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StartseiteBüchermarktIm Grunde sind wir alle Sieger05.01.1999

Im Grunde sind wir alle Sieger

Vor elf Jahren ist Richard Wagner aus dem deutschsprachigen rumänischen Banat nach Berlin gekommen, Dissident damals, mit der Schriftstellerin Herta Müller verheiratet, auch er Schriftsteller und Journalist. Er habe immer an seinen eigenen Erfahrungen entlang geschrieben, erzählt der heute 46jährige und benennt als Voraussetzungen seines Schreibens Freiheit, Selbstdisziplin und eine urbane Umgebung.

Erdmute Klein

Als Lyriker hat er begonnen, politische Essays folgten, Romane, insgesamt um die 20 Bücher. Wollte man seine zuletzt erschienenen drei Romane inhaltlich zusammenfassen, könnte man sagen, Wagner schreibt über die Entwurzelung des modernen Menschen in den Städten. "Die letzten drei Bücher hängen für mich zusammen", so Richard Wagner. "Das ist ‘In der Hand der Frauen’, ‘Lisas geheimes Buch’ und das neu erschienene ‘Im Grunde sind wir alle Sieger’. Das sind für mich drei verschiedene Zugänge zu, wenn man so will, einer Thematik."

"In der Hand der Frauen" begann mit dem Schlüsselsatz: "Alle Beziehungen sind Dreierbeziehungen." Auch in Richard Wagners neuem Roman geht es um den Reiz der Erotik, um die Berliner Kneipenkultur, um die Lebensphilosophie der neunziger Jahre. "Im Grunde sind wir alle Sieger" handelt von Flucht und Vergessen, von dem Mann André, der die Frauen liebt und sie zugleich fürchtet, dem es nicht gelingen will, etwas wie Heimat zu finden. André lebt in Berlin, ist Ende 30, "gelernter Herumtreiber". Zu Beginn des Romans ist er mit Antonia liiert, deren Mann sie verlassen hat, André wiederum trauert Doris nach, wird von Antonia sitzengelassen, stürzt sich in die Arme weiterer Frauen, die gleichzeitig mit anderen Männern befreundet sind.

Was für eine Realität ist es, die Richard Wagner in seinen Büchern schildert, was treibt seine Figuren in diesen verzweifelten Reigen des Sich-Bindens und Sich-gegenseitig-wieder-Verlassens? "Meine Personen sind keine Urberliner, sondern das sind Menschen, die so eine flüchtige Verankerung in der Stadt haben, und die sich gegenseitig suchen. Also jeder sucht ja nach der Bekanntheit, also sucht etwas Bekanntes, glaube ich. Und deshalb hat man zig Freunde, und man trifft sich dauernd. Und gerade in den großen Städten. Die Abende sind ja vollgestellt mit Menschen. Und dieses Vollstellen mit Menschen ist ja eine Möglichkeit, nicht mit der Leere der eigenen Existenz konfrontiert zu werden. Man tut immer irgendetwas und verdeckt die Kluft, die so in der Existenz ist. Und diese Verunsicherung, der man aber so anonym ausgesetzt ist, die führt natürlich zu dieser Unrast. Nichts ist eigentlich. Und man kommt zur nächsten Handlung und deckt mit dieser Handlung wieder ein Loch zu, und so vergeht die Zeit und das Leben."

Richard Wagner hat an anderer Stelle gesagt, daß die Leidenschaften in diesem Jahrhundert von den Ideologien verbraucht worden seien. Des Autors Blick auf junge Hunde mit "Kampfhundgesicht" und Frauen, die als Diva und Hausfrau zugleich posieren, ist der eines Ratlosen. "Der Protest ist tot", schreibt er, "Marx ist von den Marx Brothers abgelöst worden, und diese werden von den Ravern beerbt. Die Neunziger gehorchen dem Karnevalsprinzip." Richard Wagner dazu: "So ein Bild dafür ist zum Beispiel die Loveparade, wo sich eine Million Menschen versammeln. Wenn die eine politische Losung hätten, wären sie eine Partei, die was ausrichten könnte. Aber darum geht es überhaupt nicht. Sondern es geht darum, daß diese nach Karnevalsmuster hergestellten Wagen, die da durchfahren auf der Loveparade, auf visuell interessante Weise geschmückt sind und daß die Menschen sich selber darstellen können, jung, schön und fröhlich sein dürfen und wollen. Und das ist das, was in diesem Jahrzehnt - ich will nicht sagen, worum es geht -, aber was stattfindet. Wann hat die letzte politische Demo in Berlin stattgefunden? Das war um die Wendezeit und das andere war während des Golfkriegs, als nach altem Muster nochmal eine Demonstration stattfand, die dann aber so die alten Fronten nicht mehr vorfand."

Richard Wagner benennt die Beliebigkeit der öffentlichen Debatten, wie die um das Holocaust-Mahnmal in Berlin, die, gesellschaftlich gesehen, folgenlos bleiben beziehungsweise bizarre Formen annehmen und dann plötzlich wieder verschwinden, zeigt die Brüche im wiedervereinigten Deutschland am Beispiel Andrés, der von den Wurzeln seiner Vergangenheit abgeschnitten ist. Er weiß nicht einmal, wer sein Vater ist. Die Mutter, eine Bordellbesitzerin, ist tot. An einer Stelle zitiert er dieLebensabschnittspartnerin Antonia aus Joseph Conrads "Herz der Finsternis": "Wenn die Wildnis eine Botschaft hat, dann diese: Tu, was du willst, es wird nicht von Bedeutung sein!" Das ist Geschichtspessimismus, vorgetragen im Ton lakonischer Heiterkeit. "André ist jemand aus einer Generation, die für sich keinen Kampfinhalt sieht. Er sieht sich nicht einmal als eigene Generation: er sieht sich als jemand, der allein herumzieht in der Stadt. Und diese Lebensvorstellungen der neunziger Jahre, die sind nicht allein privat, obwohl sie sich privat eher ausdrücken. In anderen Generationen wäre das alles sehr politisiert worden, während jetzt eine Sinnkrise eher als eine Beziehungskrise auftritt."

Bereits in seinem 1995 erschienenen Roman "In der Hand der Frauen" ironisierte Richard Wagner das Schicksal eines Ex-Dissidenten, dessen Leben gesellschaftlich jäh an Bedeutung verliert. Was hat sich für den Schriftsteller persönlich seit seiner Ausreise aus Rumänien 1987 verändert? "Früher, zu Zeiten des Kommunismus, konnte man so als Dissident natürlich eine sehr große Bedeutung haben oder den Eindruck haben, daß alles sehr bedeutsam ist, was man macht. Und ich als Schriftsteller bin ja diesen Weg gegangen von dieser überhöhten Bedeutsamkeit, die ein Schriftsteller so im Kommunismus bekommen kann, wenn er kritisch ist, zu einem ganz gewöhnlichen Schriftsteller in einer Konsumgesellschaft, die mal das eine liebt, mal das andere, und was der Schriftsteller so macht, ist nicht unbedingt wichtig für die Gesellschaft."

Richard Wagner liest und schreibt gern in Cafés. Seine Einfälle kommen ihm eher auf der Straße als zu Hause. In seinem Gedichtband "Schwarze Kreide" schrieb er: "Die geteilte Zeit der Stadt / geht zuende. / Du, der Flaneur / der vermauerten Boulevards, hast immer noch zweierlei Wörter im Sinn. / Schon kippen die Gefühle ins Vermischte zurück. / Vorsichtig fügst du / deinen Kopf wieder zusammen. / Du wirst ganz wie die Stadt. / Du, der rasende Flaneur."

"Mit 15 habe ich angefangen zu schreiben und dann sehr bald auch zu veröffentlichen. Mein erster Gedichtband ist erschienen, da war ich 21 Jahre alt. So daß das Teil meines Lebens ist. Man kann es nicht voneinander trennen; das Schreiben ist eine Lebensform. Ich bin immer auch mit Schreiben beschäftigt, egal, was ich mache."

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