Kalenderblatt / Archiv /

 

Ihrer Zeit weit voraus

Vor 80 Jahren starb die US-Frauenrechtlerin Victoria Claflin Woodhull

Von Barbara Jentzsch

Das Weiße Haus in Washington.
Das Weiße Haus in Washington. (AP)

Verglichen mit der frühen Feministin Victoria Woodhull ist Hillary Clinton eine eher farblose Präsidentschaftskandidatin. Woodhull kandidierte bereits 1872, 50 Jahre bevor die Amerikanerinnen das Wahlrecht erhielten, für das Weiße Haus. Außerdem gründete sie ihre eigene Partei, gab als erste Frau eine Zeitung heraus und war die erste weibliche Brokerin an der Wall Street.

Victoria Woodhull? Kaum einer kennt sie heute in Amerika, doch sie war eine der faszinierendsten Figuren der US-Frauenbewegung. Als sie am 9. Juni 1927 im Alter von 89 Jahren starb, fand die Suffragette Elisabeth Cady Stanton, eine der Vordenkerinnen der Bewegung, glühende Worte für die Kampfgenossin:

"Victoria Woodhull hat mehr für die Frauen getan, als jede andere von uns es gekonnt hätte. Sie hat den Männern getrotzt und sie herausgefordert und wurde dafür mit Schmähungen überschüttet. Sie wird so berühmt sein, wie sie berüchtigt war. In den Annalen der Emanzipation wird der Name Victoria Woodhull als der einer Befreierin verzeichnet sein."

Doch es kam anders. Victoria Woodhull wurde totgeschwiegen. Unter ihren Zeitgenossen und auch lange Zeit später fand sich so gut wie niemand, der ihr gerecht werden konnte. Denn Victoria California Claflin Woodhull war ein Phänomen: Am 23. September 1838 in armen Verhältnissen geboren, entpuppte sie sich als eine begabte Rednerin, die es furchtlos und aus eigener Kraft zu Ruhm und Reichtum brachte und Amerikas Frauenbewegung auf ihre Weise entscheidend prägte. Eine bildhübsche Frau voller Widersprüche - ihrer Zeit um 100 Jahre voraus. Bereits 1872, 50 Jahre bevor die Amerikanerinnen das Wahlrecht erhielten, kandidierte sie als erste Frau für die Präsidentschaft. Ihre Kandidatur sei eine Botschaft an Washington gewesen, kommentiert die Gründerin des Frauenmagazins "Ms", die Feministin Gloria Steinem:

"Das Schild 'Reserviert für weiße Männer' galt nicht mehr fürs Weiße Haus. Den Leuten ging ein Licht auf: Hey, auch Frauen und schwarze Mitbürger haben dort ihren Platz. Woodhulls Kandidatur war natürlich symbolisch."

Victoria Woodhull war die erste Frau, die vor einem Kongressausschuss sprach. Sie wies die verdutzten Senatoren des Justizausschusses darauf hin, dass der Wortlaut der Verfassung das Wahlrecht der Frauen bereits garantiere. Woodhull gründete ihre eigene Partei, die "Equal Rights Party". Auf den Parteiversammlungen versuchte sie, den Kongress unter Druck zu setzen.

"Wenn der Kongress sich weigert, Frauen die legitimen Rechte eines jeden Bürgers einzuräumen, dann werden wir einen Kongress organisieren, der sich ausdrücklich damit befasst, eine neue Verfassung zu entwerfen und eine neue Regierung zu wählen. Wir schmieden Pläne für eine Revolution."

Woodhull war auch die erste Frau, die ein Broker-Büro an der Wall Street eröffnete. Dazu hatte ihr der Eisenbahnmagnat Cornelius Vanderbilt verholfen, der ihre hellseherischen Fähigkeiten für seine Börsengeschäfte nutzte. Und sie gründete als Erste eine eigene Zeitung .”The Woodhull and Claflin Weekly" veröffentlichte als erste amerikanische Zeitung Karls Marx' "Kommunistisches Manifest" sowie Texte von Sigmund Freud.

In ihrer ständigen Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit kämpfte sie gegen alle gesellschaftlichen Konventionen. Denn die zweimal geschiedene Mutter zweier Kinder war eine eloquente Verfechterin der freien Liebe und hatte keinerlei Hemmungen, auf ihren von Tausenden besuchten Wahlveranstaltungen alle Tabus zu brechen und offen über Sexualität zu sprechen.

"Wenn ich Geschlechtsverkehr mit 100 Männern haben will, ist das meine Sache. Und das Thema Geschlechtsverkehr kann jetzt gleich hier an Ort und Stelle diskutiert werden, und zwar so lange, bis alle so vertraut sind mit ihren Geschlechtsorganen, dass niemand mehr rot wird, wenn von ihnen die Rede ist. Wenn Sexualwissenschaftler im Schulunterricht erscheinen, werden sexuelle Probleme der jungen Generation kein Thema mehr sein."

Doch ihre provozierende Offenheit wurde der Visionärin schließlich zum Verhängnis. Ihr Gönner Vanderbilt distanzierte sich von ihr, die Frauen der Bewegung wendeten sich ab. Und als sie sich mit Amerikas berühmtem Pastor Henry Beecher Stowe anlegte - dem Bruder von Harriett Beecher Stowe, der Autorin von "Onkel Toms Hütte" -, landete sie im Gefängnis. Das war der Anfang vom Ende ihrer amerikanischen Karriere.

1883 ging Victoria Woodhull mit ihrer Schwester und ihrer Tochter ins Exil nach England. Dort heiratete sie ein drittes Mal, gab noch einmal eine Zeitung heraus und schuf sich in ihren biografischen Aufzeichnungen eine neue Vergangenheit: Sie behauptete, in ihren Adern fließe königliches Blut, und bestritt, je eine Anhängerin der freien Liebe gewesen zu sein. Respektabilität und Anerkennung gingen ihr am Ende ihres Lebens über alles.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Dramatiker Jean RacineSein Stoff waren Schuld und Begehren

Die französischen Schauspieler Carole Bouquet und Lambert Wilson als Berenice und Titus in einer Szene des Stücks "Berenice" von Jean Racine, Januar 2008 am Nord theatre in Paris

In Frankreich kennt jedes Schulkind seine Verse. Jean Racines dramatische Texte über Leidenschaft und unerfüllte Liebe gelten bis heute als Höhepunkte des klassischen Theaters. Doch seine Biografie gibt Rätsel auf.

Verhaltensforscher Otto KoehlerEr war überzeugt: Tiere können denken

Ein Eichhörnchen hockt am 23.10.2012 in einem Garten nahe Zella-Mehlis (Kreis Schmalkalden-Meiningen) auf dem Dach eines hölzernen Vogelhauses und frisst Sonnenblumenkerne.

Er zeigte, dass Eichhörnchen zählen und Mäuse abstrakt denken können. Der Tierpsychologe und Verhaltensforscher Otto Koehler war vor allem ein präziser und geduldiger Beobachter, der sich ganz auf die Welt der Tiere einließ. Vor 125 Jahren wurde er geboren.

Vor 70 JahrenAls die erste Ausgabe von "Le Monde" erschien

Heute erscheint sie mit Fotos: Die französische Tageszeitung "Le Monde" vom 27. November 2014

Eine Zeitung ohne Fotos und Schlagzeilen - heute kaum mehr vorstellbar. Doch die nüchtern aufgemachte französische "Le Monde" entwickelte sich zum meistgelesenen Blatt der intellektuellen Nachkriegsgeneration. Mittlerweile sind auch in diesem Medienhaus die Glanzzeiten vorbei.