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StartseiteThemen der WocheDoppelmoral im Profifußball15.03.2014

Hoeneß' FallDoppelmoral im Profifußball

Im Schatten des Fußballs hat sich ein milliardenschwerer Geschäftszweig entwickelt, der einen solchen Steuerfall wie den des Ulrich Hoeneß erst ermöglicht hat, kommentiert DLF-Sportredakteur Moritz Küpper. Der Fall stehe auch idealtypisch für eine gesellschaftliche Doppelmoral.

Von Moritz Küpper, Deutschlandfunk

Profilansicht von Uli Hoeneß vor einer weißen Wand (picture alliance / dpa / alltime-media.de / Marc Müller)
Uli Hoeneß vor dem vierten Verhandlungstag am Landgericht München II (picture alliance / dpa / alltime-media.de / Marc Müller)
Weiterführende Information

Gefängnisstrafe für Hoeneß - "Eine völlig andere Welt" (Deutschlandfunk, Interview, 15.03.2014)

Hoeneß-Reaktion - Die Rettung eines Lebenswerks ((Deutschlandfunk, Kommentar, 14.03.2014)

Hoeneß - 6 Uhr Wecken - 22 Uhr Einschluss (Deutschlandradio Kultur,Thema, 14.03.2014) 

Steuerbetrug - Uli Hoeneß will ins Gefängnis (Deutschlandfunk, Aktuell, 14.03.2014)

Urteil gegen Hoeneß - "Kein Kavaliersdelikt" (Deutschlandfunk, Interview, 14.03.2014)

Haftstrafe für Uli Hoeneß - Klares und prägnantes Urteil (Deutschlandfunk, Kommentar, 13.03.2014)

Jetzt also doch: Schlusspfiff, um in der Fußballrhetorik zu bleiben. Nichts von zweiter Halbzeit, nichts von Aufbäumen, Kämpfen, nichts von Rückspiel und doch noch gewinnen. Uli Hoeneß hat seine Anwälte angewiesen, keine Revision einzulegen.

Hoeneß, der Sportsmann. Der weiß, wann er verloren hat, und nun geschlagen, aber mit Anstand das Spielfeld verlässt. Chapeau, sagen viele. Und es ist wohl seine letzte Chance, seine Ehre zu retten. Diese hat Hoeneß, der Spieler, der Macher, ergriffen – so wie man ihn kennt. Und es ist – so richtig dieser Schuldspruch und so befremdlich all die Häme ist – schön zu sehen, dass einem Mann wie Hoeneß, der unbestritten eine große Lebensleistung vorweisen kann – diese Chance auf Ehrenrettung bleibt.

Doch beides, Ehrenrettung und Schlusspunkt genauso wie die verniedlichende Fußballrhetorik und die unzähligen Kalauer zu dem Thema haben am Ende einen Effekt, der nicht gut zu heißen ist – und der viel über unsere Gesellschaft und deren Mechanismen aussagt.

Denn am Fall Hoeneß lässt sich – geradezu idealtypisch – eine gesellschaftliche Doppelmoral aufzeigen: Auf der einen Seite das überbordende Interesse, das keine Grenzen kennt – auch im Privaten nicht. Demgegenüber steht in aller Öffentlichkeit, eine Ignoranz hinsichtlich aller strukturellen und ernsthaften Probleme, die ebenfalls beispiellos ist.

Es geht los mit der Tatsache, dass sich für den viertägigen Steuerprozess in dieser Woche sage und schreibe 454 Journalisten akkreditieren wollten. Zum Vergleich: Beim Prozess gegen die Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund", kurz NSU, ebenfalls in München, in dem es um eine rassistische motivierte Mordserie an bis zu neun Menschen geht, gab es 324 Anfragen, also deutlich weniger. Natürlich, solche Vergleiche sind immer schwierig – und doch sind es Fakten, die sich nicht ignorieren lassen. Und die den gesellschaftlichen Stellenwert des Fußballs zeigen und der in den letzten Tage, Wochen und Monaten auch - und gerade im Fall Hoeneß - noch einmal vorgeführt wurde.

Nur zur Erinnerung: Ulrich Hoeneß war Nationalspieler, dann Manager eines Vereins, ist Inhaber einer Wurstfabrik und – zugegebenermaßen – eine der zentralen Figuren im deutschen Fußball. Aber er war und ist nicht: Bundespräsident, Bundeskanzler, Ministerpräsident oder Vorstandsvorsitzender eines Dax-Konzerns.

Fußball ist einer, wenn nicht der letzte Kitt unserer Gesellschaft. Dem Ball ist es egal, wer ihn tritt, heißt es beim DFB; im Stadion sind – trotz mittlerweile unzähliger VIP-Logen – immer noch alle gleich. Und wenn im Sommer die deutsche Fußballnationalmannschaft in Brasilien bei der Weltmeisterschaft antritt, wird hierzulande wieder ein Gemeinschaftsgefühl herrschen.

Das ist gut so, aber es ist nur die eine, die romantische, verniedlichende Sicht auf diese Sportart.

Denn im Schatten all dieses Glanzes hat sich mittlerweile ein milliardenschwerer Geschäftszweig entwickelt, der einen solchen Steuerfall wie den des Ulrich H. vor dem Münchener Landgericht II erst ermöglicht hat. Bundesligavereine sind längst Aktiengesellschaften, deren Angestellte Millionen verdienen und denen mittlerweile von Fernsehanstalten Milliardenbeträge gezahlt werden, dass deren Spiele gezeigt werden dürfen.

Von Arbeitervereinen kann längst keine Rede mehr sein – und das beste Beispiel dafür ist eben der FC Bayern München, so wie Hoeneß ihn schuf. Dass deren Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nach einer Katar-Reise mit unverzollten Rolex-Uhren erwischt wurde und nun vorbestraft ist – geschenkt. Dass die Deutsche Fußballliga, der Initiator des milliardenschweren TV-Vertrages keinen Ethik-Code, keine Compliance-Richtlinien hat, aber dafür detailliert festlegt, wer wann wo und wie berichtet und penibel auf den Schutz der Sponsoren achtet – akzeptiert. Dass im Hintergrund und im Kampf um Spieler – egal ob volljährig oder nicht – Millionen-Summen bewegt werden – egal. Und auch die Tatsache, dass die Vorstandsvorsitzenden der DAX-Konzerne mit penibelsten Compliance-Vorschriften im Fall Hoeneß sich nicht getraut haben, ein klares Wort zu sprechen, wird toleriert.

Ist ja nur Fußball. Sagen wir in dem Fall zwar mal nicht, denken wir aber.

Und von daher wollen wir auf all die Fragen, die rund um die Causa Hoeneß noch bleiben, auch keine Antworten: Hatte der FC Bayern München wirklich nichts damit zu tun? Warum bekam Hoeneß wohl Geld vom Adidas-Chef? Warum gibt es für diesen milliardenschweren Geschäftszweig Profifußball nicht moderne Regeln und Gesetze?

Stattdessen Fußball. Heute Abend beispielsweise: Bayern München gegen Bayer Leverkusen. Spitzenspiel am 25. Spieltag.

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