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StartseiteHintergrund"Ich und du - wir verändern die Welt"13.05.2008

"Ich und du - wir verändern die Welt"

Die Träume der Gründer Israels und die Wirklichkeit 60 Jahre danach

In dem Bewusstsein, die Welt zu verändern, waren die zionistischen Staatsgründer nach Israel aufgebrochen: Aus der über Jahrhunderte verfolgten religiösen Minderheit sollte eine stolze Nation werden. In 60 Jahren ist daraus ein Staat geworden, der bis heute keinen Frieden gefunden hat, weder nach außen noch im Inneren. Israel sucht Frieden, sucht nach Identität - und wirkt dabei manchmal wie ein orientierungsloser Riese in einem selbstgebauten Labyrinth.

Von Sebastian Engelbrecht

Junge Israelis feiern den 60. Jahrestag der Staatsgründung auf den Straßen von Tel Aviv. (AP)
Junge Israelis feiern den 60. Jahrestag der Staatsgründung auf den Straßen von Tel Aviv. (AP)
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Israel feiert Geburtstag

"Ich und du - wir werden die Welt verändern", singt der israelische Liedermacher Arik Einstein 1968 - eine Hymne auf die Veränderung der Welt. Mit seinem Lied nimmt Einstein ein urjüdisches und zugleich urzionistisches Motiv auf: Die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft in Frieden steht am Anfang des Zionismus.

Die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Israel beginnt mit dem Traum von einem neuen, besseren und gerechten Leben im Land des Ursprungs. 1902 träumt der Visionär Theodor Herzl in seinem Buch "Altneuland" vom neuen Jerusalem der Zionisten:

"Das Leben in Jerusalem war ein gewaltiger Körper geworden und atmete Leben. Die Altstadt zwischen den ehrwürdigen Mauern hatte sich, soviel man von diesem Aussichtspunkt bemerken konnte, am wenigsten verändert. Sie sahen die Grabeskirche, die Omarmoschee und die anderen Kuppeln und Dächer von einst. Nur war manches Herrliche dazu entstanden. Jener neu schimmernde ausgedehnte Prachtbau zum Beispiel war der sogenannte Friedenspalast. Eine große Ruhe lag über der Altstadt. Aber anders war das Bild außen ringsum. Da waren moderne Stadtteile entstanden, von elektrischen Bahnlinien durchzogene breite, baumbesetzte Straßen, ein Häuserdickicht, nur von grünen Anlagen unterbrochen, Boulevards und Parks, Lehrinstitute, Kaufhallen, Prunkgebäude und Belustigungsorte. (…) Es war eine Weltstadt nach den Begriffen des zwanzigsten Jahrhunderts. (…)"

"Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen."


Im israelischen Staats-Radio resümiert Shlomo Artzi kurz vor Beginn eines Sabbats im Frühjahr 2008 die vergangene Woche - es waren wieder Tage der Gewalt. Heute träumen in Israel nur noch wenige. Den meisten ist ihre Sicherheit wichtiger als die Vision vom Frieden. Aber auch die Ideologie der Sicherheit ist an ihr Ende gekommen.

Der zweite Libanonkrieg 2006 erscheint den Israelis im Rückblick als missglücktes Unternehmen. Er brachte weder Sicherheit noch wirkliche Ruhe an der Nordgrenze, auch wurden die zwei in den Libanon entführten israelischen Soldaten nicht befreit. In der Schlussoffensive der Armee verlor der israelische Schriftsteller David Grossmann seinen Sohn Uri. Drei Monate später rechnet Grossmann bei einer öffentlichen Kundgebung mit der politischen Führung ab.

"Eines der schwierigsten Dinge, die wir im letzten Krieg gelernt haben, war das Gefühl, dass Israel in diesen Tagen keinen König hat, dass unsere Führung hohl ist. Unsere militärische und politische Führung ist hohl. (Applaus.)"

Israel ist heute ein Land ohne Vision. Dem Land fehlen glaubwürdige Staatsmänner, die bereit wären, einen Frieden mit den Palästinensern durchzusetzen. Unpopuläre Friedensverhandlungen mit dem Nachbarn Syrien oder umstrittene diplomatische Kontakte mit der im Gaza-Streifen regierenden islamistischen Hamas sind Politikern wie Ministerpräsident Olmert, Verteidigungsminister Barak oder dem rechten Oppositionsführer Netanjahu nicht zuzutrauen. Sie alle gewinnen Mehrheiten, indem sie den Israelis militärische Stärke, Sicherheit und Ruhe versprechen.

Die zionistischen Staatsgründer hatten vor 60 Jahren ganz anders angefangen. Sie waren nach Israel aufgebrochen - in dem Bewusstsein, die Welt zu verändern, zumindest die jüdische Welt. Aus der über Jahrhunderte verfolgten religiösen Minderheit sollte eine stolze Nation werden - ein selbstbestimmtes Volk mit eigener Regierung, einem Parlament und einer Gerichtsbarkeit. Juden sollten nicht mehr als Händler und Geldwechsler ihr Leben fristen - oder als bleiche Talmud-Gelehrte.

Der neue, zionistische Jude sollte als Landwirt den Acker bestellen, Häuser bauen und seinen Körper stählen. Die Mehrheit der Zionisten glaubte an die Utopie einer solidarischen Menschengemeinschaft. Diese Mehrheit organisierte sich in der Gewerkschaft, der Histadrut, und in der "Partei der Arbeiter des Landes Israel", der "Mapai". Zionismus und die sozialistische Arbeiterbewegung bildeten eine Einheit. Der Kibbuz, die sozialistische Landkommune, war die Inkarnation dieser Ideologie. Der israelische Historiker Ze’ev Sternhell hat die Geisteshaltung der Gründer erforscht.

"Das grundlegende Ziel der Arbeiterbewegung [in Israel] war die Stützung der Infrastruktur, der Wirtschaft und der Gesellschaft, der Politik für den jüdischen Staat - und alles andere war diesem Ziel verpflichtet. Und daher (…) entwickelte man nationale Solidarität und vermied jede Politik, die diese Solidarität bedrohte: gesellschaftliche Störungen, ein Minimum an Streiks. Man rührte das Privateigentum nicht an. Die israelische Arbeiterbewegung hat das Privateigentum nie bestritten, der Sozialismus in Europa hat das Privateigentum - ideologisch - dagegen sehr wohl in Frage gestellt."

Die Immigranten aus Europa hatten die Gründung des Staates sieben Jahrzehnte lang vorbereitet - seit der ersten großen Einwanderungsbewegung in den 1880er Jahren. Im Jahr 1948 herrschten in Palästina in einigen Bereichen schon mitteleuropäische Verhältnisse, findet Schulamit Aloni, ehemals israelische Erziehungsministerin.

"Noch vor der Staatsgründung gab es hier ein Theater, eine Oper, es gab Schriftsteller, die Erneuerung der hebräischen Sprache. Es gab hier eine vor Kreativität sprühende Kulturszene, und es herrschte die Weltanschauung, dass es allen gleich gut gehen sollte. Mit der Weltanschauung, dass man für Arbeit für alle sorgen muss, dass es Gleichberechtigung der Menschen geben muss. Das war die Ideologie."

Auf dem Fundament dieser Ideale und Ideologien wuchs in 60 Jahren ein Staat, der bis heute keinen Frieden gefunden hat, weder nach außen noch im Inneren. Israel sucht Frieden, sucht nach Identität - und wirkt dabei manchmal wie ein orientierungsloser Riese in einem selbstgebauten Labyrinth. Der erfolgreiche israelische Regisseur Amos Gitai versucht in seinen Filmen, die Friedlosigkeit abzubilden.

"Israel ist in großem Maße ein kontinuierliches, ich würde sagen, vulkanisches Ereignis, in dem es ständig Eruptionen gibt. Und wir als Zwischen-Generation sind immer noch damit beschäftigt - ich bin zwei Jahre nach der Staatsgründung geboren -, die Umrisse dieses Staates damals zu zeichnen, welche Form dieser Staat hatte."

Die Gründung hatte verheißungsvoll begonnen. Am 29. November 1947 stimmte die UN-Vollversammlung für die Aufteilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat. An diesem Tag wurde Schulamit Aloni 19. Sie hatte doppelten Grund zum Feiern.

"Die ganze Nacht haben wir nicht geschlafen. Und wir zählten die Stimmen: Wer ist dafür, wer dagegen, wer enthält sich, wer ist dafür, wer dagegen, wer enthält sich? Als wir mitbekamen, dass es eine Mehrheit dafür gibt, rannten wir auf die Straßen und tanzten in Jerusalem und irgend jemand machte ein großes Fass Wein auf, und wir haben die ganze Nacht durch getanzt: Wir haben einen Staat, wir haben einen Staat."

"Grüne Feigen, weiße Blumen, roter Wein, Brot und Salz - das ist alles, was wir haben - komm, setz Dich zu uns", so ähnlich sangen die Gründer bis tief in die Nacht.

Ben Gurion am 14. Mai 1948: "Wir, die Mitglieder des Nationalrates, als Vertreter der jüdischen Bevölkerung und der zionistischen Organisation, haben uns heute, am letzten Tage des britischen Mandats über Palästina, hier eingefunden und verkünden hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel - des Staates Israel."

Der jüdisch-arabische Krieg begann noch im Dezember 1947 und endete im Januar 1949, über ein Jahr nach dem Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen. Israel kämpfte gegen die Armeen Ägyptens, Syriens, Jordaniens, des Libanon und des Irak. Der monatelange Krieg war eine traumatische Erfahrung - vor allem für die Bewohner Palästinas, die hier geboren wurden, wie etwa die Mutter des Regisseurs Amos Gitai.

"Für diese Menschen ist durch den Krieg eine Welt zusammengebrochen – er war ein Schock. Menschen wie mein Vater, die aus der Hölle des Holocaust kamen, aus dem Krieg – für sie war dann der Krieg im Nahen Osten weniger dramatisch."

Kurz nach der Staatsgründung hatten die Israelis den Tod von 4000 Soldaten und 2000 Zivilisten zu beklagen. Ein Prozent der jüdischen Bevölkerung - 6000 von 600.000 - kamen im Unabhängigkeitskrieg ums Leben. Den Israelis war nicht zum Jubeln zumute. Die Richterin Dalia Dorner und der Historiker Ze’ev Sternhell erinnern sich an die ersten Jahre des Staates.

"Nach dem Unabhängigkeitskrieg war der Staat wirtschaftlich in einer sehr schwierigen Situation. Wir haben mittellose Einwanderer aufgenommen, die aus den arabischen Ländern vertrieben wurden - und die Entwurzelten aus Europa, die auch nichts besaßen. Der Staat nahm mehr Einwanderer auf als es Bürger gab. Der Staat hatte keinerlei Devisen, es war eine Zeit der Entbehrungen, es gab Essensmarken (...). Es war ein sehr armer Staat. (...) Die Vereinigten Staaten dachten nicht daran, uns zu unterstützen (...), es war keine einfache Zeit."

"Ich kam Anfang 1951 ins Land. Das war der härteste Winter im 20. Jahrhundert. In Tel Aviv fiel Schnee - ich glaube, das war das einzige mal im 20. Jahrhundert. Das Land war arm. (…) Das waren schwierige Jahre, in physischer Hinsicht. Lebensmittel wurden rationiert. Es herrschte Kälte, alles wurde rationiert: Essen, Kleidung, alles. Aber es gab das Gefühl, dass wir uns trotzdem in einer Aufwärtsentwicklung befinden, dass früher alles schlimmer war: Heute ist es nicht gut, aber morgen wird es viel besser sein."

Das junge Israel war von Theodor Herzls Utopie vom neuen Leben der jüdischen Nation in Frieden, Freiheit und Wohlstand weit entfernt. Ein zusammengewürfeltes Volk sammelte sich zwischen Mittelmeer und Jordan: Russen, Polen, Deutsche, Franzosen, Rumänen, nach 1948 auch Nordafrikaner und Iraker. Was verband sie, nachdem vom großen Traum nur Krieg und Armut übrig geblieben waren? Amos Gitai mit einem Antwortversuch:

"Die gemeinsamen Erfahrungen, auch die Kriege und sogar die Feste, der Kalender, er ist nicht derselbe wie der europäische oder der islamische oder irgendein anderer Kalender. Er formt die Identität und bringt Gemeinsamkeiten hervor - auch wenn das eine Gesellschaft ist, die vor allem
aus Einwanderern besteht."

Warum fand Israel in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung nicht seinen Frieden? Viele halten den Sechs-Tage-Krieg für den größten Bruch in der Geschichte des Staates. In der Angst, die arabischen Nachbarn könnten ihre großsprecherischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel wahr machen, griff die israelische Armee an. Am 6. Juni 1967 flog die Luftwaffe die ersten Angriffe gegen Ägypten. Israel eroberte von Ägypten den Sinai und den Gaza-Streifen, den syrischen Golan und die jordanische West-Bank.

"Alle Ziele des Zionismus wurden in diesen Grenzen vor dem 6. Juni 1967 erreicht. (…) Man braucht ein für alle Welt akzeptables Territorium. Dieses Territorium, das wir hatten, war plausibel und anerkannt, als wir den Staat aufgebaut haben, als wir ihn entwickelt haben. Und wir haben [auf diesem Gebiet] alle Ziele, die sich der Zionismus gesetzt hat, erreicht."

Die Zionisten hatten sich mit dem Sechs-Tage-Krieg überhoben, findet der Historiker Ze’ev Sternhell, der in diesem Jahr übrigens den renommierten "Israel-Preis" erhält. Sternhell bezeichnet sich selbst als "Super-Zionisten" - den Krieg im Juni 1967 und die folgende Überheblichkeit Israels gegenüber seinen Nachbarn hält er gleichwohl für den größten Fehler der Geschichte. Israel wandelte sich vom Staat aus Flüchtlingen und Holocaust-Opfern zur Besatzungsmacht, von der visionären Gemeinschaft zur Herrschernation.

Von diesem Wandel zeugt auch der Wahlsieg Menachem Begins im Mai 1977. Erstmals setzten sich die Konservativ-Liberalen des "Likud" gegen die Sozialisten der Mapai durch. Für Ze’ev Sternhell ist der Sieg Begins eine Folge der missratenen Integration orientalischer Juden nach 1948.

"Der Aufstieg Begins zur Macht, das war eine Abstimmung für ein zweites Israel gegen das erste Israel - kein Zweifel. Und dieses Problem verfolgt uns bis heute. (…) Diese Verzerrung, dass bei uns die Linken in den schönen Gegenden von Tel Aviv wohnen und die Rechten in der Wildnis - das ist eine Verzerrung, die es in Europa nicht gibt. Die Zuwendung der unteren gesellschaftlichen Schichten zu den rechten Parteien, das ist kein neues Phänomen. (…) Aber es ist eine Folge der Probleme bei der Integration, dieser wirklich miserablen Integration in den 50er Jahren."

Der letzte tiefe Einschnitt, der letzte Angriff auf die alte zionistische Utopie, war der Mord an Ministerpräsident Jitzhak Rabin am 4. November 1995. Mit dem Mord des radikalen Juden Jigal Amir an dem jüdischen Feldherrn und Politiker Jitzhak Rabin war ein Tabu gebrochen, wurde für viele die Utopie vom Frieden endgültig zur Illusion.

Übrig blieb ein Volk ohne Führung, ein Staat ohne Vision. Nach dem Mord an Rabin klingen in den Ohren des Volkes Israel Ben-Gurions Sätze vom 15. Mai 1948 fremd.

"Der Staat Israel wird der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offenstehen. Er wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen."

Die Unabhängigkeitserklärung trägt ein Paradox in sich: Der Staat Israel versteht sich ausdrücklich als jüdischer Staat, er steht allen Juden in der Welt offen. Zugleich garantiert er allen Bürgern, egal welcher Religion, Gleichberechtigung. Dieses Paradox aufzulösen, ist bis heute keinem Gelehrten in Israel gelungen. Schulamit Aloni klagt:

"Jüdisch und demokratisch - das kann nicht zusammen gehen. Denn das Judentum ist eine Religion - im Zusammenhang mit einem Staat geht das nicht."

Der Widerspruch ist bis heute der entscheidende Makel im demokratischen System Israels - theoretisch wie praktisch. Vor allem die israelischen Araber sind faktisch nicht gleichberechtigt. Sie leben als Bürger zweiter Klasse im jüdischen Staat. Schulamit Aloni:

"Bis heute, 60 Jahre später, gibt es laufend Diskriminierungen, wegen der Herkunft, der Rasse, der Religion und des Geschlechts. Es gibt keine Gleichberechtigung."

Die Ex-Richterin Dorner erkennt keinen Mangel in der widersprüchlichen Unabhängigkeitserklärung:

"Das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung ließ sich in der Realität nicht einhalten, auch aus historischen Gründen, wegen der Kriege, des Drucks, der Angst. Ich möchte sagen: Wir sind die Mehrheit in diesem Staat, aber wir haben eine Mentalität der Minderheit, wir sind ein Volk, das 2000 Jahre lang verfolgt wurde, und wir sind im Nahen Osten eine kleine Minderheit. Und das erzeugt große Probleme.""

Anders als Dalia Dorner sieht Aryeh Carmon, Präsident des Israelischen Demokratie-Instituts, die Ursache vor allem in den Grundfesten des Staates. Israel hat bis heute keine Verfassung, sondern nur einige "Grundgesetze", die bei weitem nicht den Rang einer Staatsverfassung erreichen. Hinzu kommen die Reformversuche des gegenwärtigen parteilosen Justizministers Friedman. Dieser untergräbt mit seinen Reformen den Handlungsspielraum des Obersten Gerichtshofes, wo jeder Israeli seine Rechte einklagen kann. So gerät auch noch dieses letzte Bollwerk der Gleichberechtigung in die Gefahr, künftig stärker von der Willkür der Regierung abhängig zu werden:

"Die Institutionen der israelischen Demokratie sind sehr, sehr schwach und neigen dazu, zusammenzubrechen. Der Oberste Gerichtshof ist ernsthaft bedroht, durch die Gewählten und durch einen bestimmten Minister. Eine Verfassung regelt die Instrumente des Zusammenspiels und legt sie fest. (…) Das andere, und das ist meiner Ansicht nach noch wichtiger, ist dies: Die israelische Gesellschaft ist voller Spannungen - zwischen Arabern und Juden, zwischen Religiösen und Weltlichen, zwischen Reichen und Armen, zwischen Einwanderern und Alteingesessenen. Der Staat Israel hat keinen Grundrechtekatalog, keine 'bill of rights’. Eine vollständige Verfassung mit einer Grundrechtecharta ist der erste Schritt auf dem Weg, um diese Spannungen abzubauen."

Viele warten in Israel auf Gleichberechtigung: Die israelischen Araber, die Armen, die Frauen, die nichtjüdischen Einwohner, die Christen, die Muslime. Einer der Gründe für diesen Demokratie-Mangel liegt nach Auffassung von Schulamit Aloni in der Besatzung der palästinensischen Gebiete. Israel räumte zwar nach 38 Jahren den Gaza-Streifen, aber die Menschen im Westjordanland leben immer noch unter israelischer Militärherrschaft. Eine Demokratie, die zugleich für eine Militärdiktatur verantwortlich ist, nimmt Schaden, meint Aloni:

"Du kannst kein Humanist sein und zugleich auf dem privaten Grundbesitz der Palästinenser Straßen bauen, auf denen nur Juden fahren dürfen. Ich fahre oft in die Gebiete. Ich fahre auf so einer Straße, sehe in der Ferne einen Soldaten, der steht da, hält ein Auto an und schreit herum. Er holt den Mann aus seinem Auto heraus und beschlagnahmt den Wagen, denn er ist ein Araber, ein Palästinenser, er darf auf dieser Straße nicht fahren. Ich frage ihn: Entschuldige mal, wo steht das, dass er hier nicht fahren darf? Wo steht das Schild? Woher soll er das wissen? Da lacht der Soldat und sagt: Frau Aloni, wollen Sie, dass irgend ein antisemitischer Fotograf das fotografiert, um zu zeigen, dass hier Apartheid herrscht?"

Die israelische Gesellschaft interessiert sich nicht für das Unrecht hinter der neun Meter hohen Betonmauer, in "Judäa" und "Samaria", wie das Westjordanland in Israel genannt wird. Die meisten Israelis leben in einer Blase der Ignoranz. Sie führen ein westlich-individualistisches Leben wie die Menschen in Europa - und blenden den Konflikt mit den Palästinensern aus.

Aloni: "(Lacht.) Wir sind die einzigen, die gelitten haben, das ultimative Opfer. Und das funktioniert. Denn die Wahrheit ist: Wir brauchen hier eine dritte Kraft, die uns sagt: genug! (…) Es ist eine Tatsache, dass in den besetzten Gebieten Apartheid herrscht. Es ist eine Tatsache, dass man dort auch privates Land raubt, nicht nur öffentliches. Es ist eine Tatsache, dass man dort Bäume, Olivenbäume ausreißt und sie hier Millionären verkauft."

Carmon: "Ein demokratischer Staat kann nicht über lange Zeit eine Besatzungsmacht sein. Ein demokratischer Staat muss den Menschen, die sich unter seiner Herrschaft befinden, die Menschenrechte und das Wahlrecht gewährleisten. Wenn der Staat Israel auch ein jüdischer Staat sein will, muss er alles dafür tun, dass ein palästinensischer Staat entsteht, und er muss sich aus den Gebieten zurückziehen, die dem palästinensischen Volk gehören, und er muss die Koexistenz verwirklichen."

Selbst wenn es eine Renaissance des utopischen Geistes der Zionisten geben sollte, selbst wenn sich der zionistische Staat auf die Ideale seiner Gründer besinnen sollte - wo bleiben heute in Israel die Menschen, die für diese Weltanschauung einstehen? Aryeh Carmon vom Israelischen Demokratie-Institut sorgt sich aus demografischen Gründen um die Zukunft des Zionismus:

"1948 gab es hier 600 000 Juden, und das vorherrschende Ideal war das zionistische. Das heißt: Die grundlegende Weltanschauung war die zionistische, wonach der Staat Israel der Ort ist, an dem das jüdische Volk sein Recht auf Selbstbestimmung verwirklicht, in der jüdischen Nation. Heute ist die große Mehrheit im Staat Israel nicht zionistisch ausgerichtet: 20 Prozent sind Araber, 20 Prozent Russen, zehn Prozent Ultraorthodoxe, und so weiter. Die Mehrheit ist nicht zionistisch. Dieses Lager wird kleiner und zerbröckelt. Viele fragen: Wofür brauchen wir den Zionismus überhaupt noch? Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen der Anschauung der Menschen 1948 und heute."

Israel krankt heute wie alle westlichen Gesellschaften an einem Übermaß an Individualismus, Egoismus und Wohlstandsglauben. Viele Kibbuzim haben sich aufgelöst oder ihre sozialistischen Prinzipien aufgegeben. Der israelische Sozialstaat hat sich im vergangenen Jahrzehnt - ähnlich wie in vielen europäischen Ländern - zu einem Hort des Neoliberalismus entwickelt. Die Kräfte des Marktes sollen die israelische Wirtschaft international konkurrenzfähig machen. Die Freiheit für diese Marktkräfte war und ist den konservativ geführten Regierungen unter Benjamin Netanjahu, Ariel Scharon und Ehud Olmert wichtiger als die bürgerrechtliche Freiheit des Einzelnen.

Aloni: "Heute herrscht hier Darwinismus. Wirklich Darwinismus. Und sogar ein brutaler Darwinismus. Ich muss heute vor allem für die Bürgerrechte kämpfen und für die sozialen Rechte. Auch die Besetzung hat das Gefühl der Begehrlichkeit mit sich gebracht. Unsere Gesellschaft ist eine sehr begehrliche geworden, das Kollektiv und der Einzelne: 'Ich habe Anspruch, ich habe Anspruch.' Das ist erschütternd, einfach erschütternd. Jeder sieht, was der andere hat und will ein bisschen mehr als er hat. Aber die Begehrlichkeit auf Kosten der Palästinenser - das ist eine der schlimmsten Schandtaten."

Wo steht Israel heute, 60 Jahre nach der Staatsgründung - nach sechs großen Kriegen, zwei Palästinenseraufständen und nach der Verwandlung in einen rein kapitalistischen Staat? Der Schriftsteller David Grossmann stellte drei Monate nach dem Ende des Zweiten Libanonkriegs, im November 2006, öffentlich fest:

"Es ist nicht leicht, uns selbst zu betrachten in diesem Jahr. Es war Krieg. Israel ließ militärisch die Muskeln spielen, aber danach kam sein Unwissen zum Vorschein, seine Zerbrechlichkeit. Uns wurde klar, dass die militärische Macht in unseren Händen allein am Ende nicht unsere Existenz sichern kann. Vor allem haben wir festgestellt, dass Israel sich in einer tiefen Krise befindet, tiefer als wir befürchtet haben, fast in seiner existentiellen Krise."

Im Jahr 2008 schreibt Grossmann, Israel müsse "seine Substanz" und seine "antreibenden Motive neu definieren". Der Staat müsse sich "neu erschaffen". Seine Bürger, findet Grossmann, müssten sich besinnen auf "jene Dinge, die Israel bei seiner Geburt antrieben": Der Wagemut, der Glaube an sich selbst, "der Wunsch, ein Land zu gründen, das nicht nur Zuflucht für das jüdische Volk bietet, sondern die Einzigartigkeit der jüdischen Existenz mit einem modernen und zivilen Staat verbindet". Der Regisseur Amos Gitai glaubt, dass das gelingen wird - dass Israel sich "neu erschaffen" wird. Er hat das Land in seinen Filmen aus der Distanz betrachtet - und weiß, was es braucht.

"Ich denke, wenn Israel Offenheit und Pluralismus bewahrt, dann wird es sich weiter entwickeln. Wenn es in der Gesellschaft Widerstand dagegen gibt, allzu religiös, allzu nationalistisch, allzu militaristisch zu werden, und wenn man weiter die Frage nach der Identität formulieren wird, und nicht abgeschlossene Antworten darauf gibt - wenn man nicht mit Kennzeichen kommt und sagt: Das ist die Identität, (…) dann, denke ich, wird sich Israel entwickeln, wachsen und stärker werden. (…) Und ich denke: Die Frage, ob es uns gelingt, eine offene Gesellschaft zu bleiben, das ist auch eine offene Frage."

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