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StartseiteCampus & KarriereIm Dienste der Wirtschaft02.02.2011

Im Dienste der Wirtschaft

Bremer Wissenschaftler kritisieren Stiftungsprofessuren

Eine Stiftungsprofessur für Raumfahrttechnologie finanziert von einer Rüstungsfirma - das ließ für 60 Bremer Wissenschaftler das Fass überlaufen. In einem gemeinsamen Aufruf sorgen sie sich um die Unabhängigkeit der Forschung und Lehre in Bremen, die durch nach geheimen Verträgen ausgehandelte Stiftungsprofessuren gefährdet werde.

Rudolph Bauer im Gespräch mit Manfred Götzke

Wes Geld ich nehm, des Lied ich sing?  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Wes Geld ich nehm, des Lied ich sing? (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Manfred Götzke: Rund 250 Professuren gibt es in Bremen, vier von ihnen haben noch einen kleinen Zusatz im Titel: "Stiftung". Sie sind Stiftungsprofessoren, das heißt, sie werden für mindestens fünf Jahre von der Wirtschaft finanziert, danach übernimmt die Professur meist die Universität. Jetzt ist eine neue dazugekommen, für Raumfahrttechnik, finanziert von einer Rüstungsfirma. Ja, und mit dieser Art Prof-Sponsoring sind nicht alle einverstanden, an der Uni Bremen haben gestern mehr als 60 Wissenschaftler einen Aufruf gestartet gegen den Boom von Stiftungsprofessuren. Mit ausgedacht hat sich das Ganze der Politikwissenschaftler Rudolph Bauer. Herr Bauer, was ist daran schlecht, wenn die Wirtschaft zusätzliche Professuren schafft und so die Finanznot an den Unis ein bisschen lindert?

Rudolph Bauer: Im Prinzip geht es um eine politische Frage, nämlich in welchem Umfang die Finanzausstattung der Universitäten staatlicherseits gewährleistet wird. Und wir stellen fest, dass sich im Zusammenhang oder im Laufe der letzten Jahre, seit den 90er-Jahren der Staat in bestimmtem Umfang aus dieser Verpflichtung herauszieht und es begrüßt, dass seitens der Privatwirtschaft entsprechende Finanzierung von Stellen erfolgt.

Götzke: Und was ist nun daran so schlecht?

Bauer: Daran ist problematisch, dass, wenn der Staat seiner Aufgabe gerecht wird, dann immer auch noch eine Kontrolle über das Parlament möglich ist und letztlich über die Wähler, während im Hinblick auf Entscheidungen der Wirtschaft, der Privatwirtschaft seitens der Bevölkerung keinerlei Einfluss möglich ist. Wir haben eben keine Wirtschaftsdemokratie, sondern hier werden Entscheidungen getroffen, die nicht nachvollziehbar sind von außen, die nicht transparent sind und die auch nicht rückgängig gemacht werden können durch entsprechende Wahlentscheidungen.

Götzke: Schauen wir uns diese Situation bei den Stiftungsprofessuren mal genau an. Inwieweit erkennen Sie da einen problematischen Einfluss der Wirtschaft?

Bauer: Dieser Einfluss ergeht so, dass durch diese Entscheidungen, Stiftungsprofessuren zu finanzieren - oder es gibt ja auch die Institution der sogenannten Kooperationsprofessoren - dass darüber eine Steuerung seitens der Geldgeber erfolgt, dass in einer gewissen Weise die Universitäten dienstbar gemacht werden, wobei dies, und das ist auch das Problematische oder zusätzlich Problematische, dies oft, na ja, ich will mal sagen im Sinne einer Kungelei ausgehandelt wird zwischen den Universitätsspitzen, den Rektoraten einerseits, und den entsprechenden Firmen, Unternehmen andererseits.

Götzke: Haben Sie denn konkrete Belege dafür, dass Unternehmen Ihre Forschungsabteilungen an die Unis outsourcen?

Bauer: Das ist eine gute Frage. Das muss man von Fall zu Fall natürlich untersuchen, aber genau dieses ist ja sozusagen schwierig, konkret zu belegen, weil die Verträge geheim sind. Die dürfen nicht offengelegt werden, und die Ergebnisse sind sozusagen ... werden auch geheim gehandelt. Von daher ist Ihre Frage nach konkreten Belegen eine Frage, die müsste man eigentlich sozusagen an die Beteiligten stellen, an die Rektorate und an die entsprechenden Firmen.

Götzke: Es gibt also ein Transparenzproblem?

Bauer: Das gibt es in der Tat.

Götzke: Muss es der Forschung denn per se schaden, wenn sie, sagen wir mal, anwendungsorientiert ist, nah an den Bedürfnissen der Wirtschaft oder auch der Gesellschaft?

Bauer: Im Gegenteil, ich denke sogar, dass es Aufgabe der Universitäten und der Hochschulen ist, entsprechende Forschung zu betreiben, aber sozusagen nicht im Dienste der Wirtschaft, allenfalls im Dienste und im Interesse der Gesellschaft. Und da sind natürlich dann Entscheidungen notwendig. Unser Protest, der Protest der über 60 Hochschullehrer und Wissenschaftler, ist ja sozusagen zustande gekommen dadurch, dass ein Unternehmen, das im Bereich der Rüstungsindustrie tätig ist, hier eine Stiftungsprofessur finanziert. In dem Zusammenhang ist es hoch bedeutsam, dass eben die Universitäten auch zunehmend in diese Tendenz der Militarisierung einbezogen werden, dass es ... wir haben ja in der Bundesrepublik Bundeswehrhochschulen, aber nun auch die Hochschulen, die sozusagen nicht als Bundeswehrhochschulen firmieren, beginnen, sich in diesem Kontext zu bewegen, und das ist natürlich auch nicht nur die Universität Bremen, sondern da gibt es auch noch eine ganze Reihe anderer Universitäten, die mittlerweile Aufgaben übernehmen, die also hochproblematisch sind unter dem Gesichtspunkt, dass Universitäten, jedenfalls nach unserer Überzeugung, dem Frieden dienen sollen und der Verständigung.

Götzke: Sie haben gerade das Beispiel der Stiftungsprofessur für Weltraumtechnologie genannt, die neu ist in Bremen. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Die Deutsche Bank hat mal eine Philosophieprofessur an der Universität Heidelberg gesponsert. Welches konkrete Interesse würden Sie da der Deutschen Bank unterstellen?

Bauer: Also es gibt ja neben der Beeinflussung der Universitäten beziehungsweise bestimmter Lehrstühle gibt es dies, dass in diesem Interplay von Universität einerseits und in dem Fall dann Deutscher Bank andererseits mal genauer geguckt werden müsste, welche Ehrendoktorwürden verteilt werden seitens der Universität, welcher Angehörige der Spitze der Deutschen Bank nun plötzlich Dr. h. c. heißt, es gibt auch die Ehrenbürgerwürde der Universitäten, es gibt Honorarprofessuren - also die Universität kann mit ein paar Sachen, reputierlichen Sachen aufwarten, und da gibt es natürlich auf der Seite der, in Anführungsstrichen, "Elite" durchaus ein Interesse daran, ihr Elite-Dasein noch dadurch zu schmücken, dass sie entsprechende Titel hat.

Götzke: Ihre Forderung: Stiftungsprofessuren generell abschaffen?

Bauer: Generell ersetzen dadurch, dass diese Professuren in regulärer Weise besetzt werden, dass die Universitäten die Auswahl treffen und dass die Finanzierung durch den Staat erfolgt.

Götzke: Vielen Dank für das Gespräch!

Bauer: Bitte schön!

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