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StartseiteInterviewHumboldt war "kein Mann des wissenschaftlichen Elfenbeinturms"06.05.2009

Humboldt war "kein Mann des wissenschaftlichen Elfenbeinturms"

Wissenschaftler lobt Neugier des großen Weltentdeckers

Anlässlich des 150. Todestages Alexander von Humboldts hat der Humboldt-Forscher Ottmar Ette den Wissenschaftler als originellen Querdenker gewürdigt. Humboldt habe vieles vorgedacht, was in der heutigen Zeit für das Zusammenleben dringend nötig sei. Gleichzeitig habe er immer bekräftigt, dass die Wissenschaft nicht nur für eine Elite bestimmt sei, so Ette.

Ottmar Ette im Gespräch mit Elke Durak

Alexander von Humboldt (1769-1859) auf einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806. (AP Archiv)
Alexander von Humboldt (1769-1859) auf einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806. (AP Archiv)
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Humboldt 2009

Elke Durak: Die Humboldts kennt doch jeder, wenigstens dem Namen nach. In fast jeder größeren Stadt gibt es mindestens eine Humboldt-Schule, in Berlin gar eine Universität. Die beiden gehören zu den Wissenschaftlern schlechthin. Man nennt sie auch immer noch Gelehrte, allgemein gebildet, sehr vielseitig, keine Fachidioten. Heute wollen wir uns also mit Alexander von Humboldt beschäftigen, einem der beiden großen Weltentdecker. Vor 150 Jahren - ich habe es gesagt - ist er gestorben und fast überall auf der Welt gedenkt man seiner an diesem Tag, in dieser Woche. Alexander von Humboldt hat es meinem Gesprächspartner auch sehr angetan: Professor Ottmar Ette. Er lehrt am Institut für Romanistik an der Universität in Potsdam. Ich habe ihn gefragt, was ihn, den Literaturwissenschaftler, so an Alexander von Humboldt fasziniert?

Ottmar Ette: Mich faszinieren eigentlich viele Dinge an ihm. Er ist zum einen ein wirklich fantastisch anregender Mensch, ein inspirierender Mensch, der eine Vielzahl von Disziplinen quergedacht hat. Es ist ein herausragender Wissenschaftler, der durch seine große Originalität auffällt. Es ist jemand, der eine glückende Wissenschaft auch auf den Weg gebracht hat, mit seinem Enthusiasmus, und der für uns heute sehr vieles vorgedacht hat von dem, was wir eigentlich dringend benötigen, auch gerade mit Blick auf das Zusammenleben in Zukunft.

Durak: Worin bestand denn diese Originalität?

Ette: Die Originalität Alexander von Humboldts besteht zum einen darin, dass er sich niemals disziplinieren ließ. Das ist eigentlich ein, wenn Sie so wollen, undiszipliniert Disziplinierter oder ein diszipliniert Undisziplinierter. Er hat immer etwas zusammengedacht, was er zunächst auseinandergesetzt hat. Das heißt, er hat zunächst einmal die verschiedensten Formen des Wissens sich selbst auch auseinandergesetzt und anderen auseinandergesetzt, um dann in einem zweiten Schritt wieder diese unterschiedlichsten Denkformen, Ergebnisse seines Denkens zusammenzudenken. Genau in dieser Bewegung des Zusammendenkens besteht eigentlich das Faszinosum Humboldt. Das heißt, er hat auch etwas getan, das wir, glaube ich, im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend verloren haben, nämlich im Kontext der zwei Kulturen die unterschiedlichsten Formen des Wissens für uns selbst auch auf unser eigenes Leben, auch auf das Leben unserer Gemeinschaft und unserer Gesellschaft hinzubeziehen.

Durak: Welche zwei Kulturen meinen Sie?

Ette: Ich meine zunächst einmal die beiden Kulturen, die Alexander von Humboldt selbst auch immer wieder auseinanderdividiert hat, um sie dann neu zusammenzusetzen. Er nannte das die "Science exact" auf der einen Seite, also die exakten Wissenschaften, und auf der anderen Seite die auf den Menschen bezogenen Wissenschaften. Wir könnten also durchaus davon sprechen, dass er sehr wohl Kultur und Naturwissenschaften auch schon in seiner Zeit differenziert gedacht hat, aber eben aus seiner Sicht heraus, die beide notwendig miteinander zusammendenkt.

Durak: Das heißt, Alexander von Humboldt war nur zu jener Zeit möglich, heute könnte er so nicht forschen und als Gelehrter durch die Welt streifen?

Ette: Nun, er könnte sozusagen in multipler Form präsent sein, denn er hat beispielsweise die unterschiedlichsten Formen des Lebens aufeinander bezogen. Wir haben uns fast schon daran gewöhnt, dass wir die Lebenswissenschaften, die "Life Sciences", als etwas aus einer rein biotechnologisch-medizinischen Sicht heraus Denkbares sehen, verstehen. Bei Humboldt lernen wir, dass Bios eben ganz wesentlich auch die kulturelle Dimension des Lebens mitbedingt, mitdenkt und eben aufeinander bezieht. Insofern können wir beispielsweise von Alexander von Humboldt lernen, Lebenswissenschaften wieder neu zu denken, nämlich als etwas, das uns auch mit Blick auf unsere eigene Position im Universum oder, um es mit Humboldts Worten zu sagen, im Kosmos neu zu verstehen lehrt.

Durak: Ich glaube dennoch, dass so wie Alexander von Humboldt gelebt, gelehrt hat das heute so nicht möglich wäre, oder er müsste Milliardär sein und sich selbst finanzieren, denn sich nichts vorschreiben lassen und multipel sozusagen präsent sein, wenn ich das richtig übersetze, das heißt doch, sich nicht in ein Institut zum Beispiel wie Sie einbinden lassen müssen, sich nicht in eine Wissenschaftsform der heutigen Zeit einbinden lassen, und das geht nicht.

Ette: Das geht eigentlich nicht, da haben Sie völlig Recht. Andererseits muss man natürlich sagen, Alexander von Humboldt, der 1829, als er auf der russisch-sibirischen Reise war, vehement protestierte, als ihn sein Bruder einbinden wollte, nämlich zum ersten Intendanten jenes ersten Museums auf der Museumsinsel machen wollte, das wir heute das Alte Museum nennen, da protestierte sein Bruder Alexander ganz vehement und verwahrte sich dagegen, irgendein Direktor einer "Galerie", wie er sich damals ausdrückte, oder einer festen Institution zu werden, und doch war Alexander von Humboldt - und darin besteht eben gerade dieses diszipliniert undisziplinierte - eine Figur, die wie keine andere im 19. Jahrhundert in Europa die Fäden der Wissenschaft zog. Das heißt, er verstand etwas von Wissenschaftsmanagement, er verstand etwas davon, wo man Forschungsgelder, wie wir heute sagen würden, hindirigieren kann, er verstand etwas davon, wie die Zirkulationen des Wissens sind, und man könnte durchaus eine Menge lernen, auch mit Blick auf unsere Exzellenz-Cluster und Exzellenz-Universitäten, wenn wir vielleicht ein Stückchen mehr die Humboldtsche Universität als die von Wilhelm und Alexander verstehen würden.

Durak: Professor Ette, wenn es Ihnen gelänge oder wenn Sie es versuchten, jungen Leuten, die keine Gymnasien besuchen, jungen Leuten zu sagen, zu erklären, wer dieser Mann war, damit man sich auch als junger Mensch, der eigentlich mit Lehren, mit Bildung wenig zu tun hat, doch mit dem beschäftigen kann, was wäre das Faszinierende?

Ette: Ich glaube, das Faszinierende aus dieser Perspektive wäre zunächst die Neugier, die Neugier eines Menschen, der eigentlich nie genug wissen kann. Das zweite wäre sicherlich zu verstehen, dass Alexander von Humboldt ein Mensch des Aufbruchs und des Aufbrechens ist und nicht ein Mensch des Ankommens. Das heißt, es geht ihm nicht so sehr darum, irgendwo anzukommen, um dann glücklich zu werden, sondern er ist glücklich während des Aufbrechens und während der Reise. Ich glaube, auch hier hat Humboldt uns sehr, sehr viel zu sagen. Es ist eine Figur, die eben nicht der Meinung ist, dass das Glück darin besteht, irgendwo unterzukommen, irgendwo dann den eigenen Platz zu finden und zur Ruhe zu kommen, sondern dass das eigentliche Glück im Sinne einer Herausforderung immer darin besteht, auf dem Weg zu sein, auf dem Sprung zu sein.

Durak: Man könnte es auch so übersetzen: sich nichts gefallen lassen, immer Fragen stellen und jede Antwort erneut in Frage stellen, oder?

Ette: Ja. Ich glaube, das kann man sehr gut so formulieren. Alexander von Humboldt, der ja vom Volksmund in Berlin, der es ja immer sehr genau weiß, im Gegensatz zum Gesandten, der Preußen in Paris vertrat, Geschickter genannt wurde, ein Diplomat, der scharfzüngig war und von daher natürlich auch in gewisser Weise ein Oxymoron ist, also Dinge miteinander zu verbinden weiß, die eigentlich gar nicht miteinander verbunden werden können, kann uns genau dies zeigen, wie Sie es formuliert haben, also eine zukünftige Figur des Wissens und der Wissenschaften, die gleichzeitig immer auch weiß, dass das Wissen nicht nur etwas für eine Elite ist, nicht nur salonfähig zu machen ist, sondern eben gesellschaftsfähig zu machen ist, für eine große, möglichst breite Öffentlichkeit zugänglich sein muss, kein Mann des wissenschaftlichen Elfenbeinturms.

Durak: Professor Ottmar Ette, Literaturwissenschaftler an der Universität in Potsdam.

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