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StartseiteBüchermarktIch hätte sie gerne noch vieles gefragt. Töchter und der Tod der Mutter09.05.2002

Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt. Töchter und der Tod der Mutter

Krüger, 288 S., EUR 22,90

In der Literatur sind alte und sterbende Mütter selten ein Thema. Wenn Autorinnen sich mit dem Tod der eigenen Mutter beschäftigen, hat das meistens persönliche Gründe. Die Mutter ist gestorben und die Tochter verspürt das Bedürfnis, die Erfahrungen dieses Verlustes zu verarbeiten. Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter begann die Journalistin und Sachbuchautorin Ingrid StrobI, über dieses Thema ein Buch zu schreiben. Das Schreiben über den Tod der Mutter geriet dabei auch zu einer Reflexion über sich selbst und über die besondere Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. So heißt es in dem Buch:

Burgel Langer

Ich hatte mein Leben lang Angst davor, ihr Sorgen zu machen. Ich machte ihr ständig Sorgen und hatte andauernd Schuldgefühle deswegen. Ich liebte sie, ich stritt mit ihr, ich schlug um mich in dem verzweifelten Bemühen, mich ihr verständlich zu machen. Niemand konnte mich so tief verletzen wie sie. Manches wollte sie einfach nicht verstehen. Sie fürchtete, es könnte ihr wieder Kummer bereiten, ihr das Leben und das Herz schwer machen, und so blockte sie mich ab, hörte nicht zu, verweigerte sich. Das Herz wurde ihr trotzdem schwer und sie grollte mir. Auf ihrem Sterbebett hat sie mir davon erzählt, ein wenig, nur eine Episode. Ich habe sie um Verzeihung gebeten. Indem sie mir die Möglichkeit dazu gab, machte sie mir das Leben leichter.

Dazu die Autorin:

Ich glaube, ich bin letztlich zu dem Ergebnis gekommen, dass meine Beziehung zu meiner Mutter doch sehr liebevoll und vertrauensvoll war, dass aber die Beziehung zwischen Müttern und Töchter und damit auch meine eigene, etwas ist, was kaum eine von uns bis in die Tiefen sich ankucken mag. Es gibt selbst in liebevollen Verhältnissen Momente, wo man die eigene Mutter gehaßt hat, oder wo man sich gedacht hat, ich tue alles dafür, dass ich nicht so werde wie sie, oder wo man dachte, wie kann sie nur so unmöglich benehmen.

Von der eigenen Erfahrung ausgehend hat Ingrid StrobI 20 Frauen zu ihrer Beziehung zur Mutter und zu deren Tod befragt. Sie sprach mit ihnen darüber, wie sie das Sterben der Mutter erlebten, wie sie getrauert haben, ob sich durch den Tod der Mutter in ihrem Leben etwas verändert hat. Die meisten ihrer Interviewpartnerinnen waren zwischen 40 und 60 Jahre alt, als ihre Mütter starben. Entstanden ist ein hochinteressanter Einblick in unterschiedliche , Mutter-Tochter-Beziehungen. Die Frauen berichten von schönen Erinnerungen an die Mutter, aber auch von verpassten Gelegenheiten, sich mit der Mutter auszusprechen, von ungeklärten Konflikten, von lähmenden Missverständnissen und jahrelangen Kämpfen um Anerkennung:

Sie wollte mich unheimlich stark an sich binden, und ich bin immer weiter weg. Zum Teil hab ich mir auch gedacht, wenn ich sie wirklich zufrieden hätte stellen wollen, dann hätte ich bei ihr einziehen müssen. Alles andere wäre zu wenig gewesen. Ich hab nie etwas richtig gemacht. Wenn ich sie besuchen kam und zwei Tage Zeit hatte, dann war es zu wenig, und wenn ich eine Woche Zeit hatte, war es auch zu wenig. Ich hatte eigentlich Lust, sie zu sehen und etwas mit ihr zu machen, aber letztlich ist das dann immer so gelaufen, dass ich mich wieder abgrenzen musste. Ich fand das so schade, ich dachte, meine Güte, warum kann sie nicht mal einfach froh über das sein, was sie kriegen kann? Aber ich hatte schon auch ein schlechtes Gewissen, ich hab mich ihr gegenüber auch manchmal mies verhalten. Das tut mir heute leid. Es kam einfach durch diese Dynamik, dass ich ständig das Gefühl hatte, ich muss meine Grenzen verteidigen.

Kaum eine Beziehung im menschlichen Miteinander ist so eng wie die zwischen Mutter und Tochter. Und kaum eine so schwierig. Mutter und Tochter können einander bedrängen, umklammern und verletzen wie kaum zwei andere Menschen. Vielen Müttern fällt es schwer, den Töchtern ein eigenes Leben zuzugestehen. Umgekehrt ist es auch für Töchter nicht leicht, sich aus dem Klammergriff der Mütter zu befreien. Dazu Strobl:

Es sind beides Frauen, d.h. die Mutter sieht in ihrer Tochter entweder die Fortsetzung ihrer selbst, d.h. sie möchte, dass die Tochter genauso wird, wie sie selbst, gerade in meiner Generation, wir waren Feministinnen und möchten natürlich, dass unsere Töchter auch so emanzipiert wie möglich sind, was die Töchter vielleicht gar nicht wollen, und die andere Möglichkeit ist, was jetzt eher die Generation meiner Mutter betrifft, dass die Mütter wollen, die Tochter soll das erreichen, was sie nicht erreichen konnten. D.h. die Tochter soll studieren, die Tochter soll n tollen beruf haben, oder aber die Tochter wird als Rivalin empfunden, die Tochter soll es bloß nicht besser haben, die soll bloß auch mitkriegen, wie schwer es ist, eine Frau zu sein. All das steckt in Müttern drin. Und gegen all das müssen Töchter ne eigene Person werden.

Einige der Frauen, die StrobI interviewte, haben ein Leben lang unter verbitterten, herrschsüchtigen Müttern gelitten, andere hatten ein liebevolles Verhältnis zu .ihren Müttern. So unterschiedlich die Beziehungen auch waren, gemeinsam ist allen, dass sie die Beziehung zur Mutter als ausgesprochen zwiespältig erlebten. Selbst Töchter, die ihre Mutter innig liebten, waren ab und zu wütend auf sie, haben Verletzungen erfahren. Und Frauen, die sich von ihren Müttern innerlich und äußerlich längst distanziert hatten, ihre Sehnsüchte nach einer schönen Mutter-Tochter-Beziehung längst begraben hatten, reagierten mit tiefer Trauer auf deren Tod. Strobl:

Ich glaube, das Bedürfnis nach mütterlicher Liebe und Zuwendung, das steckt so tief in uns drin, dass wir einfach nicht dazu inder Lage sind, eine Ablehnung zu mobilisieren, die so stark ist, dass sie das überwindet. Ich denke, die Sehnsucht danach, von der Mutter geliebt zu werden, die richtet sich auch an eine Mutter, mit der wir seit 50 Jahren vormachen, dass sie uns nicht liebt. (..) Ich hab nur die Erfahrung gemacht, diese Sehnsucht überwiegt alles, selbst die negativsten Erfahrungen.

Den meisten Töchtern, die StrobI interviewte, war es nicht möglich, sich um die sterbende Mutter zu kümmern. Zurück bleiben Schuldgefühle, die Mutter zu selten besucht, sich zu wenig um sie gekümmert zu haben:

Ich wollte wohl nicht wahrhaben, wie es wirklich um sie stand, und da habe ich plötzlich auf optimistisch gemacht und zu ihr gesagt: Jetzt krieg doch nicht gleich Panik, es ist doch noch gar nicht entschieden, was sein wird. Da hat sie sich natürlich nicht ernst genommen gefühlt in der Angst, die sie hatte, und die sie ja auch zu Recht hatte. Ich denke, ich hab sie ziemlich allein gelassen. Das ist ein Schuldgefühl, mit dem ich immer noch herumlaufe.

Es sind intensive und offene Gespräche, die Ingrid StrobI mit den Frauen führte. Und es wird deutlich, warum oft Sprachlosigkeit zwischen Müttern und Töchtern herrscht. Viele ihrer Gesprächspartnerinnen hatten Mütter, die Krieg und Nationalsozialismus erlebt haben, deren Erziehung von Anpassung und Gehorsam, von Verschweigen von Unangenehmem geprägt war. Strobl:

Was ich herausgefunden habe, ist, dass es große Missverständnisse gibt zwischen Müttern und Töchtern aufgrund einer völlig anderen Herangehensweise an Emotionales, Erleben. Diese Mütter sind noch aufgewachsen unter der Devise, man spricht nicht mit anderen über sich, man nimmt sich erstmal gar nicht so ernst, man denkt nicht ständig über sich nach. Wir, die 68er 70-Generation sind groß geworden unter der Prämisse, möglichst Therapie ja, über alles sprechen, und immer genau kucken, wie geht es mir, wie fühl ich mich und was macht das mit mir. Ich sags jetzt ein bißchen ironisch. Daran ist auch sehr viel Gutes. Aber das prallt natürlich extrem aufeinander.

Oft gelingt Töchtern die Ablösung von der Mutter erst nach deren Tod. Plötzlich ist sie nicht mehr da und dann kommen Fragen auf, die die Tochter immer schon stellen wollte, für die keine Zeit war, die zu nebensächlich oder gefährlich schienen. "Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt", hat Ingrid StrobI ihr Buch genannt. Zum Beispiel: was war sie für eine Frau? Wie hat sie in ihrer Jugend gelebt? Welche Träume und Ängste hatte sie als Kind. Was hat sie geprägt?

Ich denke, Ablösung, das hab ich zumindest bei mir erfahren, und auch im Nachfragen bei den anderen Frauen, Ablösung beginnt in dem Moment, wo ich bereit bin, in meiner Mutter nicht mehr nur die Mutter zu sehen, sondern eine eigenständige Frau, eine Person. Sie war für mich als Kind die Mutter und nichts als die Mutter. Das heißt, sie hat eine Funktion für mich gehabt. Hinter dieser Funktion Mutter steht natürlich eine Frau mit Bedürfnissen, mit eigenen Ambivalenzen, mit einer Geschichte, die ich als Kind ja gar nicht kenne, die ich aber als erwachsene Tochter kennenlernen kann, wenn ich zu dem Punkt gelange, mich zu fragen, was ist das denn für eine Frau, meine Mutter, das macht vieles leichter, man versteht dann mehr.

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