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"Ich bin Chefanklägerin von allen 121 Vertragsstaaten und nicht nur von Afrika"

Fatou Bensouda neue Chefanklägerin in Den Haag

Von Kerstin Schweighöfer

Fatou Bensouda bei ihrer Vereidigung zur Chefanklägerin des Weltstrafgerichtshofs in Den Haag
Fatou Bensouda bei ihrer Vereidigung zur Chefanklägerin des Weltstrafgerichtshofs in Den Haag (picture alliance / dpa/Bas Czerwinski)

Am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wird Kriegsverbrechern der Prozess gemacht. Neue Chefanklägerin ist Fatou Bensouda. Die 51-Jährige kommt aus Gambia und ist Juristin mit Bilderbuchkarriere. Ein Porträt.

Es ist ihr erstes Treffen mit Auslandskorrespondenten in Den Haag. Fatou Bensouda ist in einer langen aprikosenfarbenen Tunika erschienen, mit einer Kette aus knallbunten Holzperlen; fröhlich tanzen sie auf ihrem stattlichen Busen. Das schwarze Haar ist in unzählige kleine Zöpfchen geflochten. "Schließlich ist heute Freitag", stellt die 51-jährige Juristin klar:

"Freitags kleiden sich die Frauen in vielen westafrikanischen Ländern so, dann gehen sie in die Moschee. Inzwischen ist das ganz allgemein zu einem Brauch geworden, auch ohne Moscheebesuch. Selbst christliche Frauen kleiden sich freitags auf diese Weise und gehen so ins Büro. Ich habe diese Tradition mitgebracht, als ich 2004 nach Den Haag kam."

Zweifelsohne: Fatou Bensouda ist eine exotische Erscheinung. Wie eine afrikanische "Big Mama" bewegt sich die ruhige großgewachsene Afrikanerin zwischen den dunklen Anzügen mit Krawatten und den dezenten Kostümen ihrer Kollegen und Kolleginnen in den Büroräumen vom ICC, dem "International Criminal Court", wie der internationale Strafgerichtshof kurz genannt wird.

Als stellvertretende Chefanklägerin kam sie vor acht Jahren nach Den Haag, jetzt hat sie die Nachfolge des argentinischen Juristen Luis Moreno Ocampo angetreten - "die Krönung meiner Karriere", meint die zweifache Mutter, die mit einem gambisch-marokkanischen Geschäftsmann verheiratet ist.

Es ist eine Bilderbuchkarriere, deren Basis schon in Bensoudas Kindheit gelegt wurde. Sie wuchs in der gambischen Hauptstadt Banjul in einer mittelständischen Familie auf - einer großen Familie, denn ihr Vater hatte, wie immer noch oft üblich in Westafrika, zwei Ehefrauen. Das bescherte ihr viele Halbgeschwister:

"Mein größter Mentor war meine Mutter. Aber auch meine älteste Halbschwester hat mich immer unterstützt. Und sie waren nicht die einzigen, das ist ja gerade das Schöne in Afrika: die großen Gemeinschaften, in denen die Menschen dort leben. Da ist die Familie nicht auf Eltern und Geschwister begrenzt, da gehören auch sämtliche Onkel und Tanten dazu. Als Kind fühlt man sich in diesen Gemeinschaften sehr beschützt und geborgen, das macht einen stark."

Bensouda ist, wie es heißt, "Made in Africa": Im Gegensatz zu vielen anderen talentierten jungen Afrikanern hat sie ihre Ausbildung nicht im reichen Westen absolviert: Nach ihrem Highschool-Abschluss in Banjul bekam sie ein Stipendium, um in Nigeria zu studieren. Es war damals üblich, zum Studium ins Ausland zu gehen: Bis 1998 hatte Gambia keine eigene Universität. Bensouda entschied sich für die Universität von Lagos - und für Jura.

"Gesetze und Justiz sind ein Mittel, mit dem ich andere unterstützen kann, die sich selbst nicht helfen können. In meiner Kindheit musste ich immer wieder miterleben, wie Menschen Unrecht angetan wurde, häusliche Gewalt zum Beispiel. Nicht in meiner eigenen Familie, aber in meiner Umgebung. Die Opfer konnten sich nicht wehren, und ich konnte nichts tun. Schon als Kind fasste ich deshalb den Entschluss: Wenn Du größer bist, musst du dafür sorgen, in eine Position zu kommen, in der du nicht mehr hilflos zuschauen musst, sondern helfen kannst. Das hat mich immer angetrieben."

Zunächst spezialisiert sich die junge Juristin auf Internationales Seefahrtsrecht, auf diesem Gebiet macht sie ihren Master und wird Regierungsberaterin. 1998 steigt sie zur Generalstaatsanwältin und Justizministerin Gambias auf. Nach einem kurzen Intermezzo in der Privatwirtschaft mit einer eigenen Kanzlei zieht sie 2002 nach Kigali, die Hauptstadt Ruandas: Bensouda wird Rechtsberaterin am Ruandatribunal, das den Völkermord an den Tutsis ahndet.

Von Kigali wechselt sie zwei Jahre später als Vizechefanklägerin nach Den Haag an den neuen Weltstrafgerichtshof ICC, der Kriegsverbrecher weltweit zur Rechenschaft ziehen will.

Auch dort beeindruckt sie mit ihrem Wissen und ihrer sachlichen, besonnenen Art - die so ganz anders ist als die ihres Vorgängers, des aufbrausenden Argentiniers Moreno Ocampo, der nicht nur mit seinem Führungsstil, sondern auch seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden immer wieder aneckte. Aber, so betont Bensouda:

"Moreno Ocampo ist Moreno Ocampo und ich bin ich. Er hat seine Methoden und ich meine."

Das Erbe, das sie antritt, ist nicht leicht. In den zehn Jahren seines Bestehens hat der ICC nur ein Urteil gefällt. Lediglich fünf von 27 Angeklagten befinden sich in Den Haag. Aber das könne nicht dem ICC angekreidet werden, stellt Bensouda klar. Der habe ja keine eigene Polizeimacht. Festnahmen seien die Aufgabe der inzwischen 121 Vertragsstaaten, die diesen Gerichtshof ins Leben gerufen haben: "Die Armeen dieser 121 Staaten sind auch unsere Armeen", betont Bensouda, "und die Polizisten dieser 121 Staaten unsere Polizisten":

Bislang sind alle Angeklagten Afrikaner. "Afrika-Tribunal" wird der ICC deshalb auch genannt. Doch auch diese Kritik will die neue Chefanklägerin nicht gelten lassen:

"Ich bin selbst Afrikanerin und darauf bin ich stolz. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich in dieses Amt gewählt wurde. Und außerdem bin ich die Chefanklägerin von allen 121 Vertragsstaaten und nicht die von Afrika! Wir ermitteln, wo wir ermitteln müssen, das ist unsere Pflicht. Und dabei lassen wir uns nie von geografischen Erwägungen leiten!"

Lange hält sie sich bei Vorwürfen dieser Art ohnehin nicht auf, viel lieber schaut sie nach vorne, zuversichtlich und voller Elan - oder ermutigt junge Frauen, sich ehrgeizige Ziele zu setzen und ihrem Beispiel zu folgen:

"Es gibt keine Grenzen und auch keine gläserne Decke, keine Frau muss sich davon bremsen lassen - selbst die afrikanischen nicht, auch wenn sie weitaus benachteiligter sind als die Frauen hier im Westen. Was ich erreicht habe, können sie auch. Die Welt da draußen bietet Euch so viele Chancen! Geht raus! Ergreift sie!"



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