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StartseiteBüchermarkt"Homo faber" trifft "Gantenbein"22.01.2007

"Homo faber" trifft "Gantenbein"

Rolf Dobelli frischt Max Frisch auf

Der Schweizer Autor Rolf Dobelli ist in erster Linie Manager, ein mathematischer Geist, der vor fünf Jahren auf die Idee verfiel, Geschichten schreiben zu wollen. Das tut der 40-Jährige seitdem nebenberuflich mit bemerkenswertem Talent. Sein dritter Roman "Himmelreich" tönt eine ganze Weile ähnlich wie Max Frisch, doch dann überrascht er.

Von Christine Heuer

Rolf Dobelli ist in erster Linie Manager. (Stock.XCHNG / Giuseppe C)
Rolf Dobelli ist in erster Linie Manager. (Stock.XCHNG / Giuseppe C)

"Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen. Unsere Maschine war, wie üblich auf dieser Strecke, eine Super-Constellation."

Nein. Stopp. Falsches Buch. Nochmal von vorn:

"Zürich - New York. Abflug mit Verspätung, wofür sich bei mir niemand zu entschuldigen braucht - schon gar nicht der Pilot. Verspätungen sind meine Rettung vor der Realität."

So also beginnt "Himmelreich", der dritte und jüngste Roman des Schweizers Rolf Dobelli. Nicht nur tönt das wie Max Frisch. Auch die Geschichte liest sich wie "Homo faber" meets "Gantenbein", Zufälle ausgeschlossen. Die Ähnlichkeiten sind gewollt.

"Frisch, ja, ja, ich mag ihn sehr gut. Und weil ich eben ziemlich viel Frisch gelesen habe, frischelts immer in meinen Büchern. Ich mag ihn von der Sprache her, Frisch, ich mag ihn aber auch von den Themen her. Also: das Problem Identität, Beziehung, Frauen, Sinn des Lebens, Lebensentwürfe, Thema Biografie - das sind alles Themen, die mir auch nahe liegen. In der Schweiz wird man entweder in den Frisch-Pott geworfen, oder man wird in den Dürrenmatt-Pott geworfen als Schweizer Schriftsteller. Ich bin ganz klar im Frisch-Teich drin und schwimme nicht im Dürrenmatt-Teich."

Der so munter im Frisch-Teich schwimmt, Rolf Dobelli, ist in erster Linie Manager, ein mathematischer Geist, der vor fünf Jahren auf die Idee verfiel, Geschichten schreiben zu wollen. Das tut der 40-Jährige seitdem nebenberuflich mit bemerkenswertem Talent. Für seinen Erstling "Fünfunddreißig" fand er auf Anhieb den Diogenes-Verlag. Dort ist auch die Fortsetzung "Und was machen Sie beruflich?" erschienen, genauso wie jetzt "Himmelreich". Und genauso wie jetzt "Himmelreich" ist der Held der beiden ersten Romane ein Manager erst in der Sinn-, dann in der Lebenskrise.

Der Autor Rolf Dobelli schreibt über ein Milieu, von dem der Manager Dobelli etwas versteht. Seine Firma get abstract liefert derweil erfolgreich Dienstleistungen für Menschen mit wenig Zeit. Bei get abstract kann der gestresste Manager lesen lassen: die Klassiker der Wirtschaftstheorie werden in Kürzestversionen präsentiert. Seit einiger Zeit gilt das auch für die Klassiker der Weltliteratur.

"Himmelreich" läse sich bei get abstract ungefähr so: Der erfolgreiche Manager Philipp Himmelreich, Mann der Zahlen und Fakten, verheiratet, keine Kinder, verliebt sich in die Buchhändlerin Josephine, Hüterin der Geschichten und Emotionen. Am Vorabend seiner Versetzung nach New York beendet er die Affäre. Denn "das Leben ist nun einmal keine Buchhandlung", glaubt er. Trotzdem verbringt Himmelreich seinen Transatlantikflug mit Tagträumen darüber, wie es auch anders hätte kommen können. Wenn Josephine ihn nicht hätte gehen lassen, wenn sie ihn aus seinem starr geregelten Leben entführt hätte, mit ihm und einem ansehnlichen Lösegeld durch halb Europa gereist wäre, wenn sie beide auf einer Jolle den Atlantik überquert und auf einer fiktiven Kleinstinsel vor der südamerikanischen Küste ein bescheidenes, aber glückliches Leben geführt hätten. Wenn, wenn, wenn ... Himmelreich probiert Geschichten an wie Kleider. So weit, so bekannt

"Das ist eine "Homo faber"-Geschichte, diese ganze Reise durch Europa, diese romantische Art des Tagtraums. Und zum zweiten ist es "Gantenbein", mit den Ehekonflikten oder Beziehungskonflikten. Ein bisschen "Stiller" kann auch noch drin mitschwingen: Identitätsproblematik, wer bin ich überhaupt? Bin ich der Manager, oder bin ich wirklich irgendwie ein anderer Mensch?"

Eine Frisch-Kopie, und sei sie noch so treffsicher, wer wollte die lesen? Doch dann leistet sich Dobelli etwas Verblüffendes. Denn die anprobierten Geschichten passen seinem Helden plötzlich. Irgendwie. Himmelreichs Fantasien brechen in die Wirklichkeit ein und sein Leben auf. In seinen unhaltbar gewordenen New Yorker Alltag mit Chefsessel im Büro und einer unglücklichen Ehefrau zu Hause platzt die Anklage, Himmelreich habe in der Schweiz eine Buchhändlerin namens Josephine entführt. Es gibt ein belastendes Videoband, Ermittlungen gegen Himmelreich. Es gibt anderthalb Todesfälle und ein Kind und am Ende einen Aufbruch des Helden in eine unbeschriebene Zukunft. Dobelli lässt Max Frisch hinter sich, indem er ihn konsequent zu Ende schreibt.

"Was Frisch natürlich nie geschrieben hätte, ist dort, wo sich die beiden Ebenen treffen, also die Fantasie-Ebene und die Realitätsebene. Da hätte er gesagt, das ist nicht rational, das ist nicht vernünftig, das kann gar nicht funktionieren. Man hätte es auch rational irgendwie auflösen können, die ganze Geschichte, frischmäßig. Aber, nein, ich wollte einmal damit spielen, mit diesem irrationalen Element."

Was bei diesem Spiel herauskommt, dem Spiel mit literarischen Vorbildern und ihrer Verfremdung, ist natürlich Ironie. Dem Autor macht das Spaß. Auf Seiten der Leser ist es nicht jeder Manns Sache:

"Viele Leser, männliche Leser, schreiben mir, das hätte sie total befremdet, da kommen sie nicht mit raus, ich soll das ihnen erklären, wie das jetzt geht. Da sage ich: Da gibt es nichts zu erklären, das ist halt jetzt ein bisschen mystisch, das ist ein bisschen irrational. Das müsst ihr jetzt einfach so nehmen. Die Frauen haben da kein Problem damit."

Da wäre die Welt also wieder in Ordnung, in der Verwirrung der männlichen und der Hinnahme der weiblichen Leser. Die Unordnung, die Dobelli in stereotype Gegensätze bringt, ist spannender und bei aller Unwahrscheinlichkeit vermutlich auch wahrer als die Wirklichkeit. Da ist er wieder, der alte Frisch, aufgefrischt von einem jungen Schweizer, der die Prosa seines literarischen Vorbilds zu Ende und damit ad absurdum führt: in einer elegant sachlichen Sprache übrigens und mit sparsam, aber punktgenau eingesetztem Wortwitz.

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