Seit 23:05 Uhr Das war der Tag
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 23:05 Uhr Das war der Tag
StartseiteHintergrund"Hogra" in Algerien - das Land der Wütenden08.02.2012

"Hogra" in Algerien - das Land der Wütenden

Abseits des Arabischen Frühlings sucht das nordafrikanische Land seinen Weg

Algerien hat seine Zeit als französische Kolonie im Wortsinn überlebt und sich an der Demokratie versucht. Die resultierende Erstarkung des Islam führt zum Bürgerkrieg. Seit etwa zehn Jahren ist der Kreislauf von Terror und Rache weitgehend vorbei. Doch die Bevölkerungsmehrheit - die junge Generation - bleibt wütend angesichts der anhaltenden Perspektivlosigkeit.

Von Marc Dugge

Demonstranten in der algerischen Hauptstadt Algier (AP)
Demonstranten in der algerischen Hauptstadt Algier (AP)

"Die Regierung tut nichts für uns. Sie gibt dir keine Arbeit. Und wenn du eine hast, wirst du ausgenutzt. Du hast keine Rechte. Arbeitest hart, verdienst nichts. Aber du hast ja keine Wahl. Diese Jugend ist verloren. Keine Hoffnung, keine Zukunft. Die Jugendlichen sind depressiv, nehmen Drogen, Alkohol, um zu vergessen - und um vom Glück zu träumen. Sie sagen sich: Vielleicht kommt es morgen, morgen, morgen ... aber nichts passiert."

Ali sitzt auf einer Treppenstufe in einer der verwinkelten Gassen der Kasbah, der Altstadt von Algier. Der Himmel ist milchig, die Luft drückend schwül. Eine lähmende Stille liegt über der Stadt. Nur ein paar Kinder kicken auf einem Hinterhof Fußball. Ali blinzelt in die Sonne, schaut in die Ferne: aufs Meer, den Horizont, der Freiheit bedeutet.

"Ich will ins Boot. Nach Europa: nach Frankreich, Italien, Barcelona oder Deutschland! Das ist die einzige Lösung! Harraga! Weißt du, was das bedeutet? Wir sind alle Harraga!"

Harraga heißt so viel wie "Verbrenner". Das kommt von: Seinen Pass verbrennen, um ins Boot zu steigen, das Mittelmeer zu überqueren und ein neues Leben anzufangen. Das wollen sie alle: Ali, seine Freunde, auch seine vier Brüder. Alle sind sie arbeitslos. Alle schlagen sie sich irgendwie durchs Leben. Alis Augen funkeln. Er weiß nicht wohin mit der "Hogra". So nennt man hier die Wut, die spürt, wenn man vom Staat missachtet wird. Wenn man miterlebt, wie die Mächtigen ihre Macht missbrauchen – und man nur ohnmächtig zuschauen kann. Jeder weiß, was "Hogra" bedeutet. Auch die Alten. Ahmed, ein Rentner, der hier in der Kasbah lebt, hat die Geburtsstunde Algeriens miterlebt, vor 50 Jahren. Zum Feiern ist ihm nicht zumute:

"Ja, wir sind enttäuscht. In 50 Jahren Unabhängigkeit hätten wir so vieles schaffen können, uns könnte es so viel besser gehen! 1979 waren wir auf dem Entwicklungsniveau von Spanien, 1994 nur noch auf dem Niveau von Mauretanien oder Eritrea ... "

Die Kasbah ist mehr als nur eine Altstadt. Sie ist ein Stück algerische Identität. Hier verstecken sich in den 50er-Jahren die Kämpfer der Unabhängigkeitsbewegung "Front de Libération Nationale", kurz FLN. In den Gassen der Altstadt erschießen sie Franzosen, erstechen sie, schneiden ihnen die Kehle durch. Im Dezember 1956 werden in der Kasbah im Schnitt vier Menschen pro Tag getötet. Französische Soldaten jagen die Kämpfer, durchkämmen die Häuser. Die Algerierin Naima war gerade neun, als sie mitbekam, wie französische Soldaten einen Revolutionär festnahmen.

