starkregen häufiger werden. Außerdem treffen Niederschläge zunehmend auf versiegelten Boden, auf Stein und Asphalt. Das Wasser rauscht dann mit großer Geschwindigkeit weiter nach unten, in die Kanäle. Gut möglich, dass der Ausbau der Kapazität die zunehmende Beanspruchung lediglich ausgleichen wird.

Den aufwendigen und teuren Ausbau bezahlen die Landesregierung und die landeseigenen Wasserbetriebe. Die Rede ist von 157 Millionen Euro - viel Geld für das klamme Berlin. In den nächsten fünf Jahren sollen 70.000 Kubikmeter zusätzlicher Stauraum entstehen.

"Dann haben wir gemessen am Startzeitraum Mitte der 90er-Jahre statistisch die Zahl der Überläufe und die Menge der Überlauffrachten gut halbiert. Das bedeutet aber nicht, dass wir sie komplett ausgeschaltet haben, das wird sicherlich auch nie gelingen."

Als die Berliner Mischwasserkanalisation im 19. Jahrhundert gebaut wurde, gehörte sie zu den modernsten Anlagen. Die aus roten Backsteinen gemauerten Kanäle sind immer noch in einem erstaunlich guten Zustand. Infrastruktur ist teuer, aber langlebig. Was wir heute bauen, muss viele Jahrzehnte halten.

Ob städtische Kanalisation, Straßen und Wasserwege – unsere Infrastruktur ist nur für bestimmte klimatische Bedingungen ausgelegt. Der Klimawandel stellt sie nun auf die Belastungsprobe.

Stromversorgung bei Hitzewellen

Zum Beispiel die Stromversorgung. Die meisten Nuklear- und Kohlekraftwerke brauchen Flüsse mit ausreichend Wasser in der gewünschten Temperatur. Bei Hitzewellen wird das problematisch, erklärt Sebastian Scholz vom Naturschutzbund Deutschland.

"Also das Problem ist bei Flusswasser-gekühlten thermischen Kraftwerken, dass die Einleitungstemperatur einen bestimmten Wert nicht überschreiben darf. Und das ist wichtig für die Biodiversität in den Flüssen, dass bestimmte Fische und bestimmte Pflanzen damit nicht umgehen können, wenn der Wert zu hoch steigt. Das wird umso kritischer, je knapper das Wasser ist und je wärmer das Wasser ist, das ist klar."

Der Grenzwert, um benutztes Kühlwasser in Flüsse einzuleiten, liegt bei 23 Grad Celsius. Je wärmer der Fluss, umso mehr müssen die Betreiber die Kohle- und Kernkraftwerke drosseln. Das geht aber nur bis zu einem bestimmten Wirkungsgrad, sonst müssen die Meiler abgeschaltet werden.

Laut dem niedersächsischen Umweltministerium mussten viele Kraftwerke im Juli die Stromerzeugung drosseln. In unseren Nachbarländern Polen oder Frankreich fällt in den Sommermonate wegen fehlendem Kühlwasser manchmal der Strom aus. In Deutschland wird dieses Problem nicht sichtbar, weil Strom im Überfluss zur Verfügung steht.

Für Sebastian Scholz ist all das nur ein Argument mehr, die Erneuerbaren Energien voranzutreiben.

"Energiepolitisch sehe ich da eigentlich gar nicht mehr das größte Problem drin, zumal wir davon ausgehen, dass, wenn wir unsere klimapolitischen Ziele erreichen wollen, ohnehin die thermischen Kraftwerke hoffentlich mittelfristig keine relevante Rolle mehr spielen werden."

Eine zuverlässig funktionierende Infrastruktur, sichere Stromversorgung und Verkehrswege, das müsste eigentlich auch die Unternehmer interessieren. Aber nur eine kleine Minderheit befasst sich damit. Eine Befragung von 2011 fand heraus, dass die Unternehmer gesetzliche Auflagen wegen des Klimawandels deutlich mehr fürchten als dessen Folgen.

Das liegt wohl auch daran, dass die Sachschäden bisher überschaubar sind - sagt Oliver Hauner, Leiter der Abteilung Schadenverhütung und Statistik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

"Wenn man sich die Schadenszahlen anschaut, die wir haben, dann ist erst einmal kein klarer Trend zu einem Klimawandel induzierten Schadengeschehen zu erkennen. Aber, ich sag' mal so, wenn die Klimaforscher davon ausgehen, dass wir bei diesen Ereignissen eine Zunahme haben, dann treffen diese Ereignisse auf eine Infrastruktur, die zunehmend vulnerabel ist. Also Versiegelung der Böden, das Wasser fließt schlechter ab in den Orten, und damit haben Sie einfach Probleme, die sie vor zehn, 20, 30 Jahren nicht hatten. Da liegt die eigentliche Herausforderung."

Hitzebelastung in Großstädten

Der Klimawandel richtet durchaus heute schon Schaden an. Das betrifft bislang aber weniger versicherte Sachwerte, sondern vielmehr die Gesundheit. Betroffen sind vor allem Menschen in den Großstädten, betont der Meteorologe Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst.

"Die Gesundheit der Menschen ist gefährdet durch starke Wärmebelastung, Hitzebelastung. Wir müssen auch verstärkt in die Häuser schauen, wie ist es denn da mit der Wärmebelastung. Bisher rechnen wir immer nur aus, soundso viele Sommertage, heiße Tage. Das ist natürlich wichtig, wenn man sich im Außenraum aufhält. Die Gesellschaft altert aber, das heißt immer mehr Menschen leben auch auf Dauer in Räumen, und da müssen wir auch schauen, dass wir gesunde Lebensverhältnisse schaffen, also vor allen Dingen in den Nächten Abkühlungsmöglichkeiten."

Der Lungenarzt Christian Witt von der Berliner Charité, führt vor, wie sich sein Krankenhaus auf die Hitzewellen einstellt. Gerade zeigt er auf eine Aussparung in der Wand eines Patientenzimmers.

"Da sehen Sie jetzt dieses Kapillarsystem aus blauen kleinen Röhrchen und schwarzen, und das kühlt die Wand, und wenn man die anfasst jetzt hier, da ist die deutlich kälter als der andere Teil der Wand."

Seit Kurzem hat die Charité ein "Kältezimmer". Die Wände sind durchzogen von kleinen Röhren, durch die Wasser fließt wie bei einer Fußbodenheizung. So wird die Raumtemperatur tagsüber gleichmäßig auf 23 Grad Celsius gehalten, auch wenn draußen hochsommerliche Hitze herrscht.

Gedacht ist das Zimmer für Patienten, die unter dem Hitzestress leiden. Wie Dirk Schneider, der Anfang August eingeliefert wurde.

"Na, ich bin hier wegen chronischer Bronchitis, und ich muss objektiv wirklich sagen, dass es mir hier luftmäßig etwas besser geht. Also das Klima ist hier sehr viel besser als bei mir zuhause in der Wohnung zum Beispiel."

"Hier in der urbanen Hitzeinsel, zum Beispiel in Berlin-Mitte, sind viel mehr Patienten betroffen als am Stadtrand von Berlin."

Hitze tritt häufiger auf und dauert länger, Innenstadt-Bezirke werden deshalb zu urbanen Hitzeinseln. Weil Gebäude Wärme speichern, sinkt das Thermometer auch nachts nicht unter 20 Grad Celsius. In Stuttgart beispielsweise kommt es pro Jahr zu etwa 30 Hitzetagen mit solchen "Tropennächten". Diese Zahl soll sich bis zum Ende des Jahrhunderts verdoppeln.

Je dichter bebaut und je stärker versiegelt ein Viertel, umso stärker ist der Effekt. Der Unterschied zum Umland kann sechs Grad betragen. Auch Verkehr und Industrieanlagen erzeugen Wärme und führen außerdem zu Luftverschmutzungen.

