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StartseiteBüchermarkt"Ich bin nicht euer Superstar!"17.10.2006

"Ich bin nicht euer Superstar!"

Das Jesus-Projekt von Klaus Kinski dokumentiert als Buch und CD

1971, neun Jahre nach seinem letzten Rezitationsabend, steht Klaus Kinski wieder als großer Deklamator auf der Bühne. Diesmal möchte er in eigenen Worten "die erregendste Geschichte der Menschheit" erzählen, die Geschichte von Jesus Christus.

Von Arne Rautenberg

In der Berliner Deutschlandhalle spricht Klaus Kinski am 21. November 1971 im Rahmen seiner Jesus-Show.
In der Berliner Deutschlandhalle spricht Klaus Kinski am 21. November 1971 im Rahmen seiner Jesus-Show.

" Ich bin nicht der offizielle Kirchenjesus. Der unter Polizisten, Bankiers, Richtern, Henkern, Offizieren, Kirchenbossen, Politikern und ähnlichen Vertretern der Macht geduldet wird. Ich bin nicht euer Superstar! "

Doch die bereits Dekaden vorher angedachte Unternehmung kommt unter den Titel "Jesus Christus Erlöser" zu spät: Inmitten der Hippiebewegung und dem Siegeszug des Lloyd-Webber-Musicals "Jesus Christ Superstar" fällt es dem krawallerprobten Publikum in der Berliner Deutschlandhalle leicht, dem damals 45jährigen Rezitator Kinski, der sich als Jesus aufspielt, einen Denkzettel zu verpassen.

Aus heutiger Sicht mutet die aus Zwischenrufen, Beschimpfungen, Programmabbrüchen und Bühnenerstürmungen bestehende Interaktion Kinskis mit dem Publikum wie ein aggressives Happening an; den Höhepunkt gibt dabei ein sanfter Zwischenredner, der es sogar schafft, Kinski das Mikrophon abspenstig zu machen:

Zwischenredner: " Leute, ich bin kein großer Redner - und es ist vielleicht möglich, dass von euch welche Christus suchen, aber ich glaube, er ist es nicht, denn Christus war, soviel ich weiß, duldsam und wenn ihm einer widersprochen hat, dann hat er versucht, ihn zu überzeugen, er hat nicht gesagt: Halt deine Schnauze! "

Kinski: " Nein, er hat nicht gesagt, halt die Schnauze Er hat eine Peitsche genommen! - und hat ihm in die Fresse gehauen " (Tumult im Publikum) " DAS hat er gemacht! Du dumme Sau "

Der folgende Abbruch der geplanten Welttournee als Jesus muss Kinski hart getroffen haben. Nicht umsonst hatte er sich Anfang der 70er Jahre an eine Dramatisierung des Neuen Testaments gemacht: Der empfundene Überdruss gegen die stumpfsinnigen Rollen, die er nur wegen der hohen Gagen annahm, brauchte ein Ablassventil; das Bibelsprecher-Projekt kam da als sinnstiftender Reflex gerade recht. Diesmal wollte Kinski seine Kraft inhaltlich bündeln, anstatt sie in B-Movies zu verplempern:

" Gesucht wird Jesus Christus. / Angeklagt wegen Verführung anarchistischer Tendenzen / Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen. / Angeblicher Beruf: Arbeiter. / Nationalität: Unbekannt. / Decknamen: Menschensohn Friedensbringer Licht der Welt Erlöser. "

Der klug in Steckbriefform angelegte Text ruft einen Hippie-Gammler-Black-Power-Jesus aus, einen, der keine hierarchischen Strukturen duldet, der die Kirche und ihre Rituale schmäht, dem Weihrauch ekelhaft ist.

Doch der - so war es gedacht - "erste Gottesdienst seit 2000 Jahren" geht nach hinten los. Dabei war Kinskis Idee einer großen Werk-Predigt subversiv: Er, der für sich nicht die geringste Maßregelung akzeptierte, konnte nun in der Rolle als Schein-Jesus die ganze Welt nach Strich und Faden selbst maßregeln - und das auch noch im Dienst der guten Sache: denn er mahnt die Eingemeindung aller Außenseiter an. Obwohl Kinski als Underground-Jesus seine Erlöservision kongenial vertritt, ist sich die Mehrheit im Saal einig: nämlich, dass es schwer fällt, einem wüst drohenden Badboy, der zudem Millionen scheffelt, die Rolle des friedlichen Erlösers abzunehmen.

Das selbst für Kinski denkwürdige Skandalereignis erscheint nun, zu seinem 80. Geburtstag, gleich doppelt: als CD-Dokument und erstmals auch in einer Buchversion, die wiederum noch um den bekannten Gedichtzyklus "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" erweitert ist. Peter Geyer, Kinskis Nachlassverwalter, hat die Schriften herausgegeben und außerdem gleich ein weiteres Buch auf den Markt gebracht: eine klug sortierte, mit Samthandschuhen geschriebene Kinski-Biographie, die dessen Leben fein säuberlich von Werk und Wirken trennt. Dem Wissenshungrigen, der sich ins Abenteuer Kinski hineinzustürzen gedenkt, gibt sie sofort die biographischen Brocken zur Sättigung - und damit ist bereits einiges zu verdauen: Geburt 1926 im polnischen Zoppock, eine zur Armut stilisierte Kindheit, 1944 Einzug zur Wehrmacht, Kriegsgefangenschaft, Lagerbühne und nach der Entlassung hungrige Jahre im Nachkriegsberlin, wo Kinski sich als Kabarettist und Rezitator einen Namen zu machen versteht. Dann die folgenschwere Entscheidung: Kinski inszeniert sich fortan auch als Privatperson - - aus dem Opfer wird ein Ankläger: Als unverstandenes Genie muss er nicht mehr um Liebe betteln, er kann sie lauthals schreiend einfordern. Und so viel krakeelen, prügeln und rebellieren, wie es ihm passt. Die skandalfixierten Medien schießen sich auf ihn ein und die Aufmerksamkeit, die das wahnsinnige Wunderkind so erfährt, zieht Kreise und führt zu ersten Theater-Engagements und Filmangeboten. Bereits in seiner ersten Filmrolle liefert Kinski sein Markenzeichen ab: den ausdrucksstarken Kurzauftritt einer Figur am Rande des Wahnsinns - so wie ihn das Publikum später in den biederen Edgar Wallace-Verfilmungen als Gegengewicht zum trotteligen Eddy Ahrend lieben und brauchen wird.

Im Alter von 25 Jahren schreibt Kinski mit "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" ein Gedichtmanuskript, das erst 2001 erscheinen und bejubelt werden konnte. Noch im Bann seiner Vorbilder Villon und Rimbaud steigert er sich darin in eine Art expressionistische Raserei; allein bei Titel wie "Fieberwut", "Hurenhände", "Irrenhaus", "Meine Todeswonne" oder "Schon versaut", hört man den unter heißen Dampf stehenden, mentalen Kessel schrill und laut ins - oder sogar aufs - Leben pfeifen!

Einen besonderen Erfolg bescherten Kinski die Rezitationsabende im großen Stil. Furchtbar pleite beschließt er den Angriff nach vorn, bucht teure Theater als Veranstaltungsort und rezitiert kongenial Villon, Rimbaud, Dostojewski und andere. Publikum und Presse sind begeistert, kommen in Scharen. Kinski wird zum Wort, ja zum Begriff; doch die Missverständnisse bleiben; ihnen entkommt niemand, wie Kinski Jahre später in einem seiner legendären Talk-Show-Auftritte bekennt:

" Ich will damit nur sagen, die Interpretation von Dingen, die Sprache, ich will damit nur sagen, ich habe es immer wiederholt, weil es mir immer klarer wird und immer mehr Teil von meinem Leben wird, die Frage, d.h. die Erkenntnis, dass die Sprache, das Gefährlichste ist, was es überhaupt gibt, ist ganz egal, welche Sprache sie sprechen, die Missverständnis ist permanent, ununterbrochen, das sehen Sie ja an unserer ganz simplen Unterhaltung! ... mit Nasenbohren und hintenrum und so - es ist alles so sinnlos! "

Nach etlichen Bühnenshows und Plattenaufnahmen schmeißt Kinski schließlich alles hin, um ganz in die Filmbranche zu wechseln und einen noch opulenteren Lebensstil durchzuziehen. Mit "Doktor Schiwago" und dem Italo-Western "Für ein paar Dollar mehr" gelingt ihm 1965 auch der internationale Durchbruch. Ab 1972 befreit ihn dann Werner Herzog aus seinem finster-schillernden Nebenrollendasein und ermöglicht dem nicht mehr ganz so jungen Wilden bis 1986 immer wieder Hauptrollen.

Roh und gefährlich bleiben! - war das Credo, dem sich Kinski zeitlebens mit viel Tamtam verschrieben hatte. Nur so konnte er sich der Aufmerksamkeit sicher sein, die ihm ihrerseits das Überleben sicherte.

Nicht nur Peter Geyer mutmaßt, dass Kinski mit dieser Taktik bloß die eigenen Schwächen verdecken wollte. Doch positiv könnte man es auch anders formulieren: nämlich dass Kinski - stellvertretend für alle - die weiche Watte, in die der moderne Mensch der westlichen Lebenswelt sich verpackt fühlen darf, abriss und fortschleuderte: um die nackte, ja, maßlose Existenz wieder spüren zu können und damit lebensintensivierend auf sich - und andere! - einzuwirken. Es grenzt an ein Wunder, das Kinskis Karriere von Adenauer bis Kohl die Schlagzeilen nicht verließ. Was die Rolle als ewiger Provokateur für eine Anstrengung bedeutet haben muss - niemand wusste es besser als Kinski selbst:

" Ich habe zumindest die letzten 20 Jahre meines Lebens an nichts anderes gedacht, als irgendwo, irgendwo auf irgendeine Art und Weise abzuhauen! "

Literatur/CDs:

Klaus Kinski, Jesus Christus Erlöser und Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen, Suhrkamp Verlag, 160 S., 7,- Euro

Klaus Kinski, Jesus Christus Erlöser, Doppel-CD, Random House Audio, 115 min, 17,99 Euro

"Kinski spricht deutsche Dichtung", Verlag Universal Music

Peter Geyer, Klaus Kinski, Basis Bibliothek, Suhrkamp Verlag, 160 S. 7,90 Euro

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