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StartseiteCampus & Karriere Hochschulkarriere als finanzielles Risiko03.11.2009

Hochschulkarriere als finanzielles Risiko

Miese Perspektiven für den Uni-Nachwuchs

Besonders Geisteswissenschaftler leiden unter mangelnden Perspektiven an den Hochschulen. Die Studierenden müssen sich auf Patchworkkarrieren, Teilzeitstellen und Zeitverträge einstellen - das gilt insbesondere für Frauen.

Von Christina Selzer

Die klassische Unilaufbahn gibt es nicht mehr. (Stock.XCHNG / Irum Shahid)
Die klassische Unilaufbahn gibt es nicht mehr. (Stock.XCHNG / Irum Shahid)

Julia Gebke promoviert im Fach Geschichte. Vor einem Jahr trat die 28-Jährige an der Universität Bremen eine halbe Doktorandenstelle an, in der sie an ihrer Dissertation arbeitet und darüber hinaus unterrichtet. Eine große Umstellung nach ihrem Studium.

"Zum einen war es dieser Sprung in die Lehre. Ich hatte ja keine großen Erfahrungen, wie viel Zeit man dafür braucht. Anfangs habe ich dann viel Zeit in die Vorbereitung investiert."

Ein noch größeres Problem ist aber die unsichere Finanzierung: Julia Gebke lebt von 1000 Euro im Monat und kommt zwar damit aus. Doch ihre wichtige Forschungsreise nach Spanien, wo sie vier Monate in Archiven arbeiten wird, muss sie wohl von ihrem Ersparten bezahlen. Die Hochschulkarriere, ein finanzielles Risiko.

"Das ist ja schon im Studium so. Wenn man Geisteswissenschaften wählt, dann weiß man ja, dass das ein Risiko ist. Meine Eltern haben auch gesagt, Kind, überlege Dir, ob Du nicht einen Weg einschlagen willst, der sicherer ist, mit dem Du eine Stelle in der Wirtschaft findest. Aber ich weiß, dass ich Talent mitbringe und Spaß an der Arbeit ist für mich die erste Priorität."

Ihre Kollegin Stefanie Walther, ebenfalls Historikerin, ist schon etwas weiter. Die 29-Jährige hat ihren Doktortitel schon in der Tasche und arbeitet jetzt an der Universität Bremen. Eine halbe Stelle hat sie als Geschäftsführerin des Instituts für Geschichtswissenschaft, eine weitere halbe Stelle hat sie in der zentralen Kommission für Frauenfragen. Frauen in der Wissenschaft: Ein Thema, das sie nicht nur als Historikerin beschäftigt. Sie beobachtet, dass, obwohl es mindestens so viele Studentinnen wie Studenten gibt, die Frauen auf den oberen Stufen der Karriereleiter verschwinden. Die Gründe dafür sind schon viel früher zu finden, vermutet Stefanie Walther.

"Wenn man im Studium keine Ermutigung erfährt, sondern Ausgrenzung, dann entscheidet man sich auch nicht unbedingt für eine Promotion. Fakt ist, dass schon im Studium eher Männer angesprochen werden, und als Hilfskraft eingestellt werden. Und das setzt sich fort."

Deshalb hat sie die Themenwoche mit dem Titel "Herausforderung Wissenschaftskarriere" organisiert. Doch die richtet sich auch an ihre männlichen Kollegen. Denn nicht nur für Frauen, auch für Männer wird nach der Promotion der Weg immer steiniger. Die klassische Laufbahn gibt es nicht mehr, statt Assistentenstellen gibt es jetzt Juniorprofessuren. Aber auch die sind rar gesät.

Deshalb müssen sich junge Wissenschaftler heute auf Patchworkkarrieren einstellen, Teilzeitstellen und Zeitverträge einkalkulieren, davon ist Stefanie Walther überzeugt:

"Vor allem muss man immer einen Plan B mitdenken, ich weiß, das ist schwierig, auch in der Umsetzung, aber ich habe früh damit angefangen, mir zu überlegen, was mache ich, wenn ich hier keine Perspektiven habe."

Sie liebäugelte anfangs mit einer Laufbahn in Forschung und Lehre und landete im Wissenschaftsmanagement: Als Geschäftsführerin managt sie das Institut für Geschichtswissenschaft.

Und weil sich die Berufschancen an den Unis verändern, sollten ihrer Meinung nach Universitäten ihre Doktoranden über alternative Karrieren informieren. Doch generell ist in bestimmten Fächern, wie in den Ingenieurswissenschaften und der Informatik der Bedarf an Nachwuchs nach wie vor hoch, sagt Rolf Drechsler, Konrektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Bremen.

"Natürlich ist für eine forschungsorientierte Universität, wie wir es ja sind, wichtig, dass wir wissenschaftlichen Nachwuchs haben. Neben den Professoren sind die vielen wissenschaftlichen Mitarbeiter das Rückgrat der Forschung."

Natürlich, sagt Professor Drechsler, sei es immer eine individuelle Entscheidung, ob sich jemand zur Promotion entschließe. Und auch wenn nicht jeder im Hochschulbetrieb unterkomme: In vielen Fächern verbessere der Titel immerhin die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.

"Das ist ein Dilemma im deutschen Hochschulsystem, das ist kein bremisches Problem, sondern das ist generell: Dass wir Leute auf sehr hohem Niveau ausbilden, aber nicht genügend Stellen zur Verfügung haben."

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