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StartseiteBüchermarktIch bin nun mal deutsch. Sebastian Haffner: Eine Biographie21.11.2001

Ich bin nun mal deutsch. Sebastian Haffner: Eine Biographie

Aufbau, 344 S., DM 39,92

<em>Der Mann, den wir als Sebastian Haffner kennen, wurde in den letzten Tagen des Jahres 1907 geboren und starb eine Woche nach seinem 91. Geburtstag. Er war Untertan Kaiser Wilhelms II. und Bürger der Weimarer Republik, floh aus Hitlerdeutschland, wurde Engländer und - erst 1972 - Bürger der Bundesrepublik. Er galt als halber Kommunist und ganzer Reaktionär, preussischer Patriot und überzeugter Europäer. Für die einen war er ein Schwadronierer, für die anderen ein geschichtsmächtiger Zauberer. Er schrieb für die weit rechts stehende 'Christ und Welt' und die 'konkret' Ulrike Meinhofs.</em>

Silke Rotzoll

So reißt Haffner-Biograph Uwe Soukup sein Sujet auf. « Ich bin nun einmal Deutscher », wie der Titel der knapp dreihundert Seiten starken Biographie im Aufbau-Verlag lautet, ist durchweg spannend. Immer ist der Reiz zu spüren, der von der geistigen Unabhängigkeit des historischen Essayisten Sebastian Haffner ausgeht, von seinem Mut zu eigenem Denken, der ihn so verwirrend oft die Seiten wechseln ließ und ihn so schwer einzuordnen machte.

Der Sohn des preußischen Beamten in den ersten Kapiteln kommt bekannt vor, wenn man gerade die « Geschichte eines Deutschen » gelesen hat. Dann aber folgen Soukups eigentliche Ausgrabungen : die mit einem Haffner-Zitat so genannte « Zeitlupenflucht », der Anfang als Journalist in England und besonders die Jahre beim hochangesehenen Londoner Wochenblatt Observer. Mit seinem ersten Auftreten als Buchautor wählt der ehemalige Berliner Jurist Raimund Pretzel im Exil 1940 sein Pseudonym. Es sollte dazu dienen, so berichtet Soukup, seine Verwandten in Nazideutschland vor Verfolgungen zu schützen. « Haffner », das sollte an Mozarts gleichnamige Sinfonie erinnern, « Sebastian » an Johann Sebastian Bach, das Ganze an deutsche Kultur, ohne jüdisch zu klingen, denn der neugeborene politische Autor wollte nicht als rassisch Verfolgter missverstanden werden. Die Entstehung seiner ersten beiden in England geschriebenen Bücher erzählt Uwe Soukup genau, denn damit lässt sich auch ein letztes Mal der Debatte entgegnen, die im vergangenen Sommer durch das deutsche Feuilleton gegangen ist:

Nachdem sich Haffners Vorstellung, er könne an der Universität arbeiten, als unrealistisch erwiesen hat, beginnt er im Laufe des Jahres 1939 mit der Arbeit an einem Buch. So zitiert Soukup Haffner :

Was ich dann schrieb, war sehr aufs Persönliche gestellt. Ich beschrieb die Kreise, in denen ich mich bewegt hatte, und wie so das Leben war in Deutschland, nämlich keineswegs so, dass alle Deutschen Nazis waren, aber auch wieder nicht so, dass es den Nazismus im Alltag gewissermassen kaum gab. Dieser Text war mein erster Einfall. Ich überlegte, was kannst du denn eigentlich schreiben ? Und es fiel mir auch auf, dass man damit in England vielleicht ein Publikum finden konnte, denn das Verhältnis zu Deutschland mit dem in der Luft liegenden Krieg war ja da, und in vielen Kreisen fragte man sich, was ist dieses Deutschland eigentlich, wir haben es doch gekannt. Sind die Deutschen jetzt verrückt geworden, sind sie wirklich alle verrückt geworden?

