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StartseiteEssay und DiskursHybris und Chemie oder: Die gedopte Gesellschaft07.02.2010

Hybris und Chemie oder: Die gedopte Gesellschaft

Reihe: "Körperkult", Teil 4

"Enhancement" heißt das neue Zauberwort. Darunter versteht man in der Wissenschaft, technisch und psychopharmakologisch Leistungssteigerungen herbeizuführen. Die Schriftstellerin und frühere Spitzensportlerin Ines Geipel setzt sich seit Jahren kritisch mit dem körperlichen Optimierungswahn und der Effizienzgier auseinander.

Von Ines Geipel

Tiefgefronene und versiegelte Urinproben in einem Labor der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD) in Chatenay-Malabry, südlich von Paris (AP)
Tiefgefronene und versiegelte Urinproben in einem Labor der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD) in Chatenay-Malabry, südlich von Paris (AP)

"Mein Körper ist meine Schöpfung, eine Skulptur. Wenn es um meinen Konsum von Steroiden geht, treffe ich eine sehr klinische Entscheidung. Ich entscheide jeweils nach der Idee der Kreation und danach, welche Mode dieser neue Körper braucht, welche Haare ich zu ihm trage, welchen Charakter mein Körper in seiner neuesten Form erhalten soll."

Der Kalifornier Rick Owens, einer der derzeit angesagtesten Mode-Designer zwischen Sydney, Los Angeles und Paris spricht von einer "Traumfabrik", wenn es um sein neuestes Körperdesign geht. Was ihn leite, sei ein Mix-Style aus "Glamour und Verfall, Lässigkeit und Geometrie, Natürlichkeit und Eleganz, Sexuellem und Geist", sagte er in der australischen "Vogue" vom August 2008. Owens transportiere eine Stimmung, wusste denn auch die "Zeit" euphorisch über den Mode-Guru mit auffällig muskulösem Körper, großen Oberarm-Tattoos, ärmellosen Tanktops und schwarzen Lederhosen zu berichten. Seine Körperidee basiert gezielt auf Kontrasten, Entgrenzungen und Brüchen. In seinen Augen eine Aussage über unsere Zeit.

"Du willst aus einem Druck entlassen werden. Du willst etwas verlassen. Du willst für immer leben. Das nennt man die menschliche Bedingtheit."

Was bei Owens noch artifizielle Stimmung sein darf, ist bei Lichte besehen längst ein handfester Trend: Körper und Geist werden gedopt, - etwas hübscher gesagt optimiert oder auch enhanct - was das Zeug hält. Ob an Schulen oder Unis, ob bei Managern und Politikern, ob in der akademischen Welt oder auf dem Börsenparkett – wer kreativ, konzentriert, leistungsbereit, fettarm, glücklich oder am Ende einfach nur relaxt sein will, greift zur Chemie.

Die Hippeligen nehmen Ritalin, die Verzweifelten Fluoxetin, die Ausgepowerten Modafinil, die geistigen Akkordarbeiter lieben Koks, die Blutleeren EPO. In einer 24-Stunden-Dienstleistungsgesellschaft heißt der Slogan: immer erreichbar, immer einsatzbereit, immer unter Strom sein. Nichts scheint schlimmer als in einer narzisstischen, nach außen hin gelenkten Gesellschaft zum unbemerkten Mittelmaß erklärt zu werden.

Die Zahlen für das grassierende Zeitphänomen sprechen denn auch eine klare Sprache: Laut einer DAK-Studie vom Januar 2009 dopen sich allein in Deutschland bis zu zwei Millionen Arbeitnehmer für den Job, davon 800.000 regelmäßig.

770.000 Männer und fast 300.000 Frauen trainieren gegenwärtig in Fitnessstudios mit der Hilfe von Steroiden oder Wachstumshormonen für ihren "optimalen Körper".

Wurden 1990 in Deutschland noch 1500 Kinder mit Ritalin behandelt, gab es 2007 bereits über 500.000 diagnostizierte ADHS-Fälle.

