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Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet

Aus dem Französischen von Ina Kronenberger

Christoph Vormweg

Saint-Germain, das Pariser Intellektuellenviertel. Die Erzählerin, eine junge Frau, beschreibt, wie sie sich auf einen Flirt mit einem gutaussehenden Mann einlässt. Was auf offener Straße beginnt, findet in einem feinen Restaurant seine stilgerechte Fortsetzung. Es wird geplauscht und gelockt, geschlürft und geschlemmt. In perfektem Timing lädt sich die begehrliche Atmosphäre Richtung Finale auf. Und der Leser ist, von der Erzählerin eigens angefeuert, ganz Voyeur - bis, ja bis das Handy des schönen Manns zum Liebestöter wird. Gavalda:

Es stimmt, ich schreibe zu meinem eigenen Vergnügen. Ich lache, wenn ich schreibe, oder ich bringe mich zum Weinen, ganz allein. Aber ich schreibe auch für meine Schwester Marianne. Ihr ist das Buch gewidmet. In Sachen Sensibilität ist sie so etwas wie mein Alter ego. Ich schreibe also auch zu ihrem Vergnügen - und das spürt man in dem Buch. Deshalb hat es sich, glaube ich, auch so gut verkauft. Das ist keine Introspektion, keine Therapie, nein, die Leute haben verstanden, dass ich das geschrieben habe, um Vergnügen zu bereiten. Das ist alles. Ich habe keinen anderen Ehrgeiz, als den Leuten zwischen zwei Metrostationen ein paar schöne Augenblicke zu bescheren.

In ihren literarischen Ambitionen gibt sich Anna Gavalda, der nicht eingeplante Shooting Star der französischen Literaturszene, bescheiden. In der Kürze liegt für sie die Würze. Scharfe Schnitte, ein mal kecker, mal beißender Humor, treffsichere Pointen: das sind die Ingredenzien ihres unverbraucht lakonischen Tons.

Das Problem ist, dass mir ein großer, langer Roman nie gelingen wird. Dafür schreibe ich einfach zu trocken! 90 Prozent meiner Arbeit besteht darin, Wörter zu streichen. Und Beschreibungen liegen mir nicht. Ich habe immer den Eindruck, die Gesten der Figuren, ihr Handeln sagen mehr über sie aus, als wenn man ihre Gesichter beschriebe.

Trocken im Sinne von spröde ist Anna Gavaldas Stil allerdings nicht. Durch ihre Prägnanz, ihre Kurzangebundenheit entfacht sie einen fulminanten Erzählsog. Man könnte auch sagen: in der Komprimierung liegt ihre Stärke. Warum aber dann dieser auf den ersten Blick so larmoyante Titel "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet"?

Ich hatte doch den Eindruck, dass der gemeinsame Nenner all dieser Geschichten - selbst wenn sie im Ton oft bissig oder ironisch sind - ein Riss in den Figuren ist, ein Mangel, nicht unbedingt in Liebesdingen, aber jedenfalls ein gewisser Mangel, dass der Titel, der ein Zitat aus einer der Novellen ist, den Geist des Buches doch richtig trifft. Ich stimme nicht in allem mit Houellebecq überein, aber wenn er von der Einsamkeit der gutgenährten Menschen im Westen schreibt, dann berührt mich das. Es gibt in Frankreich einen Chanson mit dem Titel "Die ultra-moderne Einsamkeit" - und da ist etwas dran: Wir haben alles um glücklich zu sein, das ist wahr. Aber dennoch sind wir auf der Suche.

Auffallend ist, dass Anna Gavalda genauso souverän aus weiblicher wie aus männlicher Perspektive erzählen kann. Mehr noch: ihre Erzählungen entpuppen sich im Nachhinein als eine Art verdeckter Abgesang auf das Patriarchat:

Das ist ein Klischee, aber es ist etwas Wahres dran: Besonders interessant an den Männern ist ihre feminine Seite. Das mag ich an meinen Helden, dass sie in Wirklichkeit Menschen sind, die zweifeln, die sich ihrer nicht sicher sind. Und das macht ihre Stärke aus.

In Anna Gavaldas Erzählungsband "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" sind es meist die Männer, die verunsichert sind, die schüchtern und unentschlossen auf die Initiative der Frauen hoffen. So ein Rechnungsprüfer, der über Monate auf seine Chance bei einer Kollegin wartet und im entscheidenden Moment nicht weiß, wie sich sein neues Ikea-Klapp-Bett öffnen läßt. Oder ein Familienvater, der sich überraschend mit seiner so lange beweinten Ex-Geliebten konfrontiert sieht, weil sie - todkrank - noch ein letztes Mal an ihm riechen möchte. Mal komisch, mal verstörend - Anna Gavaldas Erzählungen stecken voller überraschender Wendungen, voller Skizzen zwischenmenschlicher Schieflagen. Ihre Frauenfiguren sind dabei dominant. Sie lassen sich nicht mehr gängeln. So zieht eine Fotografin einen selbstherrlichen, drogenabhängigen Rockstar in ihren Bann, um ihm seine emotionale Verkümmerung vor Augen zu führen. Oder eine Tierärztin rächt sich in bäurisch-brutaler Direktheit an ihren betrunkenen Vergewaltigern.

Ihren Erfolg verdankt Anna Gavalda jedoch nicht nur ihrem Gespür für menschliche Abgründe, nicht nur ihrem beißenden Humor und ihrem mitreißenden Erzähltempo, sondern auch einem Kleinverlag im 13. Pariser Arrondissement. Er schimpft sich selbstironisch "Le Dilettante", zu deutsch "Der Dilettant". Hinter diesem Namen verbirgt sich die derzeit vielleicht interessanteste Pariser Talentschmiede.

Die Verlegung meines Erstlings verlief wie ein Feenmärchen - als wäre es ein magisches Buch, das sich ganz von allein durchsetzen wollte. Eigentlich hatte ich einen anderen Verleger im Auge gehabt, aber der wollte nicht. Also habe ich das Manuskript weiter verschickt, und er war der einzige, der geantwortet hat. Sein Problem ist, dass sich seine jungen Autoren meist zu den großen Verlagen absetzen. Er hat nämlich ein gutes Auge. Selbst wenn ein Manuskript schlecht ist, spürt er, ob ein eigener Ton dahinter steckt - und dann ruft er an und macht einem Mut. Ich jedenfalls habe zwischen dem ersten und zweiten Buch viele Fortschritte gemacht. Er ist ein guter Verleger, er hat Geld für mich investiert, ist Risiken eingegangen. Wenn ich bedenke, was mir die anderen Verlage geantwortet haben: Wir machen das Buch nicht, weil sich Novellen nicht verkaufen. Und er, er hat gesagt: Wir machen es, weil ich es liebe.

Als wir neulich über mein neues Buch sprachen, sagte er, er fühle sich doch ein bißchen gestresst. Aber warum, fragte ich, waren Sie das nicht beim ersten. Weil ich, sagte er, sicher war, dass ich nichts von ihm verkaufen würde. Er war sich da ganz sicher, er hat 900 Exemplare gedruckt. Und er hat gesagt: Wenn ich 900 verkaufe, ist das gut, dann mache ich keinen Verlust. Ja, das ist schon komisch. Das Gute ist aber: Seither hat er an seiner Art zu arbeiten nichts verändert. Er hat sich nur einen schönen Fotokopierer gekauft.

"Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" - von Anna Gavaldas erstem Erzählungsband sind in Frankreich mehr als 200.000 Exemplare verkauft worden - eine Erfolgsgeschichte, die an den Erstling von Michel Houellebecq erinnert. Denn nicht die Medien verhalfen der heute 31jährigen zum Durchbruch, sondern die Buchhändler und die Mundpropaganda. Dennoch hat sie - trotz der marktunüblichen Begeisterung für ihre Erzählungen - als zweites Buch einen Roman lanciert, wenn auch einen kurzen, in dem Dialoge vorherrschen. Ihrem Verleger jedenfalls will Anna Gavalda fürs erste die Treue halten. Mehr noch: um an ihrem Talent zu feilen, hängt die zweifache Mutter ihre Arbeit als Französisch-Lehrerin noch in diesem Jahr an den Nagel.

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