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StartseiteCorso"Ich habe das Gefühl, in all den Charakteren aufzugehen"07.09.2013

"Ich habe das Gefühl, in all den Charakteren aufzugehen"

Die britische Musikerin Alison Goldfrapp im Corsogespräch

Seit zehn Jahren machen Alison Goldfrapp und Will Gregory Musik. Der Sound auf ihrem neuen Album "Tales Of Us" ist melancholisch verträumt und zugleich düster. Warum hinter jedem Song die Geschichte einer Person steht, erklärt Alison Goldfrapp im Corsogespräch.

Moderation: Dennis Kastrup

Die britische Sängerin Alison Goldfrapp bei einem Auftritt in Madrid. (picture alliance / dpa / Victor Lerena)
Die britische Sängerin Alison Goldfrapp bei einem Auftritt in Madrid. (picture alliance / dpa / Victor Lerena)

Dennis Kastrup: Ich habe mir das Album über Kopfhörer angehört, als ich vergangene Nacht durch die Straßen gegangen bin. Währenddessen habe ich mich gefragt, wer von den Charakteren auf dem Album wohl hinter den Fenstern lebt. Ist es ein Stadtalbum?

Alison Goldfrapp: Viele Geschichten spielen in der Natur. Bei dem Song "Clay" geht es nicht speziell um eine bestimmte Gegend, sondern eher um eine Erinnerung und ein Gefühl. In dem Stück "Alvar" geht jemand in einen See und verschwindet darin. "Jo" und "Stranger" spielen aber auf jeden Fall in einer Stadt. Das ist also eine Mischung von beidem. Es ist aber schon interessant, dass Sie die Nacht erwähnt haben, weil ich schon glaube, dass dieses Gefühl immer dabei ist und das Album auch einen winterlichen Einschlag hat. Die Fotos und das Artwork sind in der Nacht gemacht worden. Ich mag das. Außerdem sind aber auch die Umgebung und das, was man auf den Bildern nicht wirklich sehen kann, sehr wichtig.

Kastrup: Was genau meinen Sie mit "was man nicht sehen kann"?

Goldfrapp: Der dunkle Raum drum herum erzählt auch eine Geschichte. Das zwingt einen dazu, sich vorzustellen, was noch da ist. Es war für mich dieses Mal wohl auch wichtig, in der Musik all das wegzunehmen, was theoretisch möglich gewesen wäre. Bei unseren anderen Alben davor habe ich die Musik sehr kompliziert gestaltet. Es gab viele Schichten und hier und dort ein paar Klänge. Bei diesem Album wollte ich wirklich sehr viel herausnehmen und sehen, wie viel wir noch behalten können. Wir haben uns nicht auf eine besondere Spannung und Atmosphäre konzentriert, sondern uns nur auf das Minimum beschränkt. Ich mag das Gefühl. Das gilt wohl auch für die visuelle Darstellung.

Kastrup: Sie haben sich auch für eine begleitende Videoreihe zu den Stücken entschieden. Sie sind in Kooperation mit ihrer langjährigen Partnerin Lisa Gunning entstanden. In dem ersten Video zu dem Song "Jo" zum Beispiel spazieren Sie durch ein sehr modernes Haus. Es sieht wie ein Haus in einem Thriller aus, in dem später jemand ermordet wird. Ist Architektur also auch ein Stilmittel?

Goldfrapp: Interessant dabei ist, dass das Haus in dem Video danach eher romantisch wirkt. Das ist ein Landsitz, ein großes englisches Landhaus. Die Architektur sieht sehr italienisch aus. Das Video zu "Jo" wurde aber in einer viel minimalistischeren und moderneren Architektur gedreht. Ich mag also Architektur schon sehr gerne. Ich denke, diese moderne Architektur gefällt mir auf Grund ihrer Einfachheit und Gegenständlichkeit. Aber auf der anderen Seite gefällt mir auch das neue Video zu dem Song "Drew". Das ist sehr prunkvoll und irgendwie auch romantisch inszeniert. Die Umgebungen sind also sehr bewusst gewählt.

Kastrup: Gibt es eine Geschichte, die die einzelnen Videos verbindet?

Goldfrapp: Die Bilder erzählen schon andere Geschichten als die eigentlichen Songs an sich, außer vielleicht bei "Annabel". Sie ergänzen die Musik. Es ist das erste Mal, dass ich tatsächlich so denke. Das freut mich sehr. Eigentlich hat mir dieses Mal die ganze Erfahrung, Musikvideos zu machen, Spaß gemacht. Das war die beste Erfahrung bisher. Es war also toll.

Kastrup: Das steht aber im totalen Gegensatz zu einer Aussage, die Sie vor ein paar Jahren getroffen haben, als Sie gesagt haben, dass das Drehen von Musikvideos das Schlimmste überhaupt sei ...

Goldfrapp: Ich weiß. Ich glaube aber, dass die Technologie für eine Befreiung gesorgt hat. Ich meine, dass man etwas mit einem total kleinen Budget machen kann und es sieht trotzdem toll aus. Videos haben heute nicht mehr denselben Stellenwert wie damals. Das ist brillant, weil das wohl mit ein Grund war, warum ich sie so gehasst habe. Es gab eben immer einen Konflikt zwischen dem, was der Regisseur wollte, was das Label wollte und was die Band wollte. Es war sehr selten so, dass alle drei einen Synergieeffekt spürten. Deshalb fand ich das immer enttäuschend.

Mit ein paar Regisseuren habe ich aber schon gerne gearbeitet, zum Beispiel Dougal Wilson oder auch Dawn Shadforth. Das war toll. Wir hatten aber dieses Mal kaum Geld, und die Leute haben uns einen Gefallen getan. Wir waren in meinem Haus und haben Abendessen für uns und die Crew gekocht. Es war also alles Heimarbeit. Ich finde es auch viel schöner und bereichernder, mit meiner Partnerin Lisa währenddessen über den kreativen Aspekt sprechen zu können.

Kastrup: Bei zwei Songs auf dem Album haben Sie sich von den Büchern von Kathleen Winter und Patricia Highsmith inspirieren lassen. Die beiden Autorinnen beschreiben in ihren Geschichten gerne Antihelden. Sind Ihre Protagonisten auch Antihelden?

Goldfrapp: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken gemacht. Aber ja, vielleicht. Patricia Highsmiths Buch "Carol" hatte Einfluss auf das Stück "Stranger". Ich habe in letzter Zeit viel gelesen und wollte Songs schreiben, die sich um die zentralen Charaktere in den Büchern drehen. Bei dem Stück "Thea" geht es darum, dass ein Paar ausgeht und die Liebhaberin ihren Mann umbringt. Es ist also ein kleiner, aber bedeutender Moment in ihrem Leben. "Simone" handelt von einer Mutter, die ihre Tochter abgöttisch liebt, aber dann herausfindet, dass die Tochter mit ihrem Liebhaber ins Bett geht (lacht).

Vielleicht sind sie alle Antihelden, ja. Ich habe aber besonders "Annabel" gemocht. Es ist so ein großartiges Buch. Neben der Thematik, dass es sich um ein Kind dreht, das zwischen zwei Geschlechtern gefangen ist, geht es auch um Liebe. Die Eltern lieben ihr Kind zwar, weigern sich aber anzuerkennen, was ihr Kind eigentlich ist: kein echtes Mädchen und kein echter Junge. Ich mag es einfach, wenn man total in eine Geschichte, die Ästhetik und die Atmosphäre eintauchen kann. Der Song spielt zum Beispiel im kanadischen Labrador, in dieser zurückgezogenen, blassen und winterlichen Landschaft. Das trägt auch zur Spannung und Quälerei im Buch bei.

Vielleicht konnte ich mich damit identifizieren, weil das so eine Art "Somerset Umgebung" ist. Ich bin in einer kleinen Stadt dort auf dem Land aufgewachsen. Als Teenager in einer verlassenen Gegend aufzuwachsen, kann schon sehr schonungslos sein. Ich habe das Gefühl, so in all den Charakteren aufzugehen und ihnen nah zu sein. Das ist schon eigenartig.

Kastrup: Die Songs auf dem Album sind alle mit Namen von Menschen betitelt. Oft tragen Namen auch Geschichten aus der Vergangenheit mit sich, wie zum Beispiel eine Gottheit oder ähnliches. Haben Sie daran auch gedacht?

Goldfrapp: Ja, bei "Alvar" zum Beispiel. Ich glaube, das ist ein finnischer Name, ein sehr alter, traditionsreicher, finnischer Name. Der Song wurde auch durch eine Reise von mir nach Island inspiriert. Mich haben immer schon Mythologien und Märchengeschichten interessiert. Der Song ist eine Mischung aus einem Märchen und dem Film Noir. Außerdem spielt die Landschaft von Island eine große Rolle. Ich liebe sie. Ich bin irgendwie besessen von den Seen und der baltisch, skandinavischen Kultur und Landschaft. Den Namen "Alvar" habe ich zudem auch einfach gemocht. Deshalb musste ich es "Alvar" nennen. Es geht da um eine Frau, die darauf wartet, dass eine Person von der See wiederkommt. Am Ende geht sie ins Wasser und taucht unter. Das Wasserpferd hat sie in die See gelockt.

Kastrup: Welchen Charakter auf dem Album mögen Sie denn am liebsten?

Goldfrapp: Ich fühle mich mit all den Menschen sehr verbunden, bei allen Charakteren aus verschiedenen Gründen. Ich fühle mich allen sehr nah. Es ist aber schon interessant, dass es von "Annabel" eigentlich kein Video geben sollte. Ich war dennoch sehr entschlossen, das zu drehen, weil ich es unbedingt wollte. Wenn man sich den Song anhört, ist es nicht so offensichtlich, dass es sich um ein Kind handelt, das zwischen den Geschlechtern steht. Das wollte ich unbedingt im Video zeigen. Das ist mir sehr wichtig. Ich finde "Laurel" aber auch ganz toll. Ich liebe sie alle. Ich bin mir sicher, das wird sich noch ändern, wenn wir live auftreten. Dann wird sich meine Beziehung zu ihnen wieder ändern. Dann werden sie ein neues Leben annehmen.

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