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"Hohe Wachstumspotenziale" für deutsche IT-Branche

Ökonomin Irene Bertschek über den 7. IT-Gipfel in Essen

Irene Bertschek im Gespräch mit Sina Fröhndrich

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) auf dem nationalen IT-Gipfel in Essen
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) auf dem nationalen IT-Gipfel in Essen (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Im Vergleich zu anderen Branchen stehe die deutsche IT-Branche eigentlich sehr gut da, sagt Irene Bertschek vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung anlässlich des IT-Gipfels in Essen. Besonders in der Vernetzung von Industrie und Software lägen große Wachstumspotenziale, so die Ökonomin.

Sina Fröhndrich: Twitter, Google, Microsoft, allesamt erfolgreiche Unternehmen der IT-Branche und allesamt mit Sitz in den USA. Software AG, DATEV, IMC, auch das sind IT-Unternehmen mit Sitz in Deutschland, den wenigsten ein Begriff. Als Global Player ist vor allem das Software-Unternehmen SAP bekannt, und – so betonen Branchenkenner immer wieder – der Wert der Informationstechnik für die deutsche Wirtschaft werde unterschätzt. Deutlich kommuniziert wird das spätestens beim alljährlichen IT-Gipfel. In diesem Jahr trifft sich die Branche mit der Politik in Essen.

Und über die Bedeutung der IT-Branche habe ich mit Irene Bertschek vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung gesprochen. Sie hat heute auf dem Gipfel aktuelle Zahlen zur deutschen IT-Branche vorgelegt. Frage an Sie: Von einem deutschen Silicon Valley kann kaum die Rede sein – wie steht die Branche da?

Irene Bertschek: Die deutsche IKT-Branche steht eigentlich im Vergleich zu anderen Branchen sehr gut da. Es ist eine leistungsstarke, dynamische und innovative Branche. Um Ihnen vielleicht ein paar Kennzahlen zu nennen: Die IKT-Branche steuert 4,5 Prozent zur Bruttowertschöpfung, zur gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung bei, sie setzt 222 Milliarden Euro um und damit mehr als der Maschinenbau, und sie beschäftigt 843.000 Erwerbstätige, und das ist auch mehr als beispielsweise in der Traditionsbranche Automobilbau.

Außerdem ist es eine sehr innovative Branche. 77 Prozent der Unternehmen in der IKT-Branche haben im letzten Jahr eine Innovation realisiert, und das ist ein sehr hoher Anteil im Vergleich zu anderen Branchen. Also eigentlich steht die Branche sehr gut da.

Fröhndrich: Jetzt ist es aber so, dass man eigentlich als Global Player nur ein Unternehmen kennt, das ist SAP, Europas größter Software-Hersteller, und dann kommt lange nichts. Woran liegt das?

Bertschek: Ja zum Teil vielleicht an der Wahrnehmung. Es ist richtig: SAP ist allen bekannt. Aber es gibt auch viele andere Unternehmen in der Software-Branche wie die Software AG, DATEV oder viele kleine Software-Unternehmen, die international erfolgreich sind, die aber vielleicht nicht so wahrgenommen werden.

Ich denke, zum Teil liegt es daran, dass zum großen Teil Dienstleistungen produziert oder hergestellt werden und dass es sich dabei um Dienstleistungen handelt, die nicht so sichtbar sind. Ein Automobil, ein Auto ist eben sichtbar für jeden, Software ist oft versteckt. Also ich denke, es ist auch eine Wahrnehmungsfrage.

Fröhndrich: Wahrnehmung ist das eine. Das andere ist, was Wirtschaftsminister Philipp Rösler heute auch auf dem Gipfel angesprochen hat, dass die IT-Branche noch Wachstumschancen hat international gesehen, dass sie noch mehr könne auch in der Vernetzung mit der Industrie. Wie schätzen Sie das ein? Geht da noch mehr?

Bertschek: Es gibt sicherlich noch hohe Wachstumspotenziale. Deutschland hat ja durch seinen starken Industriefokus einen Standortvorteil in diesem Bereich, und deswegen denke ich, dass gerade in der Vernetzung von Industrie und Software große Potenziale liegen. Als Beispiel möchte ich den Begriff embedded systems nennen, also eingebettete Software, das heißt Software, die in realen Produkten sozusagen wie Maschinen oder Autos und so weiter eingebettet sind und da zu neuen Produktinnovationen führen können. Da liegen sicherlich große Potenziale gerade für den Standort Deutschland.

Fröhndrich: Um diese Potenziale am Ende auch zu nutzen, braucht es Fachkräfte. Das ist ein Thema auch auf dem Gipfel. Welche Rahmenbedingungen müssen auch von der politischen Seite noch geschaffen werden?

Bertschek: Sicherlich ist es hilfreich, wenn man den beseitigen möchte und Fachkräfte ins Land holen möchte aus dem Ausland. Das war jetzt hier auch Thema beim Gipfel, dass man dann die Restriktionen für die Einreise einfach erleichtert, zum Beispiel die bürokratischen Hürden für eine Einreise erleichtert.

Was auch immer wieder ein Thema ist: Die Ausstellung von Visa ist oft ein Problem, sowohl für Deutsche, die ins Ausland wollen, als auch für Ausländer, die nach Deutschland wollen, sei es auch nur für einen begrenzten Zeitraum, um hier sich weiterzubilden oder temporär in einem Unternehmen mitzuarbeiten. Dann ist das eine sehr große Hürde und ich glaube, hier könnte man schon viel erreichen, wenn man die Ausstellung von Visa erleichtern würde.

Fröhndrich: Schauen wir noch mal auf die Zukunft der Branche. Bis 2020, so hat es Philipp Rösler, der Bundeswirtschaftsminister, heute ausgegeben, soll die IT-Branche international gesehen in der Liga der ersten drei mitspielen. Wie wahrscheinlich ist es, und werden wir dann auch mal ein Amazon, Google oder Twitter aus Deutschland haben?

Bertschek: Wenn wir natürlich jetzt unsere Hausaufgaben machen und bestimmte Maßnahmen intensivieren – viele Maßnahmen sind ja auch schon gestartet worden, beispielsweise Ausbau der Netze und so weiter -, dann besteht sicherlich die Möglichkeit, dass Deutschland hier weiter nach oben steigt. Aber dieses Ranking hängt natürlich auch immer davon ab: von den Kriterien, die man zugrunde legt, von der Länderauswahl, mit denen man Deutschland dann auch vergleicht. Und ich denke, wir sollten auf unsere Stärken setzen, Industrie und IT miteinander zu verknüpfen, also die Bereiche Industrie, Energie, intelligente Netze. Da sehe ich Wachstumspotenziale für Deutschland.

Fröhndrich: …, sagt die Ökonomin Irene Bertschek über die deutsche IT-Branche.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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