"Er wurde an den Armen an einer quer liegenden Eisenstange aufgehängt, die Hände gefesselt. Stundenlang musste er so hängen bleiben! Als er dann heruntergeholt wurde, stürzte er sich in seiner Verzweiflung auf einen der Wachsoldaten. Obwohl seine Hände immer noch gefesselt waren, versuchte er, dem Soldaten seine Waffe abzunehmen. Sie haben den Mann vor meinen Augen erschossen. Dieses Bild habe ich nie vergessen."

Der Algerienkrieg hat tiefe Narben hinterlassen. Ein brutaler, zäher Krieg, der ganze acht Jahre lang dauert und der nach französischen Angaben mindestens 500.000 Menschen den Tod bringt. Algerier bestehen darauf, dass es mehr als 1,5 Millionen Tote waren. In diesem Krieg kämpfen Franzosen gegen Algerier, Algerier gegen Algerier, Franzosen gegen Franzosen. Lange hat es so ausgesehen, als würde Frankreich Algerien niemals aufgeben. General Charles de Gaulle wird 1958 in Algier begeistert empfangen:

"Frankreich ist der Überzeugung, dass es in ganz Algerien nur eine Kategorie von Einwohnern gibt: vollwertige Franzosen!"

Algerier sollen die gleichen Rechte bekommen wie Franzosen – bisher war das nicht der Fall. Aber zu diesem Zeitpunkt lässt er keinen Zweifel daran, dass Algerien zu Frankreich gehört. Später wird de Gaulle seine Linie ändern. Er muss sie ändern. Denn gegen den Widerstandswillen der Algerier kommt seine Armee nicht an. Trotz Folter, Zwangsumsiedlungen und brutalen Militäraktionen. Dieser Krieg wird auch in Frankreich geführt. Auch hier schlägt die Polizei Demonstrationen unbarmherzig nieder. Und auch hier organisiert sich der Widerstand. Akila Ouared ist mittendrin. Mit ihrer Familie flieht sie 1957 von Algerien nach Paris. Dort heuert die junge Frau beim französischen Militär an, sie bekommt einen Bürojob. Was keiner weiß: Insgeheim unterstützt sie die FLN. Als Verbindungsoffizierin transportiert sie Papiere, Geld und Waffen in der Pariser Metro und übergibt sie Kontaktleuten.

"Man hat damals nicht bemerkt, dass ich Algerierin bin. Ich sprach gutes Französisch, es gab keinen Verdacht. Die FLN wollte, dass ich einen Führerschein mache. Sie hat mir die Fahrschule bezahlt. Dann habe ich die Gegenstände und Personen transportiert. Wenn man jung ist, ist man mutig und macht sich nicht so viele Gedanken. Ich dachte einfach, ich habe eine Mission zu erfüllen."

Es ist die Wut, die Akila und ihre Landsleute antreibt. Und ihnen die Unabhängigkeit bringt.

Vier Monate nach dem Friedensschluss von Evian wird Algerien am 5. Juli 1962 ein souveräner Staat. Und bald wird klar: Dieses Land wird sich nicht am westlichen Kapitalismus, nicht an Frankreich orientieren, sondern am Sozialismus. Algerien wird nicht zur Demokratie, sondern schleichend zur Militärdiktatur. Die FLN ist die einzige Partei, die erlaubt ist. Anfang der 70er-Jahre verstaatlicht Präsident Boumedienne die Öl- und Gasindustrie. Die französischen Ölunternehmer packen nun endgültig ihre Koffer - und Algeriens Regierung schwimmt von nun im Geld. Der Ölpreis ist auf Rekordhöhe. Andere Industriezweige lässt die Regierung links liegen. Das Öl bringt schließlich genug Geld ein. Die Kehrseite des Booms bekommt Algerien in den 80er-Jahren zu spüren. Als der Ölpreis fällt, erlahmt die Wirtschaft. Junge Menschen gehen auf die Straße, um lautstark Jobs und Arbeitsplätze zu fordern – und echte Demokratie. Sie greifen die Parteizentrale und zünden staatliche Gebäude an, zerstören Fensterscheiben, werfen Autos um. Die Wut ist grenzenlos. Die Armee greift durch, mindestens 160 Menschen werden getötet. Algerien wird sich in den folgenden Jahren an diese Art von Aufständen gewöhnen. Heute gehören sie schon zur Normalität. Die Zahl ist unglaublich: In Algerien muss die Polizei statistisch alle zwei Stunden ausrücken, um Unruhen zu bekämpfen. Manchmal reicht schon ein verlorenes Fußballspiel, um die angestaute Wut zur Explosion zu bringen. Dann fliegen Steine, Tränengas-Granaten und Molotowcocktails, werden Scheiben zerschlagen und Autos in Brand gesetzt. Und doch verlaufen die Demonstrationen meistens vergleichsweise friedlich. Die Algerier seien an sie gewöhnt, so der Soziologe Nacer Djabi:

"Bei der schieren Zahl der Unruhen könnte man ja mit Hunderten Toten pro Woche rechnen. Doch das ist nicht der Fall. Wir Algerier sind nicht gewalttätig, aber durchaus radikal. Das liegt in unserer politischen Kultur. Wir tragen einen gewerkschaftlichen Geist in uns, haben Forderungen – und gehen für sie auf die Straße."

Ende der 80er-Jahre habe es 8000 Streiks pro Jahr gegeben, sagt Djabi. Dieser algerische Geist der Rebellion trägt manchmal geradezu absurde Züge. Im Juli 2011 hindern Demonstranten in Algier Baufahrzeuge an der Weiterfahrt. Sie protestieren dagegen, dass ein Park, in dem Kinder gerne spielen, einem Parkplatz weichen soll. Die Polizei muss Gummigeschosse und Tränengas einsetzen. Ausnahmezustand wegen einer Grünanlage. Dahinter steht freilich mehr: der Zorn auf eine abgehobene Elite. Die tiefe Enttäuschung darüber, an den Verhältnissen nichts ändern zu können. Die "Hogra" eben. Gerade junge Algerier haben allen Grund, frustriert zu sein: Viele finden keinen Job und sehen sich außerstande, eine Familie zu gründen. Wohnungen fehlen, daher müssen sie auf kleinstem Raum mit Eltern und Geschwistern zusammenleben – teilweise auf dem Küchenboden übernachten. Privatsphäre gibt es nicht. Für Nacer Djabi ist der Zorn der Jugend auch ein Ausdruck sexueller Frustration:

"Die Jugendlichen verheiraten sich spät, die Männer im Alter von durchschnittlich 30. Für einen Moslem ist das spät! Denn schließlich hat er vor seiner Heirat in der Regel kein Sexualleben. Er kann keine Freundin haben, niemand bei sich empfangen. Er hat kein kleines Apartment wie seine Altersgenossen im Norden. Es gibt eine ganze Reihe Gründe dafür, dass die Jugend revoltiert."

Und die Jugendlichen sind in Algerien in der Mehrheit. Fast die Hälfte aller Algerier ist heute unter 20. Algerien leidet unter den Folgen eines Babybooms. Kommunikationsminister Nacer Mehal:

"Können wir alle Probleme der Jugend mit einem Zauberstab lösen? Natürlich nicht! Aber wir fördern die Entwicklung Algeriens, wir haben ein riesiges Infrastrukturprogramm aufgelegt. Algerien ist ein sehr junges Land, 75 Prozent der Menschen sind unter 30. Können Sie sich vorstellen, was das für eine Herausforderung ist?"

Die jungen Menschen wollen Jobs, Perspektiven und auch Teilhabe. Die erstarrte algerische Gesellschaft, die Heldengeschichten der alten Kämpfer haben sie satt. Sie wollen selbst zu Helden werden. Wie in Tunesien stecken sich auch in Algerien Dutzende junge Männer in Brand, um auf ihre miserable Lage aufmerksam zu machen.

Es ist ja nicht so, dass es Algerien nicht mit der Demokratie versucht hätte. Ende der 80er-Jahre erlebt Algerien seinen arabischen Frühling. Nach Aufständen lässt der damalige Präsident Bendjedid eine neue Verfassung ausarbeiten. Sie stärkt die Demokratie, indem sie die Einparteien-Herrschaft der FLN beendet, politische Freiheiten und Menschenrechte garantiert. Ende Dezember 1991 wird erstmals frei gewählt. Und das Ergebnis schockt viele: Im ersten Wahlgang gewinnt die FIS, die Islamische Heilsfront. Viele Algerier sind vom Sieg der Islamisten geschockt. Auch der Schriftsteller Boualem Sansal:

"Wir waren nicht wachsam. Da waren Leute, die haben nur auf den richtigen Moment gewartet. Sie haben diesen Moment provoziert - und die Macht ergriffen. Da hatten wir auf einmal eine islamistische Partei. Ich hatte bis 1988 noch nie von Islamismus gehört. Und auf einmal sind sie alle aus dem Schatten getreten. Sie hatten sich in den Moscheen versteckt, haben sich sofort organisiert. Diese Leute haben uns Angst eingejagt. Denn sie hatten ganz klare Ideen! Während wir geradezu besoffen waren vom Reden schwingen und vom Demonstrieren, waren diese Leute so erschreckend wach!"

Die Armee will das Wahlergebnis nicht akzeptieren. Sie putscht sich noch vor dem zweiten Wahlgang an die Macht. Der Verteidigungsminister löst das Parlament auf und ruft den Notstand aus. Die Islamisten, jetzt offiziell verboten, gehen in den Untergrund – und schwören Rache. Rache gegen den Staat, Rache gegen die Ungläubigen. In Algerien beginnt das "schwarze Jahrzehnt" - ein jahrelanger Bürgerkrieg. Boualem Sansal:

"Ich erinnere mich: 1993/94 kamen auf einmal diese Leute aus dem Busch. Menschen, die man von früher kannte – früher gut aussehend, nett. Und nun standen sie wieder vor einem: dreckig, mit langen Haaren, furchtbaren Klamotten. Man kann sagen, dass dieser Aufzug dazu da war, um Angst zu machen. So wie sich Indianer die Gesichter bemalt haben, wenn sie in den Krieg gezogen sind. Für uns war das das Ende der Welt. Wir haben das Haus nicht mehr verlassen, haben uns eingesperrt gefühlt. In solchen Zeiten stürzt alles ein. Die Begriffe Nation, Volk, Recht - all das fällt in sich zusammen."

Algerien erlebt über Jahre hinweg verheerende Terroranschläge und schlimmste Massaker. Ganze Dörfer werden ausradiert. Wer genau gegen wen kämpft – die Menschen wissen es nicht. Und doch tut die algerische Regierung so, als gäbe es keinen Bürgerkrieg. Der Historiker Benjamin Stora nennt ihn den "unsichtbaren Krieg":

"Die Akteure verstecken sich in dem Konflikt, man weiß nicht, wer sie sind. Der Staat will nicht anerkennen, dass es sich um einen Krieg handelt. Er spricht lieber vom 'Anti-Terrorkampf' oder den 'Ereignissen'. Aber auch die Islamisten wollen nicht von einem Krieg sprechen. Auch sie kämpfen hinter Masken, sagen, dass sie mit der Gewalt nichts zu tun haben. Ob maskierte Armeekommandos oder maskierte Islamisten: Keine der beiden Gruppen sagt, was sie will, was ihr Programm ist. Die schweigende Mehrheit Algeriens steht weder hinter der einen noch der anderen Gruppe."

Ein Konflikt, der zwischen zwei Gruppen ausgetragen wird. Ein Krieg, für den niemand die Verantwortung übernehmen will. Und bei dem viele Algerier zwischen die Fronten geraten. Mindestens 7000 Menschen sind in dieser Zeit einfach verschwunden. Von ihnen fehlt bis heute jede Spur.

Diese düstere Zeit ist seit gut zehn Jahren vorbei. Mit einer Generalamnestie hat Algeriens Präsident Bouteflika versucht, den Kreislauf von Terror und Rache zu durchbrechen. Mutmaßliche Täter können für Straftaten während des Bürgerkriegs nur noch unter besonderen Umständen zur Verantwortung gezogen werden. Das gilt sowohl für militante Islamisten wie auch für Sicherheitskräfte. Die Justiz packt die Dossiers aus dieser Zeit nicht mehr an. Bouteflika hat diese Amnestie 2005 per Volksabstimmung durchgesetzt. Sie soll helfen, dass sich das Land versöhnt. Um den Preis, dass über diese Zeit ein Mantel des Schweigens gelegt wird. Noch immer ist die Sicherheitslage in Teilen Algeriens angespannt. Besonders Ausländer sollten die Berggegend der Kabylei meiden. Und auch die algerische Wüste, wo Terroristen der Gruppe "Al Kaida im Islamischen Maghreb" Touristen entführt haben. Insgesamt aber ist das Land sicherer geworden. Der Notstand ist aufgehoben, in Algier öffnen zaghaft wieder Straßencafés. Regierungssprecher Nacer Mehal meint, Präsident Bouteflikas Versöhnungspolitik trage Früchte:

"Die enorme Verbesserung der Sicherheitslage erlaubt es, dass die Türen zur Entwicklung geöffnet werden. Mit der gewonnenen Stabilität und natürlich auch der Demokratie schaffen wir ein neues Algerien, mit sozialem, demokratischem und auch wirtschaftlichem Fortschritt.""

205 Milliarden Euro will Algerien zwischen 2010 und 2014 ausgeben. Ein Großteil des Geldes soll in die veraltete Infrastruktur des Landes gesteckt werden – in neue Straßen, Bahnstrecken oder dringend gebrauchte Sozialwohnungen. Eine gigantische Summe. Schulden muss Algerien nicht machen. Schließlich sind die Staatskassen dank des hohen Ölpreises gut gefüllt. Deswegen interessieren sich auch ausländische Unternehmen wieder verstärkt für Algerien. Vielleicht ist es dieser Geldsegen, der die Regierung von Präsident Bouteflika im Arabischen Frühling geschützt hat. Während in den Nachbarländern Regime wie Dominosteine fielen, machte seine Regierung rasch 20 Milliarden Euro locker – für soziale Zwecke. Nahrungsmittelpreise wurden gesenkt, junge Arbeitslose bekamen Direkthilfen und Sonderkredite geradezu nachgeworfen. Beamte durften sich über satte Gehaltserhöhungen freuen. Der Soziologe Nacer Djabi:

"Das ist eine Form von öffentlicher Korruption im großen Stil, um sich den sozialen Frieden zu erkaufen. Den Menschen, die derzeit an der Macht sind, geht es nur darum, die Probleme von heute lösen. Sie denken nicht ans Morgen. Sie sagen den Algeriern: Haltet den Mund, beruhigt euch, der Staat hat viel Geld – wir geben euch etwas davon, aber bewegt euch nicht!"

Bouteflikas Strategie ist bisher aufgegangen. Algerien ist nicht in den Strudel des Arabischen Frühlings geraten. Die Bürgerrechtsbewegung konnte nicht wirklich Fuß fassen. Das liegt nicht nur an der massiven Polizeipräsenz bei Demonstrationen, sondern auch daran, dass die meisten Algerier nach dem Bürgerkrieg mehr wollen als Frieden, Ruhe und Sicherheit. Mit Sorge verfolgen sie die Entwicklungen in Tunesien und Libyen. Sie sind bereit, ihre Wut herunterzuschlucken. Eine Wut, die sich anders als in Tunesien oder Ägypten nicht gegen den Staatschef richtet. Die Algerier wissen, dass es mit dem Rücktritt von Präsident Bouteflika nicht getan wäre. Er ist nur das Gesicht eines komplizierten Machtgefüges, in dem Schattenmänner die Strippen ziehen.

"Dieses Land kann nicht so weitermachen", sagt Ahmed, ein alter Mann aus der Kasbah. Er hofft, dass die Führer Algeriens die Zeichen der Zeit erkennen:

"Regieren heißt, in die Zukunft zu schauen. Algerien hat so viele Ressourcen und eine fantastische Jugend. Man muss ihr Rechte zugestehen und ihr klarmachen, dass ihre Heimat nicht Großbritannien, Frankreich oder Italien ist. Die Jugend von heute soll ihr Schicksal in die Hand nehmen dürfen, man muss ihr die Möglichkeiten dazu geben! Auch der Unabhängigkeitskrieg wurde ja von der Jugend angezettelt, von jungen Menschen zwischen 20 und 30. Ich hoffe, dass unsere Politiker verstanden haben, dass sie sich beeilen müssen, bevor sie der Lage nicht mehr Herr werden können. Das hier ist nicht Tunesien oder Ägypten. Wir haben eine ganz andere Mentalität als die!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk