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StartseiteBüchermarktHysterischer Realismus - selbst das Nichts ist nicht nichts17.04.2011

Hysterischer Realismus - selbst das Nichts ist nicht nichts

Buch der Woche: Jonathan Lethem: "Chronic City". Tropen Verlag

"Chronic City” liest sich wie eine Aneinanderreihung skurriler Einfälle. Sie dienen als Vehikel für die umfassenden Gesellschaftstheorien jener schlauen Genration, die mit Nintendo aufgewachsen ist, Paul Virilio gefrühstückt hat und nun über die transzendenten Qualitäten von Twitter sinniert.

Vorgestellt von Sacha Verna

New York, Manhattan, Upper East Side: Ein Makrokosmos der Hyperrealität in "Chronic City" (AP)
New York, Manhattan, Upper East Side: Ein Makrokosmos der Hyperrealität in "Chronic City" (AP)

Realismus.

"Als stiltypologischer Begriff die wirklichkeitsgetreue Darstellung der gegebenen Tatsachen und natürlichen Verhältnisse und sinnlich erfahrbaren Vorgänge mit angemessenen einfachen sprachlichen Mitteln."

Hysterie.

" Sammelbegriff für eine Reihe seelisch bedingter Verhaltensstörungen mit wechselnden psychischen und körperlichen Symptomen, deren organische Bedingtheit nicht nachweisbar ist. Der hysterische Charakter ist ein zur Hysterie neigender Persönlichkeitstyp, der durch emotionale Labilität, Geltungssucht und theatralisch-rollenhaftes, unechtes Gefühlsleben gekennzeichnet ist."

Hysterischer Realismus

"Auch: verkrampfter Postmodernismus. Bezeichnung eines neuzeitlichen literarischen Phänomens."

"Hysterischen Realismus” nannte der in Harvard lehrende Kritiker James Wood eine bestimmte Art von Literatur, der vor einigen Jahren eine ganze Reihe jüngerer angelsächsischer Autoren zu huldigen schienen. Darunter mit großem Erfolg Zadie Smith mit ihrem Roman "Zähne zeigen” und Jonathan Safran Foer mit "Alles ist erleuchtet”, Dave Eggers mit "Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität” und Jeffrey Eugenides mit "Middlesex”. Als deren geistige Väter bezeichnete Wood unter anderem Don DeLillo und Thomas Pynchon. Merkmale der von ihm monierten Sorte Belletristik bilden: absurde Eigennamen, auf Hochtouren laufende Plots, lange Exkurse über obskure Sachgebiete, ein Desintresse an allgemeinmenschlichen Befindlichkeiten und eine genrelle Atmosphäre der Verschwörung.

Mister Wood mochte die Hervorbringungen der hysterischen Realisten nicht. Er wird wohl auch Jonathan Lethems "Chronic City” nicht mögen. "Chronic City” ist der achte Roman dieses 47-jährigen amerikanischen Schriftstellers, der auch im deutschen Sprachraum mit Werken wie "Motherless Brooklyn” und "Die Festung der Einsamkeit” ein festes Publikum gewonnen hat. "Chronic City” strotzt vor Trivia im Action-Modus und vor konspirativen Akteuren mit Taufpech.

Der Roman spielt in Manhattan. Genauer, an Manhattans Upper East Side, um die 84. Straße herum, irgendwann in ferner Gegenwart. Das heißt, nicht ganz jetzt, aber auch nicht ganz in Zukunft. Vielmehr trägt Lethems Manhattan die unverwechselbaren Züge der Stadt von heute, ist jedoch mit kuriosen Schönheitsflecken versehen. So ist die Wall Street in Dauernebel gehüllt. Es schneit im Sommer, es schneit überhaupt ständig. Und Hunde verfügen darin über Eigentumswohnungen. Letzteres wirkt gar nicht allzu weit hergeholt angesichts der Begeisterung, mit der sich New Yorker beschnauzte Lebensgefährten zulegen, und angesichts des Eifers, mit dem sie sich um deren Wohlbefinden kümmern. Der süße Duft, den Lethem erwähnt, ist eine schlichte Tatsache. Bei ihm riecht Manhattan wochenlang unerklärlicherweise nach Schokolade. In Wirklichkeit weht New Yorkern immer mal wieder luftiger Ahornsirup um die Nase. Es ist ein olfaktorisches Rätsel, das nach wie vor seiner Lösung harrt. Hier Jonathan Lethems Version:

