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StartseiteWissenschaft im BrennpunktHurrikan-Saison31.07.2005

Hurrikan-Saison

Wie Florida immer neue Naturkatastrophen bewältigt

Zusammengestürzte Gebäude, umgekippte Autos, verzweifelte Menschen. Jeden Spätsommer erreichen uns diese Bilder aus Florida. Im Jahr 2004 aber war ihre Zahl besonders groß: Gleich vier Hurrikane erreichten in der vergangenen Saison die Küsten: "Charley", "Ivan", "Jeanne" und "Frances". Einige Regionen wurde gleich zweimal hintereinander getroffen. Häuser am Strand, die den ersten Sturm knapp überstanden hatten, wurden beim zweiten Mal ins Meer hinaus gezogen.

Von Jan Lublinski

Hurrikan Dennis aus dem Weltraum beobachtet, das Auge des Sturms lag am 10. Juli etwa 170 Meilen südlich der Stadt Panama City in Florida. (NASA)
Hurrikan Dennis aus dem Weltraum beobachtet, das Auge des Sturms lag am 10. Juli etwa 170 Meilen südlich der Stadt Panama City in Florida. (NASA)

Dennoch sind Hurrikane eine kalkulierbare Katastrophe. Die Vorhersagen der Meteorologen werden immer genauer. Dank so genannter Hurrikan-Jäger, die mit ihren Flugzeugen quer durch die herannahenden Stürme fliegen, lassen sich sehr präzise Warnungen aussprechen. Mit einem umfangreichen Evakuierungs- und Rettungsprogramm ist es den Menschen in Florida bislang gelungen, die Zahl der Todesfälle relativ gering zu halten.

Experten diskutieren derzeit heftig darüber, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Intensität und Zahl der Tropenstürme und dem Treibhauseffekt. Sorgt eine Erwärmung der Meerwassers dafür, dass die Hurrikane immer größer und gefährlicher werden? Für 2005 jedenfalls erwarten die Klimaforscher erneut eine außergewöhnlich intensive Saison.

Warme, feuchte Luft steigt auf über der Sahara, an der Küste Westafrikas. Gewitterwolken ziehen umher, sie wandern umeinander, beginnen einen langsamen, düsteren Tanz. Das Wasser des Ozeans ist ungewöhnlich warm, 26 Grad Celsius und mehr. Feuchte Luft steigt aus dem Wasser auf, neue Wolken entstehen. Ein Zentrum mit niedrigem Luftdruck bildet sich und saugt immer mehr feuchte Luft an. Durch die ablenkende Kraft der Erdrotation bildet sich ein Wolken-Wirbel, der langsam nach Westen wandert, über viele tausend Kilometer, bis nach Amerika.

Palmen, die sich im Wind verbiegen, überschwemmte Straßen, zerstörte Gebäude. Jeden Sommer und Herbst erreichen uns diese Bilder aus Amerika. Im Sommer 2005 begann die Saison mit Hurrikan Dennis ungewöhnlich früh...

"That’s the nature of living here in Florida. It’s an exciting place to live in some way, but sometimes it’s too exciting. (Like last summer….)"

Der Katastrophenforscher Stephen Leatherman vom International Hurricane Research Center an der Universität von Miami.

"Florida ist ein aufregender Ort, aber manchmal eben zu aufregend. Diesmal kamen die Hurrikane aus allen Richtungen: aus Osten, Süden und Westen. Die Halbinsel Florida liegt genau auf Meereshöhe. Bereits kleine Veränderungen des Meeresspiegels ändern unsere Landschaft in dramatischer Weise. Bei uns kann man sehr früh sehen, welche globalen Veränderungen sich in Zukunft abspielen werden."

Im Sommer und Herbst 2004 ist die Situation so schlimm wie noch nie:
Gleich vier Hurrikane erreichen die Küsten Floridas. 117 Menschen sterben, Tausende werden obdachlos. Der Sachschaden beträgt 44 Milliarden Dollar.