Die Absicht, den Engländern den deutschen Nazismus zu erklären, verfolgt Haffner noch konsequenter weiter, als er einige Monate später das Manuskript der « Geschichte eines Deutschen » zur Seite legt und das weniger persönlich und mehr wie eine politische Streitschrift gehaltene « Germany - Jekyll and Hyde » zu schreiben anfängt. In den Erinnerungen seines damaligen Verlegers Fredric Warburg hat der Biograph Soukup die Äusserung gefunden, der Entwurf der « Geschichte eines Deutschen » sei der brillanteste gewesen, der ihm jemals vorgelegen habe. Dennoch akzeptierte Warburg anstelle dieses ersten auch Haffners zweiten Anlauf, und Tatsache ist, dass « Germany - Jekyll and Hyde », 1940 in London erschienen, seinem Autor zu raschem Ansehen bei englischen Publizisten und Politikern verhalf, während die « Geschichte eines Deutschen » sechzig Jahre in seiner Schreibtischschublade blieb. Uwe Soukup resümiert die unangenehme Debatte um das Entstehungsdatum des Bestsellers, in die sich am Ende auch Haffners Sohn Oliver Pretzel aus London eingeschaltet hat:

Tatsächlich hat Haffner mit dem Buch zu 'Beginn des Jahres 1939' begonnen. Mehr als die Korrektur dieser Ungenauigkeit in der 'Editorischen Notiz' bleibt von der Debatte kaum übrig, ausser ein gewisses Unbehagen über zwei deutsche Professoren » - den emeritierten Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Paul und den Berliner Historiker Henning Köhler - «und deren geradezu manische Besessenheit, Haffner von einem Denkmalsockel zu stossen, auf den er sich selbst nie gestellt hat. Was macht an Haffners 'Geschichte eines Deutschen' eigentlich solche Angst ? Könnte es der unbequeme Beweis sein, dass man so früh so viel wissen konnte?

Mitreißend und bemerkenswert gut dokumentiert sind Soukups Beschreibungen der Observer-Redaktion in den Vierziger Jahren. Die Kapitelüberschrift « An den Hebeln der Meinungsmacht» deutet bereits an, dass es sich um eine Hoch-Zeit von Sebastian Haffners Leben und Karriere handelt. David Astor selbst, der Erbe einer der reichsten amerikanischen Familien in England und Besitzer des Observer, kam den mittellosen Exil-Autor holen. Intellektuelle und Schriftsteller wie Arthur Koestler, George Orwell oder Isaac Deutscher geben sich mit Sebastian Haffner, David Astor und anderen die Klinke in die Hand, um ein « radikal-liberales » Blatt zu machen. Die heftigen Diskussionen zwischen den politisch recht weit auseinanderstehenden jungen Männern in einer Art elektrisierten College-Atmosphäre setzen sich manchmal sogar in den Spalten der Zeitung als « pro und contra » fort. Haffner selbst, bald Leitartikler, resümiert : Es war die fleissigste Zeit meines Lebens. So viel Begeisterung für meinen Job und guten Willen, es bestens zu machen, habe ich nie wieder für irgend etwas aufgebracht.

Er schreibt auf Englisch - « in der Maske eines Engländers », wie er sagt. In der Erinnerung seines 1938 geborenen Sohnes Oliver Pretzel, der heute Mathematikprofessor in London ist, fiel ihm die Verwandlung in einen Engländer nicht eben leicht:

Es gelang ihm gut auf dem Papier. Aber als Mensch, als Figur war er nie englisch. Er sah nicht wie ein Engländer aus, er sprach ein Englisch mit einem sehr starken deutschen Akzent und mit sehr vielen falschen Aussprachen. Als Kinder haben meine Schwester und ich uns darüber lustig gemacht und Gedichte gemacht mit lauter Worten, die er falsch aussprach. Ich weiß noch, dass er « glouves » sagte statt« gloves », Handschuhe. Angelesenes Englisch.. .Weil er sich das alles mit der Feder angeeignet hatte.

Sein hervorragendes Schrift-Englisch trainierte sich Sebastian Haffner ganz systematisch an. Zunächst korrigierte ihn David Astor, dann wurde er sein eigener David Astor - er las sich die Texte zwanzigmal vor, bis sie ihm wirklich glatt, klar und sogar musikalisch erschienen. Ein gewisser britischer Zug ging, wie Oliver Pretzel sagt, damals auch in sein Wesen ein:

In seiner großen Zeit beim Observer, da fühlte er sich als Engländer. Artikel vom englischen Standpunkt aus... der unbestrittene politische Herr am Observer.

Hierzu liefert Uwe Soukup eine plastische Beschreibung des damals ebenfalls am « Observer » tätigen Journalisten Cyril Dünn:

Haffner stieß mir sofort als der Größte in der Redaktion auf. Ein typischer 'Herr Doktor' mit hoher Stirn, der auf den Redaktionskonferenzen mit gottähnlicher Autorität die Zusammenhänge beschrieb. Mit eiserner Konzentration saß er, wie aus Stein gemeißelt, an seiner Schreibmaschine und brachte seine gediegenen Leitartikel über die Weltpolitik zu Papier. Nichts konnte ihn in diesem beängstigenden Zustand stören. Doch außerhalb seiner Tätigkeit war Haffner einer der Liebenswürdigsten überhaupt, machte sich Umstände, um beispielsweise mir schmeichelnd Mut zu machen, als ich in meinen Observer-Tagen nicht so recht wusste, woran ich war.

Die Rückkehr der Familie Pretzel nach Deutschland ergab sich 1954, dem Biographen Soukup zu folgen, aus einem Machtkonflikt mit dem Chefredakteur David Astor. Oliver Pretzel ergänzt, dass sein Vater auch durch die beobachtende Teilnahme an den Nürnberger Prozessen angefangen hatte, wieder deutscher zu fühlen. Eine grosse Rolle bei der Trennung der beiden privat befreundeten Männer spielte die Haltung zu der damals möglichen Wiedervereinigung Deutschlands in Neutralität, der sogenannten Stalin-Note. Haffner war dafür, Astor und sein gesamtes englisches Umfeld dagegen. Der Kompromiß bestand dann darin, dass Haffner Deutschland-Korrespondent des Observer wurde, und aufseinen ausdrücklichen Wunsch bekam er sein Büro in Berlin, nicht in Bonn. Seine deutsch-jüdische Frau Erika Pretzel hätte sonst noch mehr Schwierigkeiten gehabt, sich in der so stark veränderten alten Heimat wieder einzuleben. An die erste Zeit in Berlin erinnert sich der damals vierzehnjährige Sohn Oliver gerne. Die Eltern gaben viele Feste für journalistische Kollegen, und es ging lebhaft zu:

In der ersten Zeit in Deutschland wurde viel diskutiert. Pläne schmieden... Romanisches Cafe gründen... mein Vater als Cafebesitzer... Diskussion einen Sonntag lang.

Langsam wird Sebastian Haffner ein Publizist in Deutschland. Er tritt in Werner Höfers « Internationalem Frühschoppen » als britischer Journalist auf; er beginnt, für « Christ und Welt» und « Die Welt» zu schreiben. Er gilt als « kalter Krieger ». Bis zur « Spiegel-Affäre ». Als im Oktober 1962 wegen Verratens militärischer Geheimnisse die Redaktionsräume des « Spiegel » gestürmt und tagelang durchsucht und Redakteure verhaftet werden, sieht Haffner die Pressefreiheit, den Rechtsstaat und die Demokratie bedroht. Er bricht mit Axel Springer, seinen bisherigen Arbeitgebern « Welt» und « Christ und Welt ». Uwe Soukup deckt den Hintergrund seiner öffentlichen Entrüstung auf:

Mit der Haltung beider Blätter zur Spiegel-Affäre zerbrach der mühsam geschaffene Konsens zwischen emigrierten und nicht-emigrierten Journalisten : man warf sich gegenseitig nicht die 'ruchlose' Vergangenheit vor - den einen nicht das Mitläufertum, den anderen nicht den 'Vaterlandsverrat'. Man stand aber unter Bewährung. Als nun die - wie hatte Haffner seinen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung überschrieben ? - 'Stunde der Prüfung' kam, versagten die meisten der ehemaligen Mitläufer in Haffners Augen kläglich : Sie wurden rückfällig. »

Haffner selber äussert sich noch einmal später in einem Artikel im
Stern unter dem Titel « Wir Emigranten » :

Wir haben, immerhin, das bessere politische Urteil bewiesen, wir haben Weltkenntnis erworben ; wir haben ein unbefangenes Verhältnis zur Außenwelt bewahrt ; wir haben nichts zu verbergen oder zu bereuen ; wir haben gelernt, wie Deutschland von außen aussieht, und können besser erkennen, wann es wieder zu entgleisen anfängt, und rechtzeitiger die Bremse ziehen. Es ist ein bisschen peinlich, das ausdrücklich sagen zu müssen. Vielleicht müssen wir uns vorwerfen, es nicht früher gesagt zu haben. Aber damals, nach 1945, wollte man schwer geschlagenen, hungernden Menschen nicht auch noch Standpauken halten. Und später war man taktvoll und ließ Vergangenes gern vergangen sein. Aber jetzt zeigt sich, dass man vielleicht zu taktvoll gewesen ist und dass das Vergangene nicht so vergangen ist, wie man dachte.

Von nun an wählt sich Harfner seine Medien selbst. Ob das nun die Süddeutsche Zeitung ist, richtig linke Medien wie « konkret », oder die neugegründete politische Bildillustrierte « Stern ». Beim « Stern » schreibt Haffner seine Reihe großer Serien, über die deutsche Revolution 1918/19 und über « Preußen ohne Legende » zum Beispiel, die auch als Bücher erscheinen und ihn in einem konservativen Wahrnehmungsraster erst richtig berühmt machen. Ab den Siebziger Jahren driftet er langsam wieder zum konservativen Lager hinüber. So sehr er für die Demokratisierung der Gesellschaft der Sechziger war, so ablehnend hat er von Anfang an dem Terrorismus gegenübergestanden.

Obwohl, wie sein Sohn Oliver betont, er und seine zweite Frau Christa Rotzoll persönlich zu Ulrike Meinhof eine freundschaftliche Beziehung hatten. Das gehört zu den charmanten Unwägbarkeiten, die Sebastian Haffner auch für seinen Biographen Uwe Soukup so spannend machen. Uwe Soukup hat, wie er selber im Nachwort sagt, die Biographie des Journalisten und Autors Sebastian Haffner und nicht die des Privatmannes Raimund Pretzel geschrieben. Stellen aus Briefen an seine Mutter oder Erinnerungen der Kinder kommen manchmal etwas unvermittelt hinein. Sie dienen nur dazu, entscheidende Wendepunkte zu erklären. Der in London lebende Sohn findet diese Entscheidung Soukups verständlich. Er selber charakterisiert den Unterschied zwischen dem « öffentlichen » und dem « privaten » Sebastian Haffner so:

Ähnlich ist die Intelligenz, die Liebe zum Meinungsstreit. Weniger gesehen wurde Emotionalität und Verletzlichkeit. Um ihn besser kennen zu lernen, musste man gewisse Grenzen taktvoll überschreiten. Und : dass er mit dem Gefühl dachte. Später argumentierte er kühl und juristisch, aber seine Entscheidungen traf er aus dem Gefühl, und das wurde hinterher durch den Intellekt gerechtfertigt.

Der derzeitige Nachruhm seines Vaters in Deutschland freut Oliver Pretzel. Denn er erinnert sich, dass der schon früh eines der Ziele in dessen 1999 zuende gegangenem Leben war:

Als wir kleine Kinder waren, in England, haben wir manchmal Spaziergänge.. .Diskussionen : besser ein glückliches Leben oder Nachruhm ? .. .Und es ist ganz eindeutig, dass mein Vater den Nachruhm gewählt hätte.

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