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StartseiteTag für TagUnüberhörbares Rumoren21.04.2017

Homosexuelle Katholiken in ItalienUnüberhörbares Rumoren

Italien wirkt auf den ersten Blick so liberal wie Deutschland. Doch bei Fragen wie Homosexualität tut Italien sich schwer. Lebenspartnerschaften für Homosexuelle gibt es erst seit Kurzem. Die katholische Kirche hat in Moralfragen einiges mitzureden. Doch auch sie scheint ihre Positionen langsam zu ändern. Die Worte des Papstes zeigen Wirkung.

Von Thomas Migge

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Homosexuelle Katholiken werden offensiver - liegt das auch an den Worten von Papst Franziskus? (picture alliance / dpa / Fabio Frustaci / Eidon)
Die homosexuellen Katholiken sind auf dem Weg - und Papst Franziskus macht ihnen Mut (picture alliance / dpa / Fabio Frustaci / Eidon)
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"Wenn jemand schwul ist, den Herrn sucht und guten Willen hat, wer bin ich, über ihn zu urteilen?"

Ob Papst Franziskus sich klar darüber war, welche Wirkung seine Worte haben würden, ist unbekannt. "Wer bin ich…?" - das sagte er im Juli 2013 während seines Rückflugs aus Rio de Janeiro nach Rom im Flugzeug vor Journalisten. Dass sie eine enorme Wirkung haben, macht das, so die italienische Tageszeitung "la Repubblica" vor Kurzem, "immer lauter werdende Rumoren unter Italiens homosexuellen Katholiken" deutlich. Ein "unüberhörbares Rumoren", so auch die Zeitung "Avvenire", herausgegeben von der italienischen Bischofskonferenz.

"Die Hoffnung stirbt zuletzt"

Praktizierende homosexuelle Katholiken hoffen, mehr Gehör als bisher in ihrer Kirche zu finden. Vor allem in Italien, wo es zwar seit einigen Monaten eine Art Partnerschaftsgesetz nach deutschem Vorbild gibt, aber mit weitaus weniger Rechten für betroffene Paare. In einem Italien, wo ein Kuss zwischen zwei Männern im Staatsfernsehen immer noch undenkbar ist; und wo Homosexualität zwar relativ offen gelebt, aber nicht in dem Maße akzeptiert ist wie in anderen Ländern.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, meint Vinicio Lamodena aus Rom. Er ist Grundschullehrer, homosexuell und praktizierender Katholik. Die Worte des Papstes hätten in ihrer Klarheit alles übertroffen, was Italiens Politiker bisher zum Thema sagten:

"Er hat klar gesagt, dass ein homosexueller Christ wie jeder andere Christ lebt und glaubt. Papst Franziskus sagte genau das, was wir schwule Christen seit Jahren sagen: Wir suchen Christus genauso wie jeder andere Christ"

"Ein schwuler Christ hat es schwer hier bei uns"

Vinicio ist Mitglied des Forums schwuler und lesbischer Christen in Italien. Es belastet ihn, dass ihn ein Teil seiner Kirche immer noch als Gläubigen zweiter Klasse behandelt:

"Ein schwuler Christ hat es schwer hier bei uns. Immer wieder werden wir als Homosexuelle von Geistlichen scharf verurteilt, ohne dass die Kirchenleitung diese homophoben Priester zur Ordnung ruft. Das tut sehr weh. Deshalb bin ich Mitglied dieser Vereinigung geworden, um gemeinsam unsere Stimme in der Kirche erheben zu können. Es ist ja so, dass uns auch ein Teil der Kirchenhierarchie immer noch scharf verurteilt"

"Das sind doch alles Sauereien!"

Die Worte des Papstes spalten die Kirchenhierarchie und das Kirchenvolk. Ganz offen verurteilen zahlreiche Geistliche die Einstellung des Papstes zu homosexuellen Christen. Wie etwa Don Massimiliano Pusceddu. Der sardische Geistliche aus Vallermosa spricht sich in seinen Predigten regelmäßig gegen, Zitat, "Perverse" aus, die in der Kirche "nichts zu suchen" hätten:

"Was für eine Idee von wahrem Glauben können Schwule schon vermitteln? Das sind doch alles Sauereien! Die Heilige Schrift sagt, was mit Homosexuellen geschehen muss. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer, dass solche Menschen den Tod verdienen."

"Wir müssen entschiedener auftreten"

Immer öfter gehen Italiens homosexuelle Christen auf die Straße und demonstrieren für ihre Rechte. Wie vor Kurzem in Rom. Homosexuelle Christen, so der Psychologe Pietro Tacconi, müssten innerhalb der Kirche lauter und selbstbewusster auftreten als bisher:

"Ich bin mit meinem Freund verheiratet, diese Ehe wurde in den USA geschlossen und sie wird hier nicht anerkannt. Die schönen Worte des Papstes werden vielleicht etwas ändern. Aber wir müssen entschiedener auftreten, sonst dauert das zu lang"

Ähnlich denkt auch Ex-Priester Mario Bonfanti:

"Ich bin ja immer noch Priester, auch wenn ich keine Gemeinde mehr haben darf, seit ich mein Outing vollzogen habe. Das ist aber kein Problem für mich"

Bonfanti predigt nach wie vor. In Gemeinden, die ihn, in offenem Widerspruch zur Kirchenleitung, dazu einladen. Bonfanti ist einer der bekanntesten Wortführer der immer entschiedener auftretenden homosexuellen Katholiken Italiens. Vor allem in Norditalien schießen Organisationen dieser Christen seit Kurzem wie Pilze aus dem Boden. Unterstützt werden sie dabei auch von einigen wenigen Bischöfen, wie etwa von Luigi Bettazzi, dem emeritierten Bischof von Ivrea in Norditalien.

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