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StartseiteKommentare und Themen der WocheZahlen - oder sterben lassen25.02.2017

HungersnöteZahlen - oder sterben lassen

Jemen, Südsudan, Nigera, Somalia: Zwanzig Millionen Menschen drohen in diesen vier Ländern zu verhungern. Ihr Überleben hänge jetzt von der internationalen Hilfe ab, kommentiert Marc Engelhardt. Man könne nur hoffen, dass die Volksvertreter in aller Welt hier die richtigen Entscheidungen träfen.

Von Marc Engelhardt

Frauen und Kinder stehen mit Eimern an mehreren Wasserhähnen im Flüchtlingslager. (Björn Blaschke)
Kinder und Frauen an der Wasserstelle in einem südsudanesischen Flüchtlingslager in Juba. (Björn Blaschke)
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Hungersnot, das ist ein Wort, das UN-Generalsekretär Antònio Guterres nur sehr selten in den Mund nimmt. Es ist die schlimmste Kategorie des Hungers, der täglich überall in der Welt herrscht. Hunderte Millionen sind unter- oder mangelernährt, leben unter Umständen, die wir uns im reichen Deutschland kaum vorstellen können. Sie kratzen Rinde von Bäumen, um sie über dem Feuer zu rösten, sie kochen Suppen aus Gras oder teilen sich an guten Tagen als mehrköpfige Großfamilie eine halbe Tasse Reis. All das aber ist für die Experten der UN noch keine Hungersnot, sondern schreckliche Normalität. Der Begriff der Hungersnot ist dagegen für nahezu apokalyptische Zustände reserviert - wenn mehr als jeder fünfte Mensch auf diese Weise lebt, wenn jedes dritte Kind im Hunger apathisch vor sich hin dämmert, wenn Nahrungsmangel massenhaft zum Sterben führt. Solche Zustände dürfte es gar nicht geben: Oft genug ist das auf Gipfeltreffen beschlossen und versprochen worden.

Jetzt drohen zwanzig Millionen Menschen in vier Ländern - ungeachtet dieser Versprechen - zu verhungern. Jeder Vierzehnte der vom Hungertod Bedrohten ist ein Kind. Sie leben im Jemen, einem Land, in dem ein Bürgerkrieg herrscht, der es an Brutalität locker mit dem in Syrien aufnehmen kann. Im Südsudan, dem jüngsten Staat der Erde, in dem die kleine Elite einen Bürgerkrieg um die Ölressourcen des Landes führt. Im Norden Nigerias, wo die Terrorgruppe Boko Haram Millionen von ihren Feldern vertrieben hat. Und in Somalia, einem Land, das seit 26 Jahren nur den Ausnahmezustand kennt.

Gewalt, Flucht und Vertreibung sind die gemeinsamen Faktoren, die zur neuen Hungersnot geführt haben. Dürren, teils seit Jahren, kommen dazu. Doch all das darf nicht davon ablenken, dass der heute drohende Tod vor allem einen Grund hat: Den Mangel an Geld. Etwas mehr als vier Milliarden Euro würden reichen, um nicht nur das Überleben der zwanzig Millionen Verhungernden zu garantieren, sondern auch das Leben von noch viel mehr Hungernden besser zu machen. Das scheint eine riesige Summe zu sein, ist es - in volkswirtschaftlichen Dimensionen - aber nicht. Ein Vergleich: Neun Milliarden Euro investiert die EU in den kommenden drei Jahren alleine in ihre Grenzsicherung. Vier Milliarden Euro, das ist ein Betrag, den die reichen Länder der Welt sehr wohl locker machen können - wenn sie denn wollen.

Es wäre günstiger gewesen, schon früher zu helfen

An diesem Willen aber darf man zweifeln. Im Juni 2011 wurde in Somalia die letzte Hungersnot erklärt. Damals hatte es Monate gedauert, bis Geld floss, und dann zu wenig. 260.000 verhungerten. Im vergangenen Jahr bereits riefen die UN zu Hilfen auf, die die Zuspitzung der jetzigen Lage verhindert hätten. Doch von den benötigten Hilfsgeldern floss im Regelfall kaum mehr als die Hälfte. Im Jemen etwa wurden daraufhin die ohnehin kargen Essensrationen in Flüchtlingslagern gekürzt. Heute haben die Hungernden keine Reserven mehr, und nicht die Mittel, sich selbst zu helfen.

Ihr Überleben hängt davon ab, ob wir es ihnen ermöglichen. Natürlich sind die Regierungen im Jemen, in Nigeria, in Somalia und im Südsudan mitschuldig. In ihren Reihen gibt es viele, die Krieg führen ohne Rücksicht auf Verluste, die Erlöse aus Rohstoffverkäufen hinterziehen, die sich vor allem um sich und ihresgleichen kümmern. Es ist kein Wunder, dass gerade in diesen Staaten Menschen zu verhungern drohen. Doch diese berechtigte Kritik kann man nicht essen.

Seit drei Jahren warnen Hilfsorganisationen vor exakt den Zuständen, die jetzt eingetreten sind. Es wäre günstiger gewesen, damals zu helfen, effizienter und menschenwürdiger noch dazu. In Somalia hätte man den Menschen dazu noch gezeigt, dass der brüchige Frieden sich lohnt. Diese Chancen aber sind verpasst. Heute bleibt uns nur eine Entscheidung: Zahlen - oder sterben lassen. Man kann nur hoffen, dass unsere Volksvertreter und ihre Kollegen weltweit sich richtig entscheiden.

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