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Freitag, 24.11.2017
StartseiteCorso"Die da unten gegen die da oben" 23.05.2017

Humor in Zeitschriften"Die da unten gegen die da oben"

Von der Kaiserzeit über das Dritte Reich bis zur Wiedervereinigung: Worüber man lacht, hat sich in den vergangenen 100 Jahren stark verändert, wie die Ausstellung "Brausepulver im Nachtgeschirr" zeigt. "Der Sinn des Humors ist das Machtstrukturen zersetzende Lachen", sagte Kuratorin Stefanie Jacobs im DLF.

Stephanie Jacobs im Corsogespräch mit Thekla Jahn

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Scherenschnitt von Alwin Freund-Beliani (Deutsche Nationalbibliothek)
Scherenschnitt von Alwin Freund-Beliani, zu sehen in der Ausstellung "Brausepulver im Nachtgeschirr" in Leipzig (Deutsche Nationalbibliothek)
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Thekla Jahn: Wer lacht mit wem wann über wen? Dieser Frage geht eine Ausstellung in Leipzig nach - im Deutschen Buch- und Schriftmuseum, das zur Deutschen Nationalbibliothek gehört. Die Macher haben sich angeschaut, wie sich in den vergangenen 100 Jahren der Humor in deutschen Zeitschriften verändert hat. "Brausepulver im Nachtgeschirr" - so ist die Ausstellung betitelt und uns zugeschaltet ist nun Stefanie Jacobs, die Leiterin des Museums. Schönen guten Tag.

Stephanie Jacobs: Schönen guten Tag, Frau Jahn.

Jahn: Frau Jacobs, zur Wiedervereinigung hat sich damals die westdeutsche Satire-Zeitschrift "Titanic" ein Cover ausgedacht, das nicht nur selbiges, sondern auch die 17-jährige "Zonen-Gaby" unvergesslich machte. Während ihr vor Freude eine dicke Träne über die Wangen kullert, präsentiert sie stolz eine halbgeschälte Gurke mit den Worten: "Meine erste Banane". BRD-Humor. Wie reagierte die DDR-Satirefront im Blätterwald auf die Wiedervereinigung?

Jacobs: Ja, das ist eine ganz spitze Satire, die wir ausdrücklich auch in die kleine Auswahl innerhalb der Ausstellung aufgenommen haben, weil sie mythischen Charakter hat. Sie hat etwas zu tun mit dem alten Tucholsky, der mal sagte: Was darf Satire?

Jahn: Alles.

Jacobs: Alles. Sie setzt wirklich alles auf Provokation und das - ich sage das als Frau - in einer Formensprache, in einer Objektsprache, die wirklich ganz grässlich ist. Also ich habe lang mit mir gerungen, tatsächlich ja zu sagen zu diesem wirklich fürchterlich frauenfeindlichen Objekt. Aber: Das ist eben Satire. Sie will aufreißen, sie will reizen. Und das tut sie noch heute. Das merken wir durchaus auch im Gespräch mit den Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung hier in Leipzig. Das ist eine Setzung, die heute noch wehtut in ganz verschiedener Hinsicht oder heute noch zum Brüllen komisch wirkt - je nachdem, aus welcher Perspektive man schaut.

"In autokratischen Staaten etwas ganz Schwieriges"

Jahn: Hatte die DDR denn tatsächlich einen Gegensatire-Vorschlag in Ihren Zeitschriften? Also zum Beispiel im "Eulenspiegel" oder in anderen Zeitschriften?

Jacobs: Ja, Sie haben vollkommen Recht. "Eulenspiegel", den müsste man wirklich in diesem Kontext kommunizieren. Es ist so, dass die Frage nach Karikatur und Humor in Diktaturen oder autokratischen Staaten etwas ganz Schwieriges ist, weil das Wesen des Humors eigentlich das "Von unten gegen die da oben" ist. Und das ist natürlich in Demokratien auch ein wunderbarer Protest-Gestus, aber in autokratischen Staaten nur bedingt auch machbar. Aber natürlich gab es ganz wunderbaren Humor und natürlich gab es zersetzenden Humor, der aber häufig gar nicht die Plattform der Zeitschrift erreicht, sondern darunter sozusagen.

Jahn: Ja, unter den Menschen.

Jacobs: Unter der Linie.

Jahn: Unterschiedliche Zeiten, unterschiedlicher Humor. Sie zeigen in der Ausstellung die Unterschiede vom Kaiserreich über den ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, das Dritte Reich bis zu den beiden Nachfolgestaaten DDR und BRD - ja und dem Deutschland nach der Wiedervereinigung. Springen wir an den Anfang, worüber lachte man als der deutsche Kaiser noch lebte?

Herrscher in Badehose

Jacobs: Das war eher Majestätsbeleidigung, die tatsächlich das Volk erfreute und sehr zum Lachen reizte. Das war zum Beispiel der Herrscher eines seriösen deutschen Landes in Badehose. Das war ein Aufreger, der eine unglaubliche Verbreitung bekommen hat. Ja und das sind diese Dinge, wo die Majestät oben zu uns unten heruntergezogen wird und sozusagen in den Alltag hineinspielen muss. Das sind Dinge, die tatsächlich auch zum Lachen reizen. Ein ganz wichtiges Thema dann kurze Zeit später war die Frau, die neuen Frauenrechte, die erkämpft wurden. Auch das ist etwas, wo natürlich diese geschlechterspezifischen Diskurse ganz, ganz deutlich und auch sehr breit in der Karikatur und in den humoristischen Zeitschriften ausgedehnt wurden.

