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StartseiteCorsoAuf die Tränendrüse 14.04.2018

Hot-Chip-Sänger Alexis Taylor soloAuf die Tränendrüse

Der Sänger der britischen Elektroband Hot Chip, Alexis Taylor, vereint solo seine vielfältigen Ambitionen zwischen Dancefloor, Avantgarde-Pop und Pianoballade. Auf seinem neuen Album "Beauti­ful Thing" will er sein Publikum unbedingt überraschen, bewegen - und zu Tränen rühren.

Von Bernd Lechler

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Alexis Taylor mit einem Cowboyhut aus Käse neigt seinen Kopf einem Haarwaschbecken zu (Domino Records / Ronald Dick)
Alexis Taylor hat sich für sein neues Album mit dem Produzenten Tim Goldsworthy zusammengetan (Domino Records / Ronald Dick)
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Wie macht man interessante Musik?

Vielleicht, indem man Störgeräusche durch eine liebliche Bal­lade zischen lässt? Oder indem man gerade als Indieheld mit in­tellektuellen Fans seine Textzeilen mit "Oh Baby" beginnt?

"Oh Baby!"

Bestimmt aber erst mal, indem man sich mit einem interessanten Producer zusam­men­ tut. Alexis Tay­lor, sonst eher künstlerischer Selbstversorger, ent­schied sich dies­mal für den britischen Wahl-New-Yorker Tim Goldsworthy:

"Er ist für Triphop mit Unkle und das Label Mo' Wax bekannt; er hat das DFA-Label mit James Murphy von LCD Soundsystem ge­gründet, so ein Disco-Punk-Funk-Ding. Aber ich wollte gar kei­nen 'ty­pischen' Sound von ihm. Ich wollte wissen, was ihm zu meinem Song­writing einfällt und dann hoffentlich einen Weg ein­schlagen, der nicht vorherzusehen war."

Wir wollen emotional angegangen werden

Unfälle erwünscht. Für den Titeltrack hatte Alexis Taylor sei­­nem Produzenten ein Demo nur mit Rhythmus und Bass geschickt; Melodie und Text hatte er im Kopf. Als Golds­worthy die Datei in seinem Musikprogramm öffnete, wurden Bass und Beat leicht ge­gen­ein­an­der ver­schoben. An dieser Version arbei­tete Golds­worthy ahnungslos weiter - bis Taylor wieder dazukam und irgendwann sagte: "Ich kann zu dieser Basslinie nicht singen!"

"Er sagte: 'Aber die hat so einen tollen afrikanischen Groove, wie hast du das überhaupt gemacht!?' Und ich sagte: 'Überhaupt nicht. Ich hatte es so gemacht!' Am Ende fanden wir einen gu­ten Kompromiss, es blieben beide Versionen drin. Für die Live­auftritte quält sich jetzt mein Bassist damit, weil die Linie so gegen das Spielgefühl geht."

Den Albumtitel "Beautiful Thing", sagt Alexis Taylor, kann man auf Erlebnisse, Be­ziehungen, Musik beziehen - was wir im Leben eben alles austauschen. Inte­ressant. Aber unter uns: Wen in­te­ressiert schon interessante Musik? Emotional angegangen wollen wir werden, am Kragen ge­packt oder wenigstens geschubst. Oder zu Tränen gerührt? Man muss das fragen, denn Alexis Taylor, kleiner Mann mit großer Brille, zierlichen Händen und leisem Lächeln, hat nach eigener Angabe selbst nah am Wasser gebaut.

"Natürlich berührt mich nicht jeder Song auf diese Art; manche tun ja sehr mächtig und lassen mich trotzdem völlig kalt. Aber dann gibt es zum Beispiel diesen Folksong 'Lord Ronald', von Alasdair Roberts, den stehe ich nicht durch, ohne zu weinen. Es ist ein Story-Song, an dessen Ende der Erzähler, der vergiftet wurde und sterben muss, enthüllt, dass seine Partnerin ihm das angetan hat."

Experiment und Pop

Ist das der geheime ultimative Ehrgeiz des Songwriters, inte­ressant oder nicht: unsere Tränenkanäle zu öffnen?

"Ich würde nicht sagen, dass ich direkt darauf abziele. Aber man soll schon etwas fühlen. Etwas, das einen über­rascht oder das man gerne fühlt - bei Musik ist man ja auch gern traurig. Wenn es Dich gar nicht erreicht, dann bin ich gescheitert. Aber wenn es Dich ein bisschen be­wegt… Zumindest ist es das, was ich als Hörer mag."

Auf "Beautiful Things" bringt Alexis Taylor alle seine Seiten sehr überzeugend zusam­men: Experiment und Pop, Break­beats und Songs, die wie in Zeitlupe schweben. Understatement und Über­dreh­tes, Herz und Intellekt. Zum täuschend balladesken "Roll On Blank Tapes" erzählt er noch, dass da manche Zeilen nur drinstünden, weil die Silben den passenden Klang hatten. Ganz anders als beim ähnlich getragenen Schlusstrack "Out Of Time":

"Man spürt, dass der Song melancholisch und traurig ist - für mich handelt er vom Zustand der Welt, Donald Trump, solchen Sachen. Ganz direkt. Dagegen ist 'Roll On Blank Tapes' eher abstrakt. Ich mag das neben­­einander, die Leute sollen es rausfinden. Ein bisschen fordern darf es schon. Wenn das nicht zu pompös klingt."

Alexis Taylor spielt am 9. September auf dem Lollapalooza-Festival in Berlin und am 19. September in Köln. 

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