"Zuerst dachte man, es sei lokal, man sei unbewusst an einer Bäckerei vorbeigelaufen, hätte irgendeinen süssen Schokoduft geschnuppert, der Heisshunger und Erinnerungen weckte. Man suchte die Strasse ab, fand nichts, ging weiter, aber der Geruch begleitete einen überallhin, auch in die Wohung, obwohl die Fenster verschlossen waren. Wieder auf der Strasse sah man die anderen hochschauen und gedankenverloren Luft einsaugen. Und schnell bestätigte es sich: Ja, man roch dasselbe. Downtown sei es genauso gewesen, sagte jemand ziemlich nervös. Jemand anders meinte, sogar in der Subway. Auf den Gehwegen der Lexington Avenue, die sich normalerweise in feindseliges Schweigen hüllten, brachen die Leute plötzlich in Willy-Wonka-Vergleiche aus."

Erzählt werden die Geschehnisse ungefähr eines Jahres hauptsächlich von Chase Insteadman. Chase zehrt finanziell und gesellschaftlich von seiner Vergangenheit als Kinderstar:

"Ich kann es genauso gut zugeben, dass ich als Tischdekoration bei Abendgesellschaften diene. Es ist etwas Angenehmes an mir. Ich gleite reibungslos dahin auf den Kugellagern des Charmes, habe ein gemässigtes Charisma, das niemandem weh tut.(...) Wie ermüdend dieser Zwang, allen sozialen Erfordernissen zu entsprechen! Ich meine nicht nur für mich; häufig ist es unverkennbar, dass mein Charme auch andere ermüdet und befremdet, selbst wenn sie darauf angewiesen sind, dass er die Risse in der sozialen Fassade zuspachtelt – leere Plätze füllt, erstickendem Schweigen Luft macht, Unbehagen karamellisiert. Ich bin wie Karamell, oder vielleicht wie Kaugummi."

Chase ist auch deshalb ein gern gesehener Gast an edlen Dinnerpartys, weil seine Verlobte, eine Astronautin, auf einer Station im All feststeckt. Von dort aus sendet sie ihm regelmäßig rührende Briefe, die die kriegsfreie Ausgabe der New York Times abdruckt und ganz Manhattan liest. Mit einem Insteadman, einem Anstatt-Mann am Tisch, geht der Gesprächsstoff nie aus.

"Ich begegnete Perkus Tooth zum ersten Mal in einem Büro."

Im Wesentlichen handelt "Chronic City” von der Freundschaft zwischen Chase Insteadman und Perkus Tooth.

"Bei dieser ersten Begegnung war er völlig weggetreten, in einem seiner "ellipsistischen” Zustände, wie ich es bald zu nennen lernte. Perkus Tooth selbst steuerte später die Erklärung bei: ellipsistisch wie in "Ellipse”. Eine Art leeres Intervall, eine Absenz oder psychische Auszeit, in der er weder deprimiert noch euphorisch war, weder einen Gedanken beenden noch einen neuen beginnen wollte. Einfach dazwischen. Pausentaste gedrückt."

Perkus ist ein ehemaliger Rockkritiker mit mottiger Revoluzzer-Legitimation, schweren Migräneanfällen und einer innigen Beziehung zu Marihuana. An seinem Küchentisch finden unter wechselnder Teilnahme ausführliche Diskussionen statt über J. Edgar Hoovers Erpressung durch die Mafia, Slavoj Zizek und Hitchcock sowie über die heimtückische Typografie des New Yorker, die laut Perkus jedes eigenständige Denken von vornherein verhindert:

"Die Botschaft war eingebettet, auf einer unterbewussten Ebene, wenn man sich die Zeitschrift nur anschaute; das Siegel, wie er es nannte, mit der die Typographie und das Layout jeden dialektischen Gedanken versahen. Den New Yorker zu lesen bedeutete laut Perkus, dass man von vornherein zustimmte, nicht dem New Yorker, sondern erschreckenderweise sich selbst."

Um die Freundschaft zwischen Perkus und Chase geht es im Wesentlichen. Im Unwesentlichen geht es um die Welt als Illusion. Darum, dass wir alle bloß Pixel sind in einer virtuellen Simulation, die wir mit Realität verwechseln. Nicht alle erfassen die Lage der Dinge in "Chronic City” gleich schnell. Als Letzter natürlich Chase Insteadman selber, der zuerst Verlobte, Geliebte und Perkus verlieren muss, um hinter das Geheimnis unserer prekären Existenz zu kommen. Was man ihm zu erklären versucht, ist ja auch nicht ganz leicht zu verstehen:

"Die Theorie simulierter Welten besagt, dass die Rechenleistung der Computer unweigerlich bis zu einem Niveau ansteigen wird, auf dem es möglich ist, die Simulation eines ganzen Universums zu erzeugen, bis ins letzte Detail, bevölkert von kleinen simulierten Wesen ( ... ), die ernsthaft glauben, sie wären wirklich am Leben."