In Deutschland konsumieren, wie es heißt, sechs von acht Mitarbeitern im Consulting-Bereich regelmäßig Psychopharmaka.

In etwa zehn Jahren, geben Trendforscher an, werde Hirndoping am Arbeitsplatz gang und gäbe sein, und auch die Nahrungsmittelindustrie sei gegenwärtig dabei, auf den fahrenden Chemisierungszug aufzuspringen: Der gedopte Joghurt für den müden Manager, der Kreativitätsriegel für den gestressten Studenten? Offensichtlich bald kein Problem mehr.

Es werde Getränke für Kreativität, Konzentration, Leistungssteigerung und Stimmungsaufhellung geben, meint Thomas Jendrosch, Experte für Wirtschaftspsychologie und Inhaber eines Beratungsinstituts in Korschenbroich. Und auch die Kindernahrung werde künftig in diesem Sinne vielfältiger, denn Eltern, sagt Jendrosch, wollen ihre Kleinen so früh wie möglich fit für ein Dasein als Leistungsträger machen.

Aber handelt es sich bei all der Hatz nach der ultimativen Aktivpille für Jung und Alt tatsächlich um etwas Neues? Ist nicht schon in der Antike pharmakologisch nachgeholfen worden? Ist der alte Kurs - die Suche eines Jeden nach dem Prometheus in sich - nicht völlig unverändert? Sollte man also nicht besser Ruhe bewahren und das Ganze unter der Rubrik "Recht auf Risiko" verbuchen?

An der Tatsache sich auflösender Grenzen zwischen Natur und Technik sei zwar nicht zu rütteln, heißt es nämlich aus den Reihen der Philosophen, doch für die Lebenswelt – also das, was man als den unprofessionellen Alltag bezeichnet – gelte besagtes Dilemma nicht. Der Mensch sei selbst in hochnervösen Zeiten durchaus in der Lage, sein unverstelltes Verhältnis zum Leben dauerhaft zu schützen und die Lebenswelt diene ihm dabei zu einem entscheidenden Stabilisator. Das philosophische Plädoyer für die unhintergehbare Eigenmacht der Lebenswelt geht somit davon aus, dass die Grenzen der Verantwortung und damit auch der Vorsorge im persönlichen Raum gezogen werden und nicht gesamtgesellschaftlich vorgegeben werden sollten. Liberales Ideal oder die strikte Verweigerung von Verantwortung?

Sicher, es hat Zeiten gegeben, in denen die anthropologische Innovationstaktung gemächlicher lief und die Gesellschaft große Stücke auf normative Ruhezeiten hielt. Doch spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends wird das Verhältnis von Erfolg und Verlust - der Radikalisierung von Schönheits- und Siegercodes in einer Entweder-Oder-Welt und Phänomene wie Schmerz, Trauma, Depression - noch einmal neu justiert. Neubestimmungen wie diese lassen sich im Sinne ästhetischer Spleens oder innerhalb akademischer Diskurse vielleicht noch halbwegs folgenlos auf den Plan rufen. Wie aber sieht es im radikalsten Maschinenraum des globalen Wettbewerbskörpers unter dem Druck von Kommerzialisierung und Medien, wie sieht es im Elitesport aus?

"Als ich gefahren bin, habe ich bis zu acht Pillen Prozac genommen, weil das Prozac dir den Hunger nimmt, dich in eine andere Welt befördert, eine Welt, in der du keine Angst mehr hast vor dem, was du tust, in der du keine Fragen mehr stellst. Und dann gibt es Tage, wo du nicht mehr dopen darfst. Wenn du dich aber monatelang in der Haut eines Übermenschen gefühlt hast und man dir plötzlich die Krallen abschneidet, ist man auf unglaubliche Weise deprimiert".

So berichtete der spanische Radprofi Jesús Manzano in einem seiner Geständnisse aus dem Frühsommer 2007.

Manzanos Dopingkarriere, die neben Prozac auch EPO, Wachstumshormone und Steroide beinhaltete, ist in ihrem Anfang eine Adaptionsstory hin zum Übermenschen: Je mehr er sich formt, je perfekter er funktioniert, desto mehr wird er zum "Homo optimus", einem Wesen ohne Angst und ohne Fragen. Nach dem Ende des Prozac-Konsums wird das Ganze schließlich zu einer Geschichte von Selbstverlust, reißt die Chemie Manzano in die eigene Leere.

Über den zweiten Teil der Geschichte und damit über den Preis solcher Illusionsprojekte ist öffentlich höchstens zufällig zu erfahren. Denn die neuesten Pharma-Körper im Elitesport kann die Erkenntnis beflügeln, dass sie in weithin juristisch abgesicherten, durchkriminalisierten Parallelwelten Gold, Geld und Rekorde machen. Funktionieren hier Sport und Gesellschaft wie kommunizierende Röhren? Sind die beiden Komplizen und auf's Engste miteinander verschaltet?

Vielleicht erhellt der Blick in die USA der 70er-Jahren, was es mit der Intensivosmose zwischen den beiden auf sich haben könnte: Man stelle sich also einen kleinen italo-amerikanischen Mafioso vor, wie er gelangweilt vor dem Fernseher hockt und tagelang Sport schaut. Es ist die absolute Hochzeit der Steroidkörper. Er sieht jede Menge schwer aufgedockter Muskeln. Der Mafioso staunt nicht schlecht. Irgendwann entscheidet er sich, seinen Fernseher auszuschalten und das Haus zu verlassen. Er will nach nebenan, zu einer Art Freund, der ebenfalls vorm Fernseher sitzt und Sport schaut. Sie glotzen tagelang und haben irgendwann eine Idee. Wie viele Mafiosi letzten Endes vonnöten waren, um einen so perversen wie brillanten Coup zu starten, nämlich die ersten Filme mit Schauspielern aus dem Bodybuilder-Milieu zu finanzieren, ist nicht überliefert. Legendär aber wurde dessen Umsetzung: Filme wie "Pumping Iron", mit Arnold Schwarzenegger, der nach dem Motto spielte: Mit der Rechten enerviert den Bizeps zucken lassen, um sich mit der Linken eine pralle Blondine auf die Hüfte zu hieven.

Freilich, ganz so dumpfbackig kommt heutige Körperpolitik nicht mehr daher. Nicht nur unser Bild von Leistung, Zeit und der Sichtbarkeit von Betrug hat sich verändert, auch die Rolle von Wissenschaft, Forschung und Technik ist eine andere geworden. So erklärt der amerikanische Körperdesigner Max Moore:

"Ich bin der Ansicht, dass es unsere Verantwortung ist, selbst zu entscheiden, wer wir sein wollen, und jene technischen Mittel einzusetzen, die uns dabei helfen, so zu werden. Altersschwache Teile des Körpers werden gegen selbstgezüchtete Organe ausgetauscht. Ein Chip im Hirn wird die Emotionen regulieren. Die Muskeln werden durch Nanofasern verstärkt."

Dass die Körperindustrie mit Blick auf biotechnologische News tatsächlich nicht nur Zukunftsmusik hört, sondern das Tor zur genetischen Tiefenveränderung längst weit geöffnet hat, belegt auch ein jüngstes Interview mit Wilhelm Schänzer, dem Leiter des Wada-akkreditierten Dopingkontrolllabors an der Deutschen Sporthochschule in Köln:

"Es sind tatsächlich neue pharmazeutische Mittel in der Pipeline. Es gibt demnächst neue Präparate, die ähnlich wie EPO wirken. Eine dieser Substanzen steht bereits auf der Liste der verbotenen Stoffe. Sie heißt Hematide. Die Analytik arbeitet daran, entsprechende Tests zu entwickeln. Hematide wird wahrscheinlich 2010, 2011 auf den Markt kommen und dann sehr gut verfügbar sein."

Auf die Frage, worauf sein Labor außerdem zu achten hätte, nennt Schänzer die viel begehrten HIF-Stabilisatoren, darüber hinaus die Substanz S107.

"Sie soll Kalziumkanäle im Herzmuskel stabilisieren. Bei der Behandlung von Herzrhythmusstörungen erhofft man sich einiges davon. Bei Tierversuchen hat es sich gezeigt, dass es zu Verbesserungen im Ausdauerbereich kommt."

Des Weiteren verweist der Doping-Analytiker auf die Substanz Aicar und auf GW1516, das bis zu 70 Prozent mehr Leistung sichert. Aicar stattdessen lässt die Muskeln angeblich denken, sie hätten täglich trainiert. Bei diesen Substanzen werden Gene aktiviert, die daraufhin vermehrt Enzyme produzieren und zu einer verbesserten Verbrennung von Fett führen. GW1516 kann bereits als Referenzsubstanz von der Firma bezogen werden. Auch Aicar ist käuflich zu erwerben, wenngleich sehr teuer.

Was bei Schänzer nach Science Fiction oder auch nach technischer Mondsprache klingt, ist in erster Linie ein Beleg für die enorme Komplexität heutiger biotechnologischer Möglichkeiten, die den Sport mittlerweile schwer im Griff haben. Der australische Dopingexperte Robin Parisotto ist sich über die völlig aussichtslose Situation absolut im Klaren und verweist deshalb darauf, dass kein Antidopinglabor der Welt auch nur die Hälfte der verbotenen Substanzen kennen würde, die im Moment gehandelt werden.

Doch nicht nur in den Antidoping-Laboren rund um den Globus ist die Lage zunehmend unübersichtlich geworden. Die biotechnologische Revolution, sagt der Philosoph und Harvard-Professor Michael Sandel, produziere "eine Art moralischen Schwindel", dessen Dimension bisher jedoch kaum umrissen ist. Ein Betrug durch Technik, Naturwissenschaft und Rationalität, der aufgrund seiner Rasanz alle rechtlichen Regulierungen und ethischen Diskurse unterlaufe. Das Denken überholt sich in diesen Fragen selbst.

Vielleicht aber kann man der Konfusion – jenem somnambulen Schwindel - doch ein wenig auf die Spur kommen? Beispielsweise: Was ist eigentlich aus dem Tausendsassa He-Man geworden, der in den achtziger Jahren Filmgeschichte schrieb? War der agile Recke einst insbesondere als daherbrausender, muskelbepackter Held mit Zauberschwert, als "mächtigster Mann des Universums" mit markigen Sprüchen wie "Ich habe die Kraft!" bekannt, - fristete er ab Mitte der neunziger Jahre eher in dunklen Untergeschoss-Laboren, etwa im Medical Center der University of Pennsylvania in Philadelphia, ein trübes Dasein. He-Man, der mutige Hero aus den Lüften, der innerhalb von knapp zwanzig Jahren zu einer bizarren Kellerexistenz mutierte.

In Pennsylvania forschte der Physiologe Lee Sweeney nach Therapieoptionen für Muskeldystrophie, Krebs und Immunschwäche und hatte sich im Lauf der Zeit eine bemerkenswerte Truppe aus athletischen Nagetieren herangezüchtet, darüber hinaus äußerst erstaunliche Fliegen, Hunde und Affen. Mitten in diesem Zoo lebte auch He-Man als eine weiße Maus mit dickem Nacken und massigen Lenden, die in ihrem Käfig endlos am Rad drehte. Aber was war mit He-Man? Dazu Lee Sweeney:

"Ein Virus hat ein künstliches Gen in seine Muskeln geschleust. Dort kann es große Mengen des Wachstumsfaktors IGF-1 bilden, das wiederum die Reparatur der Muskeln anregt. Selbst ohne Training ergibt das einen Muskelzuwachs von 15 bis 20 Prozent, mit Training von 40 bis 60 Prozent."