Ein großer Parkplatz vor einem Baumarkt in Arcadia, einer Kleinstadt im Südwesten Floridas. Braungebrannte Männer schieben Einkaufswagen mit Holzleisten und Metallplatten umher. Auch jetzt noch, ein Jahr nach der Hurrikan-Saison 2004, kaufen sie Materialien für den Bau von Dächern. Das Stadtbild von Arcadia ist von blauen Plastikbahnen geprägt, mit denen die Einwohner ihre Häuser notdürftig vor Regen schützen. Wenn einmal das Wasser in die Wände gelangt ist, entstehen schwarze Schimmelflecken und verbreiten einen unerträglichen Geruch, erzählt Frank Morgan, der ein Haus besitzt, das eigentlich nur noch aus vier Wänden besteht.

"Es war furcherregend. Das Dach ist einfach weggeflogen, ich hatte meine Kinder in die Badewanne gesetzt, mein Truck ist dann einfach umgekippt, Totalschaden. Es ist schrecklich, so etwas muss man wirklich nicht erleben."

"I was in my mobile home, which started to collapse around me, when the worse of the storm came over."

Als Hurrikan Charley kam, saß Ariel Holstrum allein in ihrem kleinen Wohnwagen, bis dieser in sich zusammen fiel und sie zu den Nachbarn flüchten musste. Sie arbeitet an der Kasse des Baumarktes und empfiehlt ihren Kunden neuerdings Dächer aus Metall. Die sind nicht billig, aber Untersuchungen haben ergeben, dass sie dem Sturm deutlich besser widerstehen als die herkömmlichen Schindeldächer aus Latten und Asphalt.

Die Wolken-Spirale wird immer gewaltiger, das warme Wasser aus dem Ozean versorgt sie mit Energie, treibt sie an, bildet einen Tropensturm, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 117 Stundenkilometern. Bei noch höheren Geschwindigkeiten wird der Sturm zu einem "Hurrikan", im Pazifik auch "Taifun" oder "Zyklon" genannt. In seiner Mitte bildet sich ein runder Bereich, mehrere Kilometer groß, der von den Wolken ausgespart bleibt: Das Auge des Sturms. Hier ist es ruhig, das Wetter ist klar, der Himmel ist zu sehen. In der sogenannten Wand des Auges, der Eyewall, tobt der Wind am heftigsten.

Oberhalb von 210 Stundenkilometern sprechen die Meteorologen von einem sehr starken Hurrikan der Kategorie 4, jenseits von 250 Stundenkilometern von einem verwüstenden Hurrikan der Kategorie 5. Rekordgeschwindigkeiten von bis zu 305 Stundenkilometern wurden 1969 gemessen, als Hurrikan Camille die amerikanische Küste erreichte.

Troy Anderson im September 1995 auf der Jagd nach einem Hurrikan (AP Archiv)Kapitän Troy Anderson im September 1995 auf der Jagd nach einem Hurrikan. (AP Archiv)Ein Hangar auf dem MacDill Luftwaffenstützpunkt in Tampa, Florida. Techniker bereiten ein eigenwilliges Flugzeug auf seinen nächsten Einsatz vor: eine Lockheed WP-3D Orion, 34 Meter lang, mit einer eiförmigen Radarantenne unter dem Bauch. Neben der Eingangstür kleben mehrere Dutzend rote Aufkleber mit Jahreszahlen und Namen der Hurrikane, durch die das Flugzeug bereits geflogen ist. Von "1976 - Bonnie" über "1992 - Andrew" bis "2004 - Jeanne". Angetrieben wird die Maschine von vier mächtigen Propellern. Sie geben den Piloten etwas, das beim Flug durch einen Hurrikan entscheidend ist: unmittelbare Kontrolle über die Maschine.

"Alles, was der Pilot tun muss ist auf einen Knopf drücken, und er hat sofort Schub in den Propellern – bei einem Turbinen-Antrieb geht das nicht, da ist immer eine Verzögerung dabei. Außerdem vertragen Turbinen den Regen im Sturm nicht so gut wie diese Maschine hier."

Der Meteorologe Barry Damiano ist seit 18 Jahren Hurrikan-Jäger und bereits 220 Mal quer durch einen Hurrikan geflogen. Er hat spektakuläre Naturschauspiele erlebt, und dramatische Flugmanöver. Doch je älter er wird, desto weniger mag er die Gefahr.

"Beim Flug in Richtung Auge des Hurrikans treten dramatische Turbulenzen auf: Die beiden Piloten der Maschine halten ihre Steuerknüppel fest im Griff, während der Flugingenieur, der hinter ihnen sitzt, an großen Hebeln rechts und links den Schub der Propeller reguliert. – Trotzdem kann es passieren, dass dieses Dreier-Pilotenteam für kurze Zeit die Kontrolle über das Flugzeug verliert."

"Das ist schon mehrfach passiert. Der letzte größere Zwischenfall war 1989 in Hurrikan Hugo. Wir waren gerade in Barbados gestartet, vollgetankt, mit 19 Leuten an Bord, Besatzung und Wissenschaftler, als wir in gewaltige Turbulenzen kamen. Es gab Probleme, ein größeres Durcheinander. Als wir die Maschine wieder unter Kontrolle hatten, befand sie sich nur 270 Meter über dem Wasser."

Zu den wichtigsten Aufgaben der Hurrikan-Jäger gehört es, in regelmäßigen Abständen kleine Sonden abzuwerfen. Diese schmalen Röhren sind etwa so groß wie Haushaltsrollen und messen auf ihrem Weg durch den Sturm Temperatur, Luftdruck, Windgeschwindigkeit sowie per Global-Positioning-System ihren Ort. Sobald die Sonden in den Ozeans gefallen sind, messen sie die Wassertemperatur direkt unter dem Hurrikan und senden all die Daten zurück an das Flugzeug – und ermöglichen auf diese Weise präzise Wettervorhersagen.

Am Rande der Universitätscampus von Miami steht eine moderne Festung: das weltweit größte Zentrum für Hurrikan-Wettervorhersagen seinen Sitz - das "National Hurricane Center". Ein kantiger Bunker, lang und breit wie ein Fußballfeld, mit vielen Antennen und Satellitenschüsseln auf dem flachen Dach. Zwei dicke Mauern aus Stahlbeton und schwere Metalltüren sollen im Falle einer Sturmflut das Wasser aufhalten. Herz des Gebäudes ist ein großer, abgedunkelter Raum, mit langen Monitorreihen. Auf der rechten Seite beobachten Meteorologen die Hurrikane im Atlantik, links die Stürme über dem Pazifik.

"Über diese Computer hier laufen die Daten ein: Satellitenbilder, die Daten der Hurrikan-Jäger, aber auch Messungen, die von Schiffen oder an Land gemacht wurden. Die Datenlage ist dann sehr unterschiedlich. Bei manchen Stürmen rufen wir: "gebt uns mehr Daten, wir brauchen mehr Daten", bei anderen ertrinken wir geradezu darin."

Jack Beven rollt mit seinem Bürostuhl hin und her, zwischen einem Bildschirm, der Satellitenbilder anzeigt und einem Computer, der in einer großen Datenbank alle verfügbaren Informationen über Tropenstürme bereit hält. Beven lässt verschiedene Hurrikan-Simulationen laufen und testet, ob neu entwickelte Modelle eine Fortschritt bieten oder nicht. Doch die Computerprogramme allein machen noch keine gute Vorhersage – was am Ende zählt ist die Erfahrung des Hurrikan-Experten.

"Du musst jeden Sturm beobachten und von ihm lernen. Die Lektionen, die er Dir erteilt, die musst Du Dir gut merken und sie in Zukunft für Dich nutzen. Gerade wenn verschiedene Computermodelle unterschiedliche Vorhersagen machen, dann kommt es auf Deine Erfahrung an, wenn Du eine gute Vorhersage machen willst."

Wenn ein Hurrikan sich auf die Küste zu bewegt, muss Beven Verstärkung holen. Seine Kollegen sprechen dann mit den Einsatzkräften vor Ort, geben in kurzen Abständen aktuelle Warnungen heraus.
Mitunter kann es dann recht voll werden im "National Hurricane Center".