Hitzestress verschlimmert bestehende Krankheiten, erklärt Christian Witt.

"Bluthochdruck als große Volkskrankheit, auch Diabetiker leiden. Die Luft verändert sich, wenn sie warm und trocken wird, hat eine höhere Schadstoffbeladung, weil sie auch durch Niederschlag nicht ausgewaschen wird. Die Leute, die jetzt eine chronische Bronchitis haben, überhaupt chronische Lungenkrankheit, die leiden natürlich besonders."

"In Brandenburg, in Cottbus, im südlichen Brandenburg, haben wir 27 Tage über 30 Grad gehabt, in Berlin waren das knapp über 20 Tage über 30 Grad. Und natürlich wir merken, dass das eine Riesenbelastung wird, dass wir natürlich auch jede Menge Patientenanfragen haben."

Nachweisbar steigt bei anhaltender Hitze die Sterblichkeit, laut einer Studie des Deutschen Wetterdienstes beispielsweise bei Herzkranken um zehn Prozent. Auch Christian Witt und einige Kollegen haben mit einer Modellrechnung den Einfluss des Risikofaktors Hitze in Berlin untersucht.

"Das überrascht jetzt, wenn man sich damit beschäftigt, nicht so sehr, wir haben also jetzt doch ungefähr 1600 Tote mehr. Und ich glaub', das sollte da aufrütteln, dass man diese Umwelt, und die sich vor allen Dingen verändernde Umwelt mehr in Betracht zieht."

Die Folgen der urbanen Hitze treffen manche Stadtbewohner stärker als andere – Arme, Alte und sozial isolierte Menschen. Eine Forschungsgruppe des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigte letztes Jahr am Beispiel der Hauptstadt, wie eng Benachteiligung und Umweltbelastung zusammenhängen. Je ärmer und ungebildeter die Bevölkerung eines Stadtgebiets, umso stärkerer Luftverschmutzung war sie ausgesetzt. Eine Ausnahme machten nur Hochhaussiedlungen am Stadtrand.

Dagmar Haase, Professorin für Landschaftsökologie am Helmholtz-Zentrum:

"In Berlin haben wir 36 Quadratmeter Grün pro Einwohner, das ist Spitzenwert in europäischen Städten - wenn es denn gleich verteilt wäre. Aber es nicht gleich verteilt, und deswegen haben wir sehr, sehr schlechte epidemiologische oder umwelthygienische Werte zum Beispiel im Wedding oder in Neukölln."

Städtische Klimaanpassung

Gegen städtische Hitze und Starkregen helfen einfache und bewährte Gegenmaßnahmen. Grüne und blaue Strukturen - Vegetation und Wasser – wirken als Puffer gegen die Schwankungen bei der Temperatur und den Niederschlägen. Sie kühlen, indem sie die Stadtquartiere feucht halten, reinigen die Luft bei Regen und verlangsamen dessen Abfluss.

"Im Moment forscht man sehr intensiv zu sogenannter grüner Infrastruktur – grüne Dächer, grüne Wände und sogenannte Pocket Parks, ganz kleine Parks – man sollte auch die Balkonbegrünung und die Vorderhaus- und Hinterhausbegrünung – ich denke, wenn da viel investiert wird, klug investiert wird, und die Menschen dabei auch mitmachen, dann denke ich, kann man diesem Stress auch begegnen, damit die Kurven nicht alle nach oben gehen."

Wachsende Städte wie Berlin brauchen mehr Wohnraum. Das Leitbild lautet "Nachverdichtung" und "kompakte Stadt". Mit Klimaanpassung ist das nur schwer vereinbar.

Vor vier Jahren veröffentlichte der Berliner Senat den "Stadtentwicklungsplan Klima". Aber die umweltpolitische Sprecherin der Berliner Grünen Silke Gebel kritisiert, dass von der Landesregierung nur Lippenbekenntnisse kämen.

