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StartseiteInterviewHochhuth: Kein Kirchenausschluss nur wegen abwegiger Meinung05.02.2009

Hochhuth: Kein Kirchenausschluss nur wegen abwegiger Meinung

Schriftsteller ginge ein Ausschluss des Holocaust-Leugners Willamson zu weit

Der Schriftsteller Ralf Hochhuth findet es "fabelhaft", dass der Vatikan auf die Kritik im Fall Williamson reagiert hat. Den Holocaust-Leugner aus der Kirche auszuschließen geht Hochhuth indes zu weit. Papst Benedikt XVI. wirft er angesichts einiger umstrittener Entscheidungen indes vor, "mittelalterlich fanatisch" zu agieren.

Ralf Hochhuth im Gespräch mit Gerwald Herter

Der Dramatiker Rolf Hochhuth (AP)
Der Dramatiker Rolf Hochhuth (AP)

Silvia Engels: Der Schriftsteller Rolf Hochhuth beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Katholischen Kirche. Meist liegt er in heftigem Streit mit ihr. 1963 kam sein Theaterstück "Der Stellvertreter" auf die Bühne, in dem er die fehlende öffentliche Kritik des früheren Papstes Pius XII. am damaligen NS-Regime und der Judenverfolgung kritisiert. Wie sieht er die Aufregung um die Rehabilitierung des ultrakonservativen Bischofs Williamson, der in einem Interview die Existenz von Gaskammern geleugnet hatte? Der Vatikan hat Williamson bekanntlich mittlerweile aufgefordert, seine Holocaust-Äußerungen zurückzunehmen, öffentlich zu widerrufen. Mein Kollege Gerwald Herter hat mit Rolf Hochhuth gesprochen. An ihn ging die Frage, ob dieser Schritt des Vatikan reicht?

Rolf Hochhuth: Ich kann mich nicht an einen Fall erinnern, wo der Vatikan auf öffentlichen politischen Druck hin dermaßen im Sinne der Wahrheit eine Anordnung von sich korrigiert hätte. Ich finde das fabelhaft.

Gerwald Herter: Ja. Auch die meisten jüdischen Organisationen haben diesen Schritt begrüßt. Allerdings hat der Papst die Exkommunikation nicht wieder angeordnet, also Williamson nicht aus der Kirche ausgeschlossen.

Hochhuth: Nein. Das ginge auch zu weit. Man kann doch keinen Menschen aus der Kirche ausschließen, nur weil er politisch und moralisch eine abwegige Meinung geäußert hat.

Herter: In der Erklärung des Vatikan heißt es sinngemäß, Papst Benedikt habe die Exkommunikation aufgehoben, aber zum Zeitpunkt dieser Entscheidung noch nichts von den umstrittenen Äußerungen Williamsons gewusst. Halten Sie das denn für nachvollziehbar im Internet-Zeitalter?

Hochhuth: Ich halte es schon für denkbar. Hochgestellte sind immer in jedem Fall auch Überforderte. Ich halte das für denkbar, obwohl ich als Evangelischer gegenüber diesem Papst deshalb sehr misstrauisch bleibe.

Herter: Es gibt verschiedene umstrittene Entscheidungen des Papstes Benedikt. Was läuft denn da falsch im Vatikan? Ist das eine falsche Vermittlung in der Öffentlichkeit? Mangelt es da an Kommunikation?

Hochhuth: Nein, das in diesem Fall ganz gewiss nicht, sondern in diesem Fall ist er als sozusagen der oberste Doktrinhüter, der er nicht erst als Papst geworden ist und der er ja schon als Kardinal in Deutschland war, einfach noch auf eine unerlaubte Weise mittelalterlich fanatisch.

Herter: Kommen wir mal zurück zu dem Fall Williamson. Ist der Papst vielleicht auch von den falschen Beratern umgeben und falsch informiert?

Hochhuth: Na ja, er hätte das schon wissen müssen, aber ich glaube ihm, dass er das nicht gewusst hat.

Herter: Davon gehen Sie aus. Selbst die Bundeskanzlerin Merkel hatte sich ja schon eingeschaltet.

Hochhuth: Ganz fabelhaft!

Herter: Ist die Politik, gerade die deutsche Politik hier geradezu in der Pflicht, eben weil es auch um die Leugnung des Holocaust geht?

Hochhuth: Ja, und was vor allen Dingen auch so schlimm war an der Tatsache, dass es ein Papst deutscher Herkunft gewesen ist. Es gibt keinen Deutschen, der nicht noch heute gegenüber dem Holocaust ein Schuldgefühl haben muss, denn wir haben das nun mal angestellt, dieses Verbrechen ohne Beispiel. Das war schlimm, dass ausgerechnet ein deutscher Papst einen englischen Bischof scheinbar für die Leugnung des Holocaust in Schutz genommen hat. Aber wir dürfen jetzt ihm glauben, diesem Papst, dass er das tatsächlich nicht gewusst hat, was dieser Williamson gesagt hat.

Herter: Steckt darin jetzt auch eine Chance? Geht es um einen Anfang, vielleicht für eine neue Art des Dialogs auch zwischen Judentum und Katholischer Kirche?

Hochhuth: Das glaube ich nicht. Ich nehme an, die sind beide froh, wenn dieses ganz große Ärgernis vom Tisch ist. Dass daraus ein Neuanfang sich ableiten lässt, das halte ich für zu optimistisch.

Herter: Brauchen wir denn ein grundsätzlich anderes Verhältnis von Kirche und Staat? Das, was Bundeskanzlerin Merkel gemacht hat, wird ja von vielen doch als ungewöhnlich empfunden.

Hochhuth: Es ist so ungewöhnlich wie notwendig und auch Frau Merkel hat natürlich nicht nur als Kanzlerin, sondern sie hat als Deutsche gesprochen. Das war sehr nötig und ist ihr nicht hoch genug positiv anzurechnen.

Herter: Kann der Papst, kann Benedikt auf öffentlichen Druck überhaupt reagieren? Verträgt sich das mit seinem Amt, auch mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit, oder birgt das Gefahren, zumal wenn das eben zur Gewohnheit wird?

Hochhuth: Unfehlbar ist der Papst ja nur in religiöser Hinsicht. Sonst haben die Päpste niemals den Anspruch, unfehlbar zu sein. Wo sie als Papst zur Religion sprechen, beanspruchen sie Unfehlbarkeit, und die soll man ihnen in Gottes Namen auch zugestehen. Aber als Politiker, als Bürger sind sie natürlich so wenig unfehlbar wie jeder Sterbliche.

Herter: Ist diese ganze Angelegenheit Stoff für ein neues Drama oder eine neue schriftstellerische Arbeit von Ihnen, Herr Hochhuth?

Hochhuth: Auf keinen Fall, auf keinen Fall. Das ist ganz undenkbar, dass man die Gräuelgeschichte aller Zeiten – das ist natürlich der Holocaust gewesen. Nie zuvor sind systematisch auf Anordnung der Gesetzgeber sechs Millionen Menschen ausgerottet worden, nur weil sie auf der Welt sind, nur weil sie geboren waren. Das hat es niemals gegeben und das werden wir Deutschen auch nie wieder los. Man wird von Auschwitz länger reden als von Troja und das ist, finde ich, nicht vergleichbar mit der einmaligen Entgleisung eines Bischofs.

Engels: Der Schriftsteller Rolf Hochhuth im Gespräch mit meinem Kollegen Gerwald Herter.

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