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StartseiteKalenderblattIm Dienste der Diakonie21.04.2008

Im Dienste der Diakonie

Vor 200 Jahren wurde der Theologe Johann Hinrich Wichern geboren

Gegen Not, Armut und Kriminalität: Im 19. Jahrhundert gründete der Theologe Johann Hinrich Wichern Rettungshäuser für arme Kinder und regte an, die einzelnen sozialen Einrichtungen der Kirche zu einer breiten Bewegung zusammenzufassen. So entstand das Diakonische Werk in Deutschland. Geboren wurde der Kirchenmann vor 200 Jahren.

Von Peter Hertel

Bis heute versucht das Diakonische Werk, Armut zu bekämpfen. (AP)
Bis heute versucht das Diakonische Werk, Armut zu bekämpfen. (AP)

Jedes Jahr, am ersten Sonntag im Advent, wird eine Kerze auf dem Adventskranz entzündet.

"Wir sagen euch an, den lieben Advent. Sehet, die erste Kerze brennt."

Die erste Kerze, so wird überliefert, brannte 1839 am ersten Advent im Rauhen Haus zu Hamburg. Dort erfand der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern den Adventskranz, der heute längst Brauchtum in Deutschland und darüber hinaus ist. Aber berühmt wurde Wichern durch eine andere Erfindung: nämlich die Innere Mission. Sie war der Samen der evangelischen Diakonie in Deutschland, die heute unter dem Dach des Diakonischen Werkes zusammengefasst ist. Das Modellprojekt war eben jenes Rauhe Haus, das der junge Wichern im Jahre 1833 gründete als "Rettungsanstalt" für verwahrloste und verarmte Kinder.

"Der Gedanke einer solchen Anstalt beschäftigte mich so sehr, dass ich halbe Nächte darum in meinem Bett durchwachte. Wir wussten eigentlich nicht, wie Großes wir vorhatten, aber der Herr hielt uns beim Wort."

Wer war dieser Sozialpionier, der am 21. April 1808 in Hamburg geboren wurde? Der Hamburger Hansjörg Martin, der als Krimi-Autor ein Millionenpublikum begeisterte, beschäftigte sich, eher beiläufig, auch mit Wichern. Dabei fand er eine Silberstiftzeichnung mit dem jungen Theologen, die er so präsentierte:

"Die Zeichnung sagt einiges über seinen Charakter aus. Ernst und energisch blicken klare, große Augen unter ausgeprägten Brauen hervor, die eine hohe Denkerstirn und den länglich-ovalen Gesichtsschnitt unterbrechen. Eine gerade, fast kühne und etwas zu große Nase über einem freundlichen, vollen Mund, der aussieht, als ob er lächeln möchte. Kurzum: Ein schöner junger Mann, und beileibe kein frömmlerisches, ernst-prüdes Theologengesicht."

Die große Stunde des Johann Hinrich Wichern schlug im Revolutionsjahr 1848, als sich in Wittenberg 500 evangelische Männer aus Deutschland einfanden, um einen Kirchenbund zu gründen. Tiefe Zerstrittenheit kam zum Ausdruck, Spaltung der Kirche in Pietisten, Erweckte und Altgläubige zum Beispiel, verquere Intrigen. Der Pfarrer aus Hamburg sah seine Aufgabe darin, den Kirchentag zu überzeugen, dass die sporadisch entstehende Sozialarbeit der Kirche zu koordinieren sei. In derben Worten schilderte er zunächst das Leben in den Elendsvierteln:

"Es ist seit Jahren dort größte Verwilderung, das Proletariat in allen seinen Formen und Grässlichkeiten, Trunk, Tuberkulose, Cholera, Faulenzerei, Diebstahl, Raffiniertheit; die Kinder in allen Ecken, in allen Winkeln, die Eltern der Mehrzahl nach unter polizeilicher Aufsicht. Einzelne durchtriebene Alte sind die natürlichsten Amt- und Hauptleute - Banditen, von ihnen selbst so bezeichnet."

Wicherns Appell fand breite Zustimmung. Die organisierte Innere Mission wurde zur Aufgabe der ganzen Kirche. Jedoch: Die revolutionäre Wirkung, die von Wichern ausging, stand in merkwürdigem Gegensatz zu seiner konservativen Theologie. Beispielsweise lehnte er Demokratie und Liberalismus ab. Wichern-Biograf Ulrich Heidenreich, der bis 1995 das Rauhe Haus in Hamburg leitete, verkannte nicht:

"Er selber hat sein Handeln verstanden - letztlich - als ein Stückchen Stabilisierung der alten Ordnung und der alten Werte."

In der Preußischen Gefängnisreform, bei der ihm König Wilhelm IV. eine zentrale Rolle zuwies, trat Wichern vehement dafür ein, dass die Gefangenen isoliert in Einzelzellen gesteckt würden. So sollten sie büßen und umkehren. Den herrschenden Ständen empfahl er, soziale Aufstände der Arbeiterschaft niederzuschlagen. Trotz dieses Widerspruchs bleibt als das Markenzeichen des Johann Hinrich Wichern: Er ist der soziale Kirchenvater, der die diakonische Neuorientierung der evangelischen Kirche einleitete, die heute für sie selbstverständlich ist.

"Eines tut Not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: Die Liebe gehört mir wie der Glaube. Die rettende Liebe muss ihr das große Werkzeug werden, womit sie die Tatsachen des Glaubens erweist."

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