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StartseiteInterview"Helfen wird nicht als Anliegen gesehen"27.01.2016

Holocaust-Gedenktag "Helfen wird nicht als Anliegen gesehen"

In Deutschland werden die Gräuel in der Nazi-Zeit als Grund zum Helfen herangezogen, sagte die jüdische Bloggerin Juna Grossmann im DLF. Helfen müsse jedoch aus einem demokratischen Verständnis heraus entstehen und eine Herzensangelegenheit sein.

Juna Grossmann im Gespräch mit Sandra Schulz

Flüchtlinge gehen an der deutsch-österreichischen Grenze nahe Wegscheid nach Deutschland.  (dpa-Bildfunk / Armin Weigel)
Helfen dürfe nicht aus einer Last der Geschichte entstehen, meint die Bloggerin Juna Grossmann (dpa-Bildfunk / Armin Weigel)
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Grossmann betonte, dass Deutschland nicht immer die Geschichte als Grund nehmen müsse, um zu handeln. Es sollte, so die Bloggerin, eine Selbstverständlichkeit sein, dass Minderheiten und Flüchtlinge geschützt würden.

Rassismus wird heute offen rausgebrüllt

Im Hinblick auf den heutigen Holocaust-Gedenktag und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 71 Jahren sagte sie: "Ich glaube nicht, dass der Antisemitismus mehr geworden ist. Der ist immer da gewesen. Das was jetzt tatsächlich anders ist, dass er sich viel lauter äußert, aber nicht nur der Antisemitismus, sondern der Rassismus allgemein, dass er auf der Straße rausgebrüllt wird." Juden oder anderen Minderheiten zu sagen, dass sie verschwinden sollen, dass sie es nicht wert seien hier zu leben, werde immer offener ausgesprochen, sagte Grossmann.


Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: Heute vor 71 Jahren, am 27. Januar 1945, da befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Schätzungen zufolge ermordeten die Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau mindestens 1,1 Millionen Menschen, die meisten von ihnen Juden. Der 27. Januar ist in Deutschland seit 20 Jahren ein Gedenktag. Weltweit wird heute an vielen Orten der Opfer des Holocaust gedacht. Aber der 27. Januar ist kein Tag, an dem wir nur zurückschauen können oder wollen. Es gibt viele Jüdinnen und Juden, die sich in Deutschland auch im Jahr 2016 nicht oder nicht mehr sicher fühlen. Die Sicherheitsvorkehrungen an jüdischen Schulen sind erheblich. Beleidigungen, Angriffe sorgen für große Verunsicherung, und darüber wollen wir in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon ist die Bloggerin und Autorin Juna Grossmann. Ihr Blog heißt www.irgendwiejuedisch.com. Schönen guten Morgen!

Juna Grossmann: Guten Morgen.

Schulz: Wie manifest ist die Bedrohung für Sie?

Grossmann: Aktuell jetzt für mich persönlich ist sicherlich keine Bedrohung, aber es ist inzwischen schon so, dass man sich vielleicht eher umschaut, wenn man aus dem Haus geht, gerade wenn man jetzt nicht so ganz unbekannt ist. Dank Impressumspflicht steht ja auch meine Adresse im Blog. Das hat sich mit Sicherheit geändert in den letzten Jahren.

Schulz: Wie sehen die Menschen das in Ihrem Umfeld?

Grossmann: Denen ist das, glaube ich, gar nicht so bewusst. Ich habe festgestellt, jetzt gerade in der letzten Zeit, dass man die Sachen wirklich aussprechen muss, dass man sie sagen muss und eben im direkten Umfeld, weil das gar nicht bewusst ist. Die Leute sind wirklich schockiert und empört, weil man sich das nicht vorstellen kann im Jahr 2016, aber es ist leider so.

Schulz: Was ist leider so?

Grossmann: Dass es immer offener geworden ist, Juden oder anderen Minderheiten zu sagen, dass sie verschwinden sollen, dass sie es nicht wert sind, hier zu leben, dass sie was auch immer für Fehler machen, auch wenn man persönlich damit gar nichts zu tun hat. So Fälle wie neulich in den "Tagesthemen" beschrieben, die sind quasi Alltag, die sind nichts Besonderes, und ich glaube, jeder Jude hat das schon mal auf die eine oder andere Art erlebt.

"Ich glaube auch nicht, dass der Antisemitismus mehr geworden ist"

Schulz: Ist das ein neuer Antisemitismus?

Grossmann: Nein, ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass der Antisemitismus mehr geworden ist. Ich bin immer sehr überrascht, wenn neue Studien rauskommen und alle ganz erstaunt sind über den angeblich wachsenden Antisemitismus. Der ist immer da gewesen. Das was jetzt anders ist tatsächlich ist, dass er sich viel lauter äußert, aber nicht nur der Antisemitismus, sondern der Rassismus allgemein, dass er auf der Straße rausgebrüllt wird, dass jeder meint, er muss da seine Missliebigkeiten äußern, und überhaupt nicht nachdenkt, was er da von sich gibt.

Schulz: Sind das allgemein schroffer werdende Auseinandersetzungen? Sie haben in den "Tagesthemen" ja auch gesagt, Sie hätten nicht das Gefühl, dass die Sicherheit und Freiheit ein Anliegen der Deutschen sei, ein Anliegen, das von Herzen kommt. Das ist mir aufgefallen. Wir leben ja jetzt in Zeiten, in denen viele vieles als unsicher empfinden. Ist das dann nicht fast sozusagen Teil einer neuen Normalität? Haben wir da was gemeinsam?

