Dienstag, 12.12.2017
StartseiteBüchermarktIm Delirium der Familie07.01.2010

Im Delirium der Familie

Laura Restrepo: "Land der Geister". Sammlung Luchterhand

Laura Restrepo ist eine der wenigen Kolumbianerinnen, deren Werk ins Deutsche übersetzt wurde. In ihrer Heimat steht sie regelmäßig auf den Bestsellerlisten und auch für ihre journalistischen Arbeiten etwa über die Drogenmafia bekannt. Mehrfach musste sie um ihr Leben fürchten und ihr Land für eine Weile verlassen.

Von Eva Karnofsky

Im "Land der Geister" (AP)
Im "Land der Geister" (AP)

"Delirium" lautet die deutsche Übersetzung des spanischen Originaltitels von Laura Restrepos Roman, der hier nun leider als "Land der Geister " auf den Markt kam. Kein Wort fasst Inhalt und Stil des Buches besser zusammen, erzählt es doch vom Delirium einer jungen Frau, Agustina und vom Versuch ihres erheblich älteren Ehemannes, Aguilar, den Ursachen der geistigen Erkrankung Agustinas auf den Grund zu gehen. Dies bringt auch ihn an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit - in einer Gesellschaft, die sich ebenfalls in ein Delirium hat treiben lassen, in ein Delirium der Gewalt und der Umkehrung der Werte.

Der Verwirrung Agustinas und der zunächst ebenfalls verwirrenden Beziehungen der einzelnen Mitglieder ihrer Familie zueinander ist auch der Stil des Romans geschuldet. Laura Restrepo bedient sich eines allwissenden Erzählers, der auch den Leser verwirrt, denn er gibt zunächst immer neue Rätsel auf. Er begleitet Aguilars Suche nach den Ursachen für Agustinas Zustand, wobei er zeitlich vor und zurückgeht und andere Stimmen in der Ich-Form zu Wort kommen lässt, wie Agustina und Aguilar selbst oder Midas McAlister, einst Agustinas Liebhaber und Geldwäscher von Drogenboss Pablo Escobar. Oft wechselt die Stimme mitten im Satz, auch das steigert die Verwirrung. Die Personen treten nicht in Dialog miteinander, sind nicht fähig dazu, man redet übereinander, hält lange Monologe, die der allwissende Erzähler zusammenfügt und kommentiert.

"Ich will dir alles erzählen, ganz offen, weil du das Recht hast, es zu erfahren, sagt Midas McAlister zu Agustina, was riskiere ich schon, wenn ich es dir sage, ich habe ohnehin schon alles verloren. Dein Mann dreht sich im Kreis wie ein Korken im Strudel, um herauszubekommen, was zum Teufel mit dir passiert ist, aber du weißt es ja selbst nicht, meine süße Agustina, denn eine Geschichte ist wie ein großer Kuchen: Jeder kennt nur den Geschmack von seinem eigenen Stück, und nur ein Einziger kennt den Kuchen komplett, nämlich der Bäcker."

In einem zweiten Strang berichtet der Erzähler von Agustinas Großvater Portulinus, einem Musiker, der einst aus Kaub am Rhein eingewandert war, und von dessen Frau Blanca, die auf der Farm Sasaima scheinbar in einem Paradies lebten. Schon die Großeltern hatten ihre Geheimnisse, die allesamt sorgsam vertuscht wurden. Portulinus' Geist verwirrte zunächst zusehends, bis er den Freitod wählte, weil er es nicht mehr ertrug, seine Homosexualität zu leugnen. Er ist nach Deutschland zurückgekehrt, erzählte Blanca den Kindern und Enkeln.

Agustinas Eltern setzen das grausame Spiel der Sprachlosigkeit und der Vertuschung fort. Nichts ist, wie es scheint in der großbürgerlichen Familie Londoño. Agustinas jüngerer Bruder wurde vom Vater ständig grausam gezüchtigt, weil er mädchenhaft aussah und sanft war, bis er schließlich, ein Kind noch, im Schlafanzug das Haus verlässt, um nie mehr zurückzukehren. Um des Ansehens der Familie willen ist die Mutter sogar bereit, dem Vater seine jahrelange Beziehung zu ihrer Schwester Sofi nachzusehen, und ihren Jüngsten zu verraten. Agustinas älterer Bruder dagegen, ein skrupelloser Mann, der mit Midas McAlister Drogengelder wäscht und mit ihm gemeinsam um einer Männerwette willen den Tod einer jungen Frau verschuldet, ist der Liebling der Eltern.

"Was glaubst du, warum deine Familie mich bei euch zu Hause wie einen Sultan empfing, fragt Midas Agustina, warum sie das Baccarat-Kristall entstaubten und das Christofle-Besteck hervorholten und mir Mousse au Chocolat und Patés und Blinis servierten, die deine Frau Mutter eigenhändig für mich anfertigte, und das, obwohl ich dich geschwängert hatte und mich nicht zur Ehe zwingen ließ, so sehr dein Vater auch darauf bestand. Was glaubst du, warum sie mich trotz dieser Geschichte wie einen Sultan empfingen und deine Wut und deine Demütigung einfach ignorierten? Ganz einfach: Selbst die Languste, die sie mir vorsetzten, hatten sie einzig und allein mir zu verdanken."

Agustinas Eltern haben sich geweigert, ihren Mann Aguilar kennenzulernen, weil er als armer, linker Universitätsdozent nicht in ihre Kreise gehört. Auch Agustina ist Kind dieser besseren Kreise. Wie ihre Mutter wurde sie dazu erzogen, nichts zu tun.

" "Er wirft Agustina ihr Desinteresse an produktiver Arbeit vor, aber die passt einfach nicht zu ihr. Aktiv ist sie eigentlich immer oder kreativ, wie es im modernen Sprachgebrauch heißt. Sie strickt, stickt, backt, mauert, schaufelt, hämmert, und das am liebsten, wenn das Hergestellte weder einen praktischen noch einen lukrativen Nutzen hat, ich will damit sagen, dass Agustina, als ich sie an diesem Mittwoch zu Hause ließ, wie an jedem anderen Tag auch irgendeiner Beschäftigung nachging, um ihre Unfähigkeit zu kaschieren, systematisch ein und dieselbe Tätigkeit zu verfolgen", "

beschreibt Aguilar seine Frau. Agustina ist unfähig, sich von den Eltern zu lösen und gegen sie und ihre Verlogenheit Partei zu ergreifen, auch sie hat den jüngeren Bruder im Stich gelassen, ja sogar sich selbst, als sie sich mit McAlister einließ und ihr Kind abtrieb, und dafür fühlt sie sich schuldig. Ihre Schuldgefühle treiben die sensible Frau mit den hellseherischen Fähigkeiten in ihr Delirium.

"Land der Geister" ist wie zuvor "Hundert Jahre Einsamkeit" eine große Familiengeschichte, die auch die jüngste Geschichte Kolumbiens ist. Der Roman lebt nicht von großen Höhepunkten, sondern von der sprachlichen Präzision, mit der Laura Restrepo Not und Verwirrung schildert, in die die Perversion der Werte einer verrotteten Gesellschaft die Menschen stürzt. Dem zu entkommen ist fast unmöglich. Fast, denn zum Schluss gibt es zumindest für Agustina und Aguilar den Schimmer einer Hoffnung, das Delirium hinter sich zu lassen.

Laura Restrepo: Land der Geister.
Aus dem kolumbianischen Spanisch von Elisabeth Müller. Sammlung Luchterhand, München 2009,383 Seiten. 9,00 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk