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StartseiteBüchermarktIm Dickicht global agierender Sicherheitsfirmen12.12.2011

Im Dickicht global agierender Sicherheitsfirmen

Marlene Streeruwitz: "Die Schmerzmacherin" S. Fischer Verlag

Emotionale Kälte und Verrohung, Verrat und Brutalität stellen die neue soziale Währung dar, so lautet der Befund von Marlene Streeruwitz' Roman "Die Schmerzmacherin". Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die eine Ausbildung in einer privaten Sicherheitsfirma beginnt, die sich auf Verhöre unter Folter spezialisiert hat.

Von Claudia Kramatschek

Marlene Streeruwitz wirft mit den grellen Mitteln der Fiktion ein gleißendes Licht auf unsere Gegenwart. (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Marlene Streeruwitz wirft mit den grellen Mitteln der Fiktion ein gleißendes Licht auf unsere Gegenwart. (picture alliance / dpa / Uli Deck)
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Leben im Ungewissen

Noch nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen. Die lange Kälte hatte sie aus den Wäldern herausgetrieben. Sie saßen auf den Pfosten der Feldbegrenzungen und in den Kronen der Obstbäume. Sie kauerten auf den Köpfen der Heiligenfiguren an den Brücken und auf den Kreuzen an den Weggabelungen. Bewegungslos hockten sie in der Wintersonne. Ihre Umrisse dunkle Drohungen vor den Schneefeldern und dem wolkenlosen Himmel.

Voller dunkler Omen setzt Marlene Streeruwitz neuer Roman ein. Vom ersten Satz an liegt Bedrohung in der Luft, und was wie ein Schauermärchen beginnt, wird wie ein Splatterkrimi enden. Denn Streeruwitz, diese literarische Aufklärerin avant la lettre, wirft mit den grellen Mitteln der Fiktion ein gleißendes Licht auf unsere Gegenwart. Ihre Ausgangsthese: Wir leben in einer Welt, in der die Freiheit des Individuums einer übergreifenden Sicherheitsagenda geopfert wird, die schon lange nicht mehr von Vater Staat, sondern der Privatwirtschaft verwaltet wird. Ihr Befund: Emotionale Kälte und Verrohung, Verrat und Brutalität stellen die neue soziale Währung dar. Nun will Streeruwitz nie so sehr erzählen, sondern zeigen. Und deshalb zieht sie auch uns in einer atemberaubenden Mischung aus wirklichkeitsgetreuem Realismus und kunstvoller Konstruktion Schritt für Schritt in einen Zustand allumfassender Verunsicherung.

Nach vorne gerissen. Zurück gegen die Wand geschleudert. Seine Hand in ihren Pullover verkrallt. Der Mann hatte sie am Pullover vorne. Gleich unterm Hals. Er drehte die Wolle in seiner Hand. Er hatte sie so vom Sessel hinaufgerissen. Hochgeschoben an ihrem Pullover. Der Saum im Genick einschneidend. Die Faust an ihrer Kehle. Er drückte mit dem Pullover gegen ihre Kehle.

Amy Schreiber – Streeruwitz' Schmerzmacherin – ist eine junge Frau Mitte 20, die zwar schön ist, aber ohne wirklichen Halt durchs Leben driftet. Nun hat sie – vermittelt durch eine einflussreiche Verwandte in London – eine Ausbildung in einer privaten Sicherheitsfirma begonnen, die sich auf Verhöre unter Folter spezialisiert hat und wenig später in den Afghanistankrieg verwickelt sein wird. Dezember 2010 setzt der Roman ein, März 2011 endet er. Er spielt an der deutsch-tschechischen Grenze, in England und in Österreich. Die Atomkatastrophe von Fukushima findet darin ebenso Erwähnung wie Osama Bin Ladin, denn Streeruwitz evoziert bewusst unser Zeitalter einer "politics of fear".

"Die Ausspionage, das Detektivspielen und das ist ja etwas, was unsere ganze Zeit beschreibt: Dass wir ja immer in die anderen wollen, auch die Medien. CIA schneidet dann auch noch die Leichen auf und geht dann in die Körper hinein. Also es geht immer darum – nach dem Kalten Krieg ist das die Erbschaft, die am deutlichsten ist – alles über eine Person erfahren zu wollen, was mit der Spionage, die damals lex artis war, zu tun hat. Von da ausgehend, gab es dann die Frage: Wie viel Geld darin steckt, wie Geld sich selbst schützt, und dann eine ausgiebige Recherche über die Auflösung der Bundesheere, der Militärformationen in Mitteleuropa – Deutschland und Österreich haben das ja praktisch beschlossen – was bedeutet das für unsere Demokratien – und dann einfach weiter bis zu der Frage, welche Mittel sind gerechtfertigt: Die alten Fragen von Folter, wann ist die Grenze, das alles entlang der Krieg der 90er-Jahre und der Folgen von 9/11."

Amy stellt in ihrer Firma von Anfang an einen Fremdkörper dar. Ihre Mutter war eine Drogenabhängige, die sie als Kind zur Adoption freigegeben hat; groß geworden ist sie bei Pflegeeltern, die sie zwar aufrichtig lieben, aber ihr nie ganz das Gefühl nehmen konnten, nicht gewollt zu sein. Ein Dauerlächeln ist Amys Waffe geworden. Schon lange kann sie nichts kann mehr wirklich ernst nehmen. Genau das aber wird sie letztlich auch retten vor der brutalen Zurichtung, die in der Firma an der Tagesordnung ist.

Eine Person, die lächelte. Eine solche Person. Die konnte auch davongehen. Eine solche Person, die gehörte nicht dazu. Die traf eigene Entscheidungen, und man musste misstrauisch sein. Verrat. Es ging ja nicht darum, den Job zu machen. Es ging immer nur darum, wer, und wann, zum Verrat fähig sein könnte.

Amy – durch deren Augen wir dem Geschehen folgen – ist dabei wie eine Kunstfigur angelegt, der Roman selbst verhehlt nicht seinen Charakter einer wie auf dem Reißbrett entworfenen Versuchsanordnung: Persönliche und berufliche, familiäre und gesellschaftliche Gefahrenzonen werden in teils provokanter Überbietung ineinander geblendet.

"Es ist natürlich ganz bewusst keine Figur, die nur in der Zeit, in der sie hier beschrieben wird, noch auftauchen kann. Das konnte ich mit früheren Romanen machen, das kann ich heute nicht mehr. Weil die Komplexität der Rahmenbedingungen so groß geworden ist, dass es schon notwendig ist zu erklären, warum eine Person in etwas gerät. Weil ja in der Überlassung der Selbstfürsorge immer gleich alle auch für sich selbst schuld sind, wenn etwas passiert.
Das finde ich überhaupt die Rolle des Romans: Zu erklären, wie Verstrickungen zustande kommen, um uns einfach Modelle zu zeigen, die wir dann auf unser Leben anwenden können. Schließlich sind wir alle verstrickt und werden die Folgen tragen müssen."

Seitens Amy gehört zu diesen Verstrickungen auch, dass sie einer jüdischen Familie angehört, ihr Vater möglicherweise ein Nazi war, und die Familie nun – auf Betreiben jener Tante, die ihre Finger auch in der Sicherheitsfirma hat – einen Restituierungsprozess gegen den österreichischen Staat am Laufen hat. Sprich: Streeruwitz verweist zugleich auf latente, da geschichtlich nicht wirklich aufgearbeitete Korrespondenzen zwischen dem Erbe der Shoah und dem Übermaß geschürter Angst, das die florierende privatwirtschaftliche Sicherheitsbranche erst möglich mache.

Die Deregulierung der Sicherheitsfrage. Man konnte in Sicherheit dealen. Man konnte den Lauf der Geschichte bestimmen. Schmerzen. Pain and anger. Damit konnte gehandelt werden. Es ging nicht mehr um altmodische Loyalitäten. Es ging um die Macht. Ein wahrhaft königliches Unternehmen.

"Dieses Sicherheitsdenken wird ja dazu benutzt, erst einmal die Sicherheitsindustrie zu unterstützen, das heißt viel Geld da hineinzupumpen und die stete Motivation bereitzuhalten, dass das immer weiter gehen muss – das ist wie ein Perpetuum mobile. Jemand hat wirklich den Esel, der das Gold von sich gibt, erfunden. Denn das spricht ganz tiefe Schichten an, in denen die Zugehörigkeit einer Person zu einem Segment ganz wichtig werden kann, und von da an geht dann eine Mechanik los, die ... viele Arbeitsplätze sichert, aber keinen demokratischen Überprüfungen ausgesetzt sein wird. Und das hat natürlich mit unserer Geschichte zu tun. Da sind sehr viele Dinge, die nicht abgeschlossen sind und heute wieder an die Oberfläche kommen. Und das sind schon die Transformationen, die durch die 90er-Jahre hergestellt wurden und die durch 9/11 eben dann auch noch Etiketten bekamen."

Solche Prämissen mag mancher an den Haaren herbei gezogen finden. Doch Streeruwitz liebt die Zuspitzung vor allem, um Erkenntnis zu erzielen. Daher steht im Mittelpunkt des Romans letztlich eine Vergewaltigungsszene, die nicht ohne Grund an Kleist und seine Marquise von O denken lässt.

Sie wusste nichts. Sie konnte sich an nichts erinnern. Das Liegen war aber so angenehm. Friedlich. Sie tastete ihre Arme ab. In der Armbeuge ein Pflaster. An den Oberarmen. Gleich unter der Rundung des Bizeps. Die Arme waren da druckempfindlich. Die Schultergelenke schmerzten. Verdreht gewesen.

Wie die Marquise von O muss auch Amy zweierlei erkennen: Der Mann, den sie für ihren Gönner hielt – ihr Vorgesetzter, der sie in der Firma mit jovialer Väterlichkeit vor den Anfeindungen der anderen zu beschützen vorgab – ist in Wahrheit der Täter. Und: Nicht das Bewusstsein oder der Wille, sondern der Körper bildet die schmerzhafte Grenze des Ich.

"Wir haben das vollkommen vergessen, dass wir verletzlich sind. Also es ist doch so, dass wir vorgeführt bekommen, dass Sportler zum Beispiel sich verletzen, aber dass das alles nichts macht, dass das alles immer weiter geht. Das ist auch eine Militarisierung der Körper, die eigentlich auf eine seltsame Art den Körper ausschaltet und den Körper als etwas Beklagenswertes darstellt, der in Therapiesitzungen und Selbsthilfegruppen unterworfen werden muss."

Letztlich stellt "Die Schmerzmacherin" an uns Leser insofern die gleiche Frage wie einst Kleist: Was passiert in einer Welt, wenn die Kräfte der Destruktion stärker werden als die Normen der Gesellschaft? Wenn das, was als abgründige Ausnahme gilt, zur Norm gerät? Antworten gibt Streeruwitz bewusst keine. Sie lässt ihre Leser vielmehr am eigenen Leib erfahren, dass solch eine Welt zur Fiktion an sich gerät. Denn ihr Roman schickt nicht nur Amy, sondern auch uns in rätselhafte und erschreckende Räume, in denen das Taumeln die einzig noch denkbare Gangart ist. Am Ende dieses zugleich auch äußerst lustvoll gestalteten Romans – der auf so barocke wie anarchische Weise Versatzstücke unseres ganzen Bildervorrats aus Mythen und Medien evoziert – liegt Amys diabolischer Verführer wie ein gekreuzigter Christus tot auf dem Konferenztisch seiner eigenen Firma. So schrill solche Bilder – die zugleich gekonnt gebrochen werden durch die herbe und durchrhythmisierte Sprache – auch gestaltet sind: Marlene Streeruwitz liefert mit "Die Schmerzmacherin" ein so ätzendes wie klarsichtiges Panoptikum, das unsere Gegenwart als Gruselshow versteht. Nicht, weil ein Krieg aller gegen alle herrscht, sondern weil nunmehr alle alles zugleich sein können: Retter und Verderber, Beschützer und Täter, Engel und Teufel zugleich.

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. Roman
S. Fischer Verlag 2011, 400 Seiten, 19,95 Euro

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