Grossmann: Ich hoffe nicht, dass es eine Normalität wird. Ich denke aber, das was ich da gemeint habe mit dem Herzensanliegen, wenn es um Juden und wenn es um Antisemitismus geht oder auch dann um die Verfolgung von Euthanasie-Opfern oder irgendwas, dann geht es immer darum, wir dürfen das nicht machen in Deutschland, weil wir diese Geschichte haben. Wir dürfen das und das nicht machen, weil wir diese Geschichte haben. Und ich möchte einfach daran appellieren, dass wir das alles nicht tun dürfen und dass es ein Tabu ist, nicht weil wir diese Geschichte haben in diesem Land, sondern einfach, weil es sich nicht gehört, weil wir in einem demokratischen Staat leben, in dem Minderheiten geschützt werden müssen und in dem Flüchtlingen geholfen werden muss, egal woher sie kommen zunächst, dass wir die Geschichte vielleicht, so sie auch da ist, aber nicht immer als Grund nehmen, irgendwas zu tun. Es kommt mir immer so vor, als würde alles, was geholfen wird oder was gesagt wird, immer nur deshalb genommen und nicht, weil es wirklich ein Anliegen ist, weil es einfach eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass man geschützt wird, wenn man eine Minderheit ist und wenn man bedroht ist unter Umständen.

"Ich stelle trotz allem immer wieder fest, wie wenig Wissen da ist"

Schulz: Aber das Gegenteil, die Geschichte außen vor zu lassen oder nicht zu nennen, wäre das nicht fast fataler?

Grossmann: Das sage ich ja nicht. Die Bildung muss schon da sein. Das bemängele ich auch. Ich stelle trotz allem immer wieder fest, wie wenig Wissen da ist, wirkliches Wissen, außer das Runterrattern von Jahreszahlen. Das auf keinen Fall. Aber es geht mir einfach darum, dass manche Sachen selbstverständlich sein sollen, weil wir in einer Demokratie leben, und nicht, weil wir eine Geschichte haben, sondern wir haben einfach Grundsätze. Die stehen auch im Grundgesetz drin und darum geht es. Daran müssen wir uns halten. Ich möchte einfach nicht mehr so oft erleben müssen, dass wenn ich schon mal sage, dass ich Jüdin bin, dass man - - Wir bekommen immer ganz merkwürdige Reaktionen, so ein ganz betretenes Schweigen, oder wir merken schon, die Leute sind unglaublich unsicher uns gegenüber, und damit kommen wir nicht weiter. Man muss uns gegenüber nicht unsicher sein. Wir sind auch ganz normale Menschen und wir tun niemandem was, gerade jetzt die jüngeren Generationen.

"Man muss miteinander reden"

Schulz: Sie fordern da eine Lockerheit ein, die - jetzt komme ich noch mal darauf zurück - viele Deutsche wegen der Geschichte nicht haben. Wie können wir denn dahinkommen?

Grossmann: Wir müssen mehr miteinander reden. Das ist, glaube ich, das Hauptproblem. Es ist wie in jeder guten Beziehung: Man muss miteinander reden. Ich stelle fest, dass das ganz schwierig ist, und natürlich können wir wenigen Juden, die wir nun mal sind in Deutschland, nicht mit jedem befreundet sein, um da ein normaleres Verhältnis hinzubekommen, aber wir können damit anfangen, und vielleicht ist es auch eine ganz große Chance, oder ich sehe es auch als ganz große Chance in den sozialen Medien, wo einfach Grenzen weniger da sind. Wenn ich mir anschaue: Am letzten Freitagabend zum Beispiel ging zumindest in meiner Timeline auf Twitter ein gegenseitiges Wünschen von Schabbat Schalom für den Schabbat los von Nichtjuden. Es wurde nicht initiiert von jüdischen Twitterern, sondern von Nichtjuden, einfach nur, weil sie es schön fanden. Das finde ich so ein kleines Stück von Normalität, das da ist. Mich hat das sehr berührt und sehr, sehr gefreut.

Schulz: Es gab aus Israel die Einladung von Ministerpräsident Netanjahu: Wenn es euch zu unsicher ist in Deutschland, dann kommt doch. Wie sehen Sie das?

Grossmann: Das bekommt man ja sowieso immer gesagt, dass das Land der Juden Israel ist. Das ist auch selbstverständlich. Ich bin persönlich keine Zionistin, aber ich bin unendlich froh, den Vorteil zu haben, dass es da dieses Land gibt, diese Lebensversicherung, wo ich hin kann. Ob ich das jetzt von mir aus heute machen würde, nein. Wenn ich in ein anderes Land ziehe, möchte ich das nicht, weil ich meine Heimat verlassen muss, sondern weil ich will. Und wohin ich dann gehe, wer weiß es schon, aber im Moment ist das hier meine Heimat und ich habe keine Gedanken, jetzt freiwillig irgendwie hier wegzugehen. Ich fühle mich hier wohl.

Schulz: Die Bloggerin und Autorin Juna Grossmann heute hier in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Danke Ihnen ganz herzlich.

Grossmann: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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