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StartseiteBüchermarkt"Humor ist mir wichtig"22.06.2011

"Humor ist mir wichtig"

Astrid Rosenfeld: "Adams Erbe". Diogenes Verlag

Für ihren ersten Roman hat sich die Berliner Schriftstellerin Astrid Rosenfeld gleich ein großes Thema gewählt: den Holocaust. Ihr gelingt das Kunststück, ohne die tödlichen Konsequenzen der deutschen Besatzung zu verharmlosen, ihre Akteure auch der Lächerlichkeit preiszugeben.

Von Johannes Kaiser

Eine Szene im Warschauer Getto 1943: SS-Truppen deportieren Bewohner (AP-Archiv)
Eine Szene im Warschauer Getto 1943: SS-Truppen deportieren Bewohner (AP-Archiv)

Die Frage drängt sich auf und auch der Rezensent ist nicht gegen das Vorurteil, das sie birgt, gefeit. Hat Astrid Rosenfeld jüdische Vorfahren, jüdische Verwandtschaft? Wie sonst könnte eine 33-jährige Berliner Schriftstellerin auf die Idee kommen, einen Roman über die Judenverfolgung im Nazi-Deutschland, über Judenvernichtung in Polen, über das Warschauer Getto zu schreiben?

"Ich habe keine jüdischen Wurzeln. Diese Geschichte ist komplette Fiktion und hat wirklich nichts mit meiner Familiengeschichte zu tun. Also mich hat diese Zeit so ungefähr mit 18 angefangen zu interessieren. Ich habe dann einfach wahllos gelesen, alles Mögliche von Biografien und Zeitzeugenberichten bis alle Standardwerke, Hitler und Speers Erinnerungen, und je mehr man darüber liest, desto mehr Dinge findet man, die man auf jeden Fall nicht in der Schule erfährt. Gerade die Machthaber zu der Zeit, wenn man da sich genauer mit denen beschäftigt und einer, der da drin auch vorkommt, Dr. Hans Frank, das war halt so eine Figur: dieser Schlächter von Polen auf der einen Seite, auf der anderen Seite war er ein musischer Mensch, hat Gedichte geschrieben und war wahnsinnig eitel und es ist so, man kriegt das nicht zusammen. Da liegt irgendetwas drin. Deshalb konnte ich irgendwie nicht aufhören, über die Zeit zu lesen. Aber man liest und liest und liest und schlussendlich ist es immer noch ein Rätsel."

Auch Astrid Rosenfeld hat es in ihrem Roman nicht gelöst, der allerdings, bevor er in die Vergangenheit taucht, hier und heute beginnt. Die einzige Erinnerung an jene Zeit ist dem Erzähler Edward Cohen quasi ins Gesicht geschrieben. Seine jüdischen Großeltern jedenfalls behaupten, er sehe seinem während der Nazizeit verschwundenen Onkel Adam zum Verwechseln ähnlich. Sogar seine Stimme ähnle dessen Stimme. Ansonsten allerdings ist Adam ein Tabuthema in der Familie. Edward kümmert sich denn auch wenig um ihn. Sein junges Leben ist auch so schon aufregend genug. Seinen Vater kennt er nicht. Umso aufregender findet er den jungen Amerikaner Jack Moss, in den sich seine Mutter verliebt. Der ist ein fantasievoller, lebenssprühender Hans Dampf in allen Gassen, der mit den beiden quer durch Deutschland zieht, mit allem Möglichen Handel treibt. Doch dann wird er von einem Auto überfahren. Zurückbleibt ein verstörter Junge, der sich mit Mühe durch die Schule schlägt, nach Berlin zieht, studiert, rumgammelt, eine unglückliche, halbherzige Beziehung eingeht, zum erfolgreichen Erfinder absurden Wollfiguren wird, die sich glänzend verkaufen, und der sich dann erfolglos verliebt.

"Edward lässt sich halt führen durch, wer auch immer ihm begegnet, und landet in Situationen, ohne direkt dort hingegangen zu sein und das ist, was ihn ausmacht und er ist halt auch so, wie, glaube ich, jeder Mensch geprägt ist durch seine Familie und er findet halt diesen Stiefvater Jack Moss, der ihn sehr prägt, der ihm ein Leben zeigt, das ein Abenteuer ist und das irgendwie außerhalb jeglicher Konvention steht, und erfährt dadurch eine Freiheit, die ihn prägt."

Darin ähnelt er allerdings seinem unbekannten Ebenbild, seinem Vorgänger Adam. Doch das erfahren wir erst sehr viel später und zwar im zweiten Teil des Romans, als Edwards herrische und strenge Großmutter stirbt und er in ihrem Nachlass ein dickes Manuskript findet: Adams Geschichte. Der Erzähler ist diesmal Adam. Auch er verliert seinen Vater frühzeitig. Der kehrt verstört aus dem Ersten Weltkrieg zurück, schließt sich im Zimmer ein, verweigert jeglichen Kontakt zur Welt und stirbt dann überraschend. Im Prinzip besitzt Adam keinen Vater. Großmutter Edda hält das Heft in der Hand, treibt undurchsichtige Geschäfte und sorgt dafür, dass niemand hungern muss, es der Familie selbst dann noch relativ gut geht, als die Nazis an die Macht kommen und den Juden alle bürgerlichen Rechte aberkennen, sie drangsalieren. Schutz gewährt ihnen ein alter Verehrer der Großmutter, ein ehemaliger Geigenlehrer, der sich der SS angeschlossen hat und in so hohe Funktionen aufsteigt, dass er die jüdische Familie lange Zeit vor Verfolgung schützen kann, insbesondere den jungen Adam. Als der sich unsterblich in das jüdische Mädchen Anna verliebt, die bei einer nächtlichen Razzia von der Gestapo abgeholt und nach Polen deportiert wird, beschließt Adam, ihr nachzureisen. Der SS-Mann besorgt ihm neue Ausweispapiere. Aus dem jüdischen Gärtner Adam wird der arische Gärtner Anton. Eine wahnwitzige, lebensgefährliche Suche im besetzten Polen beginnt.

"Adam durfte bis zu einem gewissen Grad seine Naivität, seine Kindlichkeit behalten, geprägt durch seine Großmutter Edda Klingmann, die ihn alles lehrt, nur das Fürchten nicht. Das war das, was ich mir gebaut habe, in der Geschichte, dass ich einen sehr jungen Mann diesen Weg gehen lasse, der nicht ängstlich ist und der vielleicht ein bisschen blauäugig seinen Weg geht; und er ist ein Träumer. Ich finde, eine bezeichnende Stelle ist, da sagt die Familie, jetzt muss Adam einen Beruf erlernen und er fängt danach an zu weinen, weil das ist das Letzte, was er haben will, einen Beruf. Ja, das ist Adam."

Natürlich kann Adam/Anton nicht wissen, was ihn in Polen erwartet. Die Gräueltaten der deutschen Besatzer, die Vernichtungslager waren zu der Zeit noch ein wohl gehütetes Geheimnis, über das niemand zu reden wagte. Anton kommt als Rosenzüchter bei Hans Frank, dem deutschen "Generalgouverneur für die besetzten polnischen Gebiete" unter. Schon bald erfährt er, wie mit den Juden in Polen umgegangen wird. Er lebt mit einem SS-Mann in einem requirierten Haus, lernt dessen Industriellenfamilie kennen, die wie viele deutsche Unternehmen im besetzten Polen mit Zwangsarbeitern glänzende Geschäfte macht.

Auch wenn Adams ebenso abenteuerliche wie verzweifelte Rettungsaktion Astrid Rosenfelds Fantasie entsprungen ist, viele der Geschichten, die sie in ihren Roman mit einfließen lässt, haben einen wahren Hintergrund, so zum Beispiel das Einkaufen von Nazis im Warschauer Getto.

"Die Frau von Dr. Frank ist wirklich im Getto shoppen gegangen und sie ist da rausgekommen aus dem Getto und hat so was gesagt wie: Ach, die Juden machen die schönsten Korseletts und die Familie Frank hat dann für ganz wenig Geld sämtliche Pelze im Getto gekauft und hatten daher unendlich viele Pelze da und dann haben die auch mit der SS Probleme bekommen, weil der hat einfach gelebt wie ein König und es wurde halt auch nicht gerne gesehen. Also so etwas muss man sich erst einmal vorstellen. Das ist so absurd, dass jemand im Getto feilschen geht und danach herausgeht und sagt: Die machen ja die schönsten Korseletts."

Immer wieder stößt man in Astrid Rosenfelds Roman auf solche absurd-grotesken Geschichten. Der Autorin gelingt das Kunststück, ohne die tödlichen Konsequenzen der deutschen Besatzung zu verharmlosen, ihre Akteure doch auch der Lächerlichkeit preiszugeben, das Herrenmenschentum zu konterkarieren, zu desavouieren. Selbst in ihren Beschreibungen der Situation im Getto gibt es Momente, in denen man über die Betroffenen lachen muss, weil sie sich allzu menschlich verhalten. Es ist eine Art Galgenhumor derjenigen, die noch nicht wissen, dass sie zum Tode verurteilt sind. Nur wir, die Nachgeborenen kennen ihr Schicksal. Eben darum wirken Astrid Rosenfelds witzige Volten, ironische Charakterbeschreibungen nicht peinlich oder überzogen, sondern wahrhaftig, wie aus dem Leben gegriffen.

"Humor ist mir wichtig, aber das ist halt die Stimme, die ich habe und ich glaube halt daran, dass vor allem je schwerer das Thema ist, über das man spricht, desto mehr Sinn macht es, darin irgendeine Leichtigkeit zu finden, damit man wirklich die Geschichte bis zum Ende ertragen kann, einfach. Also ich lache wahnsinnig gerne und natürlich gibt es auch die Momente im zweiten Teil, wo es nicht mehr komisch wird. Es ist ja auch fern ab von irgendwie Slapstick oder so was, aber, ja, ich finde das Leben teilweise, es ist halt so was eher nicht Witziges, sondern Groteskes und manchmal steht man da und denkt sich, jetzt muss ich aber lachen, weil es ist absurd."

Wie Adams Geschichte ausgeht, soll hier nicht verraten werden, nur so viel sei gesagt: Es ist eine herzzerreißende tragische Liebesgeschichte, wie man sie zwar aus der Literaturgeschichte kennt, aber kaum aus der Geschichtsschreibung des Holocaust. Dass eine junge Autorin bei ihrem Debüt einen so schweren Stoff so souverän und überzeugend meistert, das ist außergewöhnlich und bewundernswert.

Astrid Rosenfeld: "Adams Erbe". Diogenes Verlag, Zürich 2011, 385 Seiten, 19,90 Euro

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