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Höllenfahrt eines Transvestiten

Jean-Philippe Rameaus Tragikomödie Platée an der Stuttgarter Staatsoper

Von Jörn Florian Fuchs

Die Wassernymphe Platée ist hässlich und mannstoll. In Jean-Philippe Rameaus gleichnamiger Oper wird sie vom Göttervater Jupiter derb verspottet. Die Stuttgarter Staatsoper Oper hat dafür den größten Wüstling und Sexprotz des europäischen Bühnenlebens engagiert: den Spanier Calixto Bieito.

Das Stück ist, wie seine Hauptfigur, ein Zwitter. Mitte des 18. Jahrhunderts, als es nicht nur in Frankreich noch strikte Gattungsgrenzen gab, schrieb Jean-Philippe Rameau dieses ballet bouffon und schuf damit ein Mittelding aus Komödie, Tragödie und Ballettspektakel. Im Zentrum steht eine Nymphe – gemeint ist kein unschuldiges Mädel, sondern ein reales Märchenwesen. Es ist sehr hässlich, hält sich selbst jedoch für unwiderstehlich. Also spielt man ihm einen Streich: Jupiter höchstselbst interessiert sich angeblich für Platée und rasch geht es an die Hochzeitsvorbereitungen. Doch letztlich entpuppt sich alles als grausamer Scherz, der Göttervater wollte mit der vermeintlichen Heirat nur seine Gattin eifersüchtig machen. Es endet also übel für Platée.

Eine Regie muss sich zu diesem zynischen, abgekarteten Spiel irgendwie verhalten, entweder radikal Partei ergreifen oder die böswilligen Experimentatoren kritisieren oder aber Zwischenebenen finden. Calixto Bieito steht dem Ganzen sehr indifferent gegenüber, er macht das, was er immer macht, nämlich grell-buntes, obszönes Theater. Da walzt ein weibliches Bacchusdouble über die Bühne: eine extrem fettleibige Halbnacktstatistin mit gewaltigen Hängebrüsten. Für Freunde männlicher Genitalien sind normal große, dafür echte und riesige, künstliche Penisse im Angebot. Mercure ist schwul, die Wahnsinnsgöttin La Folie kreischt in ein Mikrofon und spielt E-Gitarre, Momus – der Gott des Spottes – schlurft Popo wackelnd herum und Jupiter gibt eine überkandidelte Tunte. Platée selbst ist zunächst ein etwas weiblich wirkender Mann, der sich durch umgeschnallte Plastikbrüste und einen vaginaförmigen Schlitz in der Unterhose zur Frau wandelt. Bieito, seine Kostümschneiderin Anna Eiermann und seine Bühnenbildnerin Susanne Gschwender, zeigen das Geschehen in einem leicht modernisiertem Studio 54 – das stand mal in Amerika und war so eine Art Ur-Berghain.

Rameau verbindet die oft kurzen Soli und Ensembles durch zahlreiche Ballette, auf der Bühne sehen wir dazu einen Pulk von grell geschminkten, überdrehten Figuren. Diese veranstalten Sexspielchen, blasen Kondome auf und verspotten nebenbei den oft im Zuschauerraum herumhängenden Transvestiten. Der dicke Cindy aus Marzahn-Verschnitt leckt derweil an einem Penis aus Götterspeise oder lässt sich die Brüste massieren und lutschen.

Es gibt schon einige witzige, bissige Szenen und der Spielort – eine schwarze Rampe mit Zerrspiegel im Hintergrund und zahllosen, bunten Glühbirnen – funktioniert recht gut, allerdings geht Bieito und seiner Choreografin Lydia Steier vor allem bei den Balletten rasch die Puste aus.

Man stampft auf, bewegt ein wenig die Hüften, räkelt sich etwas. Der Einfallsgipfel ist erreicht, wenn das Ensemble Regenschirme kreisen lässt oder mit den Glühbirnen spielt. Eine Zeit lang steht aus unerfindlichen Gründen Queen Elisabeth II. herum und verspeist eine Blume.

Ziemlich lakonisch gerät das Finale, der Transvestit verwandelt sich ernüchtert in einen Allerweltsmann zurück. Und wir haben eine Inszenierung erlebt, die streckenweise gut unterhält, aber kaum Tiefgang hat und bisweilen RTL 2-Niveau erreicht.

Durchweg erfreulich waren die musikalischen Leistungen: Christian Curnyn animierte das Staatsorchester Stuttgart zu flüssig-luftigem Spiel, Michel Laplenie sorgte für enthusiastische Chöre, die mit Lust auch mal Tierlaute von sich geben. In der Titelpartie überzeugte Thomas Walker mit schöner Höhe und fundierter Tiefe, Cyril Auvity bewältigte die Doppelrolle von Mercure und Thespis sehr gut, überzeugend auch Shigeo Ishino als Momus, Andreas Wolf als Jupiter sowie André Morsch als Cithéron.
Der Publikumsjubel kannte kaum Grenzen.

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