"Es wird immer wieder aufgeschrieben, was man machen kann, aber es wird kein Geld in die Hand genommen. Und bei den Planungen, die passieren, also wenn zum Beispiel eine Straße aufgemacht wird oder wenn ich neue Bäume pflanze und so weiter, da wird nicht geguckt, welchen Beitrag hat das jetzt zur Klimaanpassung. Also es fehlt einfach die integrierte Planung. Berlin ist ja stark versiegelt, es gibt kein Programm, was die Entsiegelung vorantreibt. Berlin hat viele hohe Häuser, es wird mehr gebaut, es gibt kein Programm, wo man sagt, wir wollen jetzt die Fassaden und die Dächer und die Höfe begrünen. Also ich sehe viele Worte auf Papier, aber wenig konkrete Aktionen."

"Wir wollten hier uns eine Klimaanlage kaufen. Die sind alle ausverkauft."
"Es gibt keine."
"Es gibt keine mehr."

Vielen Menschen erging es im Sommer wie diesem älteren Ehepaar. Die Regale in den Baumärkten, wo sonst Klimaanlage und Ventilatoren liegen, waren wie leer gefegt.

Hans-Guido Mücke vom Umweltbundesamt rät allerdings lieber zu kalten Fußbädern, um sich eine Abkühlung zu verschaffen. Nicht nur, weil das keinen Strom verbraucht.

"Das ist ja ein ähnlicher Effekt wie der Kühlschrank, der ja auch eine zusätzliche Abwärme innerhalb des Haushaltes produziert, die Klimaanlage, die Warmluft nach draußen transportiert. Und Untersuchungen haben gezeigt, dass durch diese zusätzliche Abwärme innerhalb von Städten ein zusätzlicher anthropogener Wärmeeffekt von ein bis zwei Grad Celsius entstehen kann."

Das Beispiel "Klimaanlage" ist bezeichnend. Klimaschutz und Klimaanpassung können sich durchaus widersprechen. Anpassung kann sogar zu einem Nullsummenspiel werden, etwa wenn Fluss-Anrainer versuchen, den eigenen Deich ein Stückchen höher zu bauen als ihr Nachbar.

Das bedeutet: Die Bevölkerung wird sich so oder so an die veränderten Umweltbedingungen anpassen. Die Frage ist, wie gezielt und wie vernünftig sie es tun wird. Die entsprechenden Vorschriften von Bundesregierung und Kommunen sind bisher vage. Noch einmal der Raumplaner Jörn Birkmann.

"Wir haben gelernt aus vergangenen Katastrophen. Tschernobyl, das Umweltministerium ist entstanden. Hochwasser, danach gab es eine starke Hochwassergesetzgebung. Ich hoffe, wir sind bei der Klimaanpassung einen Schritt weiter."

Ein wichtiges Prinzip von Klimaanpassung und Klimaschutz lautet "No Regret", auf deutsch "kein Bedauern": Alle Maßnahmen sollen auch dann sinnvoll sein, wenn sich das Klima anders entwickelt als erwartet.

"Die Schwierigkeit ist so ein bisschen zu überlegen, was ist das denn ganz konkret. Also No Regret können wir da überall reinschreiben in zig Programme, solange wir nicht wissen, was das ist, tut uns das nicht allzu weh. Beispielsweise wenn ich jetzt als Großstadt sage, ich möchte diese Freiluftschneise weiter beibehalten und akzeptiere, dass Wohnbevölkerung oder zukünftige Bevölkerung ins Umland zieht. Ist das auf der regionalen Ebene, für die Gesamtregion eigentlich No Regret, dass dann Leute immer mit dem Auto energieintensiv immer in die Kernstadt fahren?"

Seit 2008 gibt es auch einen nationalen Rahmen für die Deutsche Anpassungsstrategie, im Dezember will die Bundesregierung das Programm verlängern. Das Forschungs- und das Umweltministerium unterstützen beispielgebende Kommunen finanziell. Aber dabei handelt es sich um Ausnahmen. Die Entscheidung, wie die Klimaanpassung konkret aussehen soll, steht noch aus.

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