Jahn: Die Weimarer Republik - gehen wir mal weiter - gilt ja als Blütezeit der Satire, mit Kurt Tucholsky - den hatten Sie ja schon erwähnt - als Chefsatiriker. Welche Bevölkerungsschichten hat er damals erreicht zu einer Zeit, in der - so Tucholskys Postulat - ja die Satire eben alles durfte?

Jacobs: Genau. Wenn er sagt "alles", dann ist es natürlich auch ein Zielpublikum, was jeden Menschen meint, aber ganz besonders natürlich auch die Intellektuellen der Zeit. Das war eine ganz große Zeit des Intellektualismus in jeder Hinsicht - sowohl der Schärfe, der Häme, des Lustigen, des Humors. Und Tucholsky hatte als Publikum tatsächlich jedermann im Kopf, aber sprach ganz besonders die intellektuelle Schicht an.

In der Nazi-Zeit: dekretierter Humor gegen die da unten

Jahn: Das Dritte Reich war eine Zeit, in dem Bücher und Schriften vieler Autoren, auch vieler, die sich auf Ironie verstanden, verbrannt hat. War es eine humorlose Zeit, die dann kam?

Jacobs: Ja, es gab Humor, aber auch da haben wir das Problem, das der von oben dekretierte Humor gegen die da unten, also dieser böse, ätzende rassistische Humor, natürlich eine ganz andere Form des Humors ist. Aber es ist auch Humor. Aber er hat nicht den Charme des Subversiven von unten nach oben, sondern hat dieses Dekretierte. Also man denke zum Beispiel an "Die Brennessel", an den rassistischen Humor, die Lachsalven produzierenden Karikaturen der "Brennessel". Das hat nichts mit dem zu tun, was wir eigentlich denken, was Sinn und Zweck des Humors ist: nämlich Subversion, das Lachen als Emanzipation, das Lachen als das Überlegene, also das Machtstrukturen zersetzende Lachen. Und natürlich gab es auch einen Humor im Nationalsozialismus - aber instrumentalisiert im Sinne des Machthabens.

Deutscher Humor?

Jahn: Gibt es einen deutschen Humor - also typische Charakteristika oder hängt der Humor neben der politisch-gesellschaftlichen Gesamtsituation auch von der Mentalität der Menschen in den verschiedenen Regionen ab? Also funktioniert eine Satire-Zeitschrift in Leipzig bei den Sachsen anders als in Berlin, wenn es für das Hauptstadpublikum gemacht ist?

Hefte des Satiremagazins "Titanic" liegen am 27.07.2012 in Berlin in einem Kiosk. Auch das August-Heft des Frankfurter Satiremagazins "Titanic" hat den Papst auf dem Titelbild - diesmal mit bunten Kussmündern und Handabdrücken auf dem weißen Gewand. Das Magazin hatte auf seinem Titel im Juli den Papst von vorn und hinten gezeigt - einmal mit gelbem, einmal mit braunem Fleck auf der Soutane. Das Titelbild wurde verboten, nachdem die katholische Kirche interveniert hatte. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Papst Johannes Paul II. auf dem "Titanic"-Cover (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Jacobs: Ganz spannende Frage, die sich heute angesichts des universalen Zeitschriftenmarks natürlich auch ganz schlecht erklären und beschreiben lässt. Ich glaube, da sollte man auch eher andere Foren suchen. Also zum Beispiel: Leipzig ist der Ort der Lachmesse, einer sehr verbreiteten Messe, die tatsächlich den Humor und die Karikatur seit langen Jahrzehnten zum Thema hat. Und natürlich spricht zum Beispiel der sächsische Dialekt auch heute noch immer humorvoll. Also es ist Anreiz von Humor. Den Deutschen ganz insgesamt wird ja nun nicht sehr viel Humor attestiert. Aber: Die Beschäftigung von deutschen Wissenschaftlern mit dem Humor, das ist fast so wie eine Waage, die sich ausgleicht. Philosophen, Psychologen, Theologen, Soziologen, Neurowissenschaftler, Kommunikationswissenschaftler - das heißt, das Bemühen um die Analyse von Humor ist vielleicht umso stärker.

"Eher regionale als ost-west-deutsche Unterschiede"

Jahn: Drei Zeitschriften, die bei ihnen zu sehen sind, gibt es nach wie vor am Kiosk: Der "Eulenspiegel", den wir schon angesprochen hatten, das "Magazin" aus der DDR-Zeit, die "Titanic" aus Westdeutschland, die die Wende überlebt haben. Haben sich diese Satire-Magazine zu gesamtdeutschen Satire-Magazinen entwickelt? Oder gibt es nach wie vor eine Art ost- und westdeutschen Humor?

Jacobs: Ich denke, es gibt ihn nach wie vor. Und es ist gar keine Sache, die man bedauern oder tatsächlich zu stark thematisieren sollte. Aber es gibt immer noch diesen beiden Blick auf Humor und auch auf gesamtgesellschaftliche Szenerien. Ich denke mir, es gibt sehr vieles, was sich inzwischen überlebt hat. Natürlich macht inzwischen "Pardon", "Titanic", "MAD" inzwischen einen gesamtdeutschen Blick auf - mittels Humor - auf Deutschland. Aber es gibt sicherlich vielleicht eher regionale als ost-west-deutsche Unterschiede, die ganz klar auch zu verorten sind.

Jahn: "'Brausepulver im Nachtgeschirr' - 100 Jahre Humor in deutschen Zeitschriften" ist noch bis zum 30. September in Leipzig im Deutschen Buch- und Schriftmuseum zu sehen. Stefanie Jacobs, die Direktorin, war das im Corsogespräch. Danke Ihnen.

Jacobs: Vielen Dank, Frau Jahn.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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