• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterview"Man hat Angst vor der Reaktion der Fans im Stadion"09.01.2014

Homosexualität im Fussball"Man hat Angst vor der Reaktion der Fans im Stadion"

Das Coming-Out des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger dürfte gar nicht so ein riesiges Echo erfahren, sagte der ehemalige Manager von Werder Bremen, Willi Lemke, im Deutschlandfunk. Dennoch könne er die Zurückhaltung verstehen aus Angst vor der Reaktion der Fans.

Willi Lemke, UNO-Sonderberater für Sport und ehemaliger Manager von Werder Bremen (picture-alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Willi Lemke, UNO-Sonderberater für Sport und ehemaliger Manager von Werder Bremen (picture-alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Weiterführende Information

Hitzlsperger | Homosexualität gehört zum Profisport (Deutschlandfunk, Aktuell, 09.01.2014)

Homosexualität im Fussball | "Ein langwieriger und schwieriger Prozess" (Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 08.01.2014)

Tobias Armbrüster: Und am Telefon ist jetzt Willi Lemke; er ist ehemaliger Manager von Werder Bremen, heute sportpolitischer Berater bei den Vereinten Nationen. Schönen guten Morgen, Herr Lemke!

Willi Lemke: Guten Morgen, Herr Armbrüster

Armbrüster: Herr Lemke, wenn ein Profifußballer oder ein ehemaliger Profifußballer im Jahr 2014 sagt „ich bin schwul“ – warum ist das immer noch so etwas Besonderes?

Lemke: Ja, das ist eine absolut berechtigte Frage, denn innerhalb unserer gesamten Gesellschaft ist ja das eigentlich überhaupt kein Thema mehr, das jetzt die Massen so aufrüttelt wie dieses Outing! Sehen Sie, wir haben einen Minister gehabt, von dem es klar war, wie seine Neigungen sind, so sage ich mal. Wir haben ganz viele bekannte Stars und hoch profilierte und qualifizierte Menschen um uns herum, und das ist das Normalste von der Welt, sage ich aus meiner langjährigen Erfahrung. Das ist eigentlich gar kein großes Thema.

Aber es gibt verschiedene Domänen, zum Beispiel den Profifußball, wo das jetzt wirklich sehr, sehr heiß diskutiert wird und wo man sagt, ja, warum ist das nicht schon früher passiert, und wann kommt der erste aktive Fußballer. Denn es ist ja noch ein Unterschied, ob ich das jetzt aus der Distanz mache, so wie Thomas das gemacht hat – wo ich übrigens ganz klar sage, prima, dass er es gemacht hat, er ist damit wirklich ein Vorbild für viele andere, die nachfolgen werden, davon bin ich fest überzeugt, und das ist sehr positiv, sehr gut.

Angst vor unfairen Attacken

Aber als ich vorhin die Kommentare bei Ihnen gehört habe, habe ich gesagt, eigentlich haben diejenigen recht, die sagen: Ist das wirklich so eine Riesenmeldung wert, die jetzt durch alle Medien heute und gestern ja auch schon beginnend, geht. Ich denke fast, das muss eher normal sein, was er gemacht hat und dürfte gar nicht so ein riesiges Echo erfahren. Da er aber der Erste ist, muss er damit leben, dass jetzt, wann immer über dieses Thema diskutiert wird, sein Fall als erster beschrieben wird.

Armbrüster: Die Frage, die sich ja heute Morgen alle stellen, ist: Ist der Fußball sozusagen eine der letzten Domänen, in denen noch die Homophobie vorherrscht, die ganz offene Schwulenfeindlichkeit?

Lemke: Ich kann mir noch ein paar andere Sportarten vorstellen, also wenn ich mal ans Profiboxen denke, das würde möglicherweise noch schwieriger sein für jemanden, der jetzt als Profiboxer tätig ist.

Armbrüster: Warum ist das in diesen Sportarten so, in denen es vielleicht etwas körperbetonter ist?

Lemke: Ich denke, dass das eine sehr, sehr starke Männersportart ist, also das Boxen, der Fußball primär auch, aber Gott sei Dank haben wir dort ja auch eine Entwicklung hin zum Frauensport, wo übrigens es völlig normal ist, dass man darüber redet, es gibt viele Frauen, die Fußball spielen, von denen man annimmt oder die sich auch dazu bekennen, dass sie auch lesbisch sind. Und das ist völlig normal, und das akzeptieren wir.

Aber im Profisport, im Profifußballsport, Entschuldigung, oder im Boxen zum Beispiel, denke ich, dass das sehr schwierig ist für einen Boxer oder einen aktiven Fußballer – du stehst immer im Rampenlicht, bitte nicht vergessen, Sonnabend für Sonnabend, Sonntag für Sonntag stehst du auf dem Feld und wirst zum Teil sehr, sehr unfair attackiert, manchmal vom Gegenspieler, sehr, sehr häufig von den Fans aus den Kurven der Vereine, die dann Spott und Häme möglicherweise verbreiten über irgendwelche Dinge, die sie über Spieler herauskriegen. Das ist mehrfach passiert, dass ich das beobachten konnte in den Stadien, und davor fürchten sich natürlich die Fußballer.

Armbrüster: Aber warum ist denn Homosexualität in solchen Sportarten, auch im Fußball, dann ein Zeichen von Schwäche, wenn wir es eigentlich in allen oder in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen als völlig normal ansehen?

Lemke: Ich weiß nicht, ob es als Schwäche interpretiert wird. Und das möchte ich auch noch mal sagen, es gibt ja eine Geschichte der Homosexualität und des Umgangs in unserer Gesellschaft in Deutschland damit. Also ich bin ja nun ein älteres Semester. Ich weiß noch genau, über den § 175 in Deutschland, der ja erst sehr, sehr spät offiziell abgeschafft worden ist. Und das hat eine Geschichte, die müssen wir erst verarbeiten. Ich finde unseren Umgang in Deutschland ausgesprochen positiv. Wenn sich bei uns einer outet, dann sagt man ja, so what, was ist das Problem. Nun, im Profifußball ist es etwas anderes.

"Der soll Fußball spielen, das ist unser Mann"

Und wenn Sie sagen, warum hat man Angst – man hat Angst, glaube ich, wenn man homosexuell ist, vor der gesellschaftlichen Reaktion, jetzt in diesem Fall vor der Reaktion der Fans im Stadion. Und zwar nicht der eigenen – die eigenen Fans, denke ich, werden sehr gut damit umgehen können, weil sie sagen, das ist ein klasse Fußballer, und ob der aus einem afrikanischen Land kommt oder aus einem asiatischen, ob der schwul ist oder nicht schwul ist, das ist völlig egal. Der soll Fußball spielen, das ist unser Mann.

Und da gibt es vielleicht eine ganz kleine Minderheit, die sagt, na ja, musste der sich nun erklären, oder wie auch immer. Ich glaube, dass es wirklich fällig ist, dass man diesen Schritt erwartet von aktiven Fußballern. Aber das ist noch schwieriger, als es jetzt bei Thomas Hitzlsperger gewesen ist, denn der geht nicht mehr jetzt in ein öffentliches Stadion, sondern der wird in den nächsten Wochen in ganz vielen Fernsehshows zu sehen sein, vermute ich. Wenn er selber nicht hingeht, weil er sagt, jetzt ist gut, das habe ich aus seiner Videobotschaft so verstanden, dann hat er noch mehr Respekt von mir, weil es sollte normal sein, absolut normal in unserer Gesellschaft, dass man darüber auch nicht jetzt seitenlang und minutenlang diskutieren muss.

Armbrüster: Herr Lemke, aber die Tatsache, dass das nicht normal ist im deutschen Fußball, sind dafür auch die Bundesliga-Klubs mit verantwortlich?

Lemke: Nein, das glaube ich überhaupt nicht, sondern – das sehen Sie auch an der Reaktion jetzt des DFB oder der DFL, und sicherlich auch in den nächsten Tagen an vielen Reaktionen aus den Vereinen. Aber viele Dinge, die passieren im Stadion, und dass, sage ich mal – der Bereich des Rassismus ist ja etwas relativ Ähnliches – das ist latent vorhanden, dass es rassistische Vorurteile gibt.

Und selbst, wenn es sie nicht gibt, wird es genutzt, um Stimmung zu machen, um den Gegner zu verletzen, um den Gegner zu schwächen, um ihn nervös zu machen. Und das wird vermutlich, vielleicht liege ich da auch falsch, aber vielleicht ist das ein Grund, weshalb Homosexualität in den Stadien leider nicht so gesellschaftlich akzeptiert ist, wie es normalerweise in unserer Gesellschaft Gott sei Dank so ist.

Armbrüster: Willi Lemke war das, der ehemalige Manager von Werder Bremen, heute sportpolitischer Berater bei den Vereinten Nationen. Besten Dank, Herr Lemke, für dieses Interview.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk