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StartseiteBücher für junge Leser"Meine Absicht war, für mich selber neue Formen zu entdecken"22.08.2015

Illustratorin Regina Kehn"Meine Absicht war, für mich selber neue Formen zu entdecken"

Die Hamburger Illustratorin Regina Kehn kennt man vor allem wegen ihrer Buchcover oder ihrer Bilderbuchillustrationen. 2013 überraschte sie die Öffentlichkeit jedoch mit einem Buch, das großartige Aquarellbilder und Tuschezeichnungen zeigte. Entstanden sind diese in einer Zeit, als die Künstlerin erkannte: Es ist Zeit, neue Wege zu gehen.

Regina Kehn im Gespräch mit Ute Wegmann

Regina Kehn, Hamburger Illustratorin (privat)
Regina Kehn, Hamburger Illustratorin (privat)
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Unte Wegmann: "Schöne Formen sehen" – das ist die Bedeutung des Wortes Kaleidoskop. Ein Kaleidoskop, "Das literarische Kaleidoskop", möchten wir heute in den Mittelpunkt der Sendung stellen, eins der Bücher aus dem umfangreichen Werk einer Hamburger Illustratorin. Und somit wird es in den nächsten 25 Minuten natürlich um schöne literarische Formen gehen, vor allem aber um schöne gemalte und gezeichnete Formen, hergestellt von Regina Kehn.

Illustrationen zum Beispiel zu einem Bilderbuch mit dem Thema Glück, einem Kinderbuch über Mut, in abenteuerlichen Kinderromanen über Freundschaft und in der besagten Anthologie "Das literarische Kaleidoskop" mit Gedichten und Kurztexten.

Regina Kehn, man kennt Ihre Buchcover, auch das ein oder andere Bilderbuch, aber hier haben Sie im Jahr 2013 mit einem Werk überrascht, das großartige Aquarellbilder und Tuschezeichnungen zeigt. Wie kam es zu diesem Projekt?

Regina Kehn: Ja, danke das freut mich. Eigentlich war gar kein Buch geplant. Ich hatte das Gefühl, ich steck so ein bisschen fest und hatte mir im Sommer meine Zeit genommen, um neue Wege zu gehen oder fern von konkreten Aufträgen , von konkreten Buchformaten Dinge für mich auszuprobieren. Nach einer Zeit kam ich auf andere Formen, weil ich mich selber ausgetrickst habe.

Ich hab dann angefangen mit der linken Hand und mit großen Pinseln zu schreiben und zu malen. Und das hat mich ungemein beglückt. Und ich hab dann Gedichte, Texte genommen und Bilder und Zeilen mit dem groben schwarzen Pinsel in einem Rutsch geschrieben. Und das war "Die Krähe" von Daniel Charms. Und zwei Monate später fuhr ich zur Frankfurter Buchmesse und überlegte noch, ob ich das mitnehmen soll. Ich hab es dann doch eingepackt, weil ich dachte, dass ich damit wieder an die Wurzeln komme, warum ich eigentlich diesen Beruf liebe.

Dann sah das durch Zufall Monika Osberghaus, sie stellte mich Tilmann Spreckelsen (Herausgeber der Bücher mit dem blauen Band) vor, der soäter anrief und mich fragte, ob ich noch mehr Gedichte illustrieren könne. Ich konnte das gar nicht glauben, dass dieser Traum sich erfüllt und ich so weiter arbeiten konnte und so ein Buch entstehen würde.

Selbstbestimmtes Arbeiten

Wegmann: Das heißt ja, dass Sie plötzlich freier arbeiten konnten als vorher?

Kehn: Viel freier. Es ging auch viel freier los. Es hieß, gucken Sie doch mal ob dieses Zeile für Zeile bebildern auch für andere Texte möglich ist. Das war dann möglich. Ich hatte Zeit, ich konnte lesen, ich konnte viel bestimmen, die Texte auswählen. War dann zwischendurch immer in Rücksprache, aber das war ganz wunderbar.

Wegmann: Über die Textauswahl sprechen wir gleich noch. Vorher hören wir "Die vierbeinige Krähe" von Daniil Charms. Es liest Regina Kehn.

Lesung: Daniil Charms

Es war einmal eine Krähe, die hatte vier Beine. Sie hatte eigentlich
sogar fünf Beine, aber darüber lohnt nicht zu reden.
Einmal hatte sich die vierbeinige Krähe Kaffee gekauft und
dachte:

"So, ich habe mir Kaffee gekauft, aber was mache ich jetzt
damit?"

Da kam unglücklicherweise ein Fuchs des Wegs. Er sah die
Krähe und rief ihr zu:

- He, – ruft er, – du Krähe!

Und die Krähe ruft zurück:

– Selber Krähe!

Ruft der Fuchs zurück:

– Und du, Krähe, bist ein Schwein!

Da verschüttete die Krähe vor Ärger den ganzen Kaffee. Und
der Fuchs lief davon. Die Krähe aber kletterte zur Erde hinab
und ging auf ihren vier, genauer, auf ihren fünf Beinen in ihr
armseliges Haus.

"Meine Absicht war, für mich selber neue Formen zu entdecken"

Wegmann: Der vergleichsweise kurze Text ist von Ihnen auf zwölf Doppelseiten bebildert: Schwarzgraue Aquarellzeichnungen auf sandfarbenem Untergrund. Wie entstand diese Umsetzung? Sie haben eben schon erzählt. Haben Sie auch das mit der linken Hand gemacht?

Kehn: Ja, das war der erste Text. Wir haben ihn auch deshalb an den Anfang des Buches gestellt. Wie gesagt, ich hab damals gar nicht an ein Buch gedacht. Aber meine Absicht war, für mich neue Formen zu entdecken, und die Schrift mit der linken Hand bringt neue Formen mit sich. Und ich hab dann auch mal innerhalb der zwölf Blätter von rechts nach links gewechselt. Ich wollte aber auch einen groben Ausdruck haben, nichts Filigranes, sondern etwas Kraftvolles. Und das Besondere ist, dass die Schrift und das Bild in einem Rutsch entstanden sind. Normalerweise legt man wegen der AUslandssverkäufe das getrennt an, aber ich hatte mir den Raum genommen, einfach loszulegen. Und das ergibt noch mal eine andere Einheit zwischen Bild und Text.

"Das Meer kommt in meinen Gedichten vor"

Wegmann: Sie hatten einen schönen Erfolg mit dem Buch, waren für den DJLP nominiert. Ich geh jetzt aber noch mal einen Schritt zurück. Sie haben an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg studiert, wo Sie auch geboren wurden und seitdem leben. Wie sehr bestimmt der Lebensraum Hamburg Ihre Arbeit?

Kehn: Schwieirge Frage. Wenn ich mir das Kaleidoskop anschaue, sind ja auch einige in Norddeutschland beheimatete Texte drin. Theodor Storm zumm Beispiel, das Meer kommt in mehrern Gedichten vor, das Wasser, der Wind, der Regen, den man ja selberr oft genug satt hat, das alles scheint Element von dem Zuhause zu sein.

Wegmann: Hat die Hochschule Sie geprägt, gibt es wichtige Lehrer?

Kehn: Ich hab eine Reihe von Lehrern gehabt. Siegfried Oelke war ein sehr prägender Lehrer. Der ist bald verstorben. Die Stelle wurde dann von Lehrbeauftragten besetzt, die aus dem Berufsleben kamen, also Dieter Wiesmüller, Peter Schössow, Sabine Wilharm.
Also geprägt hat mich immer ein Credo, dass es damals an der Hochschule gab: Suche nach dem besten Ausdruck, suche nach dem besten Bild, vermeide Tricks, fang nicht an zuschummeln! Und guck, dass du dich steigern kannst in deinen Fähigkeiten.

"Wenn ich die Texte selber schreibe, führe ich Regie auf beiden Seiten"

Wegmann: "Wir drei, ganz mutig" ist ein kleines Bilderbuch über zwei Kinder, von Ihnen erzählt, die alleine zu Hause sind, auf die Mutter warten und ihr zwischendurch immer auf die Mailbox sprechen, was sie alles machen – essen, sich verkleiden, baden -, bis der Spaß doch in Angst umschlägt.

"Wo das Glück wächst" ist ein großformatiges Bilderbuch von Cornelia Funke über ein Mädchen, das umzieht, sich einsam fühlt, bis ein Junge auftaucht, der die Geschichte vom Glücksbaum erzählt und sie Freunde werden. Welchen Unterschied erleben Sie in der Gestaltung eines eigenen Textes im Vergleich zu einem Fremdtext?

Kehn: Wenn ich die Texte selber schreibe, führe ich Regie auf beiden Ebenen und hab ungleich mehr Freiheit. Und das ist auch ein Ziel. Das Illustrieren fremder Texte bringt mit sich, dass man sich an dem anderen abarbeiten kann. Bei dem Funke-Text war das nicht so sehr der Fall, aber ich liebe das, gegen den Strich zu arbeiten oder Widerhaken einzubauen. Und dieser Dialog geschieht eher mit einem fremden Text. Die eigenen, da steht die Einheit im Vordergrund.

Wegmann: Nun liegen zwischen diesen beiden Bilderbüchern fünf Jahre. Sie unterscheiden sich stilistisch, in dem ich das Funke Buch als etwas weicher empfinde. Das Mut-Buch erscheint gröber im Strich, alle Elemente sind schwarz umrandet. Aber bei aller Unterschiedlichkeit zeigen sich beide als typische Kehn-Bücher. Empfinden Sie das auch so?

Kehn: Also es ist richtig, das eine ist weicher, das andere gröber. Das eine hat ja noch komplett die Welt mit Hintergründen ausgemalt, während das andere freigestellte Figuren hat. Was ich auch gerne mag, wenn aus den Gesichtern Humor blitzt.
Bei "Wir drei ganz mutig" stehen Text und Bild im Widerspruch. Diese Art von Humor und das in den Gesichtern zu zeigen, das mag ich und das zieht sich durch mein Werk.

Eine sensible Mädchenfigur, die alles wuppt

Wegmann: Es gibt sogar etwas Verbindendes: Die Mädchenfiguren sind ausgesprochen ähnlich. Schlaksig, jungenhaft, mit kurzen Haaren und kurzen Hosen. Ist das eine Art Anti-Rosa-Haltung?

Kehn: Keine bewusste. Die Frage würde sich schnell beantworten, wenn man meine Kinderfotos sieht. Meine Mutter hat mich immer zum Arzt geschleppt, weil sie meinte, ich wäre zu dünn. Und es ist auch nicht nur anti-rosa, nicht nur ich bin die Pippi, sondern es ist eine Mädchenfigur, die sensibel ist, und dann wieder alles wuppt. Das macht mir Spaß, das auszuprobieren.

Wegmann: Das heißt, in den Mädchenfiguren liegt viel Persönliches, viel Regina Kehn?

Kehn: Ich befürchte fast.

"Nicht alles ist im Buch gelandet"

Wegmann: Kommen wir zurück zum "Literarischen Kaleidoskop".

Von Charms, Krüss, Ringelnatz über Rose Ausländer und Frederike Mayröcker zu Theodor Storm. 17 Gedichte, Zeilen, Kurztexte.
So facettenreich und unterschiedlich die Texte, so auch die Bebilderung. Farbe ist allerdings nur dezent eingesetzt, Aquarell und Tusche sind vorherrschend. Grafisch Hand geschrieben in Schreib- oder in Druckbuchstaben und dabei variiernd je nach Schreibmaterial.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Texte ausgewählt?

Kehn: Ich hab ganz viel gelesen, durch die Epochen, verschiedene Nationalitäten. Dann habe ich geguckt, wo entstehen Bilder. Das geschah oft, aber manchmal waren die Gedichte so stark, da fand ich es schwieirg, dem was hinzufügen. Das Kriteirium war wirklich: Wo entsteht in meinem Innern ein Bild zu den Gedichtzeilen. Ich hatte noch viel mehr Texte. Nicht alles ist im Buch gelandet.

Wegmann: Wir hören jetzt noch mal eins Ihrer Liebelingsgedichte.

James Krüss: Der Garten des Herrn Ming

Der Garten des Herrn Ming
Im stillen Gartenreiche
Des alten Gärtners Ming,
Da schwimmt in einem Teiche
Ein Wasserrosending.

Den alten Ming in China
Entzückt sie ungemein.
Er nennt sie Catharina,
Chinesisch: Ca-ta-rain.

Mit einer Pluderhose
Und sehr verliebtem Sinn
Hockt er sich bei der Rose
Am Rand des Teiches hin.

Er singt ein Lied und fächelt
Der Rose Kühlung zu.
Die Rose aber lächelt
Nur für den Goldfisch Wu.

Sie liebt das goldne Fischchen,
Das oft vorüberschießt
Und auf den Blättertischen
Den Rosenduft genießt.

Doch Wu, der Goldfisch-Knabe,
Der lockre Bube, gibt
Ihr weder Gruß noch Gabe,
Weil er ein Hühnchen liebt.

Er liebt Schu-Schu, das kleine
Goldrote Hühnerding.
Jedoch Schu-Schu, die Feine,
Liebt nur den Gärtner Ming.

So liebt Herr Ming Cathrina,
Cathrina liebt den Wu,
Wu liebt Schu-Schu aus China,
Den Gärtner liebt Schu-Schu.

Man liebt sich sanft und leise.
Doch keiner liebt zurück.
Und niemand in dem Kreise
Hat in der Liebe Glück.

Sie leben und sie warten,
Sind traurig und verliebt
In diesem kleinen Garten,
Von dem es viele gibt.

"Es war toll, die Texte gegeneinander zu stellen"

Wegmann: Regina Kehn ist heute Gast im Büchermarkt.
Ein paar Worte zu den fünf Doppelseiten, die Sie geschaffen haben. Hier spielt die Farbe Rot eine Rolle.

Kehn: Was noch wichtig ist zu sagen, als ich alle Gedichte ausgewählt hatte, war es ein schöner Prozess, mit Tilmann Spreckelsen die Reihenfolge festzulegen. Die war wichtig. Es gibt den schönen Garten des Herrn Ming und danach kommt das "Arm Kräutchen", dieses hat es an ein Bahngleis verschlagen, dabei wäre es besser im Garten des Herrn Ming aufgehoben.
Es war toll, die Texte gegeneinander zu stellen. Der Garten ist ja ein gepflegter Garten, aber die Liebe ist vorherrschendes Motiv, die unerfüllte Liebe., sie ist da zu Hause. Die musste rot sein.

"Der hat wirklich Stress, unser kleienr Sauerampfer"

Wegmann: Nun ist das kein knalliges Rot, sondern sehr dezent, gemischt mit sandfarbenen Elementen und Untergründen.
Charms, Morgenstern, Krüss – da findet sich immer etwas versteckt Komisches, das Sie in den Bildern herausgearbeitet haben. Eine Krähe mit vier Beinen, und einem fünften, das im Text wage ist und von Ihnen immer merkwürdig abgespreizt dargestellt wird. Der Gärtner Ming, der die Seerose liebt, die wiederum den Goldfisch liebt, der das Hühnchen liebt, das den Gärtner liebt. Ein Kettengedicht. Sehr amüsant, wie Sie die Figuren, die Liebenden , hintereinander in einen Teich gesetzt haben. Kafkas "Fabel" dagegen ist ein tiefsinninger und eher dusterer Dialog zwischen Katze und Maus. Theodor Storm "Meeresstrand" mit sehr atmosphärisch naturalistischen Dämmerungsbilder. Hier die Textzeilen mit schwarzer Tusche aufs Aquarell gesetzt.
Bei Ringelnatz "Arm Kräutchen" – geht es um einen Sauerampfer, der an einem öden Bahngleis einstaubt, Zug um Zug vorbeirauscht, er aber niemals einen Dampfer sehen wird.
Was haben Sie da bildnerisch gemacht?

Kehn: Das fand ich ganz toll. Man kennt ja diese Pflanzen, von denen man sich wundert, dass sie überleben, und dass Ringelnatz das schon zum Thema gemacht hat, war für mich eine schöne Entdeckung, das wollte ich darstellen. Material war für mich die Kohle und die Stempelschrift, die durch Druck erzeugt wird. Der arme kleine Sauerampfer, der kriegt soviel Staub um die Ohren, deshalb hab ich die Kohle gewählt. Und dann hat es etwas Industrielles, deshalb das Packpapier. Und die Stempelschrift, weil der hat wirklich Stress, unser kleiner Sauerampfer.
Deswegen war es zwangsläufig die grobe Schrift. Das war, glaube ich, nicht leicht, das zu drucken, und das hat der Verlag gut hingekriegt, weil es so feine Töne sind. Und dass das Schwarz nicht völlig versuppt.

Wegmann: Und die Fantasie ist dann angedeutet...

Kehn: .... ja, der Dampfer, der so schneeweiß ist, so rein. Was kann es Größeres geben, als das saubere, klare Wasser und ein weißes Schiff. Wie weit ist unser Sauerampfer davon etnfernt.

Wegmann: Wir wollen die Zuhörer nicht auf die Folter spannen.
Wir hören: "Arm Kräutchen" von Joachim Ringelnatz:

Joachim Ringelnatz: "Arm Kräutchen"

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen
Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.

Wegmann: Regina Kehn, im Jahr 2013 erschien bereits von Kirsten Boie "Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen", vier kurze Geschichten, angesiedelt in Afrika, über afrikanische KInder. Auch hier findet man vier ganzseitige, sehr intensive stimmungsvolle Bilder. Das erscheint nun wie eine Art Vorbote. Also es gab tatsächlich diesen Umbruch , es ist nicht, dass sie uns eine zweite Seite vorenthalten haben?

Kehn: Nein, ich wollte wirklich was Neues machen.

"Ich fand die Geschichte einfach toll"

Wegmann: Zuletzt haben Sie einen besonderen Kinderroman illustriert: "Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess" der niederländischen Autorin Anna Woltz. Eine heitere, spannende und herzerwärmende Freundschaftsgeschichte mit starken Charakteren. Eine turbulente Ferienwoche auf Texel mit Unfällen, Abenteuern, mit Gedanken über den Tod, einer heimlichen Vatersuche. Letztendlich ein Buch über das soziale Miteinander und Verantwortung für den Nächsten. Bei der Coverbetrachtung kann man sich schon einiges zusammenreimen: Tess in den Dünen sitzend, aufs Meer schauend, und ihre Einsamkeit wird durch bunte Einzelbilder gebrochen, Bilder von Samuel, dem Erzähler, Tulpen, ein Fahrrad, Fisch, Möwe, und vieles mehr.

Der Text ist in blauer Schrift gehalten mit blauen Tuschezeichnungen, mal ganzseitig, mal Vignetten, die das ungewöhnliche und starke Tess-Mädchen zeigen. Aber auch Samuels emotionales Auf und Ab und in der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens zu Liebe, Familie und Tod.

War die Arbeit an dem Buch etwas Besonderes?

Kehn: Ja, ich hab das Manuskript bekommen, ich wusste nach einer halben Stunde, dass ich das machen wollte. Diese Leichtigkeit und dieser Witz, mit dem diese großen Fragen angesprochen werden, fand ich sehr besonders. Und ich fand die Geschichte einfach toll. Die Mischung aus Humor und dahinter lauert das Tiefe, Düstere und wie die Figuren damit umgehen, dazu wollte ich unbedingt etwas arbeiten.

"Ich dreh quasi schon den Film zum Text"

Wegmann: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess war auch auf den Besten 7, der Bestenliste des Deutschlandfunk.
Auch zu dem Kinderroman "Freunde der Nacht" von Matthias Morgenroth haben Sie sich etwas Besonderes einfallen lassen. Die Geschichte ereignet sich im Laufe einer Nacht von der Dämmerung bis zum Morgengrauen und Sie haben die Seiten eingefärbt von weiß über verschiedene Grautöne bis ins tiefe Schwarz , um sie dann wieder heller werden zu lassen. Das gibt der Geschichte eine schöne Spannung.

Den Kinderroman kann man als Nachfolger des Bilderbuches betrachten und das bebilderte Kinderbuch ist selten mit soviel Illustrationen ausgestattet.
Welche Aufgabe hat Ihrer Meinung nach das Bild im Kinderroman?

Kehn: Die Leser werden ja noch mal ganz anders begleitet. Und natürlich hab ich auch als Illustratorin eine andere Möglichkeit das auszugestalten. Ich dreh quasi schon den Film zum Text. Bei Morgenroth ist es ganz gut zu sehen, dass die Durchgängigkeit der Illustration samt diesen Abstufungen einfach eine zweite Welt zeigt. Die Vorstellungswelt wird ergänzt durch die Grautöne, die immer stärker werden bis ins Schwarz gehen, dann sind da Satzfetzen drin, Sprechblasen. Es ist eine stärkere Begleitung des Lesers durch die Bilder und unterstreicht sehr stark in diesem Fall die Geschichte. Ebenso bei "Tess". Und so versteh ich überhaupt Illustration, es geht nicht darum zu wiederholen, was im Text steht, sondern in dem Moment wo ich im Bild Dinge dazugebe, habe ich die Möglichkeit dem Betrachter zu zeigen: Wie geht es denn Samuel mit der Frage, dass ihm plötzlich klar wird, dass seine ganze Familie, alle, er eingeschlossen, irgendwann tot sein werden? Er versucht das aus der Welt gehen zu trainieren – und das zu zeigen ist eine große Chance. Und die Illustration hat da ein viel größeres Gewicht und ist nicht nur schmückendes Beiwerk, provokant gesagt, sondern auch eine Erzählform, eben nicht in Sprache sondern im Bild.

Wegmann: Und bei "Tess" bleiben Sie in der Farbe der Schrift, alle Illustrationen sind blau gehalten.

Kehn: Die waren ursprünglich schwarzweiß. Es war dann die Idee der Herstellerin, alles in blau zu drucken. Weil wir doch am Meer sind. Das ist so, wie es sein soll, dass die Zusammenarbeit mit dem Verlag die Sache noch mal steigert, dass jemand aus der Herstellung sagt: Wenn wir es so machen, steigern wir noch mal das gesamte Projekt.

Wegmann: Ich bedanke mich sehr bei der Künstlerin Regina Kehn für das Gespräch.

Wir sprachen über:

Cornelia Funke: "Wo das Glück wächst", 32 Seiten, Fischer Verlag

Regina Kehn: "Wir drei, ganz mutig, 24 Seiten, Aladin Verlag

Kirsten Boie: "Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen", 112 Seiten,Oetinger Verlag

Regina Kehn (Hrsg.): "Das literarische Kaleidoskop", 224 Seiten, in der Reihe mit dem blauen Band, Fischer Verlag

Anna Woltz: "Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess", 176 Seiten, Carlsen Verlag

Matthias Morgenroth: "Freunde der Nacht", 160 Seiten, dtv junior. Alle genannten Titel illustriert von Regina Kehn.

 

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