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StartseiteHörspielSchere Faust Papier01.04.2017

Hörspiel des MonatsSchere Faust Papier

Es gibt ja dieses Zitat von Karl Marx, dass sich Geschichte immer 20 mal ereignet. Einmal als Tragödie, einmal als Farce, einmal als ZDF-Zweiteiler, einmal als BBC-Miniserie, einmal als Telenovela, einmal als Eventmovie, einmal als französischer Historienstreifen, einmal als Dokumentarfilm, einmal als Geschichtsfälschung, einmal als Hörspiel im Deutschlandradio. Was Karl Marx jedoch vergessen hatte hinzuzufügen: Wir selbst spielen die Hauptrollen, ob wir wollen oder nicht, und am Ende schauen wir uns verwundert um und fragen uns, wie das alles passieren konnte.

Hörspiel von Michel Decar

Ein Ausschnitt aus dem Kupferstich "Der heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt" von Martin Schongauer (1445/50-1491) (imago / United Archives)
Dämonen lassen sich durch die Geschichte der Menschheit treiben. (imago / United Archives)

Begründung der Akademie der Darstellenden Künste:

Drei Parzen gleich stürzen die Protagonistinnen dieses klanglich wie sprachlich überzeugenden Stückes durch den apokalyptischen Strudel der Menschheitsgeschichte - werden von ihm fortgerissen, treiben ihn an und fragen sich zugleich, wie das alles hat passieren können. Eine irrwitzig und unerbittlich bis in die Science- Fiction voranschreitende Geschichte der Kriege, Revolutionen, Entdeckungen und Landnahmen.

Ohne Moral und zugleich voller Bedenken sind die drei sowohl Akteure wie distanzierte Beobachter und dies so beiläufig und zugleich absichtsvoll, dass es einem schwindelt. Dabei zeugen ihre Betrachtungen von einem weiteren Schlachtfeld: dem der Deutungshoheit, der Phrasen und sprachlichen Regelungen.

Nuanciert realisieren die drei Sprecherinnen (Kulbatzki, Israel, Meineke) diese Perspektivwechsel, ohne den kühlen Grundton ihres Parforceritts je zu verlieren. Vor dem Hintergrund eines düsteren Piano Ostinato und daran aufgereihter akustischer Tableaus inszeniert Michel Decars "Trialog" mit Leichtigkeit und Hintersinn die unangenehme historische Trivialität: dass Täter, Opfer und Zuschauer immer am selben Faden spinnen und hängen.

Regie: der Autor
Mit: Anne Kulbatzki, Josefine Israel, Juno Meinecke
Musik: Lukas Darnstädt

Produktion: Deutschlandradio Kultur 2016
Länge: 48'10

Michel Decar, geboren 1987 in Augsburg, Autor für Theater und Hörspiel. Studierte Germanistik und Geschichte an der LMU München, wo er auch an der Studiobühne seine ersten Stücke selbst inszenierte, anschließend Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Für das Stück "Jonas Jagow" wurde er mit dem Förderpreis für neue Dramatik des Stückemarktes im Rahmen des Berliner Theatertreffens 2012 ausgezeichnet. Seine Stücke wurden in szenischen Lesungen u.a. am Burgtheater in Wien, an der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin und am Berliner Maxim-Gorki-Theater präsentiert. Hörspiele für Deutschlandradio Kultur: "Jonas Jagow" (2014), "Jenny Jannowitz oder der Engel des Todes" (2015).

Anschließend:
Hörspielmagazin
Neues aus der Welt der akustischen Kunst.

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