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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein "dead man walking"04.12.2017

Horst SeehoferKein "dead man walking"

Auch wenn man ihn heute mehrfach als "dead man walking" bezeichnet hat - noch sei Horst Seehofers Karriere nicht zu Ende, kommentiert Michael Watzke. Denn Seehofer besitze drei Eigenschaften, die seinem Nachfolger, dem designierten bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, bislang fehlten.

Von Michael Watzke

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Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und der bayerische Finanzminister Markus Söder unterhalten sich im Juli 2016 in München (Bayern) vor Beginn der CSU Vorstandssitzung (dpa / Sven Hoppe)
Horst Seehofer (links) genieße bei vielen Bayern immer noch einen Vertrauensvorschuss, den Markus Söder (rechts) noch nicht bekommen hat, kommentiert Michael Watzke (dpa / Sven Hoppe)
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"Dead man walking" ist ein amerikanischer Spielfilm. Der deutsche Filmtitel heißt "Sein letzter Gang". Wie passend. Horst Seehofer hat sich heute mehrfach als "dead man walking" bezeichnen lassen müssen. Sein letzter Gang führt aber - zumindest politisch - nicht aufs Schafott, sondern nach Berlin.

Dort, neben Angela Merkel und Martin Schulz, ist Seehofer kein "dead man walking". Er ist eher der Einäugige unter Blinden. Noch ist die erstaunliche Karriere des Horst Seehofer nicht zu Ende. Zwar muss sich Seehofer jetzt den Chefsessel mit Markus Söder teilen. Aber Seehofer besitzt drei Eigenschaften, die seinem bisherigen Widersacher und seit heute Busenfreund Markus Söder fehlen.

Der Mittelfranke braucht den Oberbayern

Erstens: Seehofer ist Oberbayer. Söder nicht. Und Oberbayern spielt eine entscheidende Rolle bei der Landtagswahl in Bayern im nächsten Herbst. Denn ohne die Unterstützung des mächtigen und einwohnerstarken Bezirks zwischen Ingolstadt und Traunstein wird aus Markus Söder nie ein vom Volk gewählter bayerischer Ministerpräsident.

Der Mittelfranke Söder braucht den Oberbayern Seehofer. Vor allem, weil sich die oberbayerische CSU-Chefin Ilse Aigner wohl kaum mit ganzer Kraft für Söder ins Zeug werfen wird. Schließlich hat die Wirtschaftsministerin die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Bayerns erste Ministerpräsidentin zu werden - wenn Söder scheitert.

Mit Charme und Berlin-Kenntnis

Zweitens: Seehofer kennt Berlin. Söder nicht. Der kennt höchstens das Berliner Talkshow-Studio von Anne Will. Aber ohne Erfolg in Berlin wird die CSU auch in Bayern auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Drittens - und wohl am wichtigsten: Seehofer besitzt eine spezielle Art von Charme, die Söder abgeht. Seehofer hat ein Gespür für Wähler, das Söder nicht hat. Seehofer, obwohl wankelmütig, unzuverlässig und ein Schlitzohr vor dem Herrn, genießt bei vielen Bayern immer noch einen Vertrauensvorschuss, den Söder noch nicht bekommen hat und nur schwer erarbeiten kann.

Ein Abschied auf Raten

Söder weiß das. Noch braucht er Seehofer. Die beiden sind zwei Halb-Starke. Der eine nicht mehr, der andere noch nicht stark genug für die ganze Macht. Aber wenn Söder mit Seehofers Hilfe die Landtagswahl 2018 in Bayern gewinnt - oder wenigstens nicht krachend verliert - dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er nach dem CSU-Vorsitz greift. So war das in Bayern fast immer: Starke Anführer haben früher oder später beide Ämter an sich gezogen. Strauß, Stoiber, Seehofer - sie alle waren Ministerpräsident und Parteichef in einem.

Es ist also ein Abschied auf Raten, was vor einer Woche noch ein Raten über den Abschied war. Und eines muss man Horst Seehofer zugestehen: Er hat zwar lange gezögert und gezaudert, aber heute ist ihm gelungen, den Machtwechsel erstaunlich geordnet einzuleiten. Das schaffen längst nicht alle in der Politik. Denn mal ehrlich: Wer lässt sich schon gern als "dead man walking" bezeichnen?

Michael Watzke  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Michael Watzke (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

 

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