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StartseiteInformationen am AbendDie Wut der Menschen wächst16.06.2017

Hochhausbrand LondonDie Wut der Menschen wächst

Nach dem katastrophalen Brand in einem Londoner Hochhaus am Mittwoch wächst die Wut der Menschen. Bei der Sanierung des Gebäudes vor wenigen Jahren wurden Dämmplatten ohne feuerfesten Kern verwendet. Bei Gesamtkosten von etwa zehn Millionen konnten dadurch rund 5.700 Euro eingespart werden.

Von Jens-Peter Marquardt

Menschen vor dem Bezirksrathaus im Londoner Stadtteil Kensington, indem sich der Grenfell Tower befindet. Am Mittwoch war dort ein Brand ausgebrochen, bei dem mindestens 30 Menschen ums Leben kamen. (AFP/Daniel Leal-Olivas)
Menschen vor dem Bezirksrathaus im Londoner Stadtteil Kensington, indem sich der Grenfell Tower befindet. Am Mittwoch war dort ein Brand ausgebrochen, bei dem mindestens 30 Menschen ums Leben kamen. (AFP/Daniel Leal-Olivas)
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"Wie entsetzlich!" Der Kommentar der Queen, nachdem eine junge Frau erzählt hatte, wie sie den Flammen entkommen war. Elisabeth II. und Prinz William besuchten heute das Notaufnahmezentrum neben dem Grenfell Tower: Worte des Trostes für die Überlebenden, Anteilnahme für die Angehörigen der Opfer, Mitgefühl mit denen, die immer noch nach Vermissten suchen. Und Worte der Anerkennung und des Dankes für Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter und die freiwilligen Helfer. Die Königin und ihr Enkel nahmen sich Zeit für jeden. Anders die Premierministerin gestern:

Theresa May ließ sich nur kurz von den Rettungskräften über die Lage informieren, verschwand dann aber schnell wieder, ohne mit den Anwohnern und Angehörigen zu reden. Das hat viele der Betroffenen, die alles verloren haben, noch wütender gemacht – eine Anwohnerin schimpfte:

Wut auf die Premierministerin

"Theresa May ist schrecklich. Sie sollte nicht Premierministerin sein. Sie schert sich nicht um die Leute hier. Wie kommt sie eigentlich auf die Idee, uns führen zu wollen?"

Immerhin besuchte May heute Verletzte in einem Krankenhaus. Zu spät, um die Wut auf sie und die konservative Regierung noch stoppen zu können. Der für die Kommunen zuständige Minister Sajid Javid bemühte sich, die aufgebrachte Stimmung zu entschärfen:

"Wir haben bereits damit begonnen, neue Unterkünfte für die obdachlos Gewordenen zu finden. Wir wollen sicher stellen, dass die Menschen hier in der Gegend passende Wohnungen bekommen."

Bergungsaktion kommt kaum voran

Noch aber sind viele in Turnhallen und Hotels untergebracht. Und viele hoffen weiter darauf, vermisste Angehörige zu finden – so wie Sawsan Choucair, deren Angehörige im 22. Stock des Grenfell Tower wohnten:

"Ich suche nach meiner Mutter, meiner Schwester, meinem Schwager und meinen drei Nichten – von den Sechs gibt es bisher kein Lebenszeichen."

Die Chancen, die vielen Vermissten noch lebend zu finden, sind inzwischen auf Null gesunken. Aus der Rettungsaktion der Feuerwehr ist längst eine Bergungsaktion geworden, und auch die kommt kaum voran: Die Feuerwehrleute müssen erst einmal die einsturzgefährdeten Wohnungen stabilisieren, um dort nach Leichen suchen zu können. Zur Zeit sind dort nur Spürhunde im Einsatz. Die Feuerwehr geht davon aus, dass sie in dem ausgebrannten Gebäude noch viele Wochen im Einsatz sein wird, und auch danach nicht alle Leichen identifiziert werden können.

Hinweise auf mangelnden Brandschutz

Die Polizei untersucht derweil, ob sie Verantwortliche für die Katastrophe strafrechtlich belangen kann. Anzeichen für Brandstiftung hat sie nicht – wohl aber Hinweise auf mangelnden Brandschutz. Im Fokus dabei: die neue Fassade des Hochhauses – die alte Beton-Fassade wurde mit Panelen aus Aluminium und Kunststoffschaum verkleidet und gedämmt. Die Hersteller-Firma hat inzwischen bestätigt, dass die billigere Kunststoffschaum-Variante dieser Dämmplatten bestellt und geliefert wurde.

Im Angebot wäre auch eine etwas teurere Variante mit einem feuerfesten Kern gewesen. Die gesamte Verkleidung des Grenfell-Towers mit diesen feuerfesten Platten wäre etwa 5000 Pfund teurer geworden, umgerechnet 5700 Euro – bei einem gesamten Investitionsvolumen für die Sanierung des Gebäudes von etwa zehn Millionen. Experten hatten schon vor Jahren, nach einem ähnlichen Feuer in London, dazu geraten, einen erhöhten Brandschutz und feuerfeste Materialien zur Pflicht zu machen – die Regierung hatte darauf nicht reagiert.

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