Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktHochkomische Wissenschaftsprosa29.11.2007

Hochkomische Wissenschaftsprosa

Harry Rowohlt liest Henry Glass

Wer kennt diese Stimme nicht, die sich allerdings selten musikalisch exponiert ... jedenfalls kaum in der Öffentlichkeit. Doch die Liebe zum Irischen entfacht in Harry Rowohlt manches Feuer, und sie verbindet ihn auch mit dem Autor seiner neuen CD, Henry Glass, seines Zeichens halber Nordire und darum einst mit heimischen Dichtern befasst:

Vorgestellt von Florian Felix Weyh

Harry Rowohlt auf der Frankfurter Buchmesse 2005 (AP Archiv)
Harry Rowohlt auf der Frankfurter Buchmesse 2005 (AP Archiv)

So klingt's im "Weltquell des gelebten Wahnsinns", nach einem gleichnamigen "Spiegel"-Artikel über die 1000-Jahr-Feier der Stadt Dublin 1988. Das liegt fast 20 Jahre zurück, und nichts ist gemeinhin älter als die Zeitung von vorgestern. Mit Ausnahmen. Der langjährige Wissenschaftsredakteur des "Spiegels", Henry Glass, vor sieben Jahren früh verstorben, war berühmt-berüchtigt für irische Trinkvorlieben, angelsächsischen Humor und höchstes Interesse an abseitigen Themen. Nur der Titeltrack beschäftigt sich mit der handfest beschreibbaren irischen Metropole, der Rest ist hochkomische Wissenschaftsprosa:

"'Beim Menschen wie beim Affen ist die Selbstverwaltung des Alkohols die Selbstverwaltung des Rausches', konstatiert kryptisch der amerikanische Pharmakologieprofessor Ronald Segal, der allerdings vorwiegend Elefanten besoffen macht. Immer wieder ein teures Unterfangen, denn die Viecher rüsseln mit bis zu 75 Litern pro Sitzung ordentlich was weg. Am liebsten mögen sie, wie Segal in Versuchsreihen ermittelte, Alkoholisches mit Minzgeschmack."

Tatsächlich: Um Alkoholismus beim Tier ging es 1998, und Henry Glass fand Beispiele sonder Zahl, wie sich seriöse Forscher mit dem Zustand alkoholkranker Esel, Elefanten, Affen und Fledermäuse auseinandergesetzt haben. Den Leiden des Menschen am "alkoholischen Postintoxikationssyndrom" - vulgo: dem Kater - ging er ebenfalls nach und entdeckte dabei Belege für einen heftigen Theorienstreit, der heute vielleicht beigelegt ist. Wer weiß das schon? Darüber wird nicht mehr berichtet, seit Glass verstarb. Auch der Forschungsstand des nächsten Themas datiert 13 Jahre zurück - in der Wissenschaft fast ein Generationswechsel. Doch hat sich auf dem Gebiet der Flatulenzforschung - der medizinischen Blähungskunde - wirklich so viel getan, dass wir auf folgende, möglicherweise veraltete Sätze verzichten können?

"Geradezu unverhohlen mutet die Freude an, mit der Ärzte von 'Flüstergleitern', 'Flattertrommlern', 'feuchten Rollern' und 'crepitalen Kanonaden' sprechen, wenn sie sich in den Leserbriefspalten der medizinischen Fachpresse zum Thema äußern. Ein Arzt aus dem Bayrischen belustigte sich gar über die Diktion seiner Praxishelferinnen, die Flatulenzpatienten als 'Farzkacheln' zu bezeichnen pflegen."

Harry Rowohlt benutzt die "Spiegel"-Texte als Partitur, und Henry Glass tat zu Lebzeiten alles, um der trockenen Materie des Wissenschaftsjournalismus unerhörte Töne zu entlocken. Er schrieb nicht bloß, er dichtete. Zum Beispiel beim Thema "Chaos vs. Ordnungsstrategien":

"Wenn die Schlampomanen nach mehreren unterschiedlichen, aber zusammenhangsbezogenen Papieren fahnden mussten, waren sie im Suchergebnis vollständiger und dabei auch noch geschwinder als die wandelnden Klarsichthüllen mit ihren durchalphabetisierten Ablagen und Aktenhängern. Kein Zweifel mehr, Goethe hat sich geirrt: 'Welchen Überblick verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen?', hatte der Pedantenfürst aus Weimar angemerkt. Aber, so fragte sich der Dichter: 'Was nur bestimmt einen Menschen zum Ordnungstier?'"

Diese Frage konnte Glass nicht selbst beantworten, denn er war alles andere als eine "wandelnde Klarsichthülle". Seine genialischen Artikel brauchten die chaotische Umgebung mit all ihren Begleiterscheinungen. So wundert es nicht, dass er sich über die Bestätigung von Murphy's Law freute, als 1999 ein amerikanischer Physiker postulierte, er wisse nun genau, auf welche Seite ein Buttertoast fällt, der dem Frühstückenden unglücklicherweise vom Teller rutscht:

"In nicht weniger als 24 hochkomplizierten Gleichungsschritten aus dem Formelreich der Festkörperdynamik setzte er relevante Parameter wie Toastgewicht, Fallbeschleunigung und Luftdichte in Beziehung zur durchschnittlichen Schubskraft einer unvorsichtigen Hand und gelangte unter Berücksichtigung des Reibungskoeffizienten einer Tischplatte der Marke Contiboard zu dem nunmehr mathematisch gesicherten Ergebnis: Der Toast fällt auf die Butterseite. Punktum!"

Harry-Rowohlt-Fans neigen dazu, seiner Stimme im Familienkreis zu lauschen, und was kann falsch daran sein, Kinder auf unterhaltsame Weise an die Wissenschaft heranzuführen? Achtung: Das geht hier nicht! Die Geschichte "Sturz in die Kiste" beschäftigt sich mit "Fremdkörpern im Rektum" ... wir wollen das Fremdwort vorsorglich nicht auflösen. "Der Weltquell des gelebten Wahnsinns" ist ein Harry Rowohlt für Erwachsene, in jeder Hinsicht zu hochprozentig für Minderjährige. Und wie das mit dem Alkohol endet, erfahren wir auch in aller Deutlichkeit:

"Am meisten verträgt der Vogel, der noch bei einem Suff-Äquivalent von 3,1 Promille flugtauglich ist. Am wenigsten der Fisch. Schon nach ein paar Spritzern Alk im Aquarium schwimmt er entseelt bauchoben."

"Weltquell des gelebten Wahnsinns"
Harry Rowohlt liest Texte von Henry Glass
Kein & Aber Records, 1 Std. 18 Min.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk