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"Ich hatte zu Beginn ein komisches Gefühl“

Ist Radprofi Marcel Kittel Täter oder Opfer in der Erfurter Blutdoping-Affäre?

Von Jonathan Sachse

Radprofi Marcel Kittel
Radprofi Marcel Kittel (picture alliance / dpa - Theo Karanikos)

Der Erfurter Radprofi Marcel Kittel ist einer der Sportler, die ihr Blut beim Mediziner Andreas Franke einer UV-Bestrahlung unterzogen. Laut WADA ein Doping-Verstoß. Nun sucht er den Weg an die Öffentlichkeit.

Marcel Kittel will über alles reden. Wir treffen uns in Erfurt in der Geschäftsstelle seines alten Teams Thüringer Energie. Das Gebäude liegt direkt neben der Radrennbahn des Thüringer Olympiastützpunktes. Sein Manager Jörg Werner sitzt neben ihm. Das Gespräch dauert etwa eine Stunde.

Kittel hat sich zwischen 2007 und 2008 Blut abzapfen, mit UV-Licht bestrahlen und reinfundieren lassen. Kittel spricht von schlechtem Gewissen, er habe seinem Arzt vertraut. Und seinen Betreuern: Sein Team habe ihm Dr. Franke empfohlen, Honorarkraft beim Olympiastützpunkt Thüringen. Bei Infektionen fungierte er als Hausarzt für die Profisportler. Über die genauen Behandlungsmethoden hätte sich sein damaliges Team Thüringer Energie nicht informiert.

"Die Wettkämpfe werden wichtiger, man darf nicht krank sein und möchte natürlich auch in bester Form sein. Und dann hat man den Arzt, der empfiehlt einem in dem Moment die und die Methode... Ich hatte ein komisches Gefühl. Habe ihn eben auch gefragt, ist es Doping? Ja? Nein? Er hat Nein geantwortet. Dieses komische Gefühl war immer noch nicht weg."

30 Athleten stehen auf der Erfurter Liste, eine Handvoll Namen ist bekannt. Marcel Kittel spricht am häufigsten über seine Erfahrungen mit Doktor Andreas Franke. Kittel sagt, Franke habe sein Blut fünf bis acht Mal einer UV-Behandlung unterzogen. Derzeit wird diskutiert: Ab wann war die Methode Doping? Kittel glaubt, die UV-Behandlung sei erst ab 2011 explizit verboten gewesen. Er sieht kein Dopingvergehen. Sein Zitat "komisches Gefühl" scheint für ihn in der Bewertung der Behandlung keine Rolle zu spielen.

Doch für die Experten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA steht fest. Allein die Abnahme und Rückführung des Blutes wird bereits als klarer Verstoß gegen die Anti-Doping Bestimmungen gewertet - unabhängig von der Methode der Wiedereinbringung und der Menge.

Dieser Auslegung schließt sich auch die Nationale Anti-Doping Agentur NADA an und ermittelt wegen "Verdachts auf Blutdoping". Allerdings nur in zwei Verfahren, bisher. Der WADA-Generaldirektor David Howman kündigte an, die WADA wird die Ermittlungen in Deutschland genau beobachten.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, warum ein volljähriger Radprofi ein Jahr nach dem Fuentes-Skandal von einem Arzt Blut entnehmen und zurückführen lässt. Ob fünfzig oder hunderte Milliliter. Trotz Bauchschmerzen hat Kittel nach eigener Aussage nur mit Familie und Freunden über die UV-Behandlung gesprochen. Nicht mit Teamkollegen, nicht mit seinen Teamärzten, nicht mit dem Olympiastützpunkt. Lässt sich dies nur mit Naivität begründen?

"Man muss auch eine kompetente Person haben, was die ganze Anti-Doping Sache angeht. Welche Medizin, welche Medikamente kann ich nehmen... Mir wurde immer gesagt, wenn Krankheit ist oder Verletzung: Geh` zu Dr. Franke. Ich kann jetzt auch nicht vom Olympiastützpunktleiter oder von irgendjemand aus meinem Team ohne medizinische Ausbildung erwarten, dass er mir eine konkreten Empfehlung gibt. Die verlassen sich natürlich auch auf das medizinische Personal, in dem Fall Dr. Franke."

Kittel behauptet, er nehme nichts Illegales. Dazu: Kein Asthmaspray, keine Schmerztabletten. Kontakt mit Spritzen hat er angeblich nur noch bei Dopingkontrollen.

An manchen Stellen des Gesprächs fällt Jörg Werner seinem Schützling ins Wort. Werner berichtet mehrfach von der Anti-Doping Philosophie seines Thüringer Energie Teams, für das Kittel bis zu seinem Wechsel zu den Profis fuhr. Werner behauptet, mit Doping habe sein Team nie zu tun gehabt.

"Marcel... Der kann mit der Frage schon gar nicht umgehen. Auch wie Steigmiller das nicht könnte, wenn wir ihm die Fragen stellen. Was nimmst du so? Lotest du die Grenze aus bis zum geht nicht? Die wissen damit nichts anzufangen."

Ein Jahr Sperre. So lautet die Forderung der NADA für Jakob Steigmiller, U-23 Radfahrer im Thüringer Energie Team.

Jörg Werner betont die Anti-Doping Regelungen in seinem Team, spricht von der neuen Generation des Radsports. Doch: Beim Besuch seiner Athleten bei Dr. Franke scheinen die internen Kontrollmechanismen versagt zu haben.

"Natürlich wenn wer krank war, war der Trainer informiert, dass er krank ist und dass er zum Arzt geht. Der Trainer... Wir als Team haben natürlich auch nie nachgefragt, was da passiert ist. Wir haben da genauso drauf vertraut."

Alle haben sie ihm vertraut. Aus dem Team soll sich keiner über die genauen Behandlungsmethoden informiert haben. Die Konsequenz: Mit Marcel Kittel, Patrick Gretsch und Jakob Steigmiller sehen sich nun drei Fahrer aus der eigenen Schule mit akuten Dopingvorwürfen konfrontiert.

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