"Dieses Gebäude wird gleichzeitig auch als Evakuationszentrum für unsere Mitarbeiter genutzt. Wenn ein Hurrikan Miami trifft, dann dürfen sie ihre Angehörigen mit hierher bringen. So können sie in Ruhe arbeiten, ohne sich Sorgen machen zu müssen, was mit ihren Familien zu Hause passiert."

Langsam nähert sich der Hurrikan dem nordamerikanischen Kontinent. Er wandert in nordwestlicher Richtung durch den Golf von Mexiko, läuft eine Weile parallel zur Küste, um dann, ganz plötzlich, in Richtung Nordosten zu ziehen, in Richtung Land. Dort verliert der Hurrikan allmählich seine Kraft. Ohne Energiezufuhr aus dem Ozean schwächt er sich immer weiter ab. Nur wenn sein Weg wieder über warmes Wasser führt, kann er neue Kraft gewinnen.

"Sobald wir die Vorhersage haben, wo genau der Hurrikan an Land kommt, fährt unser Windingenieurteam mit den Transportern dorthin. Es dauert eine halbe Stunde um alles aufzubauen, und dann machen sie sich so schnell wie möglich davon. "

Stephen Leatherman und seine Mitarbeiter von der Universität Miami messen die Windgeschwindigkeit eines Hurrikans, wenn er an Land kommt. Dazu verwenden sie mobile Wind-Türme, die aussehen wie kleine sehr stabile Baukräne. Sie messen dann den Wind in 0, 5 und 10 Metern Höhe, also genau dort, wo die Menschen Leben und wo die Gebäude stehen. Ihre Messdaten senden sie per Satellit ans "National Hurrikane Center" in Miami. Im vergangenen Jahr ist es den Windjägern einmal sogar gelungen, exakt an der richtigen Stelle zu sein. Als erstes Team weltweit konnten sie messen, wie das Auge des Sturms an Land kam, wie es plötzlich still wurde, und wie dann der Sturm wieder zu toben begann.

Am 13. August 2004 erreicht Hurrikan Charley die Westküste Floridas. Laut Wettervorhersage soll er in der Stadt Tampa einschlagen, dann aber müssen die Meteorologen ihre Vorhersage kurzfristig korrigieren. Charley macht einen Schlenker nach rechts und schlägt in Punta Gorda ein, wandert über Arcadia und dann weiter in Richtung Orlando. Die Menschen in diesen Städten werden weitgehend unvorbereitet getroffen.

"At 10 o clock that morning I went to get a pig, me and my buddy. I said to him we’re getting nailed, we need to get beer. "

Fred Gilbert hat seinen Pick-Up-Truck vor dem Baumarkt in Arcadia geparkt und schiebt lange Holzblöcke auf die Ladefläche. Er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem Charley kam. Um 10 Uhr morgens, nur zwei Stunden bevor der Sturm sein Haus erreichte, hat er davon erfahren.

"Ich war gerade dabei ein Schwein abzuholen mit meinem Kumpel. Ich sagte zu ihm, diesmal wird es uns erwischen, wir müssen noch schnell Bier besorgen. Wir haben uns in den Vorgarten meines Hauses gestellt, haben uns betrunken und das ganze Spektakel beobachtet. Meine Schwägerin war auch zu uns gekommen, sie wohnt weiter im Norden, und sie glaubte, hier sicherer zu sein. Unser komplettes Dach ist herunter gekommen; ihr Haus dagegen ist völlig unversehrt geblieben. Dafür hat sie mit ihrer Angst meine Kinder völlig verrückt gemacht."

"The main thing that happened to houses here in South Florida was that they often didn’t have coverings over the windows or carport door. "

Der Meteorologe Hugh Willoughby vom International Hurricane Research Center an der Universität von Miami.

"Die Häuser hier in Südflorida hatten zumeist keine Schutz vor ihren Fenstern und Garagen. Aber wenn der Wind stärker als 200 Stundenkilometer bläst, dann zerbricht irgendwann das erste Fenster, weil ein Gegenstand hineinfliegt. Im inneren des Hauses baut sich Druck auf, und der Wind zieht das Dach nach oben wie einen Flugzeugflügel. Nach den neusten Bauvorschriften müssen alle Häuser spezielle Fensterläden haben. Wenn alle Häuser verrammelt gewesen wären, wäre der Schaden insgesamt nur halb so groß ausgefallen."

"Ich hatte mit Charley bereits in der Nachtschicht davor zu tun als er durch die Karibik zog. In meiner nächsten Schicht übernahm ich ihn, als er die Küste Floridas erreichte. Charley hat nicht nur im letzten Moment die Richtung gewechselt, er hat sich auch in seinen letzten fünf Stunden über dem Meer extrem verstärkt – von einem Sturm der Kategorie 2, also Windgeschwindigkeiten bis 170 Stundenkilometern, plötzlich zu einem Sturm der Kategorie 4, der zweithöchsten Kategorie mit bis zu 250 Stundenkilometern. Ich kann Ihnen sagen, das macht uns Meteorologen Angst, wenn Stürme so schnell anwachsen wie es Charley getan hat."

Ein großen Feld, auf dem weißer Kies ausgestreut wurde, außerhalb der Stadt Arcadia. Einige Dutzend weiße Wohncontainer stehen hier, ordentlich aufgereiht wie in einer Kaserne. Zwischen den Containern spielen zwei Kinder Ball, Rentner schieben ihre Geh-Hilfen herum. FEMA-Park heißt diese von der Regierung finanzierte Not-Siedlung, in der Menschen untergekommen sind, die seit Charley keine Bleibe haben. Ein Laster fährt heran, bremst, zwei Männer springen ab und laden einen Rollstuhl aus.

"Meine Mutter hat ihren Rollstuhl im Hurrikan verloren, diese Leute haben ihn jetzt endlich repariert. Bis vergangenen Sommer hatte sie noch eine eigene Eigentumswohnung in einem Haus mit betreutem Wohnen. Als Charley uns traf kam plötzlich Wasser aus der Deckenlampe und aus den Steckdosen, das Dach krachte zusammen. Meine Mutter hat 90 Prozent dessen verloren, was sie einmal besessen hat."

Eine lange Holzrampe führt zur Tür des Containers. Eine einfache Küche mit Essecke, ein Schlafzimmer. Im Fernsehen läuft eine Predigt. Die 73jährige Cheryl Smith sitzt auf dem Sofa, sorgfältig geschminkt. Das vergangene Jahr hat sie auf engem Raum bei ihrem Sohn gewohnt, nun ist sie hierher umgezogen. Der Anfang hier fällt ihr schwer, sagt sie. Es alles doch sehr anders hier, als das was sie gewohnt ist. Und doch ist Cheryl Smith dankbar dafür, dass sie einen Ort hat, an dem sie bleiben kann.

Im August 2004 wanderte Charley mit so großer Geschwindigkeit über Florida hinweg, dass er nur in einem sehr begrenzen Korridor wirklich verheerende Wirkung zeigt. Die große Flutwelle, die die Menschen an der Küste erwarten, bleibt aus. Ganz anders Hurrikan Ivan, der wenige Wochen später folgt. Er trifft auf breiter Front Küstengebiete im Norden Floridas und bringt eine drei Meter hohe Flutwelle mit sich. Zum Glück ist diesmal die richtige Region gewarnt, und die meisten Leute dort befolgen die goldene Regel Floridas: "Verstecke Dich vor dem Wind, aber flüchte vor der Flut."

Auf den Gängen des Forschungszentrums des amerikanischen geologischen Dienstes in St. Petersburg, Florida, ist das Durcheinander groß: Zwischen überfüllten Büros liegen Aktenordner und Papierrollen herum, großformatige Fotos und Karten sind hier übereinander gestapelt. Der Ozeanograph Abby Sallenger betrachtet eine Aufnahme, die ein mehrstöckiges Wohngebäude am Strand zeigt, das in sich zusammengestürzt ist.

"Das ist ein schockierendes Foto. So etwas hat es noch nie gegeben, in der amerikanischen Geschichte. Als Ivan an Land kam, sind fünfstöckige Wohnhäuser einfach umgefallen."

Abby Sallenger und Kollegen sind mit Flugzeugen die Küstengegenden abgeflogen und haben zahlreiche Fotos gemacht. Gleichzeitig haben sie mit einem speziellen Laser-Scanverfahren namens LIDAR ein präzises Höhenprofil der Strände, Inseln und Häuser aufgenommen.

"Wir haben zum ersten Mal versucht vorherzusagen, was passiert, wenn ein Hurrikan die Küste erreicht, was er verändern wird. In Zukunft wollen wir prognostizieren können, wie hoch die Flutwelle sein wird, die der Wind gegen das Land drückt. Eine entscheidende Frage ist dabei, ob die vorgelagerten Inseln vor Florida überschwemmt werden und wie die Strömung einzelne Streifen aus den Inseln heraustreibt. Im Fall von Ivan haben wir das recht gut vorhersagen können. Wir hoffen also, dass wir bald werden berechnen können, welche Bereiche der Küste besonders gefährdet sind, im Vergleich zu anderen Gebieten. "

Am 5. September 2004 trifft Hurrikan "Frances" die Ostküste Floridas, nördlich von Miami. Zwei Wochen später nähert sich Hurrikan "Jeanne", dreht gemächlich eine Schleife vor der Küste, um dann Kurs auf genau die selbe Region zu nehmen. Häuser die "Frances" gerade noch überstanden haben, werden von "Jeanne" sehr schnell umgeweht.

Hugh Willoughby von Hurrikan-Forschungszentrum der Universität von Miami hat in den vergangenen Monaten die Zahl der Todesfälle bei den Hurrikanen der vergangenen Jahrzehnte analysiert. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Statistiken in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben, und das obwohl im Laufe der Zeit immer mehr Leute an die Küsten Floridas gezogen sind. Bei den Opfern handelt es sich in der Regel um Menschen, die die Gefahr völlig falsch einschätzen oder die zu Opfern schrecklicher Zufälle werden.

"Wir sind hier in Amerika, OK. Jedermann glaubt ein großes Auto, ein ein SUV, fahren zu müssen. Und dann geht's nach dem Motto: Ich habe 50 000 Dollar für diesen Panzer der Firma Hummer bezahlt, und ich kann hier sehr wohl durchs Wasser fahren. - Die Leute ertrinken heute überwiegend in ihren Autos, nur noch sehr selten in ihren Häusern. Was auch noch sehr häufig passiert, ist, dass Leute ihr Kind in der Flut spielen lassen – und plötzlich wird es weggetrieben. Auch werden oft Kanaldeckel von der Flut rausgedrückt, und wenn dann die Flut zurückgeht, kann es passieren, dass Leute in das offene Loch gesaugt werden und dort unten ertrinken."

Florida ist der Bundesstaat der USA, der am besten auf Naturkatastrophen vorbereitet ist. Mit jedem neuen Hurrikan haben die Menschen die Gelegenheit Erfahrungen zu sammeln, Notfallpläne zu überarbeiten und das Krisenmanagement zu verbessern. Und trotzdem ist Florida mit vier Hurrikanen innerhalb von sechs Wochen überfordert. Der Strom und das Mobilfunknetz fallen über lange Zeit aus. Das Trinkwasser wird knapp. Die Straßen sind verstopft. Die Hilfskräfte haben gerade angefangen sich an einem Ort einzurichten, da werden sie bereits ans andere Ende Floridas gerufen.

Der Verkehrsexperte Larry Hagen von der Universität in Tampa stimmt sich per Telefonkonferenz mit Kollegen von der Straßenmanagement-Behörde und den Rettungskräften ab, in Sachen Evakuationsplanung für die Hurrikan-Saison 2005.

"Die meisten Ampeln hatten in der vergangenen Saison keine Notstromversorgung. Die zuständigen Behörden hatten zwar Generatoren an den großen Kreuzungen aufgestellt, mehrere 1000 Stück - aber viele wurden gestohlen, weil manche Leute ihr Haus mit Strom versorgen wollten. Mit neuen LED-Ampeln, die wenig Energie verbrauchen, wird es hoffentlich bald möglich, die Ampelanlagen recht lange mit Batterien zu betreiben. Nach einem Hurrikan dauert es lange, bis alles wieder normal läuft. Aber wenn die Ampeln funktionierten, dann wäre das schon eine große Hilfe."

Der Direktor des amerikanischen Hurrikan-Zentrums Max Mayfield während eines Einsatz am 10. July als Hurrikan Dennis über Florida zog. (AP Archiv)Der Direktor des amerikanischen Hurrikan-Zentrums Max Mayfield während eines Einsatz am 10. July als Hurrikan Dennis über Florida zog. (AP Archiv)"Als der erste Hurrikan, Charley, sich plötzlich nach rechts drehte, wurden Wasserwerke zerstört, Wasserleitungen kontaminiert. Viele Menschen wurden daraufhin mit Wasser aus Flaschen versorgt. Das aber war keine gute Lösung – die Leute müssen ja Duschen und auch kochen können. Wir versuchen den Einsatzkräften jetzt klar zu machen, dass es Spezialisten im ganzen Land gibt, die man anfordern kann, und die sehr schnell Wasserleitungen für die Notversorgung legen können. Das ist nur ein Beispiel für eine Reihe von Maßnahmen, die man ergreifen können muss – völlig unabhängig davon, ob wir einen Hurrikan, eine Flut oder eine andere Katastrophe erleben."

Der Epidemiologe und Gesundheitspfleger Tom Mason leitet das College of Public Health an der Universität von Tampa. Er berät das Militär und andere Organisationen beim Management von Hilfseinsätzen.

"Wir werden unsere Erfahrungen mit den vier Hurrikanen veröffentlichen und dem Rest der Welt der zeigen, dass wir uns zwar nicht schlecht geschlagen haben, aber dass wir dennoch überwältigt wurden. Wir müssen aus diesen Ereignissen lernen, um mit den Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden."

Infolge des Treibhauseffektes steigt die Temperatur der Erdatmosphäre. Die Ozeane erwärmen sich immer weiter und treiben die gewaltigen Sturmspiralen immer stärker an. Diese Entwicklung hat zwar keinen Einfluss auf die Anzahl der großen Stürme, wohl aber auf ihre Intensität. Mächtige Hurrikane wie Charley, Ivan und Jeanne werden in Zukunft noch mächtiger ausfallen und noch dramatischere Niederschläge bringen. Stürme der höchsten Kategorie 5 werden bald keine seltenen Ereignisse mehr sein.

"Ich vermute, dass wir bereits jetzt einen deutlichen Einfluss der Erderwärmung bei den Hurrikanen haben. Aber noch ist das nicht der wichtigste Einflussfaktor. Es gibt da einen natürlichen Zyklus in der Atmosphäre: alle 25 Jahre kommt eine Phase mit intensiven Stürmen, und das dominiert die gegenwärtige Entwicklung. Aber wir Experten sind uns inzwischen einig darüber, dass bald, in 100 Jahren, wenn noch viel mehr CO2 in der Atmosphäre ist, dass dann die stärksten Hurrikane deutlich stärker werden und dass sie noch viel mehr Regen mit sich bringen werden."

Amerikanische Meteorologen haben bereits im Frühjahr eine Vorhersage gemacht - für den Sommer und Herbst 2005: Sie rechnen mit einer ungewöhnlich intensiven Saison, ähnlich wie 2004, und sie erwarten etwa neun Hurrikane über dem Atlantik. Bereits Mitte Juli erreichen zwei dieser stärksten Stürme die Küsten Amerikas: Dennis trifft im Nordwesten Flordias die Gegend, über die bereits ein Jahr zuvor Ivan gezogen war. Emily sucht die mexikanische Halbinsel Yukatan heim, mit Windgeschwindigkeiten von über 210 Stundenkilometern. Noch nie hat die Hurrikan-Saison so früh und so heftig begonnen. Bei Dennis und Emily handelt es sich um die mächtigsten Juli-Stürme seit es Aufzeichnungen gibt, das heißt seit 1851. Und sie sind erst der Anfang.

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