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StartseiteKultur heute"Ich mache es ja nicht besser dadurch, dass ich es einem wegnehme und dem anderen gebe"18.03.2012

"Ich mache es ja nicht besser dadurch, dass ich es einem wegnehme und dem anderen gebe"

Hamburgs Kultursenatorin Kisseler kritisiert die Thesen des Buches "Der Kulturinfarkt"

Den großen subventionsgesättigten Kunsthäusern Geld wegnehmen, um es den untersubventionierten kleinen Institutionen zu geben - das heile den kranken Panther nicht, sagt Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler. Sie widerspricht damit den Autoren von "Der Kulturinfarkt" - und fordert eine sinnvolle Umstrukturierung des Systems.

Das Gespräch führte Beatrix Novy

Die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler (picture alliance / dpa)
Die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler (picture alliance / dpa)

Beatrix Novy: … am Staatsschauspiel Dresden, eine von diesen subventionierten Kultureinrichtungen also, gegen die Anfang letzter Woche im "Spiegel" ein Autorenquartett aus Kulturmanagern zu Felde zog. Ihr angekündigtes Berater-Buch "Der Kulturinfarkt" sorgt plangemäß jetzt schon für Aufregung, vor allem mit der Frage, ob eine Halbierung von Opern, Museen, Bibliotheken und so weiter die Apokalypse wäre. Eine Woche ist inzwischen hingegangen, auch in dieser Sendung sind wir öfter darauf eingegangen, im morgigen "Spiegel" antwortet Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz auf diesen, wie er schreibt, marktliberalen Hochgesang. Kurz: Kulturpolitiker haben jetzt in dieser Woche ihre Argumente wohl gesammelt. Eine von ihnen ist Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler. Barbara Kisseler, mit Museumsschließungen kennen Sie sich ja aus in Hamburg, oder?

Barbara Kisseler: Zu meinem großen Leidwesen mehr, als mir lieb ist, und ich muss sagen, wenn ich diese Erfahrung zugrunde lege, dann stimmen die Thesen der Kulturinfarkt-Autoren nicht, weil der Protest gegen die Schließung eines einzelnen Museums innerhalb einer Gesamtstiftung war so groß, dass er die Vorgängerregierung aus dem Amt vertrieben hat, und daran mag man ablesen, dass die Thesen, die da jetzt geäußert werden, vielleicht nicht ganz zu Ende gedacht sind.

Novy: Und vielleicht auch nicht besonders neu?

Kisseler: Also die Fragestellungen, die da aufgemacht werden, zeichnen sich in der Tat nicht durch übermäßige Originalität aus. Dann könnte man ihnen vielleicht auch mehr abgewinnen. Die haben uns alle, die wir im Kulturbetrieb arbeiten, die letzten 30, 40 Jahre begleitet. Und die Frage, die man eigentlich stellen müsste, ist: Wie geht man denn in der Praxis damit um, wenn man wirklich was anders machen möchte.

Novy: Das genau sagen inzwischen auch die Autoren, die natürlich jetzt reagieren auf die Reaktionen auf ihr Buch. Heute noch hat sich einer von ihnen gemeldet und gesagt, es geht doch mehr um die Neuverteilung der Mittel. Wie könnte man jetzt, wenn man mal versuchen würde, produktiv mit all dem umzugehen, so etwas denn machen? Was sind da Ihre Ideen und Lösungsvorschläge?

Kisseler: Vielleicht sollte man nicht als Erstes die Neuverteilung des immer selben Kuchens als Prämisse nehmen, sondern einfach kulturpolitisch mal die Frage stellen, wie sinnvoll kann man das bestehende System umstrukturieren. Und da bin ich sehr wohl der Meinung, dass man von den großen Institutionen der Hochkultur mal abstrahieren sollte, und den Blick auf den gesamten freien Bereich, um mal in einer Schublade zu bleiben, lenken, und gucken sollte, ob nicht diese Einzelkünstler oder kleineren Institutionen vielleicht eher eine Antwort, eine künstlerisch beantwortete Antwort, geben können auf das, was gesellschaftlich im Augenblick nottäte. Also eine Umverteilung schon, aber vielleicht wirklich mit dem Blick darauf, was kommt durch den freien Bereich an künstlerischem und auch gesellschaftlichem Mehrwert heraus, das fände ich spannend.

Novy: Wenn das aber nach dem Willen der Autoren auf Kosten der Großen, der Leuchttürme, der großen Kulturinstitutionen gehen sollte, was würden Sie dazu sagen? Was ist denn eigentlich deren Funktion?

Kisseler: Das ist ein bisschen der Kurzschluss, der sich meines Erachtens intellektuell durch das ganze Buch zieht, soweit es im Augenblick zugänglich ist, dass man glaubt, man müsse, um im Bild zu bleiben, bei der Oper eine Million wegnehmen und die gibt man dann den freien Theatern, und schon hat sich das Problem gelöst. Das, finde ich, heilt den kranken Panther in der Tat nicht, sondern man muss erkennen, dass über diese tradierten Institutionen so etwas wie das kulturelle Profil der Bundesrepublik, überhaupt Deutschlands, über Jahrhunderte hin auch entstanden ist, und dass das auch einen Eigenwert hat, und ich mache es ja nicht besser dadurch, dass ich es einem wegnehme und dem anderen gebe. Ganz so einfach ordoliberal geht es natürlich auch nicht. Ich glaube schon, dass man die inhaltliche Frage stellen muss, was leisten die großen Institutionen zu den gesellschaftlichen Herausforderungen - ich finde, sie leisten sehr viel -, auch Fragen der Migration, wie geht man damit um etc., aber es ist bisher noch nicht überzeugend gelungen, den freien Bereich, der in der Regel flexiblere Strukturen hat, der schneller reagieren kann aufgrund dieser Strukturen und der auch manchmal etwas unorthodoxer denkt, nicht in dieser etwas gesättigten Subventionsmentalität, dass der möglicherweise vielleicht auch die überzeugendere Antwort finden würde.

Novy: Die Diskussion geht weiter – vielen Dank an Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler zu diesen neuen Bausteinen zum Thema Kulturinfarkt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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