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StartseiteCampus & KarriereSchwerer Start für viele Studienanfänger 01.12.2016

HochschuleSchwerer Start für viele Studienanfänger

Für viele Erstsemester ist der Studienbeginn ein regelrechter Schock. Das Niveau ist viel höher als noch an der Schule. Um den Anschluss nicht zu verpassen, besuchen sie Tutorien und lernen in der Gruppe. Manche Professoren und Dozenten machen die verkürzte Schulzeit für die Wissenslücken der Studienanfänger verantwortlich.

Von Tobias Krone

Studenten sitzen in einem großen Hörsaal. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Aller Anfang ist schwer: Viele Studienanfänger müssen aufpassen, dass sie den Anschluss nicht verlieren. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
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"Jetzt studiere ich VWL hier an der LMU. Wenn man das Abi einigermaßen gut in Mathe besteht, sollte das schon machbar sein."

"Ich denke mal das Niveau hat sich ziemlich gehalten. Ich habe mein Abi in Sachsen gemacht, also das Abitur ist schon relativ hochwertig."

"Also ich mache Maschinenbau, das ist viel Physik und Mathe. Und der Vorlesungsstoff war viel zu viel in einer kurzen Zeit."

Der Übergang vom Abitur ins Studium fällt nicht allen Studierenden leicht. Etwa in Elektrotechnik. 40 Erstsemester haben am Montagmorgen um kurz nach acht den Weg ins Tutorium von Benjamin Turner an der Hochschule München gefunden. Sie üben das Berechnen von Kondensatoren.

"Mit der Formel 1 durch C gesamt ist gleich 1 durch C1 plus 1 durch C2. Wenn man dann die Formel im Gesamten hinschreibt, kommen dann am Ende diese 1,6 Pikofarad heraus."

Erstsemester Fabian Schaffert hat seine Grundkenntnisse in Mathematik auf der BOS, der Berufsoberschule, erworben. Das Tutorium ist freiwillig. Aber sicher ist sicher.

"Also Wiederholung ist natürlich nie schlecht."

Bisher bereite ihm sein Studium keine Probleme:

"Ich find‘s noch ganz gut, wir haben halt schon durchs technische Fachabitur gute Vorkenntnisse. Man muss halt aufpassen, dass man dann den Anschluss nicht verliert, aber wenn man ein paar Kollegen hat, mit denen man lernen kann, kommt man ganz gut klar." 

Was in der Schule versäumt wurde, muss die Hochschule wieder aufholen

Seine Kommilitonin Rant, die ihren Nachnamen nicht im Radio hören möchte, kommt eigentlich auch klar – mit ihren Vorkenntnissen aus der Fachoberschule. Sie ist aber nicht ganz so enthusiastisch:

"Also es geht, es ist nicht wirklich einfach, aber: Es ist machbar."

Forscher beklagen, die Schulabgänger bringen zu wenige Grundkenntnisse für ihr Studium mit. Hochschulen müssen das wieder aufholen. Und auch die Lehrenden erleben das so. Tutor Benjamin Turner:

"Ich habe schon das Gefühl, dass hier an der Hochschule viele Professoren zusätzlich zu dem, was sie eigentlich vermitteln wollen, noch mal auf die Grundlagen eingehen, damit sie die, von dem breiten Feld, was die Studierenden hier haben können, weil sie von Realschule oder Hauptschule mit M-Zweig auf FOS bis Gymnasialabgänger so ein breites Spektrum an Leuten haben, dass sie schon teilweise auf Grundlagen mit eingehen müssen, damit die Leute überhaupt mitkommen."

Manche Studierende erleben den Umstieg als regelrechten Schock. Greta, Studentin an der Ludwig-Maximilians-Universität, München:

"Vom Niveau her war‘s hart, weil ich Mathe studiert habe, und das überhaupt nicht vergleichbar war mit dem, was wir in der Schule gemacht haben. Und da war’s schon krass. Also man saß am Anfang nur stundenlang drin und hat versucht, die Tafel abzuschreiben und das war die Zeit, die man an der Uni verbracht hat."

Auch Gero Friesecke, Mathematik-Professor an der TU München stellte vor einigen Jahren plötzlich einen Wandel fest:

"2012 hatten wir das erste Mal einen reinen G8-Jahrgang an der Hochschule und Mathematik ist ein Fach, das sich an den Unis wie der TU München hauptsächlich aus Leistungskurslern rekrutiert hat, also die haben dann bis zum Schluss des Abiturs fünf Stunden pro Woche Mathe gebüffelt – in kleineren Gruppen und vor allem in Gruppen, die sich für Mathe interessiert haben. Also das heißt, die G8-ler hatten in ihrem achten Jahr halt nur drei Stunden Grundkurs statt fünf Stunden Leistungskurs."

Auch die schweren Aufgaben zumuten

Studenten an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen verfolgen am Mittwoch (12.04.2006) eine Vorlesung im Fach Maschinenbau. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat haben im Rahmen der Exzellenzinitiative die RWTH Aachen auf ihre Liste der Elite-Unive. (Oliver Berg / dpa)An einigen Hochschulen wird der G9-Stoff in den ersten Semestern nachgeholt. (Oliver Berg / dpa)

Spätestens im dritten Semester wurde klar. Die G8-Studierenden kamen nicht mehr mit. Das Führen mathematischer Beweise und das Berechnen von Integralen etwa war ihnen neu. Friesecke, damals Dekan seiner Fakultät, änderte den Lehrplan – und das Kurssystem:

"Wenn die Leute jetzt an die Uni kommen und sich auf so viel Neues einstellen müssen, dann machen wir das Format viel näher an den guten alten abgeschafften Leistungskursen, wir machen nämlich kleine Gruppen, die interaktiver sind, wo auch Studierende mitentscheiden können, was wird heute besprochen, was wird vertieft, was wird ergänzt. Und dann haben wir so genannte Ergänzungskurse eingeführt, statt der alten Hörsaalübung."

Das Vorrechnen an der Hörsaaltafel ist out. Auch mehrwöchige Vorkurse vor Studienbeginn bringen nichts, ist Gero Friesecke überzeugt. An der TU München wird G9-Stoff deshalb in den ersten Semestern nachgeholt. Der Nachteil: Im Bachelor bleibt weniger Zeit, um in die fachliche Breite zu gehen. Die Tiefe aber wollen die Münchner Mathematiker erhalten. Sie wollen ihren Studierenden weiterhin auch die schweren Aufgaben zumuten. Schließlich seien die G8-Abiturienten genauso talentiert wie deren Vorgänger mit G9-Abi.

 

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