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StartseiteBüchermarktIm anderen sich selbst finden14.08.2011

Im anderen sich selbst finden

Buch der Woche: Henry Roth: „Ein Amerikaner“. Hoffmann und Campe

Vordergründig erfüllt das Werk von Henry Roth die Erwartungen eines klassischen jüdisch-amerikanischen Einwandererromans. Doch die Liebesgeschichte, in deren Zentrum das Erlösungsmotiv steht, berührt auf wuchtige Weise.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Jeder sucht ein Gegenüber, der ihn auffängt und Halt gibt. (picture alliance / dpa)
Jeder sucht ein Gegenüber, der ihn auffängt und Halt gibt. (picture alliance / dpa)
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Gespür für das Leben

Eigentlich müsste man sich über dieses Buch empören. Nicht, weil es schlecht geschrieben ist, sondern weil die Art seines Zustandekommens äußerst fragwürdig erscheint. Denn der vorliegende Text ist ein Nachlassprodukt, von fremder Hand künstlich aus einem Berg Rohmaterial montiert. Zwar stammt jede Zeile von Henry Roth, aber vier von fünf Zeilen, die er geschrieben hat, wurden weggelassen.

Für dieses haarsträubende Vorgehen gibt es gleichwohl gute Gründe, und der wichtigste davon ist die Qualität des vorliegenden Ergebnisses. "Ein Amerikaner" ist ein so kluges, einsichtsvolles, stimmungsstarkes und sprachlich gelungenes Werk, dass es schade wäre, wenn es nur den Lesern des fast 2000 Seiten umfassenden Manuskripts vorbehalten bliebe. Also Leuten wie Willing Davidson, der als Lektor für den "New Yorker" arbeitete, als ihm vor sechs Jahren dieser Riesenstapel zur Begutachtung zugeleitet wurde.

Henry Roth war zehn Jahre zuvor im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein merkwürdiger Schriftsteller, berühmt und erfolglos, bedeutend und verkannt, ein amerikanischer Wolfgang Koeppen, mit dem er das Geburtsjahr – 1906 – teilt, einer der superlativischsten Fälle von Writer's Block. Doch seine Blockade bezog sich wohl hauptsächlich auf die Finalisierung des Textes, die Anordnung, die Gewichtung – produziert hat er fort und fort.

Willing Davidson stand nun vor der Herausforderung, aus einem unzusammenhängenden Konvolut einen publizierbaren Text zu machen:

"Der Anfang des Romans war klar zu erkennen, doch die große Herausforderung war zunächst, zu ergründen, wo er enden sollte. Roth beschreibt das Leben seines Protagonisten fast bis zu dessen Ende, aber ganze Dekaden werden in nur wenigen Szenen abgehandelt. (…)Sobald ich die Eckpunkte der Geschichte gefunden hatte, fing ich an, mit großer Umsicht zu kürzen. Mein Ziel war es, den einzelnen Teilen den Platz einzuräumen, den sie brauchten, um sich zu entfalten, ohne jedoch den Leser mit allzu vielen Nebensächlichkeiten zu strapazieren. (…) Es ist unmöglich, die genauen Intentionen eines Verstorbenen zu kennen, aber ich kann sagen, dass ich mir während des Bearbeitungsprozesses der damit verbundenen moralischen Verpflichtung sehr bewusst gewesen bin."

Das Schöne an Literatur ist: Man muss sich auf diese editorischen Gewissensfragen nicht unbedingt einlassen, um einen Text zu beurteilen. Man kann ihn auch einfach als solchen lesen: als die Geschichte eines jungen Mannes aus einer jüdischen Einwandererfamilie in New York, die Geschichte eines werdenden Schriftstellers, der mit seiner Herkunft und seinen Fähigkeiten hadert, der sein Ego durch Reiseabenteuer zu festigen sucht und inneren Halt in der Liebe zu einer Frau findet. Also ein klassischer amerikanischer Einwanderer- und Entwicklungsroman, der allerdings haargenau der Biografie von Henry Roth entspricht, und deshalb doch nicht ganz pur zu lesen ist. Selbst die Initiale M, unter der die geliebte Frau im Text auftritt, ist diejenige von Roths Gemahlin Muriel Parker, einer Pianistin und Komponistin, die der Autor 1938 während eines Aufenthalts in der Künstlerkolonie Yaddo im Staat New York kennengelernt hatte.

Yaddo ist denn auch die erste Erzählstation in diesem Buch. Ira, so heißt der Held, hat eine Einladung bekommen, eine Zeitlang als Gast in der berühmten Künstlerkolonie (die es übrigens noch heute gibt) zu wohnen. Ira hatte vier Jahre zuvor einen Roman veröffentlicht, der ihm vor allem bei den Genossen von der kommunistischen Partei der USA (auch die gibt es heute noch) Anerkennung eingetragen hatte. Jetzt will er an seinem zweiten Werk arbeiten, aber die Atmosphäre von Yaddo erweist sich als wenig förderlich. Oder fehlt es Ira bloß an innerer Reife und Entschlossenheit? Jedenfalls macht ihn das gesellschaftliche Leben in diesem Mikrokosmos unterschiedlich arrivierter Kollegen und Konkurrenten eher unproduktiv; besonders scharf beobachtet er einen jungen Dichter, der offenbar zum Darling der Leiterin von Yaddo geworden ist und deshalb separat mit ihr und nicht mit den anderen Stipendiaten diniert.

"Er konnte die Frustration förmlich riechen, die den Kerl zerfleischte. Der Kerl war begabt, sensibel und verdammt viel gebildeter als er, dachte Ira, und doch hatte er seinen einzigen Hafen, seine einzige Sicherheit oder die Hoffnung darauf nicht durch seine Kunst, sondern durch totale Unterwerfung erlangt, durch die Großzügigkeit, die das andere Gesicht dieser strengen Frau war - fast wie bei Edith und ihm."

Edith ist Iras Gönnerin und Geliebte, zehn Jahre älter als er, Dichterin und Universitätsdozentin – auch sie gab es im wirklichen Leben von Henry Roth. Doch wie der Begriff Unterwerfung schon andeutet: Diese Paarschaft ist zum Scheitern verurteilt, und sie scheitert ab dem Augenblick, da Ira in Yaddo auf jene andere Stipendiatin namens M. trifft, eine hochgewachsene, zunächst eher verschlossen wirkende, ja ihm linkisch und lesbisch vorkommende Musikerin, in die er sich auf eine ihm selbst fast unbegreifliche Weise verliebt.

"Sie hörte zu, antwortete stockend und sah ihn häufig aus weichen, braunen, zärtlichen Augen an. Die wenigen Male, die er sie umarmte, ließ sie ihn gewähren und sagte einmal zu ihm: 'Du bist stärker als ich.' Aber er konnte sie nicht nehmen, versuchte es kaum – es genügte ihm, bei ihr zu sein; sie zeigte kein Begehren. So ganz anders war das für ihn: Begierde, dem Bedürfnis nachgeordnet, sich im anderen zu finden; herauszufinden, ob für jeden von ihnen im anderen ein gangbarer Pfad angelegt sei – ein Weg zu sich selbst, wie immer dieses Selbst auch aussehen würde."

Diese zum Seelengrund vordringende Sprache von Henry Roth ist es, was seinem jungen Alter Ego Ira eben noch fehlt, weshalb er sich und seiner Mitwelt noch ziemlich ruckhaft und ungeschickt, präpotent und kraftmeierisch begegnet. Diese Sprache ist es auch, die den eigentlichen Zauber der Erzählung ausmacht, denn die Handlung ist fast unbedeutend: einmal von New York nach Los Angeles und zurück, wenig Geld, wenige Freunde, wenige Zwischenfälle – so könnte man die mehr als 350 Seiten zusammenfassen. Zum Glück hat die Übersetzerin Heide Sommer diesen Sound auch in der deutschen Fassung gut getroffen: diese Mischung aus leger Flapsigem und exquisit Pathetischem, aus Grüblerischem und Ekstatischem, aus altertümlichem Beschreiben und hochmodernem Psychologisieren. Dieser Henry-Roth-Ton ist außerdem, was sexuelle Darstellungen betrifft, erstaunlich frühreif, immerhin ist der Autor eine Generation, nämlich genau 27 Jahre, älter als Philip Roth.

"Er musste hier raus. Seine Sachen packen, oder das meiste jedenfalls, und woanders wohnen, diesen desaströsen Kreislauf von Bitten und Bitterkeit durchbrechen. Zweimal hatte er seit seiner Rückkehr aus Yaddo mit ihr geschlafen. Einmal hatten sie sich - auf ihren Wunsch hin - splitternackt vor den hohen Spiegel gestellt, den sie für den Flur gekauft hatte, und sich gegenseitig gestreichelt: Beinahe wäre sie in den Spiegel hineingekrochen, so gierig verzehrte sie sich nach ihrem Abbild, eine Hand auf seinem Steifen, eine Hand auf seiner Hand auf ihrer kleinen dunklen Brust. Ein Foto für die Augen. Bezaubernd, wie sie zu seiner Begierde raunte. M gegenüber war das nicht fair, es war Verrat. Nein. Er musste hier raus, er musste das Feld räumen."

Ein Mann zwischen zwei Frauen. Ein Bruch, der wehtut. Eine jungmännerhafte Sehnsucht nach etwas, das wehtut. Ein Hunger nach wilden, schmerzhaften Erfahrungen, um sich zu spüren, zu orientieren, eine Art Gewissheit über sich selbst zu erlangen. Wahrscheinlich war Ira aus dieser selben Suchbewegung heraus zu den Kommunisten gestoßen und hatte sich mit einem älteren Funktionär namens Bill befreundet. Dieser Bill ist die Karikatur eines Agitators: vollgepumpt mit Parolen vom Endsieg des Proletariats tyrannisiert er Familie und Bekannte, ein Schwachkopf, der nicht lesen und schreiben kann, ein Krüppel, dem eine Hand fehlt, und ein moralischer Müllhaufen, der Ira nach Strich und Faden ausnutzt. Zusammen fahren sie nach Los Angeles, weil Ira ihn braucht, um Abstand zu New York und seinen Seelennöten zu bekommen.

Auch diese Paarschaft geht entzwei, und Roth schildert genau die subtilen Machtspielchen, die dabei gespielt werden, die Kehrtwenden und Finten, die zu einem solchen Prozess gehören, die Verheerungen des uneigentlichen Sprechens, in das sich die Menschen immer flüchten, wenn es um Herzensdinge geht.

"Bill war nicht verborgen geblieben, dass Ira restlos enttäuscht von ihm war. Er bemühte sich nicht mehr um farbenfrohe Schilderungen - weder in seiner Wortwahl noch im Zurechtbiegen seiner Motive. Er verzichtete auf eine Aufbereitung seiner Vergangenheit, worauf es letztlich ja hinauslief, und lieferte auch nicht mehr die Ausschmückungen, von denen er meinte, dass Ira sie suchte. Es war ihm gleichgültig, was Ira sah oder dachte, denn er wusste, dass er ihn fast vollständig in der Hand hatte. Es war alles sehr merkwürdig und hatte sich zu mehr als einem bloßen Rollentausch ausgeweitet, war mehr als eine dialektische Verweigerung; es hatte sich zu unverblümter Ablehnung ausgewachsen. Was für ein bedeutsamer Vorbote dessen, was die Diktatur des Proletariats für die kultivierten Weicheier des Kleinbürgertums noch in petto hatte, für den Künstler wie den Intellektuellen, den Versager, den Dilettanten und den Connaisseur gleichermaßen; Ira schauderte es bei dem Gedanken."

Eigentlich läuft alles auf einen Zusammenbruch hin; man erwartet ihn in der Mitte des Buchs von Seite zu Seite. Mit seinem wachsenden Abscheu gegenüber Bill zerbröselt Iras letzter Halt, nämlich die Absicht, die Hoffnung, der Wunsch, einen weiteren Roman zur Zufriedenheit der Genossen zu verfassen. Er ist am künstlerischen Nullpunkt. Er geht ziellos durch die glitzernde nächtliche Stadt, in seinem Kopf hallt Shelleys Vers nach: "Das Leben ist ein Dom aus buntem Glas." Er wohnt surrealen Wortwechseln bei, er schließt ein paar oberflächliche Bekanntschaften, er bekommt verbittert-flehentliche Vorwurfsbriefe von Edith, die ihm sogar Geld schickt, das er nicht einmal ablehnen kann, weil er es dringend braucht. Demütigender kann eine Reise, die als Akt der Ermannung, als Mutprobe, als Beweis von Unabhängigkeit gedacht war, nicht enden.

Aber da ist doch noch M., seine neue Geliebte, im Hintergrund. Über sie erfährt man allzu lange gar nichts. Warum war Ira nicht in der Lage, sich ihr zuzuwenden, die Beziehung auszubauen, solange sie sich beide in New York befanden? Er hatte seine Flucht als eine Art Reifeprüfung geplant, einen romantischen Stärkezauber, der ihn vor der allemal reiferen und stärkeren Frau weniger kläglich erscheinen lassen sollte. Da dies die Hauptachse ist, um die sich die ganze Geschichte dreht, gestaltet sich die Rückfahrt von der West- an die Ostküste so heikel und gefährlich wie möglich. Und hier kommt endlich der Buchtitel zu seinem Recht, und der Roman wird echt amerikanisch, wenn es um die Mitfahrt auf einem von Hobos bevölkerten Güterzug geht.

"'Hier ist ein Kühlwagen', sagte Johnny. Er zog die rostige Luke hoch und spähte hinein. 'Niemand drin.'"

In dem dunklen Kühlabteil führte eine an der Wand befestigte, knapp einen Meter breite Stahlleiter nach unten auf den Boden. Sie stiegen hinab und blickten nach oben zurück, wo man die Luke mittels einer Stange aufstellen konnte. Johnny kletterte einige Sprossen hoch und ließ die Stange einrasten.

'Du hast doch wohl ein zweites Taschentuch, oder?'

'Ja. Was willst du denn damit?'

'Gibst du es mir mal?' Er nahm das Taschentuch und klemmte es unter die Halteklammern der aufgestellten Luke. 'Dann weiß der Bremser, dass wir hier unten sind.' Er kletterte wieder hinunter und erklärte: Weil die Bremser bei frostigem Wetter die Luken von außen verschließen, um die Ladung zu schützen, seien schon einige Eisenbahntramps erfroren, besonders wenn der Waggon auf ein Abstellgleis rangiert wurde - außer Hörweite.

'Ich verstehe.'

Der Zug setzte sich in Bewegung. Halb saßen sie, halb lehnten sie sich auf dem Boden zurück. Es war kein durchgehender, glatter Boden, sondern ein Drainageboden. Etwa einen Zentimeter dicke, gebogene Gitterstäbe, im Abstand von zwei Zentimetern verlegt, sorgten dafür, dass sich im Sommer das Schmelzwasser von den Eisstangen in einer darunter befindlichen Auffangschale sammeln und weiter auf die Gleise abfließen konnte. Die stählernen Drainagesäbel schnitten grausam in Iras Hinterbacken.

Johnny schlief bald ein. Ira zündete sich eine Pfeife an und beobachtete, wie der Rauch durch den Schlitz der leicht geöffneten Dachluke in die schmale Dämmerung am Ende des Tages entwich. Mit dem schwindenden Tageslicht kam die Kälte herein. Bald brüllte eisige Dunkelheit in die Verliese des leeren Kühlwaggons. Wie sollten sie bloß die lange Nacht überstehen?

Die lange Nacht ohne Schlaf... dein Vater hüt' die Schaf'... die lange Nacht aufm Güterzug, da frieren die Gemüter zu ... Die lange Nacht mit dem ratta-damm und den Rädern, die über die Schienennähte ostwärts ratterten ...

Huwuuuh! Der Zug ließ die Sirene pfeifen, als er sich einem Bahnübergang näherte. Was war das für ein Bahnübergang? Eine Kreuzung in Texas. Wie sollten sie die lange kalte Nacht überstehen?

Was ist, du verhinderter Schriftsteller – das bist du doch? Ein verhinderter Romancier, oder nicht? Verzweifelt gescheitert mit all den Geschichten, an denen du dich versucht hast, Geschichten, die nichts geworden sind - stimmt doch, oder? Nicht lebensfähig – Fehlgeburten.


Solche szenischen Passagen sind rar bei Roth; meist ist sein Erzählen mehr ein Selbstgespräch, wie es auch eben gegen Ende anklang. Was diesen Autor mehr interessiert als äußere Ereignisse, Abenteuer, Handlungsstränge, ist das innere Erleben der Figuren – oder präziser: jener einen Figur, die er selber ist. Und genau darin besteht ja Iras Hauptproblem: in seiner vernagelten Selbstbezogenheit, die allerdings zur psychischen Grundausstattung sensibler junger Männer zählt.

Sein zweites Hauptproblem ist die jüdische Herkunft, denn Ira ist nicht einfach buchtitelgemäß "ein Amerikaner" (im Original: "An American Type"), sondern sehnt sich danach, einer zu werden, ringt mit den Formen und Attributen, die zu diesem Einwanderertraum gehören, und spürt ständig, was für eine Last das Judesein dabei bedeutet.

"Ira saß zwischen zwei versoffenen, korpulenten Texanern, die jeder eine Flasche Schnaps geleert hatten, ehe die Nacht vorüber war. Der Passagier, der noch am anständigsten zu sein schien und sich später sogar beschwerte, saß neben Harkivy, dem Besitzer der Reiseagentur, der das Fahrzeug selber steuerte. Harkivy kassierte von jedem der Mitreisenden den Fahrpreis von zwei Dollar für die erste Etappe.

Und kaum hatten sich alle auf ihre Plätze gesetzt, als auch schon die fatale Frage gestellt wurde - und zwar von dem ehemaligen Geflügelzüchter, der rechts neben ihm saß: Ob Ira Jude sei.

'Wer - ich?' Eine Sekunde warten, um das Schwanken vor dem Absturz zu verlängern: 'Nein, ich doch nicht.' Und dann folgte das übliche Herumgebohre: Was sei er denn? Ein Griechisch-Orthodoxer aus den Karpaten. Was das denn sei? Das sei die Religion der Slowaken in Österreich. Also sei er Österreicher. Yeah. Doch ehe es noch vorüber war, wusste er: Sie waren überzeugt, dass er Jude war. Und jetzt hatten sie ihn da, wo sie ihn haben wollten: ein jüdischer Nichtjude.


In zahlreichen Rückblenden und Begegnungen wird Iras Familie dem Leser vorgestellt – der Vater: ein kleiner, serviler Gastronom, der seinen Sohn drangsaliert und von ihm verachtet wird; die Mutter: eine frustrierte Hausfrau, die sich im Zank mit ihrem Mann aufreibt und zugleich eingerichtet hat, sowie viele weitere Verwandte im damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, jüdisch geprägten Stadtteil Harlem.

Welch ein Kontrast zu Ms Familie, echter Yankee-Adel aus Boston! Hier einzuheiraten ist natürlich der Königsweg zur amerikanischen Identität, Iras Ideal. Bei diesen Leuten ist alles schwarz oder weiß, erfolgsgebürstet, stilorientiert, und Ira weiß natürlich, dass er als suspekter Schreiberling und neurotischer Jude da nicht wirklich ankommen wird.

"Nach drei butterweichen Whiskys der Marke Black & White und dem Partybuffet mit Truthahnaufschnitt, geräucherter Zunge, Käse, rohen Karotten, Oliven und Kartoffelsalat wachte Ira früh und ziemlich verkatert auf. Er spürte, dass er sich immer mehr hängenließ, vielleicht sogar dicker wurde. Im Zustand völliger Erschlaffung überlegte er, ob es klug wäre zu heiraten. Doch wenn er an seine Obsessionen dachte und daran, wie diese ihn anhaltend, unterschiedlich stark und immer wieder heimsuchten, dann wurde ihm klar, dass Heiraten der einzig richtige Weg für ihn war, der einzig vernünftige. Neben allem anderen, das ihre Liebe schon für ihn getan hatte – und es war sinnlos, den Wert ihrer Wohltaten ermessen zu wollen –, wäre er ohne M womöglich schon in einer Gummizelle gelandet."

Im Grunde ist dieses Buch kein Einwanderer- und kein Entwicklungsroman, sondern eine Liebesgeschichte, in deren Zentrum das Erlösungsmotiv steht. In M hat Ira eine Frau gefunden, die ihn erträgt, die ihn auffängt und mit zärtlicher Geste sein wirres Geplapper zum Schweigen bringt, weil sie überzeugt ist, dass er ihr Mittelpunkt sein kann. Sie selber habe keinen eigenen, gesteht sie ihm einmal.

Und spätestens hier lässt sich der Text von der Lebensgeschichte des Autors Henry Roth doch nicht mehr abtrennen, denn das Ganze wird von einem Rückblick eingeklammert, der einen beim Lesen auf wuchtige Weise berührt. Hier schreibt ein alter Mann von 84 Jahren, dessen Frau vor ein paar Monaten gestorben ist und deren Tod er beweint, sobald er an sie denkt. Er schreibt sich seine Erinnerungen von der Seele, und die Erinnerungen sind dieses Buch: eine Elegie auf eine Künstlerehe, die – wie es am Anfang hieß – durch das Bedürfnis gekennzeichnet war, sich im anderen zu finden,

"herauszufinden, ob für jeden von ihnen im anderen ein gangbarer Pfad angelegt sei – ein Weg zu sich selbst, wie immer dieses Selbst auch aussehen würde.


Henry Roth: "Ein Amerikaner". Roman. Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 448 Seiten, 23 Euro.

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