Ein forcierter Muskelpump durch Einmalinjektion und noch dazu völlig ohne Training? Die Verlockungen molekularen Dopings waren immens und sind es noch immer, da diese Verfahren alle Pillen, Dauerspritzen oder Pflaster vollkommen überflüssig machen. Mit entsprechenden Genen nachgerüstet, wäre der Körper in der Lage, sich selbst zu frisieren. Im Grunde das ultimative Doping und Mark S. Frankel sieht mehr als gute Gründe, entsprechend davor zu warnen:

"Das große kommerzielle Interesse an der Gentherapie löst ein Rennen mit klinischen Versuchen aus und Druck nach schnellen Resultaten – bevor die wissenschaftlichen Grundlagen sauber erarbeitet sind."

Doch bei allem Hype auf die Genforschung: Ihre Risiken sind nach wie vor unabsehbar hoch. Sich ihnen auszusetzen hieße, den Tod in Kauf zu nehmen. Nicht aber das enorme Risiko, sondern eher He-Mans Universalität als Forschungsobjekt dürfte der Grund gewesen sein, dass er vor geraumer Zeit noch in einen anderen Forschungsbereich umsiedeln musste. Sein momentan spektakuläres Formhoch hat in erster Linie mit dem starken Aufschwung technischer Enhancements zu tun oder mit dem, was Reinhard Merkel, Rechtsphilosoph und Strafrechtler an der Universität Hamburg, unter dem Begriff "Deep Brain Stimulation" versteht, nämlich "Optogenetics", eine Hirnstimulation mittels Laserlicht.

Man hat also erneut den strapazierten He-Man vor Augen, wie über Retro-Viren eingeschleuste Gene zunächst bei ihm bestimmte Hirnareale lichtempfindlich machen. In einem zweiten Schritt gibt es ein Lichtsignal mittels Glasfaser in sein Hirn. Ab da kann man den Bedauernswerten in seinem Käfig nicht nur höchst energiegeladen und immer in derselben Richtung, sondern auch noch endlos kreiseln sehen. Ob rechts oder links herum ist in dem Fall allein von der Außensteuerung abhängig.

Der völlig normal gebaute, in nämlicher Art vor sich hin kreiselnde, neueste He-Man ist so über kurz oder lang zur Metapher für den Weg vom physiologischen zum neuronalen Doping geworden. Wer will sich auch schon mit Chemie vollpumpen, wenn das Ganze genauso gut mit Licht oder Strom geht? Wozu sich noch der Gefahr eines verdächtigen Reagenzglases aussetzen, wenn man das Dopinglabor so leuchtend umschiffen kann? Der muskelbepackte, stiernackige He-Man aus Lee Sweeneys Labor kreiselt heute zwar auch weiterhin in seinem Käfig, doch im Grunde sieht er längst aus, als gehöre er zu einer erloschenen Galaxie. Reinhard Merkel führt dazu aus:

"Diese Art der Deep Brain Stimulation ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Auf der einen Seite ergeben sich Chancen für die Behandlung von schweren, psychischen Erkrankungen, auf der anderen Seite ist, jedenfalls prinzipiell, eine Steuerung von außen möglich. Man kann übrigens durchaus vermuten, dass im Hochleistungssport schon heute Experimente mit neuronalem Doping durchgeführt werden. Die Stimulation des sogenannten "Belohnungszentrums" im Gehirn bietet sich hierfür an."

Die Aussicht, in Kürze als rechtsgedrehte oder linksgedrehte Spezies auf der Erde zu kreiseln, bleibt hoffentlich ein apokalyptischer Alp. Dennoch stellt sich drängend die Frage, ob wir all das technische und pharmakologische Neuro-Enhancement, das im Raum steht, überhaupt händeln können? Stehen also für die künftige Bereitstellung sogenannter neuer Erfahrungswelten überhaupt ausreichende politische, juristische und wissenschaftliche Antworten parat? Sind wir in der Lage, auf die neue Dimension gesellschaftlicher Anästhesierung entsprechend zu reagieren?

Bei der Suche nach Antworten stößt man automatisch auf das kürzlich in der Zeitschrift "Gehirn und Geist" veröffentlichte Memorandum "Das optimierte Gehirn". Sieben Experten aus den Bereichen Rechtswissenschaft, Psychiatrie, Chemie, Medizinethik, Philosophie und Medizin, darunter auch Reinhard Merkel, der von 2003 bis 2005 zudem Mitglied der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Deutschen Bundestages war, hatten sich drei Jahre lang den Herausforderungen aktuellen Hirndopings gewidmet. Das Projekt stand dabei unter der Federführung der Europäischen Akademie in Bad Neuenahr-Ahrweiler und wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. Der Chefredakteur von "Gehirn und Geist", Carsten Könneker, bezeichnete die Optimierungs-Schrift im November-Editorial seines Heftes vorab als "Meilenstein in einer wichtigen Diskussion".

Dass die gewissermaßen staatliche Antwort auf all die zunehmende Medikalisierung von Gesellschaft nicht, wie ursprünglich beansprucht, Handlungsempfehlungen für Politik und Wissenschaft geben konnte, dürfte in erster Linie damit zu tun haben, dass die Autoren kaum kritische Distanz zum eigenen Gegenstand aufbringen konnten. Auf bemerkenswerte Weise ist das Forscher-Team mit dem "Wir" einer Gesellschaft identifiziert, das sich kaum anders als im Optimierungs-Karussell denken kann.

"Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist das Recht eines jeden entscheidungsfähigen Menschen, über sein persönliches Wohlergehen, seinen Körper und seine Psyche selbst zu bestimmen. Diese Perspektive ist weder willkürlich noch verhandelbar. Sie ist durch das Grundgesetz vorgegeben und entspricht ethisch und politisch der gesellschaftlichen Grundüberzeugung in einem liberalen Rechtsstaat. Begründungsbedürftig ist demzufolge nicht die Freiheit, Neuro-Enhancement-Präparate zu nehmen – begründungsbedürftig sind vielmehr Einschränkungen dieser Freiheit!"

Klar. Wer will bestreiten, dass alles nichts ist, wenn Freiheit nicht ist? Wer wollte nicht Gerechtigkeit? Aber welche Freiheit eigentlich, welche Gerechtigkeit?

- Die Freiheit junger Chinesinnen, die sich - da klein gewachsen - kollektiv unter Wachstumshormon setzen, weil nur noch entsprechend große, globale Körper auf dem Arbeitsmarkt eine Chance erhalten?
- Die Freiheit der 20 Prozent deutscher Arbeitnehmer, die von ihren Arbeitgebern angehalten sind, zu Psychopillen zu greifen, weil sie dem Druck auf dem Arbeitsplatz nicht mehr standhalten?
- Oder die Freiheit, zwischen einer erfolgreichen, aber diffundierten Wissenschaft und einer immer kleinteiliger werdenden Technik à la Michael Sandels "moralischem Schwindel" für immer abzutauchen? Die Freiheit also des Selbst, sich beim Verschwinden zuzusehen?

"In einer Gesellschaft, in der Menschen ständig psychoaktive Substanzen zu sich nehmen, kann man nicht mehr sagen, wer jemand selbst ist, ja nicht einmal, wer normal ist."

Dies schreibt der französische Philosoph Alain Ehrenberg in seinem Buch "Das erschöpfte Selbst". Modernes Selbstenhancement und mit ihr das, was man "Verbesserungsmedizin" nennt, ist so auf dem besten Weg, zu einer Krankheit der Freiheit zu werden, statt - wie erhofft - zu einer Übung in Sachen Freiheit.