Das ist schon einmal schwer zu verdauen. Aber es kommt noch schlimmer:

"Wenn wir uns einig sind, dass die Chancen überwältigend gut stehen, dass es bereits passiert ist, dann sind wir lediglich eines von unzähligen Paralleluniversen, eine Versuchsreihe, bei der es nur darum geht zu schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Ihr wisst schon, ob wir uns am Ende mit nuklearen Waffen selbst zerstören oder eine gigantische Hippiekommune werden. Billionen dieser Simulationen könnten sich gleichzeitig abspielen."

Und jetzt das Allerschlimmste:

"Das Problem ist ( ... ), das unsere eigene Realität möglicherweise nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn sie entweder informativ oder unterhaltsam genug ist, um die benötigte Rechenleistung zu rechtfertigen. Oder anders gesagt, solange wir nicht zuviel davon benötigen, lassen sie uns vielleicht am Netz. Es ist also davon auszugehen, dass diese Ressource immer einer gewissen Limitierung unterliegen wird, was all unsere physikalischen Gesetze nahelegen. In dem Moment also, in dem wir eigene Computer entwickeln ( ... ) werden wir zu einer massiven Belastung für ihre Rechenleistung. Und der Anstieg ist exponential, denn nun müssen sie ja auch unsere gesamten Simulationen generieren. Wir wären dann der Mühe nicht mehr wert, hätten das für unsere spezielle kleine Simulation vorgesehene Budget längst verschleudert. Sie würden uns einfach den Stecker rausziehen."

Wer sind "sie”?

"Einigen wir uns darauf, sie "unsere Simulatoren” zu nennen."

Originalität und freier Wille ade. Chase begreift und will nicht begreifen:

"Ich sparte mir den Einwand, dass es sich für mich aber wie das Original anfühlte. Ich wusste, sie würde erwidern, dass sich jedes simulierte Universum für seine Einwohner anfühle, als sei es das Original. Und doch sprach alles um mich herum, jedes spezifische Detail der Simulation, in die ich eingebettet war, gegen die Vorstellung, dass es eine war: die Schwaden alten Rauchs und die wandernden Lichtpunkte, die zwischen meinen Augen und der Küchenlampe hin und her trieben, das unfreiwillige Echo meines Gedächtnisses, das mir meldete, eine der Bands, die Perkus uns vorgespielt hatte, heisse Crispy Ambulance, ein pochender Niednagel, an dem ich blöderweise herumgekaut hatte und den ich nun zu ignorieren versuchte."

Jonathan Lethem ist ein glänzender Stilist. Die Leichtigkeit, mit der er sich die Stimme seines angenehm unprätentiösen Protagonisten zu eigen macht, die Eleganz, die er beibehält, ob er nun über ausgebüchste Tiger referiert, die möglicherweise mechanische Monster sind und ganz sicher und buchstäblich Manhattan unterhöhlen, oder ob er einen Empfang bei New Yorks milliardenschwerem Bürgermeister schildert, der unschwer als Michael Bloomberg mit einigen Genen von Rudy Giuliani zu erkennen ist: All diese Fähigkeiten sind bemerkenswert.
Eine Party bei besagtem Bürgermeister? Voilà:

"Jetzt mischten wir uns in dem riesigen Salon ( ... ) unter die Leute, in eine Szenerie aus glänzenden Gold- und Brauntönen vor monumentalen Fenstern, die den Schneesturm zeigten, ein Hintergrund, blau und stumm wie ein Aquarium. Wir waren mitten in das grösste Gedränge geraten, einen weiteren Sturm, in dem die Gäste damit beschäftigt waren, Sektflöten und Wodkagläser und Tabletts voller Sushi und Blini zu leeren, die von Bediensteten gereicht wurden. Alle tabellarisierten wir Gesichter, die wir kannten, und andere, die wir erkannten, alle eingeschüchtert von der zehn Meter hohen Stuckdecke, die bemalt und angeleuchtet war wie Buttercreme auf einer umgedrehten Hochzeitstorte."

Jonathan Lethem pflegt einen milden Witz, und das New York, das er entwirft, könnte anschaulicher nicht sein. Von den roten Sitzecken aus Vinyl in Perkus' Lieblingsdiner Jackson Hole bis zu den Szenen in der Notaufnahme des St. Ignatius Rockefeller, von den Lobbys an der Park Avenue bis zur Infrastruktur mietgebundener Wohnungen – man vermag es sich haargenau vorzustellen. Wer New York ein bisschen kennt, wird sagen: Stimmt, stimmt hundertprozentig. So Lethems Skizze der Upper East Side:

"Das Geheimnis dieses Ortes ist die Abgrenzung vom Auf und Ab der Trends und Moden in Manhattan. ( ... ) Die Einkaufswagenladys und die Pelzladys und die Mädchen in den schwarzen Cocktailkleidern, die dreiundzwanzigjährigen Juniorpartner auf Beutezug mit gelockerten Krawatten, das "sich Einschmuggeln in höhere Kreise” von Polizisten ausser Dienst – keiner hat es nötig, den anderen flüchtige Blicke zuzuwerfen und sich zu fragen, ob dieser Ort rechtmässig ihnen oder irgendjemand anderem gehört. Die Resonanzen und Überlagerungen hier sind rätselhaft, ohne übertrieben beeindruckt von sich selbst zu sein. ( ... ) Das Geld wohnt schon so lange hier, dass es etwas altersschwach wirkt. Wenn es eines der Gesetze des Geldes ist, dass man damit keinen Geschmack kaufen kann, ist dies der Ort, an dem es nach dem gescheiterten Versuch strandet."

Stimmt, stimmt hundertprozentig. Nach einer treffenderen Beschreibung dieses New Yorker Viertels muss man lange suchen. Es ist, als wollte Lethem die Prämisse der Virtualität in diesem Roman rein handwerklich widerlegen.

Aber: Weshalb erschöpft einen die Lektüre von "Chronic City” so sehr? Über die grotesken Namen schaut man bald hinweg. Georgina Hawkmanaji? Richard Abneg? Strabo Blandiana? Na und? Anderswo heißen die Leute Han Solo, Obi-Wan Kenobi und Darth Vader und werden todernst genommen. Auch die Referenzwut, mit der Jonathan Lethem Populär- und Hochkultur attackiert, verzeiht man ihm. Man braucht schließlich nicht nach jeder Nennung eines mysteriösen Filmtitels Wikipedia zu beharken. Und der leise Trommelschlag der Apokalypse, mit dem der Autor seine Fabel unterlegt? Na ja, so rosig sind die Aussichten für unsere Enkelkinder auf diesem Planeten tatsächlich nicht.

Ein Problem dieses Romans ist die Handlung. Die ist nämlich keine. "Chronic City” liest sich vielmehr wie eine Aneinanderreihung skurriler Einfälle. Sie dienen als Vehikel für die umfassenden Gesellschaftstheorien jener schlauen Genration, die mit Nintendo aufgewachsen ist, Paul Virilio gefrühstückt hat und nun über die transzendenten Qualitäten von Twitter sinniert. Obschon Lethem mit seinem Sittengemälde einer fiktiven Wirklichkeit eine Totalität, einen undurchsichtigen Zusammenhang zwischen allem und jedem suggeriert, zerfällt sein Roman in Episoden. Dabei kann man einzelnen Figuren ein Innenleben nicht einmal absprechen. Und das ist ja eher untypisch für Romane mit makroskopischem Anspruch. Doch eine Geschichte und Geschichten, für die man sich interessiert, ergibt sich daraus nicht.

"Perkus hielt vor allem an einer Grundüberzeugung fest, einer Regel, die er aus früheren Drogeneskapaden gewonnen hatte ( ... ), als er Seite an Seite mit Kameraden immer wieder kurze, blendende Erleuchtungen erlebte, während andere in Horrortrips abglitten, negative Welten, aus denen man sie zurückholen musste: Beraube niemanden seiner Illusion, es sei denn, du bist überzeugt, dass die Alternative, die du zu bieten hast, wertvoller ist als das, was du ihm nimmst. Hinterfrage deinen Solipsismus: Bietet er ein besseres Zuhause als die Selbsttäuschung, die du beenden willst? Perkus, der von einer Ebene kultureller Versatzstücke aus operierte, die zu einem Sinnpuzzle zusammengesetzt waren, hatte jahrelang geglaubt, sein Solipsismus wäre ein ziemlich gutes Zuhause. ( ... ) Jetzt hatte er auf einmal alle Sicherheit verloren."

Bloß tut einem Perkus kein bisschen leid.

