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StartseiteBüchermarktIm Abgrund17.12.2003

Im Abgrund

Marie-Jo Morell - Beringers Auftrag

<em> Ich glaube, dass das, was ich über die Figur Bella transportieren wollte, also die Situation von Frauen in dieser Gesellschaft, wie Frauen, wenn sie unabhängig sind, auf so eine Gesellschaft gucken können, die von Männern bestimmt ist, ich glaube, dass ich das alles gesagt habe. Da war nichts mehr, was ich neu entdecken konnte. In die Schublade "Krimi" würde ich nach wie vor sehr gerne gehören, und deswegen sind natürlich die Morell-Bücher auch Kriminalromane, aber sie sind anders, es gibt eine männliche und eine weibliche Hauptfigur, also zwei. </em>

von Detlef Grumbach

Marie-Jo Morell, "Beringers Auftrag", Coverausschnitt (Ullstein)
Marie-Jo Morell, "Beringers Auftrag", Coverausschnitt (Ullstein)

Leser und Fernsehzuschauer gleichermaßen kennen Bella Block als eine starke, distanzierte, ja unnahbare Frau, als coole, abgebrühte und manchmal sogar etwas verächtlich auf die Welt blicken Detektivin, die sich einer höheren Form von Moral und Gerechtigkeit verpflichtet fühlt als die der herrschenden Gesellschaft und von ihrem Innenleben wenig preis gibt. Im Unterschied dazu rückt die 1937 geborene Doris Gercke – alias Marie-Jo Morell – jetzt eher die Psychologie der Hauptfiguren ins Zentrum. Beide, Milena Prohaska und Jean Beringer, sind dabei nicht unbedingt Sympathieträger.

Milena Prohaska, die Tochter eines 1968 aus Prag nach Deutschland emigrierten Tschechischen Ehepaars, war Rechtsanwältin und musste ihren Beruf wegen ihrer durchaus kriminellen Methoden an den Nagel hängen. Sie arbeitet als Bedienung in der "Blauen Lagune" dem Restaurant einer Tankstelle. Jean Beringer war Polizist, kein kritischer, sondern einer von denen, die nur diesem Staat dienen wollen. Ein Fall im Drogenmilieu war ihm aus dem Ruder gelaufen, statt seinen Hauptverdächtigen verhaften zu können, schießt dieser ihm buchstäblich ins Knie. Beringer verlässt den Staatsdienst und sinnt auf private Rache. Der Weg dazu führt ihn zu der Tankstelle. Hier kreuzen sich die Wege der beiden – soweit zur Ausgangssituation des ersten der beiden mittlerweile erschienen Romans.

Diese Tankstelle liegt in der Lüneburger Gegend, nicht direkt an der Autobahnauffahrt, ein bisschen ins Land rein. Was sehr beeindrucken ist, weil diese Tankstelle eine ist mit so einer blauen Leuchtreklame. Wenn man da nachts über Land fährt, dann sieht man eine blaue Insel im Schwarzen. Im Grunde war dieser Eindruck, diese blaue Insel in der dunklen Nacht, der Auslöser für dieses Buch. Ich fand, das sah ungeheuer gut aus und ich dachte, wie muss das eigentlich sein, wenn sich da Menschen treffen, die sich nur zufällig begegnen und aus dieser zufälligen Begegnung entsteht dann irgend etwas – das hat mich gereizt!

Unverkennbar sind die Fähigkeit der Autorin, mit wenigen sprachlichen Mitteln atmosphärisch dichte Stimmungen zu erzeugen und der genaue Blick in die Abgründe der Gesellschaft: in die Welt des organisierten Verbrechens, des Drogenhandels und illegaler Waffengeschäfte, des Frauenhandels und der Prostitution. Und in die des Verrats, denn Beringers Fahndungspanne beruhte nicht auf Zufall. Anders als in den Bella-Block-Romanen verlaufen dagegen die Linien im Geschlechterkampf. Beringer und Milena tun beide so, als ob sie stark sind, sind innerlich jedoch verletzt und schwach. Wer verführt hier wen, wer beherrscht die Situation? Beide sind gebrochene Figuren, sie schleichen umeinander, finden nur langsam eine dazu labile Grundlage für ihre Zusammenarbeit.

Und auch die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft bei beiden nicht ganz so eindeutig. Beringer bekommt den Auftrag, die Sicherheit für Hamburger Geschäftsleute in Kaliningrad zu beurteilen. Er lernt eine Stadt kennen, in der Kindern buchstäblich im Untergrund leben und nur Nachts an die Oberfläche der Stadt kommen, Frauen sich bereitwillig "testen" lassen, nur um als Nutten in den Westen zu gelangen, Mafia-Morde an der Tagesordnung sind und geschäftstüchtige "Prediger" ihre Scherflein ins Trockene bringen. Was er nicht weiß, ist, das Milena zwischenzeitlich für genau jenen seiner Auftraggeber arbeitet, der im Windschatten Beringers Mission Waffengeschäfte vorbereitet, obwohl sie von seinem mafiösen Doppelleben weiß. Und dass Milena über Leichen geht. Hat Doris Gercke ihre Kraft eher darauf verwandt, solche Verhältnisse zu entlarven, dienen sie Marie-Jo Morell als Staffage, um die Figuren zu zeigen, die sich in ihnen bewegen, von ihnen geprägt sind und ihren Weg suchen.

Man kann als Autor, als Autorin eine gewisse Zeit lang predigen, predigen, predigen – ich hoffe, dass es einigermaßen literarisch gepredigt ist – ,aber man kann, wenn die Verhältnisse sich nicht ändern, nicht immer die gleiche Predigt halten. Meine Ansichten über die Gesellschaft, in der wir leben, haben sich nicht geändert, aber ich glaube, dass die Gesellschaft für mich im Moment andere interessante Aspekte hat oder die Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, auf eine interessante Weise verkrüppelt sind, wie ja die Gesellschaft eben die Menschen verkrüppelt. Und das ist vielleicht das, was mich im Moment vielleicht mehr interessiert.

Zu diesen Figuren gehört auch Ronny, ein aus völlig zerrütteten Verhältnissen kommender Junge, der für sie zu einer Mischung aus Adoptivsohn und Partner wird, manchmal aber etwas neunmalklug, man kann es nicht verschweigen, predigt. Am Rande sei ihm dies gestattet, denn vor allem geht es der Autorin um Spannung und intelligente Unterhaltung. Bleibt am Ende die Frage, warum sie ein Pseudonym gewählt hat – denn der Name Doris Gercke ist doch immerhin ein Markenzeichen auf dem hart umkämpften Buchmarkt.

Ich glaube, diese lange Bekanntschaft mit Bella, die ja 14 Jahre lang ist, hat uns beide doch etwas strapaziert, Bella und mich. Und Sie müssen ja Bedenken, dass es inzwischen nicht nur Bella und mich gibt, also die in den Büchern und die Autorin, sondern es gibt ja noch Frau Hoger und die Bella-Figur in den Filmen. Und das alles zusammen genommen hat eigentlich bewirkt, dass ich beim Schreiben nicht mehr frei war, so frei, wie man beim Schreiben eigentlich sein muss. Und das war ein grund, dass ich mich von Bella verabschiedet habe, und zwar ganz konsequent, bis hin dazu, dass ich den Namen geändert habe.
Marie-Jo Morell
Beringers Auftrag
Ullstein, 320 S., EUR 18,00

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