Dabei kann man den Autoren des zwölfseitigen Papiers gewiss nicht vorhalten, sie hätten Pro und Contra der Debatte unzulänglich verkürzt oder gar ausgespart. Abhängigkeit und Suchtgefahr, Verteilungsgerechtigkeit, die Rollen der Ärzte, individuelle und kollektive Verantwortung - alles kommt auf den Tisch. Doch unter der Hand wird durch jede Papierseite hindurch immer wieder die Faszination des erhofften Pharmasegens sichtbar: Wie halten Sie es mit den Risiken bei Hirnmanipulationen? Na aber: Sind Coaching und Meditation den erwünschten Psychopharmaka nicht sehr ähnlich? - Was ist mit den Suchtgefahren? Also bitte: Auch eine romantische Liebe kann mitunter irrationale Züge annehmen. - Und der durch all die Chemie erzeugte gesellschaftliche Druck? Wer weiß, vielleicht ist es auch genau anders herum, vielleicht werden wir ja durch ihn empfindsamer, sozialer, menschlicher? - Und das Ethische in all dem Optimierungswahn? – Ja, was nun: Sind wir im Maßnehmen der Natur denn sonst auch so kleinlich?

Letzten Endes bringt es die Chefin der Forschungsgruppe Isabella Heuser, Professorin und Direktorin der Psychiatrie-Klinik der Berliner Charité, im "Spiegel" vom März 2009 auf den Punkt, wenn sie betont: "Gäbe es die Wunderpille, frei von Nebenwirkungen, würde sie jeder von uns nehmen!"

Ist damit jene Wunderpille gemeint, die immer wieder neu den einen großen Krieg entscheiden sollte? Oder die, mit deren Hilfe man im Sport schon seit Urzeiten zum ultimativen Helden ausersehen war? Die Wunderpille also, die für den Mythos des ewigen, unverwundbaren Siegers steht und dabei längst demontiert ist? Aber wenn der Lack doch ab ist, warum ist es den Autoren des Memorandums dann derart wichtig, sich so strikt vom Sport und seiner Chemie, die sie als "fraglos betrügerisch" brandmarken, abzugrenzen? Warum darf es in dem Papier um keinen Preis den Begriff Doping geben, wo ansonsten unentwegt Nüchternheit, Unaufgeregtheit und Sachlichkeit eingefordert werden? Was stört? Das Skandalöse, das Gehechel, das Ungeistige des sportlichen Unterfangens? Sein mittlerweile schlechtes Image, das nicht mehr in die Zeit der erhofften intellektuellen Optimierung passt? Es ist also aus mit der Intensivosmose zwischen Sport und Gesellschaft?

Die Autoren stellen in ihrer Schrift jedenfalls unmissverständlich klar, dass der Bezug auf den Sport "jeder verantwortungsvollen Nutzung von Neuro-Enhancements" im Wege stehe. Und was diese angeht, scheinen die Messen gesungen. Im Memorandum heißt es:

"Es gibt gute Gründe, das offenbar schon heute vorhandene Bedürfnis nach pharmakologischer Unterstützung der Psyche zu enttabuisieren: Pharmaunternehmen müssten gesunde Menschen nicht länger krankreden, um deren Bedürfnisse nach Neuro-Enhancement-Präparaten bedienen zu dürfen. Enhancement-Interessenten müssten sich umgekehrt nicht länger krank stellen, Ärzte nicht länger so tun, als würden sie Störungen behandeln, wenn sie Neuro-Enhancement-Präparate einsetzen. Das solidarische Gesundheitswesen müsste nicht länger für solche scheinbaren Heilbehandlungen bezahlen. Und schließlich ließen sich Gesetze und Zulassungsbestimmungen so modifizieren, dass sie Forschungsprojekte ermöglichen würden, die zukünftig die Entwicklung von Neuro-Enhancement-Präparaten verfolgen könnten."

Auffällig dabei, dass die sieben Experten für eine Freigabe von Hirndoping plädieren, obwohl es bisher keinerlei substanzielle Forschung zu Neuro-Enhancements mit gesunden Probanden gibt. Nicht mal bei Stoffen wie Amphetaminen, bereits seit 100 Jahren auf dem Markt, oder Ritalin, seit 50 Jahren vertrieben, sind Langzeitfolgen und Risiken bei Gesunden wirklich geklärt. Und auch bei der Pharma-Nutzung von Kindern gelingt der Forschercrew keine klare Haltung. Wegen des experimentellen Charakters sei die Anwendung bei Kindern zwar gegenwärtig inakzeptabel, aber eine generelle Ablehnung für die Zukunft sei "unangemessen und voreilig", meinen sie.

Frappierend ist zum anderen, dass sowohl Neuro-Enhancements als auch die sogenannte Verbesserungsmedizin bisher fast keine rechtliche Regulierung kennen. Ist in diesen Fragen der bemühte Kundenwunsch tatsächlich der maßgebende und allein ausreichende Legitimitationsdruck? Wie steht es um den Verbraucherschutz? Wie um so schöne Begriffe wie Autonomie, Authentizität und Identität? Wie will man es mit so etwas wie Bewusstseinsfrieden halten oder der Tatsache einer kollektiven Nötigungssituation? Müsste nicht mentale Selbstbestimmung als legitimes Rechtsgut definiert werden?

Nach Lektüre des Memorandums bleibt vor allem eins: völlige Ratlosigkeit. Wird hier russisches Roulette gespielt? Oder geht Raumschiff Enterprise wieder einmal auf Reise? Geht es um einen speziellen Wissenschaftsdiskurs, der auf diese Weise bestimmt werden soll? Oder um Interessen mit Blick auf die Pharmaindustrie? In der Realität jedenfalls verspielt das Memorandum die einmalige Chance, unter dem Signum der aktuellen Kulturkrise jenem zur Norm erhobenen olympischen Programm: mehr leisten, mehr aushalten, mehr funktionieren, in aller Klarheit Einhalt zu gebieten und mit seriösen Lösungsansätzen den bestehenden Schieflagen zu begegnen. Die Autoren schaffen es nicht, sich zu einer anderen Lesart des Jetzt durchzuringen, als lediglich seine Verwerfungen im Sinne eines Status quo abzunicken. Dass es längst andere Konzepte für ein sinnreiches, befriedigendes Leben gibt als sich auf der hechelnden Spur von Maximierung, Optimierung, Wachstumsbeschleunigung selbst zu überholen, kommt den Experten erst gar nicht in den Sinn.

Wer wollen wir sein? Wie weit wollen wir gehen? Die Chemisierung unserer Gesellschaft braucht politische Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit – eine Art Körperreform als Inweltschutz, vergleichbar mit Großprojekten wie Klima- oder Umweltschutz. Eine Politik also, die die Gesundheit und Unversehrtheit der Bevölkerung zu regeln und zu schützen in der Lage ist. Das meint nicht zuallererst Verbote, sicher auch nicht das Prinzip der reinen Lehre, wohl aber ein ethisches Konzil, das die intellektuellen und finanziellen Mittel hat, eine umfassende Aufklärung auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen. Denn ein chemisierter Körper ist vor allem eins: ein abhängiger und damit kontrollierter Körper. Die Wunderpille, das wie auch immer erhoffte gute Doping, bleibt ein Mythos, ist nicht mehr und nicht weniger als eine fixe Idee, die auf Machtverhältnissen basiert.

Wir werden nicht umhin können, die Integrität des Körpers, das bisher Unverfügbare der menschlichen Natur, und die Würde des Menschen ernst zu nehmen. Der Körper ist nicht lediglich Exerzierfeld und bloßes Material momentaner Effizienzgier. Er beansprucht unsere Sorgfalt und maßvolle Korrektive. Diese Prinzipien außer acht zu lassen hieße, der globalen Körperindustrie keinerlei Grenzen mehr zu setzen.

Der Philosoph Michael Sandel führt in seinem "Plädoyer gegen die Perfektion" aus:

"Statt unsere neuen genetischen Fähigkeiten dafür einzusetzen, das krumme Holz des Menschen zu begradigen, sollten wir tun, was wir können, um soziale und politische Verhältnisse zu schaffen, die für die Begabungen und Beschränkungen unvollkommener Wesen möglichst günstig sind."

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