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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteBüchermarktHochfliegende Träume und ernüchternde Realitäten24.05.2011

Hochfliegende Träume und ernüchternde Realitäten

Philippe Djian: "Die Leichtfertigen". Übersetzt aus dem Französischen von Uli Wittmann.

Philippe Djian wurde 1986 mit der Verfilmung seines Romans "Betty Blue, 37,2°c am Morgen" weltberühmt. Das war 1986. Seitdem schrieb Djian Romane, Essays, Theaterstücke, Krimis und mehr. Mit Ursula Nowak spricht er über seinen Roman "Die Leichfertigen".

Von Ursula Nowak

"Ich hörte Pastime Paradise, Patti Smiths herrlich heisere, klagende Stimme" (AP)
"Ich hörte Pastime Paradise, Patti Smiths herrlich heisere, klagende Stimme" (AP)

"Ich wusste genau, dass sie nicht da war. Ich hörte Pastime Paradise, Patti Smiths herrlich heisere, klagende Stimme, und beobachtete wie das
Flugzeug schwer und vibrierend in der noch warmen rötlichen Sonne des
Spätsommers landete, doch ich wusste, dass sie nicht in der Maschine war."


Damit sind wir bereits im Kern der Geschichte. Wer nicht da ist, ist Alice, das Kind und wer es vermisst, ist der Vater, Erzähler und Schriftsteller von Beruf. Francis weiß, wie sich Verluste anfühlen: Seine Frau und das erste Kind hat er bei einem Unfall verloren. Und nun ist Alice wie vom Erdboden verschluckt. Wochen und Monate vergehen ohne eine Nachricht
von ihr. Noch dazu ist das Vater-Tochter-Verhältnis mehr als gestört.
Alice' Eskapaden als junge Schauspielerin fordern den Vater heraus, ihre
Drogenabhängigkeit belastet ihn. Francis schwankt zwischen Sorge und
Empörung. Wut über das, was er den maßlosen Egoismus seiner Tochter
nennt. Und Alice ist nicht gerade nett zu ihm.

"Nur zu", sagte sie. "Nun mal los, tu das, dann siehst du mich nie wieder, du alter Arsch."
Das Schimpfwort war an mir hängengeblieben, trotz der gemeinsam
verbrachten Monate hier und dort - und weil ich mich nicht dagegen gewehrt hatte, damit sich unsere Beziehung nicht noch weiter verschlechterte."


Das mysteriöse Verschwinden von Alice bringt den Vater an den Rand seiner Kräfte. Was Francis nicht ahnt: Er ist die ganze Zeit Opfer eines perfiden Plans, perfekt inszeniert von Alice und ihrem Mann Roger. Jeder Auftritt von ihr, sogar scheinbar private Treffen organisieren sie bis ins Detail, geschickt nutzen sie die Medien.


"Ich bemerkte zwei Paparazzi mit großen Fotoapparaten in den Dünen. Roger, dieser gerissene Kerl. Er organisierte immer alles auf lange Sicht."

Als Francis das Spiel durchschaut, ist er bereits von Gram und Verzweiflung zerfressen. Djian spart nicht mit Grausamkeiten. Wie bereits in seinem berühmten Roman "Betty Blue. 37,2 °C am Morgen" beschäftigt den in Paris lebenden Autor das Aufeinanderprallen menschlicher Gefühle.
Doch dieser Krieg wird mit ungleichen Mitteln geführt:

"Wenn man nur noch eine Tochter hat und sie nicht verlieren will, ist der
Ausgang jeder Schlacht von vornherein bekannt."


Djian weiß um das besondere Verhältnis zwischen Vater und Tochter,
um das Unausweichliche in dieser Beziehung. Einmal Vater ist, immer Vater.

"Ein Vater ist immer auf eine Art und Weise sehr melancholisch und sehr
kompliziert verliebt in seine Tochter."


Der französische Titel des Buches "Impardonnables", die "Unverzeihlichen", verweist auf die Schuldfragen und seelischen Konflikte dieser Liebe. Djian bricht dabei mit einer Tradition. Anstelle des
übermächtigen abwesenden Vaters, fehlt hier die Tochter und der Vater ist
ihrer Macht ausgeliefert. Schuldig machen sich letzten Endes beide, wie bei Ödipus ist Schuld unvermeidbar, dem Individuum eingeschrieben.
Er schaut tief in die menschliche Seele, jedoch ohne sich als Therapeut aufzuspielen.

"Ich will Ihnen gerne etwas sagen: Es ist so: Ich bin kein Philosoph, auch kein Psychologe. Als das Buch in Frankreich rauskam, sagten die Leute: "Ah, das ist ein Spezialist für Familiengeschichten." Keineswegs. Ich weiß darüber nichts... Die Geschichte selbst interessiert mich nicht oder nur wenig. Was mich interessiert ist die Sprache."

Der Leser von Philippe Dijans Roman "Die Leichtfertigen" spürt die physische Präsenz der Sprache, ihren eigenen Rhythmus. Mit kurzen knappen Sätzen wird die Unruhe und Obsession der jungen Schauspielerin Alice spürbar gemacht. Djian hat Spaß am Spiel mit der Sprache. Anne-Lucie und Lucie-Anne heißen die Zwillingsmädchen von Alice. Eineiig, zum Verwechseln ähnlich. Textabschnitte wechseln im raschen Tempo wie die Gedankensprünge von Francis. Wie ein Filmemacher mit der Kamera arbeitet Philippe Djian mit der Sprache. Vergleichbar mit der Montagetechnik im Film wechseln die Szenen. Und die Themen sind komplex: Es geht um Ehedramen, Adoleszenz, brutale Gewalt und Drogen.
Der französische Filmemacher André Téchiné hat "Die Leichtfertigen" bereits verfilmt. Djian komponiert die komplexen Themen elegant zu einem Ganzen. Es entsteht eine symphonische Komposition, ausgewogen zwischen Ereignis und Reflexion. Der Roman ist nicht nur wie ein Film erzählt, er ist komponiert wie ein Musikstück. Philippe Djian wäre gerne Musiker geworden, doch er hat ein Handicap, er ist auf einem Ohr taub.

"... aber vielleicht auch aus diesem Grund suche und interessiere ich mich sehr für den Rhythmus der Sprache einer Geschichte. Ich interessiere mich für Musik."

Musik ist Djians Passion. In den Songtexten, die er für den Musiker Stephan Eicher schreibt, lebt er sie aus. Musik inspiriert ihn. Auch seine Figur Francis fühlt sich zur Musik hingezogen. Musik tröstet ihn, versetzt ihn in Schwingung.

"Jedes Mal, wenn ich Banshee Beat von Animal Collective hörte, wurde mir bewusst, dass der Mensch nicht nur dazu bestimmt war, Leid und
Hässlichkeit auf der Welt zu erleiden ... Man konnte gar nicht anders, als sein Glas hinzustellen und zu tanzen - und Gott zu danken, dass man weder Kriege noch Hungersnöte durchstehen musste -, sich in den Hüften zu wiegen und ein zufriedenes Lächeln aufzusetzen."

Philippe Dijans Figur Francis hat über alles in seinem Leben die Kontrolle verloren. Einzig Musik und das Schreiben eines Romans helfen ihm zu überleben. Schreiben ist für ihn ein Akt der Selbstbehauptung. Wo alles zu Ende geht, wo sich einem alles entzieht, beginnt das Schreiben. Dabei zählt weniger das Was als vielmehr das Wie. Wenn der Ausgang der Schlacht bereits feststeht, bleibt immer noch die Art, wie sie geschlagen wird. "Der Stil führt zur Geschichte", lautet das Credo des Autors. Die Story ist nicht das Entscheidende, sie ist in ihren Konflikten auch nicht im herkömmlichen Sinne lösbar. Daher kann es auch keine Erklärungen geben. Erklärungen sucht man bei Djian vergeblich.


"Ich habe keine Botschaft zu vermitteln. Was vermittelt wird, eventuell, und das ist nicht sicher, das ist, den anderen ein Werkzeug anzubieten, um die Welt zu verstehen. Wenn ich ihnen helfen will, die Welt zu verstehen, muss ich ihnen ein Werkzeug dafür anbieten. Wenn ich ein bisschen Talent habe, dann können sie mit dem Werkzeug, das ich ihnen gegeben habe, an der Oberfläche kratzen und werden dahinter etwas entdecken. Eventuell biete ich eine Art und Weise des Verstehens an."

Und es ist kein schlechtes Werkzeug, das Djian uns da an die Hand gibt, im Gegenteil. Hier ist ein Meister am Werk, ein virtuoser Sprachspieler, der uns vom unausweichlichen Drama des Lebens besonders das Lachen lehrt. Gerade dann, wenn hochfliegende Träume und ernüchternde Realitäten aufeinanderprallen, begeistert Djian mit großartiger Leichtigkeit.

Philippe Djian: "Die Leichtfertigen". Übersetzt aus dem Französischen von Uli Wittmann. Preis: 20,90 Euro. ISBN 978-3-257-06774-3. Diogenes Verlag.

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