Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteHörspielLeben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1-3/9)24.12.2015

Hörspiel ExtraLeben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1-3/9)

Laurence Sternes "Tristram Shandy" ist ein einzigartiges Werk in der Literaturgeschichte: Erschienen zwischen den Jahren 1759 und 1767, experimentiert Sterne in diesem neunbändigen Roman selbstbewusst mit der Form.

Von Laurence Sterne

Ausstellungsstück zur Romanfigur "Tristam Shandy" aus dem Nachlass von Laurence Sterne Trust. (The Laurence Sterne Trust)
Ausstellungsstück zur Romanfigur "Tristam Shandy" aus dem Nachlass von Laurence Sterne Trust. (The Laurence Sterne Trust)
Mehr zum Thema

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Die Sendetermine der einzelnen Teile (jeweils am 14:05 Uhr)
1 bis 3 am 24.12.2015
4 und 5 am 25.12.2015
6 und 7 am 26.12.2015
8 und 9 am 27.12.2015

In einer Zeit, als der Roman selbst noch nicht klar definiert oder gar etabliert ist, lotet Sterne bereits dessen Grenzen aus, spielt mit der Wirkung auf seine Leser und lässt wie nebenbei fragwürdig erscheinen, wie er überhaupt erzählen kann, wovon er vorgibt, erzählen zu wollen: "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman." Verspricht der Titel nämlich eine wohlgeordnete und fein aufbereitete, womöglich auf ein Ziel hin erzählte Lebensgeschichte, so enttäuscht der Erzähler diese Erwartungen sofort. Eine stringente Biografie beinhalten die neun Bände sicherlich nicht. Stattdessen prägt den Roman eine assoziative Struktur: Vor und zurück blickt der Erzähler, der sich nicht an eine Chronologie halten mag; ebenso wechselt sein Gestus - von beißender Satire oder einem spöttischen Ton bis zu pathetischen Beschreibungen.

Und auch optisch verrät Sternes Roman, dass er sich nicht an das hält, was seine Gattung bisher auszeichnete. Das Vorwort leitet die Geschichte nicht ein, es wird stattdessen nachgereicht, mitten in der Erzählung. Und die wiederum ist gespickt mit Auffälligkeiten: mit Auslassungen, Reihen von Sternchen-Symbolen, oder mit ganzen Kapiteln, die fehlen. Andere Seiten sind dafür ganz in schwarz gehalten, gefüllt mit Druckerschwärze, nicht mit sinnerfüllten Zeichen.

All das sind Hinweise darauf, dass die Ordnung hier bewusst gebrochen wird, dass Autor und Erzähler Freigeister sind, die weniger an einer Biografie interessiert sind als an der bis heute bestehenden Frage, ob sich eine solche erzählen lässt. Vom Leben dieses vermeintlichen Protagonisten und Ich-Erzählers, Tristram Shandy, liest man entsprechend wenig - seiner Zeugung wird ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt wie seiner Geburt, von der erst im dritten Band berichtet wird.

Sehr einprägsame und detailreiche Beschreibungen gelten dagegen anderen Figuren: allen voran Tristrams Vater und seinem Onkel Toby - zwei äußerst eigenwillige, bisweilen schrullige Charaktere, die der Erzähler aber nie so sehr dem Lächerlichen preisgibt, dass sie darüber ihre liebenswerte Note verlieren, ganz Karikatur werden. Nietzsche galt Sterne deshalb als "der freieste Schriftsteller aller Zeiten“, gegen ihn, so schreibt er in "Menschliches Allzumenschliches II", seien "alle anderen steif, vierschrötig, unduldsam und bäuerischgeradezu". Mit dieser Haltung hat Sterne die Geschichte des Romans geprägt und ist zu einer Instanz für folgende Schriftstellergenerationen geworden.

Auch in Deutschland blickten Autoren bewundernd auf den schreibenden Pfarrer aus England und seinen "Tristram": Goethe und Zelter etwa tauschten im Briefwechsel ihre Lektüreeindrücke aus, und Lessing ließ sich zu der Aussage bewegen, er würde Sterne gern fünf seiner Lebensjahre abtreten, wenn dieser sie nur schreibend verbringen wolle. Eine erste Übersetzung ins Deutsche folgte entsprechend früh, 1769.Auf der Übertragung von Michael Walter basiert nun die Bearbeitung für das Radio von Karl Bruckmaier. Dessen Ziel es ist, "den Hörgewohnheiten des 21. Jahrhunderts ebenso Rechnung zu tragen wie den zeitlosen, den klassischen Qualitäten dieses Urtexts aller Genreverletzungen."

Aus dem Englischen von Michael Walter
Komposition: Robert Forster, Chris Cutler, Robert Coyne
Bearbeitung und Regie: Karl Bruckmaier
Mit: Stefan Merki, Peter Fricke, Anna Drexler, Hans Kremer, Kathrin von Steinburg, Gabriel Raab, Sebastian Weber, Peter Veit u.a.
Produktion: BR 2015
Längen: Teil 1: 54'06; Teil 2: 53'48; Teil 3: 49'39
(Teile 4 und 5 am 25.12.15)

Das Hörspiel zum Nachhören beim Bayerischen Rundfunk

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk