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Hochemotional aufgeladener Power-Folkrock

Mumford & Sons veröffentlichen ihr zweites Album "Babel"

Von Eric Leimann

Der Frontmann von Mumford & Sons: Marcus Mumford
Der Frontmann von Mumford & Sons: Marcus Mumford (picture alliance / dpa - Adam Warzawa)

2009 veröffentlichten die vier Londoner von der Band Mumford & Sons ihr Debütalbum "Sigh No More". Das verkaufte sich acht Millionen Mal. Das Nachfolgewerk "Babel" hat wieder Stücke, die vom Gegensatz zwischen gezupfter Stille und Mitgrölrefrains leben.

Keine Fragen zum Privatleben! Wer als Interviewer vor einem Gespräch schriftlich eine solche Aufforderung erhält, weiß: Man bekommt es mit einem Star zu tun. In diesem Fall mit Marcus Mumford, 25 Jahre alter Chef der Band Mumford & Sons.

Vor drei, vier Jahren noch spielten sie in Londoner Pubs, heute füllen sie Stadien. Und Marcus Mumford die Klatschpresse, denn vor einem Jahr heiratete er die hübsche aufstrebende Hollywood-Schauspielerin Carey Mulligan - doch das sei nur nebenbei erwähnt. Eigentlich soll es hier ja um den Folkboom gehen, den Mumford & Sons vor drei Jahren mit ihrem Sensationserfolg "Sigh No More" ausgelöst haben sollen. Doch beim Folk, da widerspricht Mr. Mumford bereits:

"Wir haben uns niemals als Folkband bezeichnet. Manchmal sagten wir, dass wir eine Folk-Rockband sind. Wir spielen Instrumente, die mit Folk in Verbindung gebracht werden: Banjo, Dobra, Mandoline - aber wir haben ganz unterschiedliche Dinge damit angestellt. Wir schickten den Sound dieser Instrumente durch Verzerrer. Nicht, dass wir die Ersten waren, die so etwas getan haben. Aber vielleicht nicht so sehr im Mainstream. Ich habe Mumford & Sons nie als Pioniere in irgendeiner Disziplin gesehen. Wir spielen einfach nur Musik, die wir auch selbst gerne hören."

Um es kurz zu machen: "Babel" klingt stilistisch kaum anders als der Vorgänger "Sigh No More". Mumford & Sons spielen einen hochemotional aufgeladenen Powerfolkrock. Die Stücke leben vom Gegensatz zwischen gezupfter Stille und vielstimmigen Mitgrölrefrains. Die brachten der Band schon mal die nicht ganz falsche Zuschreibung ein, man sei die studierte Variante der irischen Raufbrüder von The Pogues. In Marcus Mumfords Worten hört sich die Antwort auf die Frage nach dem Neuen in "Babel" wie folgt an:

"Wir wollten die gleichen Zutaten, aber ein neues Rezept verwenden. Wir wollten die großen Momente noch größer und die intimen, kleinen Momente noch kleiner machen. Das haben wir, glaube ich, geschafft. In Songs wie 'Lover‘s Ice' oder 'Hopeless Wanderer' zum Beispiel. Die finde ich so schön und intensiv, dass mir davon fast die Ohren bluten. Dann gibt es aber auch Stücke wie 'Ghosts We Knew' oder 'Reminder' - die wir brauchten, um uns zu pushen. Wir wollten eine Platte mit Dynamik und Gegensätzen erschaffen."

Was am Erfolg von Mumford & Sons außergewöhnlich ist - die höflichen Londoner aus gutem Hause sind bei Weitem nicht nur ein britischer Hype. Neben Coldplay sind sie derzeit die erfolgreichste noch existierende britische Band in den USA. Dies hat wohl auch damit zu tun, dass Mumford eine fast schon exzessiv tourende Liveband sind. So etwas mag man in Amerika: gute, handgemachte Musik von ehrlich arbeitenden Typen auf der Bühne. Der tatsächlich sehr empfehlenswerte Musikfilm "Big Easy Express", der im Sommer auf DVD erschienen ist, zeigt Mumford & Sons mit zwei befreundeten US-Bands auf einer Tour durch die Südstaaten - als Verkehrsmittel und Ort zahlreicher Unterwegssessions diente eine alte Eisenbahn. Dazu passt, dass sich Mumford & Sons für das neue Album im Westernstil fotografieren ließen. Ist das die neue Banduniform?

"Tatsächlich unterhielten wir uns niemals über einen Kleidungsstil. Ich fing irgendwann an, Westen zu tragen, weil ich mich mit meinem Bauch ein bisschen unwohl fühlte. Wenn wir live spielen, wollte ich nie mein Shirt ausziehen. Dann sah ich den Film 'Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford' - einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Seitdem mag ich es, ein gutes Paar Stiefel zu tragen. Dazu ziehe ich immer Jeans an, weil ich irgendwann ein Cowboy sein möchte. Außerdem kann man Jeans auf Tour sehr gut und oft waschen. Das hilft. Dazu Hemd und Weste wegen meines Bauchs."

Marcus Mumford, der ein bisschen wie die Mischung der jüngeren Versionen von Paul McCartney und Klaus Wowereit aussieht, ist der Sohn eines Predigers. Sein Vater leitet den britischen Ableger des Vineyard Movements, einer evangelikalen Kirche, die ihre Wurzeln im Kalifornien der 70er hat. Kritiker werfen Marcus Mumford vor, seine Texte über Liebe, Opfer, Blut, Schweiß und Tränen sei die Botschaft einer christlichen Rockband. Doch der Kritisierte verneint - "Babel" und das mit dem Turmbau sei einfach eine gute Geschichte. Ein anderer Vorwurf an Mumford & Sons lautet, dass sie trotz ihrer emotionalen Wucht am Ende doch eine konservative, ja in Sachen Songwriting und Stil langweilige Band seien. Marcus Mumford abschließend zu dieser Kritik:

"Ich habe solche Dinge noch nicht gelesen. Ohnehin versuche ich, die Lektüre von Kritiken - vor allem aus England - zu vermeiden. Natürlich klingen gewisse Aspekte unserer Musik retro. Auch die Musik des jungen Bob Dylan war gewissermaßen retro - weil sie sich auf Woody Guthrie berief. Ich fühlte mich noch nie schlecht, weil ich ein Retro- oder Authentizitätsproblem hatte. Jeder Künstler wird von Dingen beeinflusst, die bereits passiert sind. Beim einen wird dies deutlicher, beim anderen weniger. Wenn man uns vorwirft, sehr von der Vergangenheit beeinflusst zu sein, ist das Okay. Wir wollen einfach nur Musik spielen. Das ist viel einfacher, als viele Leute es sich vorstellen."

"Babel", das neue Album von Mumford & Sons, wird niemanden enttäuschen, für den "Sigh No More" ein großer Wurf war. Man wird das Album hochemotional oder kitschig nennen, altmodisch oder klassisch, vor allem wird es aber wohl wieder die Massen mobilisieren. Massen, die vier Männern in altmodischen Klamotten mit Mandolinen und Banjos zujubeln. Auch das muss man erst mal schaffen.

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