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StartseiteBüchermarktHörreisen - eine Hörbuch-Edition08.04.2002

Hörreisen - eine Hörbuch-Edition

Wer möchte nicht da und dort zugleich sein? Wer möchte nicht nach Meran fahren und währenddessen am Nordkap frösteln, sich endlich einmal Sachsen und Thüringen, die neuen Bundesländer, ansehen, aber dabei an Hamburg denken oder sich nach Teneriffa träumen? Nichts einfacher als das! Wo immer man im Auto sitzt, wo immer man im Flugzeug seinen Walkman im Ohr hat, steht einem die ganze Welt offen und nicht nur die Route, die man gewählt hat.

Hannelore Schlaffer

Mit der Serie "Hörreisen" ist der Aufbau-Verlag dabei, den ganzen Erdball zu erobern. Von einem auf den anderen Tag reist sich's nun von Mallorca nach Bayern, von Rügen nach Ägypten, von New York nach Venedig, Tanger, Neapel, Westafrika, Tibet, und immer mit einem Führer, der einen tieferen Blick für die Wirklichkeit hat und eine Sprache, die sie bannt: mit einem Dichter nämlich, mit Dickens, Heine, Andersen, Hemingway, George Sand, oder zumindest mit einem gebildeten, ja gelehrten Menschen wie Alexander von Humboldt oder dem Fürsten Pückler. In so vornehmer Gesellschaft war man ja eigentlich schon immer, ohne es zu ahnen, unterwegs gewesen: denn die Poeten und Gelehrten haben die Welt entdeckt, nach deren Routen sich dann erst die Tourismusbüros richteten. Die Reisen, die sie in ihren Katalogen nummerieren, sind allesamt von diesen frühen Weltenbummlern erfahren worden.

Die Hörreisen mit ihren etwa 70 Minuten dauern gerade eine Mittagspause, in der man aus den kahlen Bürowänden in die bunteste Ferne entkommt. Aber nicht nur den Raum, auch die Zeit erweitern sie. Ihr Programm umspannt inzwischen sechs Jahrhunderte. Die erste Reise des Ibn Battuta führte 1341 auf die Malediven, die jüngste unternahm Marion Gräfin Dönhoff 1941, als sie mit ihrer Freundin durch die Masuren ritt. Dabei sind die Zeiten, in die der Hörer eintaucht, ebenso exotisch wie die Räume; über die Träume hinaus darf er sich aber auch kulturgeschichtliche Unterweisungen erhoffen, wie etwa, wenn er 1792 mit Ludwig Theobul Kosegarten nach Rügen reist und sich bewusst wird, dass erst durch den Pastor die "Legende Rügen" begründet wurde, die dann gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die feinen Leute auf diese Insel lockte, ja sogar Effi Briest aus ihrer Affäre mit Crampas dorthin fliehen ließ.

Die natürliche Faulheit des Menschen und seine ebenso natürliche Neugier und Bewegungslust versöhnen sich nun in einem einzigen Hörakt. Sprache, so weiß man seit Arnold Gehlen, ersetzt Handeln. Wer sagt, ich will nach Teneriffa, muss nicht den Koffer packen, wenn Alexander von Humboldt ihm den Weg dorthin schon vorgeschrieben hat. Gehörte Reisen sind Reisen für Sesshafte oder für solche, die ihren Bewegungsdrang aufgehalten sehen: Hörbücher sind Bücher für den Stau, und da die Bewegungslust zu immer mehr Staus führt, sind sie ein unverzichtbares Utensil unserer Zeit.

Das Medium, neu wie es ist, wird vorerst ohne jegliche Kritik akzeptiert. Für die Verlage macht sich der Reiz des Neuen jedenfalls bezahlt. Die Technik ist nicht nur hier, sondern bei allen Hörbuch-Produktionen, der Vorwand für ein krasses Missverhältnis von Preis und Leistung. Wer wollte für eine Stunde Kino mehr als dreißig Mark bezahlen, wer für die auf dreißig Seiten gekürzte Ausgabe von Pückler-Muskaus Irland und England-Reise im Buch ebenso viel? Hörbücher fallen deshalb unter die Geschenkartikel, sie sind bislang keine Medien der Bildung.

Humboldts Schifffahrt nach Teneriffa gehört zu den jüngsten Editionen der Reihe neben Charles Dickens Reise nach Rom und Venedig - und auch diesmal knausert der Verlag mit dem Text wie gewöhnlich. Eine Entschädigung für die Kürzung soll die Inszenierung bieten, die aus dem Vortrag des Sprechers und einer Zwischenaktmusik zwischen den Textpassagen besteht. Mit mehr oder weniger Glück ist diese auf die Texte abgestimmt, wie etwa bei George Sands Reise nach Mallorca, auf der sie Chopin begleitete. Leider ist die Musik ausnahmslos dazu angetan, dem Text eine Gefälligkeit zu erweisen, und das heißt, ihn als nette Unterhaltung auszuweisen. Bei dem wenigen, was an Text zu haben ist, kommt alles auf den Sprecher an. Selten entsteht ein solches Kunstwerk wie Heines "Harzreise", die Henning Venske liest. Hinter der stilistischen Untertreibung dieses Dichters spürt Venske den Reichtum des Intellekts auf, nicht nur die vielberufene Ironie, auch Trauer, Staunen, Enttäuschung, Belustigung. Selten allerdings sinkt denn auch die Inszenierung so tief wie bei Johanna Schopenhauers Reise nach Köln und Bonn, bei deren Vortrag Donata Höffer die vornehme Dame des 19. Jahrhunderts zu mimen versucht. Dies Missgeschick sollte zum Ansporn dienen, über die Umsetzung des intimen Tons von Brief und Tagebuch in den Vortrag, über die Rückübersetzung der Schrift in Mündlichkeit nachzudenken. Der Transfer jedenfalls gelingt wieder bei Dickens, der seinen Reisebericht nach Italien aus lauter Klischees zusammensetzt: Uwe Friedrichsen rettet regelrecht den Text. Die Einfahrt zum Beispiel nach Venedig zu Schiff wird durch ihn zu einer geheimnisvollen Fahrt ins Totenreich.

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