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StartseiteBüchermarktHort deutscher Geistesgeschichte16.03.2005

Hort deutscher Geistesgeschichte

Jürgen Manthey porträtiert Königsberg

Am Ende des Zweiten Weltkriegs galt Königsberg als Inbegriff des preußischen Militarismus. Stalin ließ die Stadt bei ihrer Eroberung zerstören und die Erinnerung an ihre deutsche Geschichte tilgen. Jürgen Manthey gelingt es nun in seinem neuen Buch Königsberg als herausragendes Kapitel deutscher Geistesgeschichte zu porträtieren.

Von Martin Sander

Das Grab von Immanuel Kant in Kaliningrad, ehemals Königsberg (AP)
Das Grab von Immanuel Kant in Kaliningrad, ehemals Königsberg (AP)

Als der brandenburgische Kurfürst Friedrich IIII. sich im Jahre 1701 die Königskrone aufsetzte, tat er das mit Rücksicht auf das habsburgische Kaiserhaus außerhalb der Grenzen des damaligen deutschen Reichs - in Königsberg. Erst kurz zuvor war Königsberg als Residenzstadt des Herzogtums Preußen durch ein vorwiegend diplomatisches Mächtespiel dem Brandenburgischen Staat einverleibt worden. Später nannte sich der Staat der Hohenzollern in seiner Gesamtheit Preußen. Berlin war Hauptstadt. Königsberg blieb Krönungsort, auch für Friedrich den Großen, der die Zeremonie am Pregel eilig hinter sich brachte und bereits in der folgenden Nacht wieder abfuhr. Von dem an der Königsberger Universität lehrenden Philosophen und Aufklärer Immanuel Kant hielt Friedrich der Große Zeit seines Lebens nichts. Der selbstbewußten und friedliebenden Bürgerschaft von Königsberg misstraute der kriegerische Monarch zutiefst.

Zwei Jahrhunderte später, am Ende des Zweiten Weltkriegs, galt Königsberg als Inbegriff des preußischen Militarismus - jedenfalls den sowjetischen Machthabern. Stalin ließ die Stadt bei Ihrer Eroberung gründlich zerstören und die Erinnerung an ihre deutsche Geschichte nicht weniger gründlich tilgen. 1947 verließen die letzten Deutschen die Stadt, die auf der Potsdamer Konferenz der Sowjetunion zugesprochen worden war. Die Geschichte Königsbergs geriet allerdings auch in Deutschland nach und nach in Vergessenheit. Der in Münster lebende Literaturwissenschaftler Jürgen Manthey hat sie durch ein siebenhundertfünfzig Seiten starkes Werk in Erinnerung gerufen - und dabei mit manchem Vorurteil aufgeräumt:

"Für mich war das eine große Entdeckungsgeschichte. Denn wir erwarten - soweit wir überhaupt noch etwas von diesem Ort und diesem Namen wissen - ja wahrscheinlich so eine Art Hochburg des preußischen Militarismus, eine Festung gen Osten usw. Das Gegenteil ist richtig. Diese siebenhundertfünfzig Jahre Königsberg, wobei ja die eigentliche Königsberger Zeit nur bis 1945 geht - ist eine einzige Geschichte der Opposition gegen den Preußengeist, gegen die Monarchie, gegen den preußischen Absolutismus. Es ist eine Bürgeropposition, eine ewige Auseinandersetzung mit den zentralistischen Kräften erst in Preußen und später in Deutschland."

Jürgen Manthey, Jahrgang 1932, hat als Kind im ostpreußischen Elbing gelebt. Königsberg kennt er nur von einem kurzen Ausflug in den Zoo. Nicht die persönliche Erinnerung bildet den Ausgang seiner Arbeit, sondern das Bedürfnis, die Rolle der Stadt in der politischen und geistigen Geschichte der Deutschen neu zu bestimmen. Königsberg am Frischen Haff, dessen Grundstein der deutsche Orden vermutlich im Jahre 1255 legte, gilt Manthey als Weltbürgerrepublik. Früher und deutlicher als sonst in Deutschland hätten sich an diesem Ort, der sich mit den Namen Kant, Hamann und Herder verbindet, bürgerliches Selbstbewußtsein und ein liberales Politikverständnis etablieren können.

"Es sind drei Faktoren, die einmalig sind in dieser Stadt: Erstens mal dieser starke Staat, der ja aus den Ordenszeiten stammt. Der Ordensstaat war der modernste Administrativstaat des Mittelalters. Die Ordensritter durften sich nur um den Staat kümmern. Die durften keinen Besitz erwerben. Hatten ihre Ämter nur auf kurze Zeit. Also kurzum: Der Staat war das große Ziel ihrer Aktivitäten. Dann der Kaufmannsgeist dagegen. Die Handelsstadt, die ja auch sehr stark war, weil sie an einem sehr prominenten Ort zwischen Ost und West situiert war. Und der dritte Faktor, der ganz wichtig ist: Als dieser Ordensstaat 1525 säkularisiert wird und sofort ein protestantischer Staat wird, der erste auf deutschem Boden, da wird auch sofort eine Universität gegründet. Und diese drei Faktoren, Kaufmannsgeist, Staatsklugheit, wenn man es positiv wenden will, und die Gelehrtenrepublik, dieses Nebeneinander, Gegeneinander, Miteinander, hat diese Stadt und überhaupt diese ganze Ausstrahlung des Ortes geprägt."

Seine These bedient der Autor mit Detailstudien aus sieben Jahrhunderten Literatur und Politik in Königsberg. Den im Deutschland des 17. Jahrhunderts weithin berühmten Barockdichter Simon Dach stellt er als Prototyp des Königsberger Bürgers vor. Wenn Dach das in seinen Zeiten übliche Fürstenlob in Versform vortrug, dann verleugnete er nicht sein bürgerliches Selbstbewusstsein. Simon Dach verstand es, auf zwei Hochzeiten zu tanzen, ohne sich zwischen die Stühle zu setzen. Der Fall des Kaufmanns und Richters Hieronymus Roth steht wiederum für die politische Entschiedenheit des Königsberger Bürgertums im 17. Jahrhundert. Hieronymus Roth opponiert vehement gegen die damals noch von außen angemeldeten Machtansprüche des Kurfürsten von Brandenburg. Der Brandenburger Landesherr besitze kein Recht auf Militärhoheit am Pregel. Der Bürger Roth droht dem Kurfürsten, sich in dieser Angelegenheit mit dem polnischen Monarchen zu verbünden.

Bereits Jahrzehnte vor diesem Konflikt und früher als in allen brandenburgischen Städten hatte man in Königsberg die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben. Es gebe mehr zu tun, als entlaufenen Knechten hinterherzulaufen, hieß es lapidar. Dabei achtete man die staatliche Autorität von Ordensmeistern, Herzögen und Kurfürsten alles andere als gering:

"Diese starke Staatsautorität ist der Grund, warum hier eben eine sehr ausgeprägte Bürgeropposition sich ausbilden mußte, um sich zu wehren, um sich zu behaupten und - ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Faktor - gegenüber dieser starken Staatsautorität keine Chancen hatte, das mit Gewalt auszutragen. Das konnte man also nur auf dem Gebiet der Worte, der Denkschriften, der Gutachten, also juristischer Instrumente. Das hat eine Rechts- und eine Streitkultur an diesem Ort ausgebildet, die sich vom Mittelalter her lange, lange durch diese Jahrhunderte entwickelt und steigert und natürlich nachher in Kant einen exzellenten Kopf findet, der das auf eine begriffliche Ebene hebt und damit auch weitergibt an das neunzehnte, ja, bis ins zwanzigste Jahrhundert."

"Recht ist die Einschränkung der Freiheit eines jeden auf die Bedingungen ihrer Zusammenstimmung mit der Freiheit von jedermann."

Dieses Diktum aus Kants politischer Philosophie konnte - so Manthey - auf keinem anderen Grund wachsen als dem von Königsberg. Bis zu seiner Vereinigung 1724 bestand es übrigens aus drei unabhängigen Städten und einer Residenz. Im frühen 18. Jahrhundert verzeichnete Königsberg 40.600 Einwohner und damit doppelt soviel wie Berlin. Immanuel Kant und seine Zeitgenossen lebten zwar am Ostrand von Preußen-Brandenburg, doch keineswegs an dessen Peripherie. Mehr noch, Königsberg bildete einen Schnittpunkt europäischer Kulturen. Um eine Professur an der Königsberger Universität muß sich Kant bei der russischen Zarin, Katharina II. bewerben. Immerhin vier Jahre, von 1758 bis 1762 war die Stadt russisch - und damit alles andere als unglücklich.

"Die Russen damals, die Offiziere sowohl wie auch die eingesetzten Beamten treten außerordentlich liberal auf. Wir haben von dem russischen Adel im 18. Jahrhundert ein völlig falsches Bild, wenn wir annehmen, das seien brutale wie die preußischen Junker und reaktionäre Leute gewesen. Es waren hoch im französischen Geist gebildete Leute, und die führten nach Königsberg ein neues Element ein, was sich ausgewirkt hat auch auf die Gesprächs-, auf die Gesellschafts- und Geselligkeitskultur. Ich würde sogar eine Formel prägen: Kant ist ja ein Star in diesen Salons und Geselligkeiten der Stadt. Und da sind auch in dieser Zeit Adlige eben aus Rußland, und die steuern die Formen, die Formen der Aristokratie bei. Und die Bürger steuern die Inhalte bei."

Diese weltbürgerlichen "Inhalte" findet Jürgen Manthey nicht nur bei Kant, sondern auch bei Zeitgenossen wie dem Politiker und Schriftsteller Theodor Gottlieb Hippel oder dem "republikanischen" Musiker Johann Friedrich Reichardt. In der Gestalt von Johann Gottlieb Fichte beschreibt Manthey dann einen prominenten Antipoden seines Königsberger Geistes. Fichte, der aus Jena vertriebene Metaphysiker und Begründer der "Wissenschaftslehre", hält im Wintersemester 1806/07 Vorlesungen an der Albertina, der Universität der Stadt. In Königsberg bereitet er auch seine mit viel nationalem Pathos aufgeladenen antinapoleonischen "Reden an die deutsche Nation" vor, die er dann ein Jahr später in Berlin halten wird. Doch Fichtes "vaterländische Dauererregung" findet keinen Widerhall am Pregel. Von seinen Studenten wird dieser Philosoph angefeindet. Man wirft ihm sogar die Fensterscheiben ein, wenn auch womöglich "nur" wegen des von ihm erhobenen Vorlesungshonorars. Zu einem Zeitpunkt, als Königsberg zu einem zentralen Schauplatz für die liberale Reform des preußischen Staates wird, verläßt Fichte die Stadt und schreibt:

"Königsberg ist nicht mein Ort. Es kommt mir vor, als ob die Königsberger kein Herz hätten, sondern die leere Stelle nur eine unnatürliche Erweiterung des Magens ausfüllte."

Königsberg bleibt bis ins zwanzigste Jahrhundert ein Schauplatz aufgeklärter Politik, mit der man sich gegen den deutschen Obrigkeitsstaat stellt. Dafür stehen Theodor von Schön, der liberale preußische Staatsmann und Reformer, Eduard von Simon, Vater der ersten deutschen Verfassung, und schließlich Sozialdemokraten wie Hugo Haase oder Otto Braun, Preußens Ministerpräsident in der Weimarer Republik. Trotz allem: Ein nicht zuletzt von Fichte inspiriertes nationalistisches Denken erreicht mit Verspätung dann auch Königsberg. Es findet seinen Ausdruck in der völkisch-antiurbanen Dichtung eines Ernst Wiechert oder einer Agnes Miegel. Es stellt sich dar in einer dann schon nationalsozialistischen Geschichts- und Sozialwissenschaft der dreißiger und vierziger Jahre, an der Königsberger Universität stark vertreten von Theodor Schieder, Werner Conze oder Arnold Gehlen. Dass der Wind am Ende auch in Königsberg scharf gedreht hatte, verschweigt der Autor der vorliegenden "Geschichte einer Weltbürgerrepublik" keineswegs:

"Der Letzte auf dem Kant-Lehrstuhl für Philosophie ist Konrad Lorenz, ein Verhaltensforscher. Und der hat versucht die Kantschen "a prioris", also daß gewisse Dinge von vornherein festgelegt sind, in den Genen zu entdecken. Also die Biologie sollte den Menschen festlegen: rassisch, kulturell und so weiter..."

"Die Aufklärung ging auch in Königsberg unter, allerdings nicht ganz und gar. Die 1906 als Kind jüdischer Eltern geborene, in Königsberg aufgewachsene Philosophin und Kant-Schülerin Hannah Arendt musste Deutschland 1933 verlassen. Gleichwohl hat sie im Rückblick einmal bekannt:"

"In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich immer noch aus Königsberg. Manchmal verheimliche ich mir das. Aber es ist so."

Jürgen Manthey ist es gelungen, die Geschichte dieser untergegangenen deutschen Stadt als ein herausragendes Kapitel deutscher Geistesgeschichte zu erzählen - beeindruckend in der Fülle des Materials, spannend in der intellektuellen und politischen Zuspitzung.

Jürgen Manthey: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik
Hanser Verlag

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