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StartseiteBüchermarkt"Ich mag Spott"26.02.2008

"Ich mag Spott"

Marc Dugain über seinen neuen Roman

Marc Dugain hat einen Riecher für historische Romanstoffe, die nicht nur französische Leser begeistern. In seinem Erstling "Die Offizierskammer" war es die Geschichte seines Großvaters, der mit entstelltem Gesicht aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrte. In seinem neuen Roman "Der Fluch des Edgar Hoover" ist es das Porträt jenes Mannes, der als FBI-Chef ein halbes Jahrhundert die US-Politik mitbestimmte.

Von Christoph Vormweg

Weißes Haus in Washington. (AP)
Weißes Haus in Washington. (AP)

"Der Fluch des Edgar Hoover" ist bereits in 17 Sprachen übersetzt. Auf dem US-Markt ist eine Veröffentlichung aber nicht einmal geplant. Das legt den Vor-Verdacht nahe, Marc Dugain habe den in Frankreich marktgängigen Anti-Amerikanismus bedient. Überhaupt fragt man sich, warum ein Franzose mit irischen Wurzeln, der in Marokko lebt, einen Roman über ein US-amerikanisches Thema par excellence schreibt.

"Ich habe in den USA gearbeitet. Bevor ich angefangen habe zu schreiben, war ich dort lange im Finanzgeschäft tätig: erst als Lehrer an einer französischen Schule, dann als Mitarbeiter in einer Finanzgesellschaft, schließlich als Gründer einer Firma in New York. Ich habe also viel Zeit in den USA verbracht. Das Amerikanische ist praktisch zu meiner zweiten Muttersprache geworden. Das liegt auch daran, dass mein Elternhaus sehr amerikanophil eingestellt war, dass mein Großvater im Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Marine gedient hat. Gleichzeitig aber betrachte ich die amerikanische Geschichte äußerst kritisch: die Zeit des Attentats auf Kennedy, die Ereignisse im Irak oder in New Orleans."

Geschichtsbücher sind meist informativ, aber langweilig. Romane haben den Vorteil der Perspektive. Die ist bei Marc Dugain besonders originell. Erzählt wird die US-Geschichte von 1924 bis 1972 aus der Sicht des zweiten Mannes im FBI: Clyde Tolson. Er beschreibt die Zusammenarbeit mit seinem Chef Edgar Hoover, dem mächtigen Direktor der Bundespolizei, der 8 Präsidenten und 18 Justizminister überlebte. Das Schreiben hilft Tolson, wie wir am Ende erfahren, über den Verlust hinweg. Denn Hoover ist vor ihm gestorben, und für beide gab es nur den symbiotischen Kampf gegen die Feinde des amerikanischen Wohls: die vermeintlichen Verräter, Intriganten, Kommunisten und Spione.

"Die Recherche gründet in erster Linie auf den Dokumenten, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Ich habe aber auch sogenannte deklassifizierte FBI-Dokumente eingesehen, an die schwerer heranzukommen ist. Es war also viel Dokumentationsarbeit nötig. Aber es steckt auch Überzeugungsarbeit dahinter, mit der dann zwangsläufig die Imagination ins Spiel kam. Aber es bleibt trotzdem ein Dokument - nicht der Wahrheit, aber der Realität einer Epoche und ihrer politischen Verhältnisse."

Das Vergnügen beim Lesen des Romans "Der Fluch des Edgar Hoover" gründet auf den zahllosen Widersprüchen zwischen zwei Lesarten der US-Geschichte: zwischen der von offizieller Seite verbreiteten Version und der in den Abhörprotokollen des FBI aufscheinenden Gegenversion. Denn abgehört wurde in der Hoover-Ära geradezu obsessiv, das heißt alles, was in der Politik Rang und Namen hatte - bis hinauf ins Weiße Haus. Mit einem Wort: Jeder musste erpressbar sein. Der Leser wird so nicht nur zum Mithörer, wenn John F. Kennedy mit einer vermeintlichen Nazi-Spionin im Bett plaudert, sondern auch wenn Edgar Hoover sicherheitshalber die eigene Sitzung beim Psychotherapeuten mitschneidet. Kurzum: Nach seinem Tod ist Clyde Tolson der Herr über alle Intimitäten der US-Führungsetage genauso wie der eigenen Agenten. Und da gibt es einiges zu lachen - zumal die Kommentare der Ermittler unter vier Augen oft spätpubertär direkt ausfallen.

"Das ist im Grunde meine bevorzugte Ausdrucksform: Ich mag Spott. Wenn man möchte, dass die schwerwiegendsten Dinge das Publikum berühren - sei es in der Literatur, auf dem Theater oder im Film, denn ich arbeite mit allen drei Ausdrucksformen -, wenn es da keinen Humor gibt, wird alles ungemein lastend und zäh. Humor hilft, das Weiterlesen zu erleichtern, er hält den Leser in der Intrige. Für mich ist es wichtig, den Sinn für Humor immer aufrecht zu erhalten - auch im Leben. Das ist unbedingt nötig."

Gerade beim Humor trifft Marc Dugain - und mit ihm sein Übersetzer, der Romancier Michael Kleeberg - wunderbar den klassischen amerikanischen Männer-Ton: jene Mixtur aus rüde-derber, sexistischer Verächtlichkeit und klammheimlichen Verklemmtheiten. Die vielen Dialoge machen den Roman "Der Fluch des Edgar Hoover" locker, eingängig, mitreißend - gleichsam zu einer Mischung aus O-Ton-Feature und Thriller, wobei die Chronologie der US-Geschichte immer wieder aufgebrochen wird. Das Credo: Alles dreht sich um den Erhalt der eigenen Machtposition. So hätte es Hoover als erfolgreicher Kommunistenjäger sogar zum Präsidenten bringen können. Doch fehlt ihm als Mutter-Vergötterer die First Lady. Und so fixiert er sein Interesse darauf, unabsetzbar zu sein und all die eitlen Präsidenten und Minister zu überdauern. Die US-Geschichte wird so immer wieder von Hoovers Seelenlagen mitbestimmt. Droht etwa der Erfolg eines rivalisierenden Geheimdienstchefs, unterdrückt er lieber die Anzeichen für den japanischen Überfall auf Pearl Harbour im Zweiten Weltkrieg, damit sich der andere blamiert. Beim gescheiterten Einmarsch in Kubas Schweinebucht ist es nicht anders.

"Was ich machen kann - und das ist für einen Historiker im klassischen Sinn oder einen investigativen Journalisten weit schwieriger -, ist wirklich, in die Psychologie der Figuren einzutauchen - und zwar auch im psychoanalytischen, psychiatrischen, psychopathologischen Sinne. Das habe ich in diesem Buch gemacht, um die Ursprünge der psychischen Struktur Hoovers, Tolsons und der Kennedys zu verstehen. Denn es gibt etwas sehr Wichtiges beim menschlichen Wesen: Man kennt sich selbst, auch wenn man wissenschaftlich und philosophisch viel weiß, nicht sehr gut. Die Kenntnis des Selbst ist oft das Schwierigste. Und solche Leute sind oft sehr von ihrer Kindheit bestimmt, ihrer Beziehung zur Mutter oder - wie bei den Kennedys - zum Vater. Es ist sehr interessant, das unter einem psychoanalytischen, psychologischen Blickwinkel zu sehen."

"Der Fluch des Edgar Hoover " ist auch eine Liebesroman. Erzählt wird eine symbiotische, eigentlich erfüllte Zweisamkeit. Denn Hoover und Tolson durften fast ein halbes Jahrhundert lang die Tage miteinander verbringen, oft auch am Wochenende. Warum ein Fluch auf dieser Liebe lastete, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Nur so viel: Es ist höchst amüsant, wie Marc Dugain den Leser bis zum Ende des Romans auf die Folter spannt, ob es eine platonische Liebe ist oder nicht. Denn Hoover ist nicht nur ein eingefleischter Kommunisten-Hasser, sondern auch der schikanöseste Moral-Terrorist im politischen Milieu. Er hält, wie es an einer Stelle lakonisch heißt, jeden zweiten "bei den Eiern", das heißt jeden, der fremd geht und so die Ehre der Familie beschmutzt. Fragt sich nur, ob sich die inneren Grundbefindlichkeiten der amerikanische Politik seit Edgar Hoovers Tod 1972 gewandelt haben.

"Ich glaube nicht, dass sich da was geändert hat. Die amerikanische Politik steht immer noch im Zeichen der Lüge, der Manipulation. Deshalb habe ich das Buch ja geschrieben. Und deshalb ist es in Frankreich und im Ausland auch so gut aufgenommen worden. Ich habe es während des Irak-Kriegs veröffentlicht, wo wir uns genau in diesem Genre der Manipulation bewegen - natürlich mit anderen Konsequenzen als beim Attentat auf Kennedy. Hier ist es ein Krieg mit furchtbaren zivilen und geostrategischen Konsequenzen. Ich möchte da jetzt keinen direkten Zusammenhang herstellen: Aber ich glaube, Amerika leidet darunter, dass es nie die Wahrheit über den Mord an Kennedy gesagt hat, dass es nie die Akten darüber freigegeben hat. Diese Lüge verfolgt es."

Natürlich enthält Marc Dugains Roman auch neue, hoch spannende Spekulationen über die wahren Hintergründe der Ermordung John F. Kennedys. Am deutlichsten wird das Ausmaß amerikanischer Hybris und Paranoia jedoch, wenn Marc Dugain sie süffisant mit der amerikanischen Ignoranz kurzschließt. So lässt Präsident Johnson nach dem Mord an Kennedy dessen Bruder Robert von Hoover abhören. Denn er fürchtet seine Rache. Heraus kommt auf diesem Weg, dass Robert Kennedy Trost in der Lektüre von Albert Camus findet. Also muss Edgar Hoover auch gegen den französischen Philosophen ermitteln, obwohl der längst tot ist. Auch dies ist köstlich komisch in Szene gesetzt. In erster Linie ist Marc Dugains Roman jedoch schwindelerregend. Denn alles, was an die Öffentlichkeit dringt, scheint getürkt. Man könnte auch sagen: Verschwörungstheorie vom Feinsten.


Marc Dugain: Der Fluch des Edgar Hoover
Roman. Aus dem Französischen von Michael Kleeberg.
Frankfurter Verlagsanstalt 2007
400 Seiten, 24,90 Euro

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