Episoden, die kein Ganzes ergeben, ein Aufgebot an Figuren, deren Schicksale einen unberührt lassen. Zudem ist das Bild vom gigantischen Netzwerk, das Jonathan Lethem präsentiert, keineswegs neu. Es ist verzerrt, gewiss. Die Nullen und Einsen hier tanzen einen Tango mit Misstönen, die mit Bedacht gestreut sind. Und bitte: Das Bedürfnis nach Romanen mit Seele und Romanfiguren mit Hirn und Herz haben wir längst überwunden. Niemand erwartet heute mehr ernsthaft Leidenschaft in Literatur. Gefühlige Dramen mit Identifikationspotenzial, nein danke. Werke und Autoren, die auf weitem Feld scheitern, sind solchen, die im Schrebergartenbeet ein Siegesfähnchen hissen, bei Weitem vorzuziehen. Nur sollten sie – die Werk und die Autoren – sich dabei nicht wiederholen, bloß um die 400-Seiten-Grenze zu überschreiten.

Außerdem gilt es beim Einsatz von Symbolen und Metaphern Vorsicht walten zu lassen. Es ist alles eine Täuschung? In Ordnung, kapiert. Lethem beschränkt sich jedoch nicht auf diese Botschaft, sondern doppelt und trippelt nach. So schickt er sein Ensemble für circa 15 Kapitel auf eine fieberhafte Suche nach einem geheimnisvollen Gefäß, das sich, puff, als Hologramm erweist. Alles ist ein Bedeutungsträger, nichts sich selber. Selbst das Nichts ist nicht nichts.

Es geht auch um Macht in "Chronic City”. Um Macht und die Mächtigen, um Idealismus und Verrat, um Unschuld und Integrität versus Überleben. Die sozialen Hierarchien New Yorks bilden dafür eine prächtige Vorlage, die Lethem nach allen Regeln der Kunst seziert:

"Wem gehört New York City? Nicht den Schulkindern. Nicht den Bürgern, die in der Frick Collection oder dem Cooper-Hewitt Museum verschüchtert und fasziniert über Marmorböden schlurfen oder unter den grünen Lampenschirmen der Lesesäle in der Public Library insektengleich irgendwelche Wälzer durchblättern. Nach Dienstschluss verkehrt das Geld an diesen Orten, nachdem die Drehkreuze arretiert worden sind. Das Geld zeigt sich nur, wenn es ihm gefällt. Die meiste Zeit hält es sich stattdessen in den Hochbühnen und Rosenholzdecken verborgen, den breiten Treppenaufgängen aus Granit, den Bogengängen mit eingepasstem Mosaikdekor, und ebenso in den massgeschneiderten Smokings und Pelzmänteln, die in begehbaren Kleiderschränken schlummern, den Perlenketten und antiken diamantbesetzten Manschettenknöpfen, die in filzgefütterten Schubladen auf ihren Auftritt warten. Dann liegt eines Morgens die geprägte Einladung in der Post, die frankierte Antwortkarte mit Kästchen für die Anzahl Sitzplätze, zweitausend pro Nase oder zehn Riesen für den ganzen Tisch."

Ein Abschnitt wie dieser ist gelungen, der Hauptstadt des Kapitals den Puls gefühlt. Dennoch: Das Dasein des naiven Chase vergleicht Perkus einmal mit dem in einer Schneekugel, in der gefangen zu sein Chase sich nicht bewusst sei. Er trifft mit diesem Vergleich das Wesen dieses Romans an sich. Man schüttelt die Kugel wieder und wieder, bis man merkt, dass das Schauspiel stets dasselbe bleibt: Das Miniaturpanorama darin zur ewigen Versuchsanordnung erstarrt, die einzelnen Teilchen im immer gleichen Abstand zueinander. Hermetischer Kitsch, ein Souvenir von einem Ausflug ins Land der großen Ideen.

"… hysterischer Realismus, auch: verkrampfter Postmodernismus. Bezeichnung eines neuzeitlichen literarischen Phänomens."

Fällt "Chronic City” nun unter diese Rubrik? Natürlich sind literaturtheoretische Kategorisierungen unerheblich für das Leseerlebnis. Sie haben jedoch ihren Reiz. Deshalb wollen wir den Kreis damit schließen: Jonathan Lethem bedient sich eines gefälligen Realismus mit surrealistischem Spitzenbesatz. Die Charakteristiken des von James Wood diagnostizierten hysterischen Realismus serviert einem dieser Autor auf dem Silbertablett. Und zwar weniger hysterisch als überlegen und ironisch, wie jemand, der sich von derlei Kinderkram eigentlich schon wieder verabschiedet hat. "Chronic City” gleicht als Roman einem autarken Universum: Nicht besonders einladend für Außenstehende und sich selbst genug.

Jonathan Lethem: "Chronic City". Roman. Aus dem Amerikanischen von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner. Tropen Verlag, Stuttgart 2011. 490 Seiten. 37,90 Franken/24,95 Euro

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